Moritz Treffinger und Isabell Werth haben die Grand Prix Special Prüfungen der CDI3* und CDIO4* Tour in Hagen gewonnen

Ein zu erwartender und ein überraschender Grand Prix Special-Sieg zum Abschluss in Hagen

Dressur
Der Moment, wenn dein Körper schon die Siegerpose einnimmt, aber du es immer noch nicht glauben kannst – Riesenfreude über einen tollen Erfolg bei Moritz Treffinger und Morricone.
Foto: reitsport-hellmann.de Der Moment, wenn dein Körper schon die Siegerpose einnimmt, aber du es immer noch nicht glauben kannst – Riesenfreude über einen tollen Erfolg bei Moritz Treffinger und Morricone. Foto: reitsport-hellmann.de
Dass Isabell Werth und Wendy den CDIO4* Grand Prix Special in Hagen gewinnen würden, war abzusehen, der Sieg in der Drei-Sterne-Tour nicht.

Vom Himmel über Hagen strömte der Regen, im Viereck auf dem Hof Kasselmann strahlte der Morricone. Der 14-jährige Millennium-Sohn, Ex-Siegerhengst der Oldenburger Körung 2014, und U25-Europameister Moritz Treffinger sind ein hoch elegantes Paar. Morricone wunderschön und leichtfüßig, sein Reiter mit schlanker Gestalt gut zu Pferde sitzend und dezent einwirkend. Diese Eleganz, gepaart mit dem Ausdruck aufmerksamer Zufriedenheit in Morricones Gesicht muss einen einfach für die beiden einnehmen.


Davon abgesehen hatten die beiden heute zum Beispiel sehr schöne Momente in den federnden und von Gleichmaß geprägten Passagen, in der zweiten Piaffe, wo sie gut ihren Takt fanden und auch geschmeidig zwischen Piaffen und Passagen hin und her wechseln konnten, im starken Schritt und in den gelungenen Zweierwechseln.


Insgesamt wünschte man sich den Rappen allerdings weniger hoch und eng aufgerichtet. Zwar kann Treffinger den Hengst mit feinster Anlehnung reiten, aber es fehlt etwas die positive Verbindung aus dem Hinterbein über den Rücken in die Hand. Wenn die beiden das noch hinbekommen, sind noch viel mehr drin als heute 71,723 Prozent.


Status: 5 von 10


Als Morricone zufrieden unter dem ausgiebigen Lob seines Reiters das Viereck verließ, hatten die beiden kein trockenes Haar bzw. keinen trockenen Faden mehr am Leib. Aber das dürfte spätestens in dem Moment vergessen gewesen sein, als Treffinger sein Ergebnis auf der Anzeigetafel sah und realisierte, dass er bei seinem ersten CDI Start mit Morricone im zweiten Grand Prix Special gleich einen Sieg errungen hatten. Und das noch mit gebremstem Schaum, wie Treffinger später sagte:


Morri hat der Regen überhaupt nichts ausgemacht – im Gegenteil, er hat sich noch größer gemacht“, beschrieb er sein Reitgefühl und erklärte: „Es war erst unser zweiter gemeinsamer Special und ich hätte nicht damit gerechnet, dass es heute schon so gut läuft. Natürlich war das noch nicht so souverän, wie es einmal sein kann. Vom Gefühl her sind wir vielleicht bei fünf von zehn. Aber genau das gibt mir unglaublich viel Motivation für das weitere Training und unsere weitere Entwicklung.“ 


„Morris“ Ausbilderin auf Rang zwei auf deutschem Podium


Schön war auch, dass beim ersten CDI-Sieg dieses besonderen Hengstes die Reiterin dabei war, die ihn ausgebildet hatte: Lena Haßmann. Als Lena noch Waldmann hieß und für as Gestüt Bonhomme arbeitete, gewann sie mit Morricone die Einlaufprüfung zur Louisdor-Preis Qualifikation, entschied sich dann aber, die eigentliche Etappe nicht zu reiten. Sie hat den Millennium Sohn bis Klasse S*** ausgebildet, heute stand sie neben ihm bei der Siegerehrung mit einem anderen jungen Talent aus ihrer Schule: der neun Jahre jungen Governor-Tochter Chere Celine, für die dies der dritte Grand Prix Special nach Hagen im April und München im Mai war. Sie erhielt 70,915 Prozent.


Naturgemäß ist alles noch nicht ausgereift bei der Stute. Aber die Art, wie sie kraftvoll, taktsicher und akzentuiert passagiert, die Lastaufnahme und Aktivität in den Piaffen, der bombensichere Schritt, die getragene gut durchgesprungene Galoppade mit deutlicher Lastaufnahmebereitschaft in den Pirouetten, das sind alles Attribute, die Anlass zu großen Hoffnungen geben. Was allerdings nicht überraschend ist.


Seit vier Jahren ist Haßmann für die Ausbildung der Oldenburger Stute aus der Zucht von Dr. Gisa Löwe zuständig. Dreimal präsentierte sie sie bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde, jedesmal belegten sie Rang sechs im Finale. Siebenjährig ging die Stute außerdem im Finale des Nürnberger Burg-Pokals, achtjährig im Louisdor. Und nun ist sie im internationalen Viereck angekommen.


Komplettiert wurde das deutsche Trio auf dem Podium des CDI3* Grand Prix Special durch Lisa Müller mit Zonik Hit, die mit 69,149 Prozent eine Vorstellung ohne große Lektionsfehler lieferten, in der man sich aber ein traganderes Hinterbein und mehr Selbsthaltung gewünscht hätte. Phasenweise klappte das schon recht gut und dann kam der Zonik-Sohn auch sofort mehr in die Bergauftendenz und weg von der Hand.


Aachen-Generalprobe für Wendy mit Personal Best


Isabell Werth und Wendy. Foto: Reitsport-hellmann.de
Isabell Werth und Wendy. Foto: Reitsport-hellmann.de

13 Paare waren im Grand Prix Special der CDIO4* Tour von Hagen an. Klare Favoriten waren die Siegerinnen des Grand Prix, Isabell Werth und Wendy. Für die beiden war Hagen die Generalprobe für die WM in Aachen. Die zwölfjährige Sezuan-Tochter scheint bereit zu sein, erneut gegen die EM-Silbermedaillengewinnerinnen Cathrine Laudrup-Dufours Freestyle und die Europameister Justin Verboomen und Zonik Plus um die Einzelmedaillen zu kämpfen.


Den beiden gelang eine fehlerfreie Prüfung, in der die Stute in der Trabarbeit insgesamt besser zum Durchschwingen kam, man sich die Anlehnung aber noch feiner und beständiger, das Maul der Stute ruhiger wünschen würde. Die Traversale nach rechts war sicherer gestellt und gebogen und fließender als die nach links. Die Passagen waren von hohem Gleichmaß geprägt, auch wenn das Vorderbein der Stute immer etwas aktiver vom Boden wegzukommen scheint scheint als die Hinterhand. Der Schritt der Stute ist ein Highlight in seiner Losgelassenheit, Fleiß, Raumgriff und Dehnungsbereitschaft. Die erste Piaffe war am Platz, in der zweiten war die Stute sogar noch etwas aktiver, schnaubte aber zweimal hart ab, ohne dabei jedoch aus dem Takt zu kommen.


In der Galopptour begannen die beiden sehr kontrolliert auf dem Hinterbein mit guten Traversalverschiebungen, die man sich noch handunabhängiger gewünscht hätte. Insgesamt kam Werth jedoch gerade im Galopp mehr zum Nachgeben und die Stute so besser zum Durchspringen, was sich auch positiv auf die Wechseltouren auswirkte. Die Zweier gelangen, die Einer hatten zwar keinen Fehler, aber die Wechsel nach links sprang sie mehrfach hinten fast beidbeinig. Allerdings auch mit weniger Spannung als man es schon gesehen hatte.


Sehr schön gelangen der starke Galopp inklusive der Rückführung. Die Pirouetten waren zentriert, aber man wünschte sich hier weiterhin, dass die Hinterbeine die Last mehr unter dem Schwerpunkt aufnehmen und die Hanken sich mehr beugen würden. Die letzte Piaffe war sicherlich die beste der Prüfung.


Fazit der Richter: 82,426 Prozent, den Noten nach der beste Special, den die beiden je gezeigt haben.


Fazit von Isabell Werth: „Je mehr Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit in unsere Vorstellung kommen, desto schöner kann sie natürlich auch werden. Ich glaube, wir sind auf einem sehr guten Weg.“


Platz zwei für Raphi


Beim zweitplatzierten Paar, Raphael Netz und Great Escape Camelot, war nicht nur die Prüfung sehenswert, sondern auch das Schulterherein, bevor es überhaupt losging. Nur ganz wenige Paare im internationalen Dressursport erfüllen die Kriterien der Skala der Ausbildung so sicher wie dieser 15-jährige Johnson-Sohn, der ja schon im internationalen Grand Prix Sport aktiv war, bevor er zu Raphael Netz kam. Aber Netz hat das Finetuning hier noch einmal um zehn Umdrehungen verbessert. Diese Losgelassenheit, die Taktsicherheit in den Grundgangarten, die feinste Anlehnung, das alles ist mustergültig und führt zu jener Harmonie, die alle sich wünschen.


Sicherlich ist der KWPN-Wallach nicht der stärkste Piaffierer, aber z.B. die Trabtraversale nach links war die vermutlich beste des Tages, in den Traversalen nach rechts hätte man sich im Trab und im Galopp etwas mehr Stellung und Biegung gewünscht. Ein Highlight war auch die Linkspirouette, in der nach rechts verlor der Wallach kurz leicht die Balance, aber Netz brachte die Lektion trotzdem sicher zu Ende. Kleine Haker, die sich aufs Ergebnis auswirkten, waren ein Taktfehler in der Passagereprise vor der Schritttour, ein kurzer Spannungsmoment beim Angaloppieren aus der Passage und Serienwechsel, die man sich etwas spannungsfreier gewünscht hätte.


Es wurden 74,255 Prozent für die beiden, ihr bislang zweitbestes Grand Prix Special Ergebnis. Nur in München waren es noch etwas mehr. Aber ganz klar: Netz hat in Hagen seinen Hut für einen WM Start noch nachdrücklicher in den Ring geworfen.


Weitere Platzierte


Rang drei belegten die Viertplatzierten des Grand Prix, Henri Ruoste mit seiner Tailormade Temptation-Tochter Tiffany’s Diamond. Die beiden zeigten eine weitgehend durchlässige, positive Prüfung, bei der Ruoste die Stute geschlossen hielt, aber trotzdem fein in der Anlehnung bleiben konnte. Allerdings kam die dänische Stute immer mal wieder hinter die Senkrechte und auch in den Verstärkungen wünschte man sich mehr Rahmenerweiterung. 72,979 Prozent wurden es für das Paar.


Die Plätze vier und fünf gingen an Vertreter der US-Delegation. Das war zum einen Jordan LaPlaca auf dem elfjährigen Oldenburger Gold Play v. Grey Flanell. Der Wallach ist ein hoch elastisches Pferd mit einem energisch abfederndem Hinterbein und allem Talent für den Grand Prix Sport. Leider blieb auch er immer eher in absoluter als relativer Aufrichtung, wodurch er nicht sein ganzes Potenzial entfalten konnte. 71,745 Prozent sind ein neues Personal Best. Aber da wäre noch mehr drin als heute Rang vier.


Dahinter reihte sich ein hoch sympathisches Paar ein: Geñay Vaughn und der von Holga Finken in den Grand Prix Sport gebrachte Bretton Woods-Sohn Gino. Vaughn war stets bemüht, leicht mit der Hand zu bleiben, führte allerdings recht breit. Der Wallach zeigte sich sehr losgelassen und hatte in fast allen Momenten der Prüfung einen Ausdruck von Zufriedenheit im Gesicht. Jedoch wünschte man sich, dass die Hinterbeine mehr unter den Körper arbeiten würden. Dennoch, man schaut den beiden gerne zu. 71,383 Prozent bedeuteten heute Rang fünf für die Weltcup-Finalisten von 2025.


Fazit der Bundestrainerin


Hagen war die letzte Sichtung auf dem Weg nach Aachen. Die Eindrücke der Bundestrainerin Monica Theodorescu: „Wir hatten zunächst einen tollen Nationenpreis. Die Konkurrenz war vielleicht nicht die allergrößte, aber wir haben eine sehr geschlossene Mannschaftsleistung gezeigt. Darüber freue ich mich sehr. Besonders unsere jüngeren Reiter haben sich hervorragend präsentiert. Am Samstag standen wir in der Kür auf Platz eins und zwei, heute wieder auf Platz eins und zwei – das freut mich sehr.“


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