FEI Sports Forum: Spritzen, Eis, Nervenschnitt, Cushing und Magnetwellen im Blickpunkt des Tierärzte-Komitees
FEI Sports Forum: Nervenschnitt, Cushing, Eis und Homöopathie in Diskussion
FEI Sportsforum, Olympiastadion Paris 2024. Foto: sportfotos-lafrentz.de Mental fit für den Parcours? Der französische Präsident des Internationalen Springreiterclubs (IJRC), François Matthy jr. fragte etwas ungläubig nach und zog eine Augenbraue als Zeichen dafür, dass er diesen Aspekt wohl eher nicht für relevant hält, nach oben. Der eingereichte Vorschlag zur Regeländerung beschränkt sich nicht nur auf die Forderung, dass die mentale Verfassung der vierbeinigen Athleten bei der Berechtigung zur Starterlaubnis („eligibility to compete“) gegeben sein muss, sondern auch um die Formulierung von Beurteilungskriterien. Damit sollen die relevanten Personengruppen innerhalb der FEI – Reiterinnen, Reiter, Stewards, Offizielle, Trainer … – anhand von definierten Eckdaten entscheiden können, ob die mentale Verfassung des Pferdes einem Start nicht im Weg steht.
Nervenschnitt – den gibt’s noch?
Der gute alte Nervenschnitt, Fachbegriff Neurektomie, ist in Deutschland schon länger nicht erlaubt. Allerdings soll nun das nicht klar formulierte Regelwerk präzisiert werden: Der Palmar-Nerv (Nervus palmaris), der am Röhrbein verläuft und sich am Fesselkopf in die palmaren Zehennerven aufteilt, die für die Reizweiterleitung aus Huf, Ballen, Trachten und Hufrolle (Stahlbein) verantwortlich sind, darf nicht durchtrennt sein. Bis in die 1980er Jahre war der Nervenschnitt ein probates Mittel, um Pferden mit Hufrollen-Problematiken ein schmerzfreies Laufen, auch auf Turnieren, zu ermöglichen. Dabei nimmt man allerdings in Kauf, dass viele Reize beispielsweise von der Hufsohle ausgehend nicht mehr weitergeleitet werden können. Jeder Nervenschnitt soll zukünftig im Equipass verpflichtend registriert werden. Sollte dieser Vorschlag keine Mehrheit bei der Abstimmung im Rahmen der Generalversammlung finden, soll alternativ zumindest das Durchtrennen des Palmar-Nervs ausdrücklich verboten sein.
Cushing Pferde im Sport
Für viele Pferdehalter, deren Tiere an Cushing (Pituitary Pars Intermedia Dysfunction, PPID) leiden, gehört die tägliche Dosis Prascend zum Alltag. Das Medikament mit dem Wirkstoff Pergolid verbessert den Zustand der unter Cushing leidenden Pferd erheblich. Bislang ist Pergolid auf Turnieren nicht zugelassen. Weil die Verabreichung des Wirkstoffs vor Turniereinsätzen unterbrochen wird, verschlechtert sich die Situation des Patienten. Deswegen wurde der Vorschlag formuliert, eine Ausnahme, eine sogenannten Therapeutic Use Exemption ( TUE), zu beschließen. Das lassen die Dopingbestimmungen auch im Humanbereich zu, wenn klar ist, dass der Wirkstoff keine leistungsbeeinflussende Wirkung hat.
Keine Notfall-Injektionen mehr
Laut aktuellem Stand der Dinge ist es erlaubt, Pferden auf Turnieren Substanzen zu spritzen, deren Wirkung kaum oder gar nicht wissenschaftlich nachgewiesen sind. Diese Regelung kollidiert mit Tierschutzgesetzen in einigen Ländern und birgt auch rechtliche Probleme für den behandelnden Turniertierarzt („Treating Vet“).
Zukünftig, so der Vorschlag aus dem Kreis der nationalen Verbände, soll klar gefasst sein, dass nichts mehr gespritzt werden darf, selbst nicht Mittel zur Unterstützung der Gelenke oder wenn sich Aminosäuren oder Homöopathika in der Spritze befinden. Bislang ist das noch erlaubt.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Dieser, wie auch der nächste Vorschlag, den die FEI formuliert hat, macht stärkere Kontrollen notwendig, vor allem im Stallbereich. Die FEI wünscht sich, dass gewisse Medikamente, die als kontrollierte Medikation im Wettkampf verboten sind, zuhause aber angewandt werden dürfen, nicht auf Turnieren dabei sein dürfen, beispielsweise im Sattelschrank. Hierfür soll eine Liste erstellt werden.
Intravenös Flüssigkeit zu verabreichen erschweren
Das Pferd ist müde, dehydriert – also braucht es einen Tropf nach dem Wettkampf. Gängige Praxis im Distanzsport. Auch in der Vielseitigkeit sind Infusionen mit Kochsalzlösung nach einem anstrengenden Geländetag nicht unüblich. In der Vielseitigkeit muss schon jetzt der Mannschaftstierarzt den Veterinary Delegate um Erlaubnis bitten. Diese wird eigentlich immer gewährt. Die Pferde werden dann in sogenannte „Treating Boxen“, also Behandlungsboxen gestellt. Wenn zu viele Pferde angemeldet sind, kann aber der Vet Delegate auch eine Infusion in der Box des Pferdes genehmigen.
Entscheidend im Änderungswunsch ist, dass in Zukunft eine IV-Infusion ohne klinische Beurteilung des Pferdes mit Strafen belegt werden soll.
Eis, Eis Baby …
Eismaschinen, die für eine Kühlung der Extremitäten der Pferde sorgen, sind ein häufig anzutreffender Gegenstand in den Stallgassen der internationalen Turnierzelte. Es gab ein Turnierwochenende in Aachen, bei dem sich die Pflegerinnen beschwerten, es gäbe keine ruhige Minute, weil das Dröhnen der Eismaschinen nahezu 24 Stunden zu vernehmen war. Es hieß, ein Fuchswallach und ein Rapphengst würden unentwegt gekühlt werden.
Kurzfristig kann Kälte Lahmheiten vertuschen. Bislang war der Zeitraum bis wann vor einem Vet-Check Pferde noch so behandelt werden dürfen, nicht klar gefasst. In Zukunft soll es heißen, „innerhalb von 30 Minuten vor einem Vet-Check oder einer Wiederbesichtigung darf das Pferd nicht mit Eis gekühlt werden“.
Auch die Verwendung von Decken oder Gamaschen, die die Magnetfeldtherapie verwenden, soll eingeschränkt werden. Zukünftig, so der Vorschlag, sollen nur noch Anwendungen erlaubt sind, die mit einem Akku, nicht aber mit einer Stromversorgung über Kabel funktionieren. Das soll gewährleisten, dass nur noch Magnetfelder mit maximal 100 Gauss – ein für Menschen ungefährlicher Wert – zum Einsatz gelangen.
Sicherheit und Nachtruhe
Mindestens sechs Stunden muss in einem Stall das Licht gelöscht sein, so sieht es das Reglement vor (mehr dazu in der Folge „Sind Sie eine FEI-Stewardess“ des Podcasts ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD). Wie der Schwede Göran Åkerström, FEI Director of Veterinary & Equine Welfare, süffisant bemerkte, sei dies bei einem „ambitionierten“ Zeitplan einiger Hallenveranstalter nicht immer gegeben. Nun soll überlegt werden, ob Strafen erhoben werden sollen, wenn diese Regel nicht eingehalten wird.
Die Sicherheit kann durch gefährliche Pferde – etwa solche, die nur von zwei Menschen zur Verfassungsprüfung geführt werden können – gefährdet werden. Auch hier sehen Antragsteller Handlungsbedarf. Einige Aktive zogen dabei die Stirn in Falten. Eleonora Ottaviani, ehemalige Präsidentin des IJRC verwies auf einen prominenten Fall. Dieses Pferd sei wirklich gefährlich gewesen, aber nicht nur ein Top-Sportler, sondern auch ein Ausnahmehengst. Sein Name: Diamant de Semilly…
Schließlich soll es Änderungen beim Ponymessen geben. Dort sollen sowohl das Prozedere – zwei Tierärzte (!), deren ermittelten Maße im Durchschnitt als Größe des Ponys eingetragen wird – als auch die Kostenstruktur überdacht werden. Zwei europäische Tierärzte waren zum Messen von zwei Ponys in die USA geflogen worden. Kosten insgesamt: mehr als 10.000 US Dollar.