Wie reagieren Pferde auf Hitze und wie sollte das Management angepasst werden? Die Studienlage
Hitzestress beim Sportpferd: Reales Problem? Aufgebauschtes Thema? Der Faktencheck
Michael Jung und Chipmunk bei den Olympischen Spielen 2020 bzw. 2021 in Tokio.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Wie hitzeanfällig sind Pferde eigentlich?
Pferde sind schlechter für die Wärmeabgabe ausgestattet, als ihre sprichwörtliche Ausdauer vermuten lässt. Ihr Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpermasse ist deutlich ungünstiger als beim Menschen – das erschwert die passive Abgabe von Wärme an die Umgebung.¹ Unter intensiver Belastung produziert die Muskulatur enorme Wärmemengen: Die Körperkerntemperatur kann um bis zu ein Grad Celsius pro Minute steigen.²
Der wichtigste Kühlmechanismus des Pferdes ist das Schwitzen. Pferdeschweiß enthält neben Elektrolyten das Protein Latherin, das die Verteilung des Schweißes auf der Haut und damit dessen Verdunstung unterstützt – ein cleverer biologischer Trick, den es beim Menschen so nicht gibt.¹ Unter Belastung liegt die Schweißrate von Pferden sogar deutlich über der menschlichen. Ergänzend tragen erhöhte Atemfrequenz und verstärkte Hautdurchblutung zur Wärmeabgabe bei.
Der Normalbereich der Körpertemperatur eines gesunden, ruhenden Pferdes liegt bei 37,5 bis 38,5 °C.¹ Wichtig zu wissen: Bei intensiver Muskelarbeit können Pferde vorübergehend Werte von über 40 °C erreichen und dabei weiterhin leistungsfähig bleiben – das ist zunächst kein Alarmzeichen, sondern normale Belastungsphysiologie.³
Temperaturen allein sind nicht aussagekräftig
Aufmerken muss man, wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist: Dann sinkt die Effizienz der Verdunstungskühlung rapide, weil der Dampfdruckunterschied zwischen Hautoberfläche und Umgebungsluft kleiner wird. Bei gleichzeitigem Auftreten von Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit kann das Gleichgewicht zwischen Wärmeproduktion und Wärmeabgabe kippen – das ist der zentrale Mechanismus, über den Hitzestress beim Sportpferd entstehen kann.¹
Individuelle Unterschiede sind dabei groß: Alter, Trainingszustand, Fellfarbe und -dichte, Rasse und Akklimatisationsgrad beeinflussen die Hitzetoleranz eines Pferdes erheblich. Auch Anhidrose – eine verminderte oder ausbleibende Schweißproduktion nach chronischer Hitzeexposition – kann die Belastbarkeit einzelner Pferde deutlich einschränken.¹ Ältere Pferde reagieren nach tierärztlicher Einschätzung besonders empfindlich auf schwüle Hitze.³
Ab wann wird es für Sportpferde riskant?
Der in Wissenschaft und Verbandswesen etablierte Maßstab ist nicht die reine Lufttemperatur, sondern der WBGT-Index (Wet Bulb Globe Temperature). Er bezieht Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit, Sonnenwinkel und Wärmestrahlung in eine einzige Kennzahl ein.¹ Der Index wurde ursprünglich fürs Militär entwickelt und 1996 von der FEI für den Pferdesport übernommen.¹
Eine konkrete Zahl aus der Feldforschung: In einer großen japanischen Auswertung von Galopprennen erhöhte ein WBGT-Wert über 28 °C das Risiko für belastungsbedingte Überhitzung nachweislich.⁵ Als grobe Faustregel gilt zudem eine Kombination aus Lufttemperatur über 30 °C und relativer Luftfeuchtigkeit über 90 Prozent als Schwelle, ab der die normale Thermoregulation bei intensiver Belastung überfordert sein kann.²Wichtig für die Einordnung: Nicht nur die absolute Hitze entscheidet, sondern das Zusammenspiel aus Temperatur, Feuchte und Belastungsdauer bzw. -intensität. Eine kurze, wenig intensive Prüfung – etwa eine einzelne Dressuraufgabe oder ein Stilspringen – ist bei gleichem WBGT-Wert deutlich unkritischer als eine Ausdauerdisziplin oder ein Geländeritt.³
Auch abseits der eigentlichen Prüfung zählen Faktoren wie lange Wartezeiten auf dem Anhänger, unzureichende Belüftung beim Transport und Standzeiten in der prallen Sonne zu den klimatischen Risikofaktoren.³
Welche gesundheitlichen Risiken bestehen konkret?
Die Forschung unterscheidet mehrere Erscheinungsbilder, die unterschiedlich schwer wiegen:
Hitzestress und Dehydratation treten typischerweise bei lang andauernder Belastung auf: hoher Flüssigkeits- und Elektrolytverlust über den Schweiß, erhöhte Herz- und Atemfrequenz, verlangsamte kapillare Füllungszeit, Darmträgheit, Muskelkrämpfe. Unbehandelt kann dies bis zu Muskelzerfall, Nierenversagen, Leberschäden und Hufrehe fortschreiten.⁴
Belastungsbedingte Überhitzung (Exertional Heat Illness) ist ein eigenständiges, akutes Syndrom, ursprünglich vor allem bei Galopprennpferden beschrieben. Hier steht nicht der Flüssigkeitsverlust im Vordergrund, sondern die Überhitzung selbst mit Beteiligung des Nervensystems: Verhaltensauffälligkeiten, Orientierungslosigkeit, unkoordinierte Bewegungen, im Extremfall Kollaps.⁶ Die Erkrankung kann rasch nach Belastungsende auftreten und erfordert sofortige, konsequente Behandlung.
Hitzschlag zeigt sich durch Rektaltemperaturen über 41–43 °C, Apathie, Leistungsverweigerung sowie trockene, heiße Haut trotz vorheriger starker Schweißproduktion. Auslöser können Übertraining in Hitze und Feuchte, unzureichende Belüftung – etwa im Anhänger – oder ein abrupter Klimawechsel ohne Akklimatisation sein.²
Anhidrose, also verminderte oder ausbleibende Schweißproduktion, betrifft vor allem Pferde nach chronischer Exposition gegenüber Hitze und Feuchte.²
Sonnenbrand trifft insbesondere Pferde mit viel Weiß im Gesicht sowie die wenig behaarte Nüsternregion.³
Transportbedingte Risiken werden oft unterschätzt: Im Anhänger kann die Temperatur um 5 bis 9 °C über der Außentemperatur liegen. Unzureichende Belüftung, unnötige Ausrüstung wie Transportgamaschen oder enge Fliegendecken sowie Stress verstärken das Risiko zusätzlich.²
Statistisch erhöhen ein höheres Lebensalter des Pferdes, eine längere Belastungsdauer bzw. -distanz, ein höheres Körpergewicht und ein höherer WBGT-Wert die Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls.⁵ ⁷ Die absolute Häufigkeit schwerer Vorfälle ist dabei selbst im intensiv beforschten Galopprennsport gering: Eine große japanische Studie fand über 20 Jahre eine Prävalenz belastungsbedingter Überhitzung von nur 0,04 Prozent aller Starts, mit einer saisonalen Häufung im Sommer auf 0,086 Prozent.⁸
Die entscheidende Einordnung für das „normale“ Turnierpferd:
Die schwerwiegendsten in der Literatur beschriebenen Fälle stammen fast ausnahmslos aus Kontexten mit sehr hoher Belastungsintensität und -dauer, also Galopprennen, Geländeritte, Distanzsport und Spitzensport unter Championatsbedingungen – wobei hier anzumerken ist, dass es bei Olympischen Spielen an besonders heißen Orten, auch solchen mit zum Teil sehr hoher Luftfeuchtigkeit wie Atlanta 1996 oder zuletzt Tokio, keinen einzigen Fall von gab, bei dem ein Pferd durch Hitze zu Schaden kam.
Ein Pferd, das an einem Tag anreist, eine einzelne Dressur- oder Springprüfung geht und wieder nach Hause fährt, ist einem grundsätzlich anderen, deutlich geringeren Belastungsprofil ausgesetzt. Tierärztliche Fachleute betonen entsprechend, dass ein gesundes, für seine Aufgabe trainiertes und korrekt versorgtes Pferd bei einer der Witterung angepassten Prüfungsanforderung normalerweise nicht in einen gefährlichen Überhitzungszustand gerät – ein solcher Zustand sei ein extremer Ausnahmefall.³
Die eigentlichen Risikopunkte liegen für diese Pferdegruppe daher weniger in der Prüfung selbst als in den Rahmenbedingungen: Transport, lange Wartezeiten ohne Schatten und Wasser, und – bei älteren oder weniger fitten Pferden – eine der Witterung nicht angepasste Erwartungshaltung an die Leistung.
Sicher unterwegs bei Hitze: Was wirklich hilft
Die gute Nachricht zuerst: Die Forschung liefert klare, gut belegte Handlungsempfehlungen. Wer sie beachtet, kann sein Pferd auch an warmen Tagen verantwortungsvoll bewegen und im Turniersport einsetzen.
Vor dem Turnier und bei der Anreise: Anhänger ausreichend belüften, Transportzeit kurz halten, so wenig Ausrüstung wie möglich – Transportgamaschen nach der Fahrt sofort entfernen, enge Fliegendecken vermeiden, da sich darunter Wärme staut.³
Auf dem Turnierplatz: Wenn möglich Box statt Anhänger nutzen, sonst im Schatten parken und das Pferd regelmäßig zum Grasen oder Führen im Schatten abladen. Regelmäßiges Tränken sicherstellen – bei Pferden, die fremdes Wasser meiden, hilft mitgebrachtes Wasser von zu Hause. Zwischendurch abduschen, Sonnenschutz für weiß gezeichnete Gesichtspartien und die Nüsternregion. Aufwärmzeit an die Temperatur anpassen: Bei Hitze wird weniger Aufwärmzeit benötigt, dafür sollten Schrittpausen eingeplant werden.³
Nach der Prüfung – aktives Abkühlen als wichtigster Hebel: Kaltes Wasser (0–12 °C) ist der Goldstandard. Kontinuierliches Übergießen des ganzen Körpers mit möglichst kaltem Wasser ist wirksamer als lauwarmes Wasser – und hat entgegen einem lange verbreiteten Mythos keine nachteiligen Effekte wie Muskelkrämpfe.¹ ⁴ ⁹ Wo ausreichend Wasser und Helfer vorhanden sind, ist durchgehendes Übergießen ohne zwischenzeitliches Abziehen des Wassers einer Abfolge aus Übergießen, Abziehen und Pause sogar überlegen.⁹ Die Kombination aus kaltem Wasser und Luftbewegung durch einen Ventilator verstärkt den Kühleffekt zusätzlich.¹ ⁴
Akklimatisierung ist vor allem dann relevant, wenn ein geplanter Einsatz in ungewohnt heißem oder feuchtem Klima ansteht. Studien zeigen, dass sich Pferde durch 14 bis 21 Tage wiederholter Belastung in Hitze physiologisch anpassen: niedrigere Herzfrequenz und Körpertemperatur bei gleicher Belastung, geringerer Flüssigkeitsverlust.¹⁰ Bemerkenswert: Bereits 60 Minuten Training pro Tag über 14 Tage in einer beheizten und befeuchteten Reithalle reichten in einer Untersuchung an Olympiapferden aus, um diese Anpassung zu erzielen – eine alltagstaugliche Methode auch jenseits von Spitzensport-Laborbedingungen.¹⁰ Für Freizeit- und Amateurpferde, die nur gelegentlich und regional an Turnieren teilnehmen, ist eine gezielte Akklimatisation meist weder praktikabel noch notwendig.

Fazit: Wissen schafft Sicherheit
Die Studienlage ist eindeutig: Hitzestress ist für Sportpferde ein reales physiologisches Thema, das ernst genommen werden muss – gerade bei Ausdauerbelastungen, hoher Luftfeuchtigkeit und fehlender Vorbereitung.
Ebenso eindeutig zeigt die Forschung aber auch, dass sich dieses Risiko mit bekannten, gut erprobten Mitteln wirksam steuern lässt: Beobachtung der Witterung über den WBGT-Index, angepasste Belastungsdauer, konsequente Kühlung nach der Prüfung und ein wacher Blick auf das eigene Pferd. Die Tatsache, dass es bei den Olympischen Spielen der vergangenen 30 Jahre unter oben angegebenen Vorsichtsmaßnahmen auch unter härtesten klimatischen Bedingungen keinen einzigen dokumentierten Fall gibt, bei dem ein Pferd durch Hitze zu Schaden gekommen ist, spricht für sich.
Für das „normale“ Turnierpferd, das an einem Tag anreist und wieder nach Hause fährt, liegen die größten Stellschrauben ohnehin nicht im Prüfungsgeschehen selbst, sondern in den Rahmenbedingungen von Transport, Wartezeit und Abkühlung – Punkte, die jede Reiterin und jeder Reiter selbst in der Hand hat.
Quellen
- Kang, H., Zsoldos, R. R., Sole-Guitart, A., Narayan, E., Cawdell-Smith, A. J., & Gaughan, J. B. (2023). Heat stress in horses: a literature review. International Journal of Biometeorology, 67(6), 957–973. DOI: 10.1007/s00484-023-02467-7
- Hodgson, D. R., Davis, R. E., & McConaghy, F. F. (1994), zitiert nach Kang et al. (2023) sowie Australian Veterinary Association: Heat stress in the horse (Policy). ava.com.au
- Pferdesport Deutschland / Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN): Hitze auf dem Turnierplatz – was nun? & Tipps für heiße Temperaturen (Interview mit Dr. Henrike Lagershausen, Leitung Team Veterinärmedizin und Tierschutz). pferdesport-deutschland.de
- Australian Veterinary Association (AVA): Heat stress in the horse (Policy), inkl. dortiger FEI-Referenzen. ava.com.au
- Takahashi, Y., & Takahashi, T. (2020). Risk factors for exertional heat illness in Thoroughbred racehorses in flat races in Japan (2005–2016). Equine Veterinary Journal, 52(3), 364–368. DOI: 10.1111/evj.13179
- Brownlow, M. A., Dart, A. J., & Jeffcott, L. B. (2016). Exertional heat illness: a review of the syndrome affecting racing Thoroughbreds in hot and humid climates. Australian Veterinary Journal, 94(7), 240–247. DOI: 10.1111/avj.12454
- Trigg, L. E., Lyons, S., & Mullan, S. (2023). Risk factors for, and prediction of, exertional heat illness in Thoroughbred racehorses at British racecourses. Scientific Reports, 13, 3063. DOI: 10.1038/s41598-023-27892-x
- Nomura, M., Shiose, T., Ishikawa, Y., Mizobe, F., Sakai, S., & Kusano, K. (2019). Prevalence of post-race exertional heat illness in Thoroughbred racehorses and climate conditions at racecourses in Japan. Journal of Equine Science, 30(2), 17–23. DOI: 10.1294/jes.30.17
- Takahashi et al. (2020), zitiert nach Kang et al. (2023) und Elliott, C. (2021). Clinical insights: Preparing for the Tokyo Olympics. Equine Veterinary Journal, editorial. DOI: 10.1111/evj.13446
- Munsters, C., Siegers, E., & Sloet van Oldruitenborgh-Oosterbaan, M. (2024). Effect of a 14-Day Period of Heat Acclimation on Horses Using Heated Indoor Arenas in Preparation for Tokyo Olympic Games. Animals, 14(4), 546. DOI: 10.3390/ani14040546


