Daniel Deußer über sein WM Pferd in Aachen 2026, Otello de Guldenboom, und dessen Vater Tobago Z

Daniel Deußer: Otello de Guldenboom und sein Vater Tobago Z – „die haben was gemeinsam“

Feature 20.08.2026
Daniel Deußer und Otello de Guldenboom der von Deußers Erfolgspferd Tobago Z abstammt. Foto: sportfotos-lafrentz.de Daniel Deußer und Otello de Guldenboom der von Deußers Erfolgspferd Tobago Z abstammt. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Auf den ersten Blick haben Daniel Deußers 2026 WM-Pferd Otello de Guldenboom und Tobago Z nicht viel gemeinsam. Otello, braun, deutlich im Rechteckformat, ist ein Sohn von Tobago Z. Der ist Fuchs, war eher von kleinerer Statur (wobei Daniel Deußer von der Körpergröße her ja auch eine Bereicherung für jede Basketballmannschaft darstellen würde) und ein Fuchs mit dem ein oder anderen Abzeichen.


Sportlich haben sie schon mehr Übereinstimmungen: Beide waren schon weit vorn im Weltcup-Finale platziert. Tobago Z war 2019 Vierter, sein Sohn sieben Jahre später Zweiter.


Belgier mit Holsteiner Wurzeln


Gezüchtet wurde der Hengst von Hugo Versnick im belgischen Reesegem. Otellos Mutter hört auf den Namen Caretina. Sie ist eine Holsteiner Stute und stammt von Caretino-Cor de la Bryère ab. Sie hat S-erfolgreiche Geschwister und S-erfolgreiche Kinder. Ihre Familie ist der Stamm 628B, dreistellige Nummer – immer ein Indiz für eine lange Zuchttradition.


Die Karriere des Belgiers mit der Holsteiner Mutter begann unter italienischer Flagge. Gianluca Genussa und später, ab 1,30 Meter-Springen, mit Andrea Calabro. Ihm gehörte der Hengst auch. 2023 ging der Tobago Z-Sohn auf 1,50 Meter-Niveau. „Und dann hat Andrea Calabro uns das Pferd angeboten,“ sagt Daniel Deußer. Wenn er „uns“ sagt, dann meint er seinen belgischen Arbeitsgeber, die Stephex Stables. Calabro meinte, das Pferd sei gut. Stephan Conter, Chef der Stephex-Unternehmungen hat ein offenes Ohr, wenn es um interessante Pferde geht. Beim Ausprobieren stand schnell fest: „Das Pferd konnte sehr, sehr hoch springen. Das Pferd wollte vorsichtig sein, aber das Pferd war auch so ein bisschen langsamer und ein bisschen im Körper einfach nicht ganz ausgebaut“.


„Das Pferde konnte sehr, sehr hoch springen“


Es war Kendra Claricia Brinkop, die damals beim Ausprobieren auf dem neunjährigen Hengst saß. „Stephan und ich, wir haben am Boden gestanden und haben ein bisschen geguckt“. Der Deal wurde abgeschlossen, Otello blieb zur weiteren Ausbildung in den Stephex Stables. Die ersten Turniere ging der Tobago Z-Sohn dann unter Stephans Tochter Emily. „Allerdings war Otello einfach zu viel Pferd für Emily,“ so Daniel Deußer. „Du kannst nicht sagen schwerfällig, aber das ist ein großrahmiges Pferd, ein bisschen länger als das, was Mädchen gewohnt sind.“


Systematisch aufgebaut


Otellos Talente waren erkannt. Sie zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen, war nun die Aufgabe von Daniel Deußer. Springvermögen, Galoppade, Rittigkeit – Finetuning stand auf dem Trainingsprogramm, Schwung bekommen, ohne dass der Vorwärtsimpuls als Empfehlung zum nach vorne Stürmen missverstanden wird. „Hier muss man eine Balance finden. Natürlich brauchen die diese Frequenz, diesen Impuls, um über einen hohen Sprung zu springen, aber du möchtest natürlich auch nicht, dass dieser Impuls ins Rennen geht.“ Ein Pferd in der Balance zu halten, bzw. ihm beizubringen, in der Balance zu sein – das war das Hauptthema. „Manche Pferde haben es mehr, manche haben es weniger und das müssen wir ihnen einfach beibringen“.


Viva la Mexico!


Der Hengst, dem man auf dem Turnier überhaupt nicht anmerkt, dass er nicht kastriert ist – „zuhause kann das anders sein …“ – wuchs in den Sport hinein. Auf Zwei- und Drei-Sterne-Niveau, ein Pferd, das mitreiste, um Erfahrungen zu sammeln. In Übersee wurde es dann ernst: „Ende zehnjährig hatte ich ihn auf eine Mexiko-Tour mitgenommen. Und da hat er dann auch ein, zwei Springen gewonnen. Aber mehr so als Zweitpferd. Und da mein Erstpferd in der letzten Woche ausgefallen ist, hat er auch da den ersten Großen Preis gesprungen. Mit einem Fehler, aber er war noch platziert und das war gut“.


Von da an ging es steil bergauf, Weltcup-Saison, die Krönung im Finale 2026. „Er sprang jede Runde gut. Genau richtig gut. Alles immer schwere Runden. Wenn wirklich mal was schief geht, wie hier in Aachen die zweite Runde vom Großen Preis, da hat er zwei Fehler gehabt, wo ich ganz ehrlich sagen muss: Der erste Fehler, da hätte ich vielleicht besser reiten können, den zweiten hätte ich besser reiten müssen, weil ich auf die Zeit ein bisschen gedrückt habe.“


Ein „unemotionales Pferd“


Interessant: Daniel Deußer beschreibt Otello als „unemotional“, unaufgeregt. Auf den ersten Blick könnte man fast meinen, unbeteiligt. Um Otello zu verstehen, half die Erfahrung, die Deußer in den Jahren zuvor im Training mit Tobago gemacht hatte, weiter. „Also die haben was gemeinsam, in der Hinsicht, dass sie vielleicht beide nicht so die auffälligsten Pferde sind im Training oder auf dem Abreiteplatz.


Ich weiß noch ganz genau, mit Tobago – auch der war auf dem Abreiteplatz sehr träge und ist ganz normal über die Sprünge gesprungen. Du hast das Gefühl gehabt, ich schaffe es nie über einen 1,55 Oxer im Parcours.


das habe ihn am Anfang auch ein bisschen nervös gemacht hat. „Ich habe wahrscheinlich auch viel Zeit damit verschwendet, das in meinem Training zu aktivieren, was am Ende nie gekommen ist. Aber trotzdem hat es auch irgendwann im Parcours funktioniert.“


Vater und Sohn –ähnlich und ähnlich erfolgreich


Diese Erkenntnis, weniger ist mehr, hat Deußer bei Tobagos Sohn Otello enorm geholfen. Man muss Geschichte eben nicht wiederholen, keine 1,60 Meter im Heimtraining: „Die Tatsache, dass es eigentlich nicht notwendig ist. Warum musst du hochspringen? Du musst dein Pferd warm machen, so wie das Pferd es braucht. Und du kannst das abfragen, was er dir gibt im Parcours. Und du musst auch ein bisschen lernen, jedes Pferd so zu nehmen, wie es ist. Ich glaube, bei Othello habe ich mir nie mehr so viele Gedanken darüber gemacht, wie ich mir das bei Tobago gemacht habe. Von daher glaube ich, ging das alles ein bisschen schneller mit Otello.“


In seinem Körper ist der Hengst längst angekommen. Dass er manchmal äußerst knapp über die Stangen huschen kann, stört seinen Reiter nicht: „Er hat das ab und zu. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich fühle das auch nicht als Warnung, er könnte jetzt einen Fehler machen. Seine Technik ist so ein bisschen, dass die Zehenspitzen ab und zu ein bisschen tiefer ist als sein Bein.“


Wie heißt es – „They win in all shapes“ und richtig ist auch: „They jump in all shapes“.


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