Raphael Netz – Geschichte eines Ausnahmetalents

Lebensziel? Einer der Besten werden – für die Pferde

Feature 07.07.2026
Raphael Netz mit WM-Pferd Great Escape Camelot.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Raphael Netz mit WM-Pferd Great Escape Camelot. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Im Sommer 2021 haben wir Raphael Netz zuhause besucht. „Zuhause“ war damals noch Aubenhausen und Netz war noch kein Olympiakaderreiter, sondern ein U25-Talent, das als Bereiter bei den Geschwistern Werndl angestellt war. Die Überschrift der Reportage damals? „Wolfgang Amadeus Netz“. Warum? Darum …

Raphael „Raphi“ Netz hatte immer klare Vorstellungen dessen, was er erreichen will. „Ich möchte einer der besten Dressurreiter der Welt werden. Damit meine ich, dass ich jedem Pferd gerecht werden und mit jedem mein Bestes geben möchte und schauen will, dass sie glücklich sind. Denn dann werde ich ihnen gerecht.“


Heute, fünf Jahre später, kann man sagen: Ziel erreicht! Die Nominierung für Aachen steht. Aber selbst wenn das mit der WM nicht geklappt hätte, dürfte Netz sich als einer der Besten bezeichnen. Denn wer ist der beste Reiter? Der mit den meisten Medaillen? Oder der, der jedes Pferd durch gutes Ausbilden und Reiten schöner, zufriedener und durchlässiger macht?


Kleiner Bruder Aki


Raphael Netz als Teenager mit Haflinger Aki und dem ersten Frack. "Ich sah aus wie ein Pinguin." Foto: Privat
Raphael Netz als Teenager mit Haflinger Aki und dem ersten Frack. „Ich sah aus wie ein Pinguin.“ Foto: Privat

Das gelang Raphael Netz schon als Kind. Er war neun, als er nach Jahren mit Schulpferden und Reitbeteiligungen seine Eltern endlich davon überzeugt hatte, dass sein „Pferdefimmel“ nicht nur eine vorübergehende Laune war. Woher die Leidenschaft für Pferde stammte? Weiß man nicht. Keiner außer dem mittleren von drei Geschwistern interessierte sich für die Vierbeiner. Aber klein Raphi flippte schon im Kinderwagen aus, sobald ein schweiftragendes Wesen mit vier Hufen in seiner Nähe auftauchte. Jetzt sollte es also das erste eigene Pferd sein.


„Wir waren wie Brüder“


Familie Netz machte einen Ausflug in einen Verkaufsstall. Auf der Weide standen eine ganze Reihe Pferde, die alle auf ein neues Zuhause warteten. Aber eines, ein Haflinger, wurde sofort zutraulich und lief Familie Netz hinterher. Pony und Junge hatten ihre Wahl getroffen. Aber reitet man nicht normalerweise Probe? Auch kein Problem. Von irgendwo wurden eine Trense und ein Sattel organisiert, aufs Pony geschnallt und der Junge obendrauf gesetzt. Zweimal im Kreis führen – passt, Pony gekauft. Dass Aki bzw. Akatenao erst dreijährig und noch gar nicht angeritten war, erfuhr Familie Netz erst danach. Aber was soll’s? Das Pony war lieb, der Junge glücklich. Fortan teilten die beiden ihr Leben miteinander. „Wir waren wie Brüder“, sagt Raphael Netz heute.


Allerdings war der ältere von beiden auch schon damals ziemlich ehrgeizig. Und weil Akis Talent in Sachen Springen begrenzt war, konzentrierte Raphi sich darauf, seinen kleinen Bruder in die Geheimnisse der dressurmäßigen Ausbildung einzuweihen. Dabei reichte es Raphi nicht, Aki beizubringen, sich nach links und rechts wenden zu lassen, schneller und langsamer zu werden. Er wollte etwas erreichen.


Vom Abreiteplatz in Wiesbaden zur WM nach Aachen


Als Wiesbadener mit Pferdeaffinität war das Pfingstturnier ein Pflichttermin. Stundenlang saß er dort am Viereck und sog auf, was die Großen taten. „Dann bin ich nach Hause gegangen und habe versucht, es nachzureiten.“ So einfach ist das. Im Rekordtempo arbeiteten die beiden sich durch die Ausbildungsskala. Als Raphi 13 und Aki siebenjährig war, bestritten sie ihre erste S-Dressur. Muss man sich mal vorstellen.


Und das inzwischen ganz ohne Trainer, denn Raphis Reitlehrerin hatte nach Erreichen der Klasse L die Segel gestrichen. Mit seinem Talent und seinem Ehrgeiz war ihr Schüler ihr über den Kopf gewachsen. Stattdessen nutzte er neben dem Termin zu Pfingsten das Internet, um dort von Videos seiner Idole zu lernen. Offensichtlich mit Erfolg, denn abgesehen von der Tatsache, dass er mit 13 seine erste S-Dressur als Autodidakt bestritt, wurde Netz in den Landeskader aufgenommen.


Jessis Insta-Entdeckung


So vergingen die Jahre und die Ponyzeit. Längst hatte Raphi neben Aki von anderen Besitzern auch solche Ponys zum Reiten bekommen, deren Zuchtziel sie etwas eindeutiger für die Welt zwischen A und C prädestinierte. Er schaffte es in den Bundeskader, aber nie bis zur Euro.


Als die Ponyzeit endete, stellte sich die Frage: Was nun? Denn dass die Pferde sein Leben waren, stand für Raphi außer Frage. Es war 2016, er war 17, als in seinem E-Mail Postfach eine Nachricht aufpoppte, Absender Jessica von Bredow-Werndl. Raphi: „Ich dachte, das sei Fake.“ War es nicht.


Dank Aki nach Aubenhausen


Beim Stöbern auf Instagram war die spätere vierfache Olympiasiegerin über Reitvideos von Netz gestolpert und beeindruckt. „Wow, der hat aber Gefühl“, habe sie damals gedacht. Und da sie und ihr Bruder auf der Suche nach einem Bereiter für Aubenhausen waren, sprach sie ihn mit besagter E-Mail an, ob er sich vorstellen könnte nach Bayern zu ziehen. Kurz darauf saß Netz im Zug und ritt den Werndls vor.


Es muss ein ähnliches Aha-Erlebnis gewesen sein wie mit Aki auf der Weide. Die Chemie stimmte. Man wurde sich einig und Raphael Netz tat seinen ersten Schritt in Richtung Weltmeisterschaft, als er seinen Wohnort ins beschauliche Aubenhausen verlegte.


King Costi


Raphael Netz und Lacoste nach dem Ritt zur ersten Einzelmedaille bei der U25-EM 2020. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Raphael Netz und Lacoste nach dem Ritt zur ersten Einzelmedaille bei der U25-EM 2020. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Eines der ersten Pferde, die Raphael Netz von den Geschwistern Werndl anvertraut wurden, war der Wallach Lacoste, „Costi“. Ein schwieriger Kandidat. Als Netz ihn unter den Sattel bekam, ging der Locksley II-Sohn bis Klasse M. Bei ihrem ersten Turnierstart endeten sie als letzte mit 57 Prozent. „Anfangs schreckte er schon zusammen, wenn man ihn nur schief anschaute“, so Netz. Mit dem ihm eigenen Gefühl, vor allem aber kreativen Ideen, schaffte er es, den Wallach aus seinem Schneckenhaus herauszuholen. Ein Jahr nach dem missglückten Start ins gemeinsame Turnierleben gewannen sie bei der gleichen Turnierveranstaltung ihre erste S-Kür mit 75 Prozent.


Die Königsklasse: Grand Prix


Der Schritt in Richtung Grand Prix war dann noch einmal eine Herausforderung. „Anfangs sind wir nur im Wald piaffiert. Und wenn wir dann von der Rennbahn nicht Richtung Wald, sondern Richtung Viereck abgebogen sind, hat er wie verrückt angefangen zu bocken.“ Wo andere Reiter sich vermutlich ärgern oder verunsichern lassen würden, kam bei Raphi Freude auf. „Ich war ja total froh, dass er so selbstbewusst geworden war!“ Mit diesem Selbstbewusstsein im Rücken starteten die beiden schließlich auch in Klasse S*** durch.


Mit Lacoste bestritt Raphi sein erstes Championat: die U25 EM 2019, wo sie Gold mit der Mannschaft holten. Ein Jahr später wurde es sogar Bronze im U25 Grand Prix bei der EM. Und das mit einem Pferd, das nicht gerade zum Siegen geboren zu sein schien, weder hinsichtlich seiner Einstellung noch, was seine Talente angeht. Aber Netz hatte den Schlüssel zu seinem Herzen und seinem Ehrgeiz gefunden: „Lacoste muss man als Reiter unheimlich beeinflussen, ohne dass er es merkt, dass man ihn austrickst.“


Überflüssig zu erwähnen, dass der Fuchs unter späteren Reitern nie an die Erfolge mit Netz anknüpfen konnte. Da ist er aber nicht der einzige.


Elastico, der Rocker


Dreamteam: Mit Elastico holte Raphael Netz 2021 seinen ersten Einzeltitel bei einer EM. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Dreamteam: Mit Elastico holte Raphael Netz 2021 seinen ersten Einzeltitel bei einer EM. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Seine erste EM Einzelgoldmedaille holte Raphael Netz mit dem KWPN-Hengst Elastico. So schön der Rappe auch war, charakterlich war er mehr der Typ Hells Angel, laut Netz „ein richtiger Hengst“, der ziemlich deutlich Nein sagte, wenn er nicht wollte.


Die Japanerin Akane Kuroki hatte Elastico Grand Prix-fertig als potenziellen Partner für die Olympischen Spiele in Tokio in den Niederlanden erworben. Darauf wollte sie sich in Aubenhausen vorbereiten. Doch wie sich herausstellte, war Elastico zu diffizil für sie. Also bekam Raphael Netz ihn unter den Sattel, um ihn mitzureiten. Eine Passerkombination.


„Wir haben uns in der Mitte getroffen“, beschreibt Netz den Weg vom Arbeitsverweigerer bei Unlust hin zu zwei Goldmedaillen und einer in Silber bei der Euro 2021.


Später wurde Elastico nach Österreich verkauft und ging auch hier noch zwei Nachwuchs-Europameisterschaften. Eine Medaille hat er nicht mehr gewonnen.


Auf nach Camelot


Kommandozentrale im Sattel: Raphael Netz, hier mit Great Escape Camelot bei der DM in Balve. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Kommandozentrale im Sattel: Raphael Netz, hier mit Great Escape Camelot bei der DM in Balve. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Seine dritte Europameisterschaft im U25 Lager bestritt Raphael Netz 2022 mit Ferdinand BB, dem Zweitpferd seiner Chefin Jessica von Bredow-Werndl, die in dieser Saison aussetzte, weil sie ihr zweites Kind erwartete. Mit dem Florencio-Sohn holte Netz dreimal Gold. Damit endete seine U25 Ära und er stand vor dem nächsten großen Schritt: dem in den großen Sport bei den Senioren. Sein Glück: Sonja Krall, die ihn auch nach dem Weggang aus Aubenhausen und dem Schritt in die Selbstständigkeit im Jahr 2024 weiter unterstützt und selbst von ihm trainiert wird.


Sonja Krall, mehr als nur Mäzenin


Sonja Krall investierte 2023 in den KWPN-Wallach Great Escape Camelot. Außerdem gehört ihr Netz‘ diesjähriger Weltcup-Partner, der Dante Weltino-Sohn Dieudonné. Anders als dieser Dante Weltino-Sohn, der noch so gut wie roh war, als Netz ihn unter den Sattel bekam, war Great Escape Camelot bereits Grand Prix erfolgreich mit der Schweizerin Estelle Wettstein, konnte auch eine Handvoll Ü70 Prozent-Ergebnisse vorweisen. Mit Netz erreichte er neue Dimensionen, 73,152 Prozent gleich im ersten Grand Prix. 2024 qualifizierten sie sich für das Weltcup-Finale, 2026 erneut.


Was Netz und Camelot auszeichnet, ist die solide Grundausbildung – von Reiter und Pferd. Wie der verstorbene Bundestrainer Jonny Hilberath einst sagte: „Raphi ist im Sattel eine Kommandozentrale.“ Damit meinte er Netz’ unabhängigen, ausbalancierten Sitz, der ihm eine maximal präzise Hilfengebung ermöglicht. Mit der bringt er die Pferde mental auf seine Seite und verbessert sie physisch in einer Weise, wie man es selten erlebt.


Kontrolle für den Erfolg


Das trifft auch auf Camelot zu. Netz ist es gelungen, den Wallach im Viereck zum Strahlen zu bringen. Internationale Grand Prix-Pferde, die so taktsicher, fast immer vollkommen losgelassen und in stets in vorbildlicher Anlehnung präsentiert werden, gibt es nicht allzu viele. Dass Camelot nicht der geborene Piaffierer ist, verzeiht man ihm da leicht. Er ist ein gutes Beispiel für die Binsenweisheit, dass die Dressur für das Pferd da ist und nicht umgekehrt. Netz’ Konzept? Das Äußere folgt dem Inneren.


„Ich muss mich kontrollieren können. Denn wenn man sich selbst nicht kontrollieren kann, wie will man dann 600 Kilogramm unter sich kontrollieren?“ Und: „Wir treten ja über unseren Sitz und unsere Hilfengebung in den Dialog. Wenn man da emotional oder gestresst ist, dann verwischt der Sitz, dann leidet die Kommunikation und dann leidet das Reiten.“


Und damit ist alles gesagt.


Raphael Netz und Dieudonné, ein Pferd mit allen Möglichkeiten. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Raphael Netz und Dieudonné, ein Pferd mit allen Möglichkeiten, das aber wohl nur wenige Reiter so vorstellen könnten wie Netz. Foto: sportfotos-lafrentz.de

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