Abreiten Amsterdam von Charlotte Dujardin sorgt für Diskussion
Abreit-Video aus Amsterdam von Charlotte Dujardin schlägt hohe Wellen
Szene aus dem Abreit-Video mit Charlotte Dujardin (GBR) in Amsterdam. Foto: Screenshot facebook.com/collectif.pourleschevaux Das Video ist knapp acht Minuten lang. Es zeigt Charlotte Dujardin in Amsterdam beim Abreiten auf der Stute Alive and Kicking. Das Grundprinzip der auf Facebook veröffentlichten Filmsequenzen folgt einem Schema: Ein kurzer Abschnitt wird wiederholt gezeigt. Dann stoppt das Bild und auf schwarzem Untergrund erscheinen in weißer Schrift Anmerkungen, die aus Perspektive des Collectif Pour Les Cheveaux erläutern, was falsch ist.
Konfliktsituationen, ein derzeit viel zitierter Begriff, werden dokumentiert: offenes Maul, Schweifschlagen. aber auch Spannungstritte der Rappstute mit verzögert fußenden, zuckenden Beinen. Außerdem wird auf Schenkel- bzw. Sporeneinsatz und die Art und Weise, wie die dreifache Olympiasiegerin mit der Hand einwirkt, eingegangen. Schließlich wird anhand von Standbildern des Kopfes behauptet, die Ohrenmütze, die die westfälische Stute trägt, verhindere Ohrenspiel. Auch die Position der Backenstücke – „zu nah am Auge“ – wird moniert. Genauso wie die zu enge Hals-Kopf-Einstellung. In manchen Sequenzen erscheinen auf den Standbildern orange eingefärbte Kreise, um die Kritikpunkte noch deutlicher hervorzuheben. Auch der Sattel – zu große Pauschen „moderner Sättel ermöglichen es dem Reiter noch stärker am Zügel zu ziehen“ – und die Bandagen mit Unterleglappen – „führen erwiesenermaßen zu Läsionen wegen Überhitzung“ – werden kommentiert.
Unregelmäßigkeiten im Trabablauf
Neben den immer wieder zu sehenden Spannungstritten und Taktfehlern in Verstärkungen zeigt die Stute in Trabtraversalen deutlich ungleiche Tritte. Besonders moniert wird in den Begleittexten das Prinzip „Push and Pull“, frei übersetzt „Stechen und Ziehen“, denn Dujardin wirkt immer wieder deutlich mit den Sporen ein und „bremst“ die Stute mit deutlicher Handeinwirkung.
Die Bilder stammen aus dem Januar 2026. EQUI PAGES hat Reitmeister Martin Plewa das Videomaterial vorgelegt. „Das Gehen des Pferdes ist hochgradig verspannt und völlig unnatürlich. Solange die Stewards keinen Moment einer tierschutzrelevanten Aktion der Reiterin erkennen, werden sie wohl kein Eingreifen für erforderlich halten. Es würde erst relevant, wenn das Ausdrucksverhalten des Pferdes deutliches Unwohlsein des Pferdes erkennen ließe. Hier sind aber vor allem wieder die Richter gefragt: Solch ein Bewegungsablauf in extremer Spannung müsste nach meiner Meinung unter 5 beurteilt und bewertet werden. Das ist zweifelsfrei völlig falsches Reiten!“
Grenzwertig oder darüber hinaus?
The Times, das britische Flaggschiff unter den Tageszeitungen, hat das Video und die Reaktionen darauf zum Anlass genommen, sich auf einer Doppelseite des Themas anzunehmen. Die Times zitiert diverse Tierärztinnen und Tierärzte, die das Reiten von Dujardin ebenfalls ablehnen. Einige der zitierten Veterinäre sind in der Forschung tätig und arbeiten auch mit dem Weltreiterverband (FEI) zusammen. „Übergriffig“, nennt der ehemalige britische Weltklassereiter Richard Davis das Reiten: „Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was missbräuchliches Reiten ausmacht. Man kann darüber streiten, ob dies die Schwelle überschreitet oder nicht. Ich stimme jedoch anderen zu, dass es ein gewisses Maß an übergriffigem Reiten zeigt, das nicht den Prinzipien der modernen Pferdelerntheorie entspricht.“
Genauso sieht es aus Martin Plewa und weist auf ein Problem bei der Beurteilung des Geschehens auf internationalen Abreiteplätzen hin. „Das Abreiten ist schon ziemlich ruppig. Nach unserem Kriterienkatalog müsste man die Reiterin vielleicht doch ansprechen“, so Plewas Fazit.
Die Dänin Mette Uldahl, ehemalige Präsidentin des Europäischen Verbandes der Pferdetierärzte (FEEVA), wird bezüglich des „Pull and Push“ in der Times zitiert: „Das ist, als würde man sein Auto bitten, während des Bremsens zu fahren“.
Andere Reiterinnen ebenfalls gefilmt
Nicht nur Dujardin, sondern auch andere Reiterinnen wurden beim Abreiten von der flämischen Tierärztin Eva Van Avermaet gefilmt. Die Niederländerin Dinja van Liere, Dritte der Weltmeisterschaften 2022, soll demnach mit zu eng verschnalltem Nasenriemen zum Equipmentcheck gekommen sein. Dieser ist obligatorisch beim Betreten des Abreiteplatzes. Dabei wird unter anderem überprüft, ob der Nasenriemen so weit verschnallt ist, dass ein genormter Gummikeil auf dem Nasenrücken unter dem Riemen hindurchgeführt werden kann. Angeblich musste die Niederländerin den Riemen weiter schnallen. Bilder ihres Pferdes Imposantos zeigen, wie der Rappe in Serienwechseln deutlich sperrt. Das Paar wurde in der Weltcup-Kür Zehnter.
Becky Moody erst ohne Sporen
Auch Becky Moodys Abreiten stand auf dem „Drehplan“ der Tierärztin, die sich den Schutz der (Dressur)Pferde auf die eigene Aktivistenfahne geschrieben hat. Die Britin hatte Jagerbomb zunächst ohne Sporen abgeritten, später erscheint sie mit Sporen an den Stiefeln. Ihre Einwirkung ist niemals auffällig. Im Kommentar auf dem Facebook-Video schreibt das Collectif aber, man befürchte, auch Moody würde angesichts der vielen „Push and Kick-Reiterinnen“ im übertragenen Sinne vom rechten Weg abkommen. Dass sie am Ende die Prüfung mit Sporen reitet, wird als Indiz dafür beschrieben, dass Jagerbomb am Schenkel „desensibilisiert“ worden sei.
Als Eva Van Avermaet auch Isabell Werths Reiten filmt, stellt sich deren Trainer Götz Brinkmann einmal vor sie und macht ein Foto von der Vorsitzenden des Collectif, wogegen sie insistiert. Hartmann sagt in neutralem Ton, er wolle einfach nur ein Foto machen.
Andere Videosequenzen zeigen, wie FEI-Stewards versuchen, das Filmen zu verbieten. Während man Eva Van Avermaet mit einem männlichen und einem weiblichen Steward diskutieren hört, filmen zwei andere Vertreter des Collectif die Szene aus anderen Positionen.

Doppelseite in britischer Tageszeitung The Times
Die Times schreibt, das Video mit Dujardin in Amsterdam sei mehr als 100.000 mal aufgerufen worden. Die uns vorliegende Version hatte, Stand Mittwoch, 4. März 2026, 14 Uhr, gut 46.000 Aufrufe auf Facebook. Es ist eine überarbeitete Version, wie Tierärztin Eva Van Avermaet gegenüber EQUI PAGES erläutert: „Das zweite Video, das ich gepostet habe, ist dasjenige, in dem ich genau dasselbe Filmmaterial bearbeitet habe, mit mehr Zeitlupen, Wiederholungen und Erklärungen, weil Owen Slot mich gebeten hatte, in dem Video auf die Dinge hinzuweisen, die wir mit unseren geschulten Augen sehen können, die aber viele nicht sehen, weil diese Reiter extrem schnelle Arm- und Beinbewegungen ausführen.“ Owen Slot ist der Sportreporter der The Times, der den Artikel über Dujardins Abreiten in Amsterdam verfasst hat.
Das sagt die Urheberin der Bilder
Tierärztin Eva Van Avermaet hat das Collectif Pour Les Chevaux gegründet. Sie sagt, sie habe den Steward auf die ihrer Meinung nach zu groben Zügelhilfen von Charlotte Dujardin hingewiesen. „Wie können Sie das sehen?“, habe der Steward daraufhin gefragt. „Ich antwortete, dass ich mein Auge seit mehreren Jahren darauf trainiert habe, dies zu sehen, und dass er auch in der Lage sein sollte, dies zu sehen.“ Daraufhin soll der Steward die Reiterin angesprochen haben. Diese habe aber weder Zügel- noch Schenkelhilfen (Sporen) verändert. „Also bin ich zurück zu ihm gegangen und habe ihn gesagt, er solle seine Arbeit tun und die Pferde von Dujardin und Charlotte Fry vor weiteren Schäden schützen. Denn die ritt ähnlich. Und ich hatte gesehen hatte, dass Glamourdales Zunge blau war. Darauf habe ich den Steward ebenfalls hingewiesen.“
Im Kommentar unter dem Video geht Eva van Avermaet auf den verspannten Bewegungsablauf ein. Das Urteil ist deutlich: „Es war sinnlos, auf den Stresspegel der Stute und all die „Symptome” eines auf Angst und Schmerz basierenden Trainings hinzuweisen. Wir hoffen, dass er (gemeint ist der Steward) das jetzt sieht. Ein Pferd soll sich nicht so bewegen, als würde es Elektroschocks erhalten!“
„Push and Pull“
Tierärztin Eva Van Avermaet zählt diverse Verhaltensmuster auf, die auf Unwohlsein des Pferdes schließen lassen, vom Sperren bis zum Buckeln, Kopfschlagen und Umdrehen. „Diese Verhaltensweisen können auftreten, wenn ein Pferd Druck, Schmerzen, Angst, Stress, Verwirrung, widersprüchlichen Motivationen, einschränkender Ausrüstung oder inkonsistenten und falsch angewandten Trainingssignalen ausgesetzt ist. Meiner Meinung nach würde Alive and Kicking allem unterliegen. Die falsch angewandten Trainingssignale werden von der Reiterin während des Warm-ups mehrmals demonstriert. Sie verwendet die weit verbreitete Technik des ,Push and Pull’.“
Momentaufnahmen?
EQUI PAGES wollte wissen, ob die Tierärztin den Ritt länger beobachtet hat. „Leider habe ich nur zwei Augen und eine Kamera, und es gab mehrere andere Reiter, die zur gleichen Zeit genau das gleiche inakzeptable Reiten praktizierten. Ich glaube, die Leute haben einfach keine Ahnung, keinen Schimmer davon, was beim Abreiten vor sich geht.“ Die Gründerin des Collectif Pour Les Cheveaux sieht keine Besserung der ihrer Meinung nach nicht korrekten Praktiken. „Da die FEI alle meine Beschwerden ignoriert hat, ohne mich darüber zu informieren und ohne mir eine Erklärung zu geben, fühlen sie (die Reiterinnen) sich noch unantastbarer als je zuvor. Und in Amsterdam, im Land von Sjef Janssen und Anky Van Grunsven, sind ihnen keine Grenzen gesetzt.“
Um zu zeigen, dass es sich nicht um einen Zusammenschnitt handelt, hat die Tierärztin auf YouTube ein 19 Minuten langes Video hochgeladen, dass alles zeigen soll. Die Veranstalter haben sich mittlerweile in einem Post auf Facebook geäußert „Wir sind überrascht. Unsere Stewards achten streng auf die Einhaltung des Protokolls und haben nichts gemeldet. Es gab keine einzige Meldung über unangemessenes Verhalten.“
Wir haben bei den zuständigen britischen Verbänden und Charlotte Dujardin um eine Stellungnahme gebeten. Bislang sind diese aber nicht bei uns eingegangen.