
Kent Farrington. Foto: FEI/Shannon Brinkman
An die Weltspitze im Pferdesport schafft man es nur mit Vitamin B und/oder einem Vermögen im Hintergrund? Kent Farrington beweist das Gegenteil. Zur Welt kam Farrington 1980 in Chicago, und hier wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf. Aber er hatte eine Mutter, die alles für ihn tat. In seinem Instagram Feed findet sich ein Foto von ihm als kleinem Jungen, auf dem er einen weißen NASA-Anzug trägt. „Meine Mutter hat mich und meine Träume immer unterstützt. An diesem Tag wollte ich Astronaut werden“, schrieb er dazu.
Den Plan gab er auf, als er mit acht Jahren ein alters Foto seiner Mutter auf einem Pferd fand. Daraufhin beschloss er, er will auch reiten lernen. Und weil Frau Farrington so war, wie sie war, trieb sie einen Mietstall mit Kutschbetrieb in Chicago auf, wo ihr Sohn seine ersten Reitstunden erhielt. Ziemlich schnell wurde deutlich, dass dieser Junge Geschwindigkeit liebt und vor nichts Angst hat. Er wurde gefragt, ob er Lust hätte, an Ponyrennen teilzunehmen. Und ob! Vermutlich wäre Farrington ein erfolgreicher Jockey geworden, hätte er nicht zufällig in eine TV-Übertragung aus Spruce Meadows gezappt. Er war wohl elf oder zwölf Jahre alt, genau weiß er es heute nicht mehr. Wohl aber, dass er von dem Tag an genau wusste, er will Springreiter werden. Nick Skelton und Rodrigo Pessoa, das waren seine Idole. So wollte er auch reiten können.
An diesem Ziel arbeitete Kent Farrington mit Geduld und Beharrlichkeit. Seine Mutter tat das ihrige, um ihren Sohn zu unterstützen. Was an Geld fehlte, machte sie durch Einfallsreichtum wett. Das erste Pony ihres Sohnes war ein Tauschgeschäft gegen einen gebrauchten Computer. Die Kent Farrington-Geschichte beweist: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Okay, bei ihm kam auch noch eine gehörige Portion Talent hinzu. Alles zusammen führte dazu, dass Farrington schon als Junior in Profiställen reiten konnte.
Hier hat er so viel an Wissen und Know-how aufgesaugt, wie er nur konnte, wie er 2019 im Gespräch mit dem St.GEORG berichtete. „Ich wollte alles wissen – welches Equipment benutzen sie? Wie gestalten sie das Abreiten? Benutzen sie Sporen oder eine Gerte? Wie kurz schnallen sie ihre Steigbügel? Beenden sie das Training mit einem Oxer oder einem Steilsprung? Wie viele Sprünge machen sie überhaupt?“ All diese Fragen beantwortet zu bekommen, und den Großen beim Training zuzuschauen, sei für ihn wie Gratis-Training gewesen, erinnert Farrington.
Er wurde immer besser, die Pferde, die er zu reiten bekam, ebenfalls. Mit 18 Jahren siegte Farrington im North American Young Riders National Competition. Im gleichen Jahr wurde er Profi. Seine erste Station war der Stall von Tim Grubb, einem gebürtigen Briten, der an der Seite der Whitaker-Brüder unter anderem Mannschaftssilber bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gewann, aber 1994 die US-Staatsbürgerschaft seiner Frau annahm und in Kalifornien einen Ausbildungszentrum betrieb. Der nächste Schritt führte Farrington zu Leslie Howard.
Aber das waren alles eher Stippvisiten. Mit nur 21 Jahren macht sich Farrington selbstständig. „Schuld“ war eine Stute mit Namen Madison. Im Interview sagte Farrington einst, dass er diese Stute selbst ausgebildet hat und dann mit ihr seinen ersten Fünf-Sterne-Sieg feiern konnte. „Da wurde mir klar, dass ich vielleicht gut genug bin und die Reiterei als berufliche Zukunft in Erwägung ziehen könnte.“ Er stellte ziemlich rasch fest, dass diese Einschätzung zutreffend war. In seinen ersten drei Jahren als Berufsreiter verdiente er über eine Million Euro.
Dass die ganze Welt auf Farrington aufmerksam wurde, war maßgeblich dem KWPN-Hengst Voyeur zu verdanken. Mit ihm bestritt Kent Farrington 2014 sein erstes Championat bei den Weltreiterspielen in der Normandie, wo die US-Mannschaft Bronze holte. Zwei Jahre später wurde es Team-Silber bei den Olympischen Spielen in Rio. 2017 war Farrington zum ersten Mal die Nummer eins der Weltrangliste.
Auf dem bisherigen Zenit seiner Laufbahn und mit den Weltreiterspielen 2018 in Tryon, North Carolina, vor Augen, erlitt Farrington einen herben Dämpfer. Bei einem Trainingsspringen in Wellington stürzte er schwer und brach sich das rechte Waden- und Schienbein. Ein offener Bruch. „Beide Knochen kamen aus dem Bein heraus“, beschrieb er anschaulich und abschreckend.
Sein Unfallpferd, der Oldenburger Lucifer V, machte trotz seines teuflischen Namens Karriere mit Nayel Nassar im Sattel, dem Ehemann von Dr. Jennifer Gates, der international zwar für Ägypten im Sattel sitzt, aber wie Farrington in Chicago zur Welt kam. Und Farrington musste lernen, sich in Geduld zu üben. Krankenzimmer statt Pferdestall, Reha statt Leistungssport. Lange hielt er die Untätigkeit nicht aus. Noch unter der verordneten Bettruhe begann er mit ersten Mobilisationsübungen für sein verletztes Bein. Er quälte sich, es lohnte sich. Nach nur drei Monaten saß er wieder im Sattel.
„Der Unfall hat mir gezeigt, dass das, was ich bislang für die Normalität hielt – reiten, mit den Pferden reisen, die Turniere – alles andere als normal ist. Der Unfall hat mir gezeigt, wie sehr ich die Arbeit mit den Pferden liebe und wie schön es ist, mit ihnen zu einem Team zusammenzuwachsen“, erklärte er im Interview.
Dieses „zu einem Team zusammenwachsen“ ist für Kent Farrington essenziell. Fast alle seine Pferde hat er jung bekommen, meistens im Alter zwischen fünf und sieben Jahren, und dann selbst in den großen Sport gebracht. Farrington ist überzeugt, je früher man anfängt, eine Partnerschaft mit dem Pferd aufzubauen, desto besser ist es. Dem US-Magazin The Chronicle of the Horse sagte er einst, er manage seine Pferde wie ein NFL-Team – da gebe es die Stars, die Nachwuchstalente und die Veteranen. Alle zusammen seien wichtig, um den dauerhaften Erfolg zu gewährleisten.
Was genau er damit meint, lässt sich an seinem aktuellen Erfolgsduo Toulyana und Greya ablesen. Toulayna bekam er Anfang siebenjährig. Greya war erst vier und noch nie ein Turnier gegangen. Während Farrington noch mit Creedence, Austria und vor allem Aachen-Siegerin Gazelle von Erfolg zu Erfolg sprang, hatten diese beiden Stuten ebenso wie der inzwischen verkaufte Pan-Am-Games-Gold- und -Silbermedaillengewinner Landon die Chance, im Windschatten der arrivierten Stars in den großen Sport hineinzuwachsen. Und als Farrington seine Toppferde in Rente schickte, waren die drei so weit, die großen Hufspuren zu füllen, die ihre Vorgänger hinterlassen hatten. Sie haben Farrington zurück an die Weltspitze gebracht. Im Wortsinn, denn 2025 war er acht Monate lang die Nummer eins der Weltrangliste.
Farrington: „Man muss mit jedem Pferd einen Weg finden und lernen, sie zu verstehen. Das ist es letztendlich, worum es in unserem Sport geht. Pferde stellen einen immer wieder vor neue Herausforderungen. Ihre Persönlichkeit zu verstehen, ist ein variables Ziel, weil sie sich entwickeln und verändern. Aber was man letztlich in unserem Sport braucht, ist eine echte Partnerschaft mit dem Pferd. Das Pferd muss den Reiter kennen und der Reiter muss das Pferd kennen. Wie in jedem anderen Team-Sport ist es das, was zum Erfolg führt – zu wissen, was das Pferd wann braucht, wie es am besten abgeritten wird usw.“
Woher er seine Motivation nimmt, wurde Farrington einst gefragt. Er sagte: „Ich glaube, es ist der Weg. Ich liebe die Pferde wirklich und ich lebe meinen Traum. Die Leute fragen mich immer, ob ich nicht mal Urlaub bräuchte. Ich habe das Gefühl, ich bin im Urlaub! Ich bereise die Welt mit einer Gruppe Gleichgesinnter, die meinte Freunde sind, und all den Pferden, die ebenfalls meine Freunde sind. Um die Welt zu reisen und auf den Turnieren zu reiten, die ich als Kind im Fernsehen verfolgt habe, und immer noch Teil des Sports zu sein, ist es, was mich motiviert – ich liebe es einfach.“
