WM Chef-Tierarzt Dr. Friedrich-Wilhelm Hanebüchen zum Thema Sportpferde und Hitze
Interview mit WM-Cheftierarzt Dr. Friedrich-Wilhelm Hanbücken zum Thema WM und Hitze
Ventilatoren vernebeln kalte Luft und Feuchtigkeit und kühlen die Pferde so herunter.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Warum ist diese Entscheidung gefallen, den Zeitplan für den Grand Prix Special zu ändern?
Dr. Friedrich-Wilhelm Hanbücken: Die Entscheidung ist gefallen, weil die Wettervorhersage uns für morgen ein deutliches Hitzepeak für die Mittagszeit vorhersagt. Wir haben ja eine Kommission, die auch mit dem Veranstalter, mit der FEI darüber gesprochen hat – der Meinung, dass es sinnvoll ist, eine längere Mittagspause zu machen, sodass die Pferde nicht in der größten Mittagshitze der Belastung ausgesetzt werden, sondern erst wieder dann, wenn es moderater wird.
Konkret sieht das so aus, dass die Startzeiten nach vorne gezogen sind: Das erste Pferd ist schon um 8.30 Uhr im Viereck, dann geht es bis so ungefähr kurz vor 13 Uhr, und um 15 Uhr geht es dann weiter mit der zweiten Hälfte. Macht dieses Zeitfenster von eins bis drei Uhr tatsächlich so einen Unterschied?
Das macht, glaube ich, schon einen Unterschied. Wir haben bei den Messungen, die wir hier jetzt schon über mehrere Wochen durchführen, festgestellt, dass der Peak am Nachmittag ab einem gewissen Punkt deutlich fällt. Das war auch eine praktikable Lösung, die ohne größeren organisatorischen Aufwand zu bewerkstelligen ist, aber trotzdem, denke ich, einen großen Effekt hat.
Man spricht immer locker von diesen 36 Grad, die prognostiziert sind – aber das ist ja nicht alles, das ist ein komplexerer Wert. Was kommt da alles rein?
Für uns ist nicht allein die Temperatur ausschlaggebend, sondern der sogenannte Wet Bulb Globe Temperature – ein Koeffizient, der sich zusammensetzt aus der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Windbewegung und der Sonneneinstrahlung. Das sind alles Faktoren, die einen Organismus beeinflussen, die die Schwitzfähigkeit beeinträchtigen oder fördern können und auch das subjektive Wärme- oder Kälteempfinden beeinflussen. Es ist ja eigentlich Allgemeinwissen, dass bei geringer Luftfeuchtigkeit Wärme als angenehmer empfunden wird – das liegt auch daran, dass man dann leichter schwitzen kann. Schwitzen ist ganz wichtig zur Temperaturregulierung, und eine hohe Luftfeuchtigkeit reduziert die Schwitzfähigkeit, dann wird das Ganze unangenehmer. Eine leichte Brise wird dagegen immer als angenehm empfunden. Das sind also alles Faktoren, die dieser Wert berücksichtigt. Und es gibt über Jahre und Jahrzehnte hinweg Erfahrungswerte auch von anderen Veranstaltungen, die unter teils noch schlechteren klimatischen Bedingungen stattgefunden haben – Olympia Hongkong, Tokio, auch in Paris vor zwei Jahren war es sehr heiß. Da gibt es Erfahrungswerte über diesen Wert. Kurzfassung: Bei 30 Indexgraden sollte man Vorsichtsmaßnahmen treffen, wie zum Beispiel Kühlungen. Das haben wir aber sowieso schon – wir haben Misting Fans hier, also Propeller, die einen feuchten Nebel versprühen. Wir haben gekühltes Wasser an den Abreiteplätzen, wo die Pferde abgewaschen werden können. Und wir haben auch die Möglichkeit, im Schatten abzureiten. Das sind alles Faktoren, die es den Pferden einfacher machen. Und wenn wir jetzt die Möglichkeit haben, aus dem Sonnenpeak heraus die eigentliche Leistung abzufragen, kommt das dem Pferd sehr entgegen.
Ist der Anblick eines schwitzenden Pferdes also gar nicht so besorgniserregend, wie mancher denkt? Der Anblick eines schwitzenden Pferdes führt bei einigen dazu, dass sie gleich Alarm schlagen – vielleicht auch gerade in den sozialen Medien. Dabei ist es doch genau das, was der Organismus tun soll, um sich herunterzukühlen. Gibt es auch Möglichkeiten, aus der Distanz zu überprüfen, ob die Körpertemperatur eines Pferdes noch passt oder ob der Organismus überhitzt?
Ja, das ist richtig. Das kann man mit einer Infrarotkamera machen – das ist auch schon in Paris bei den Olympischen Spielen eingesetzt worden, soweit ich mich erinnere. Wir haben auch eine hier, die werden wir morgen vielleicht mal einsetzen. Im Training bei Springen und Dressur ist es eher unwahrscheinlich, dass man da Temperaturen feststellt, die Richtung roten Bereich gehen. Das ist dann eher bei Ausdauerprüfungen möglich – Geländereiten, Marathon oder auch Pferderennen, Distanzreiten. Da spielt das sicherlich eine größere Rolle.
Warum bekommt der zweite Teil der Vielseitigkeitsdressur, der morgen parallel läuft, keinen neuen Zeitplan?
Das liegt in erster Linie daran, dass es sich um einen anderen Pferdetyp handelt – das sind alles Pferde mit mehr Blut. Die sind vom Konditionszustand auch weiter trainiert als ein Dressurpferd, weil sie mehr auf Ausdauer und Schnelligkeit trainiert werden. Und die Dressurprüfung, die sie absolvieren müssen, ist ungefähr halb so lang wie der Grand Prix Special. Das ist also eine ganz andere Anforderung – das macht ein Eventingpferd auf diesem Level mit links. Da sind auch andere Muskelpakete als bei Dressurpferden.
Also tatsächlich ist da einfach mehr Muskelmasse, und ein Muskel, der arbeitet, produziert Wärme, weil dabei Energie umgesetzt wird?
Ja. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass die meisten Dressurpferde immer noch zu schwer sind – das kann man so sagen. Aber deswegen gilt die Maßnahme eben nur für die Dressurpferde, nicht für die Vielseitigkeitspferde.
Was können Reiter und Pfleger für Pferde tun, die gerade in der Box stehen und schwitzen?
Es hilft, gerade bei sehr heißen Temperaturen, schon mal Wasser draufzukippen oder eine kalte Dusche zu machen – das empfindet das Pferd als angenehm.
Reiter und Pfleger machen sich hier auch Gedanken in Richtung Elektrolyte im Tränkewasser. Ist das ratsam, nicht nur für Spitzenathleten, sondern auch für die Pferde zuhause?
Ja, das ist richtig. Aber noch wichtiger als Elektrolyte ist Kochsalz – der Kochsalzgehalt der meisten Elektrolytmischungen ist zu gering. Man kann bei so heißen Temperaturen locker ein, zwei Teelöffel Kochsalz morgens und abends mit ins Futter geben. Dann haben die Pferde auch mehr Durst und trinken mehr, und die Natrium- und Chlorid-Verluste beim Schwitzen werden besser ausgeglichen als mit Elektrolytmischung.
Unser Gesprächspartner
Seit rund 40 Jahren ist Dr. Friedrich-Wilhelm Hanbücken als Tierarzt beim CHIO Aachen im Einsatz, seit 1998 als Vorsitzender der Veterinärkommission. In dieser Funktion ist er nun auch bei der WM im Einsatz. Hauptberuflich betreibt der FEI-Tierarzt seit 1993 eine eigene Praxis um Raum Aachen.



