Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) – nach Evaluierung noch teurer?
Wenn der Tierarzt Luxus wird – GOT bald noch teurer?
Röntgen ist eine der wenigen Leistungen, die bei der Neufassung der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) günstiger geworden ist. Foto: sportfotos-lafrentz.de Die Hintergründe in unserem FEATURE.
Zu teuer, Killer der Pferdezucht (dazu demnächst ein Extra-Artikel auf EQUI PAGES) – die Diskussion um die GOT und ihre teilweise verheerenden Folgen für Pferdehalter und vor allem Pferdezüchter ebbt nicht ab. Schlimmer noch, sie hat einen Keil zwischen die Tierärzteschaft und ihre Kunden getrieben. Jeder, der Pferde hält, möchte sie gut versorgt wissen. Das so etwas nicht umsonst zu haben ist, weiß jeder. Dennoch hat die sprunghafte Verteuerung nahezu jeder tierärztlichen Leistung viele kalt erwischt.
Was ist die GOT?
Die Gebührenordnung für Tierärzte ist eine bundesweit geltende Rechtsverordnung. Sie legt verbindlich fest, welche tierärztlichen Leistungen mit welchen Gebührenrahmen abgerechnet werden dürfen. Tierärzte können dabei innerhalb eines Gebührenkorridors – vom einfachen bis zum vierfachen Satz – abrechnen. Zusätzlich wurden mit der Reform neue Positionen, eine Notdienstgebühr sowie eine Hausbesuchsgebühr eingeführt bzw. angepasst.
Hier ist die GOT in aller Ausführlichkeit nachzulesen (Preise der einzelnen Leistungen hinter den Paragrafen)
Während Politik und Tierärzteschaft die Reform als überfällige Modernisierung bezeichnen, erleben viele Pferdehalter die Auswirkungen als massive finanzielle Belastung.
Gleichzeitig hat die Neufassung der GOT einige Probleme der Veterinärmedizin aufs Tableau gebracht, die bislang noch nicht breit in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Der Tierarzt „alter Machart“ – 24/7-Verfügbarkeit, Wochenenddienste, Arbeit als Selbstausbeutung – ist eine aussterbende Spezies. Im Podcast „Erzähl mir was vom Pferd“ äußert sich Dr. Kai Kreling für die Bundestierärztekammer zu der Situation seines Berufsstands. Und die sieht alles anders als rosig aus, so der Tierarzt aus Rheinland-Pfalz.

Tierärzte: Unzufriedenheit, Alkoholismus, Suizid
Krelings Argumente sind einfach: Die neue GOT sorgt für eine höhere Entlohnung. Geld allein macht nicht glücklich, aber hilfreich kann es sein. „Das Ziel ist ja, eine vernünftige Kostendeckung zu haben und vor allen Dingen, das war das eigentliche Grundziel der GOT, auch eine vernünftige Bezahlung der Mitarbeiter zu machen. Das ist über Jahre hinweg in der Tiermedizin schlecht gewesen, das müssen wir ehrlich zugeben.“
„(…) über die Jahre hinweg immer diesen hohen Unzufriedenheitseffekt bei den Tierärzten mit Ehescheidung, Alkoholismus, Suiziden (…)“
Kreling, der selbst eine Klinik aufgebaut hat, kennt den Struktur- und auch Mentalitätswandel in der Tiermedizin, aus seinem Alltag. Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielten heutzutage beispielsweise eine viel größere Rolle als noch vor 20 Jahren. Er begrüßt die neuen Eckdaten der GOT. „Diese Entwicklung ist positiv, denn wir haben ja nun bekannterweise über die Jahre hinweg immer diesen hohen Unzufriedenheitseffekt bei den Tierärzten mit Ehescheidung, Alkoholismus, Suiziden und so weiter. Ist ja auch alles dokumentiert. Und das ist sicherlich ein Weg dahin, dass man sagt, da können wir den Zufriedenheitsgrad erhöhen, die Attraktivität für die Tiermedizin auch wieder verbessern.“
Tatsächlich liegt das Suizidrisiko von Tierärztinnen und Tierärzte fünfmal höher als in der Gesamtbevölkerung. Die Gründe, sagen Insider, seien vielschichtig. Dass Narkosemittel und andere Medikamente in den Praxen und Kliniken für die Veterinäre mehr oder weniger frei zugänglich sind, spiele neben der psychischen– tote und sterbende Tiere – sowie körperlichen Belastung, sicherlich eine Rolle.
Hat die Tierärztekammer in Sachen GOT zu spät reagiert?
Ob der Griff zum Alkohol oder, noch schlimmer, Selbstmordraten sich durch eine höhere Bezahlung tierärztlicher Leistungen verringern lassen, wird nicht Teil der Evaluierung der GOT sein. Diese Überprüfung der Novelle steht jetzt an. Die seit dem 22. November 2022 geltende neue GOT war die erste vollumfängliche Überarbeitung der Preise für tierärztliche Leistungen, sagt die Bundestierärztekammer. So offiziell sich der Begriff „Bundestierärztekammer“ anhören mag, steckt dahinter keine staatliche Stelle, sondern nichts weiter als ein eingetragener Verein, der Lobbyarbeit betreibt. Im Gegensatz dazu stehen die Landestierärztekammern, die Körperschaften öffentlichen Rechts sind und hoheitliche Aufgaben, die auf der Selbstverwaltung des Berufsstands basieren, wahrnehmen.
Vergangene Pauschalerhöhungen waren für Tierärzte nicht ausreichend
Es stimmt, dass seit 20 Jahren nicht in Gänze an der Kostenschraube gedreht worden ist. Aber Anpassungen hat es immer wieder gegeben. Diese, so argumentiert Tierarzt Dr. Kai Kreling, zwei Pauschalerhöhungen hätten aber nicht ausgereicht. „Wir sind immer noch deutlich hinter dem, was andere Berufssparten an Erhöhungen reingebracht haben“. Dass die Geldgier sich unter deutschen Tierärzten breitmache, wie es auf deutschen Stallgassen immer mal wieder heißt, weist Kreling kategorisch von sich. „Der Tierarzt heute legt nicht so viel Wert auf das Mehr an Geld, sondern er will Freizeit haben, sodass wir eine 38-Stunden-Woche bei uns haben. Das heißt also, unsere Tierärzte arbeiten vier Tage die Woche, 38 Stunden und haben dann entsprechend, je nachdem, alle vier, fünf Wochen, dann auch mal Wochenenddienst.“
Tiermedizin 2026 ist kostenintensiv
Die Ansprüche seiner jüngeren Kolleginnen und Kollegen stellen die Unternehmerseele des Klinikbetreibers im Tierarztkörper vor Probleme: „Wo ich hinwill: Diese 38-Stunden-Woche kostet Geld. Denn da, wo sie normalerweise einen hatten, müssen sie jetzt zwei haben“. Aus Dr. Kreling wird CEO Kreling und der erläutert: „Wir haben einen deutlich gestiegenen Personalkostenaufwand. Wenn ich das richtig mache, muss ich tatsächlich am Wochenende drei Teams haben, einen Chirurgen, einen Anästhesisten und zumindest nur eine Helferin. Die müssen aber dann im Endeffekt, wenn sie dann am Wochenende arbeiten, entsprechende Freizeiten haben. Das heißt, ich müsste aus meinen 35 Leuten also mindestens mal 54 machen.“
Tierärzte haben 2025 8,5 Prozent mehr verdient als im Vorjahr
Die TVD Finanz GmbH & Co KG, die unter anderem die Karriereplattform job.vet für Veterinärmedizinerinnen und -mediziner betreibt, hat einen Gehaltsreport für das Jahr 2025 im Januar 2026 veröffentlicht. Demnach sind die Gehälter angestellter Tierärzte von 2024 zu 2025 um 8,5 Prozent auf durchschnittlich 4.650 Euro gestiegen. 2022 waren es noch 3.800 Euro. Stattliche 2.336 angestellte Tierärzte haben an der Umfrage teilgenommen, repräsentativ ist sie aber nicht. Pferdepraktiker verdienen demnach im bundesweiten Durchschnitt 4.290 Euro. Wer seinen Beruf im Bereich Geflügel und Ziervögel ausübt, kommt auf 5.120 Euro. Die GOT zeigt also Wirkung. Das weiß auch Tierarzt Kreling. Der Schluss, den er daraus zieht, hört sich aber für Pferdehalter wenig positiv an:
„Ja wir sind teurer geworden, aber eigentlich sind wir immer noch zu billig!“
Der Klinikchef hofft, dass die Evaluierung der GOT zu eben diesem Schluss kommt. Damit wäre das Ende der Kostenspirale für den Tierhalter noch nicht erreicht.
Nur Deutschland kennt die GOT
Privater Unternehmer einerseits, eine staatlich vorgegebene Gebührenordnung andererseits – das ist eine deutsche Spezialität. Übrigens verdankt Deutschland die GOT den Nationalsozialisten, wie FN-Präsident Prof. Martin Richenhagen in der Podcastfolge von „Erzähl mir was vom Pferd“ zu recht anmerkt. In keinem anderen Staat in der EU gibt es so etwas. Länder, in denen es ähnliche Konstrukte gegeben hat, sind längst davon abgerückt.
Der Hintergrund der GOT hat weniger mit den Pferden, als viel mehr mit Nutztieren zu tun: Die Versorgungssicherheit in einem Sektor, der unter anderem auch die Produktion von Lebensmitteln umfasst, soll jederzeit gesichert sein. Das fordert der Gesetzgeber und hat sich deswegen für eine Gebührenordnung entschieden. Schon beim Inkrafttreten der neuen GOT stand fest, dass diese vom Bundesrat beschlossene Rechtsverordnung evaluiert, also nach einer gewissen Zeit bewertet werden, wird. Das soll noch im Jahr 2026 geschehen. Auf der Webseite des zuständigen Ministeriums heißt es dazu: „Diese Evaluierung hat das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) daher bereits Mitte des Jahres 2025 angestoßen, Ergebnisse werden für Ende 2026 erwartet“.
Ministerium will schneller werden
Silvia Breher ist Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Sie ist Tierschutzbeauftragte der Bundesregierung. Zwei Bewerbungen für die Evaluierung waren bis Ende 2025 eingetroffen. „Für mich geht es nicht nur darum, die Preissteigerungen innerhalb der letzten drei Jahre sich anzuschauen, sondern auf die Wirkung oder die Fehlwirkung der letzten GOT-Novelle“, sagt Breher, die aus Cloppenburg stammt und deren Kinder reiten. „Für mich ist entscheidend, dass wir schauen, wie hoch ist der Zeitaufwand für die einzelnen Leistungen tatsächlich und nicht nur angenommen“. In dem Verfahren vor der Neufassung der GOT war der Zeitaufwand per Online-Umfrage geschätzt worden.
Ihr Appell: „Evaluation. Lasst uns das Ergebnis bitte mal offen anschauen. Wo kommt es her? Welche Punkte sind berechtigt? Welche aber auch nicht? Wie kommen wir dann im Ergebnis wieder zu einem angemessenen Umgang. Und: Wo wir dann im Ergebnis aber diese Verwerfungen, die wir sehen, auch verhindern?“
Das erste Quartal 2026, so die Schätzungen der Bundestierschutzbeauftragten, wird es noch dauern, bis die Eckdaten der Evaluierung endgültig festgezurrt sind. Silvia Breher betont, wie umfassend das Thema gedacht werden muss, schließlich seien nicht nur die ca. 1,3 Millionen Pferde in Deutschland betroffen. „Die GOT betrifft ja nicht nur Pferde. In Deutschland gibt es 34 Millionen Haustiere in 20 Millionen Haushalten. 47 Prozent, also fast die Hälfte der Haushalte, haben ein Haustier.“ Und da kommt es zu Härten. „Es sind auch die Haustierhalter, die Kleintierhalter, die Probleme bekommen mit der Novelle und den Rechnungen aktuell, unter anderem im Tierschutz (gemeint sind Tierheime etc.). Auch dort hören wir deutlich steigende Kosten, die auf die oft auch ehrenamtlich und finanziell nicht so gut ausgestatteten Tierschutzvereine einprasseln. Und insofern ist es ein ganz, ganz breites Thema.“
Vereinigung deutscher Tierhalter gibt sich kämpferisch
Dass die Politik die Brisanz des Themas mittlerweile erkannt hat, ist auch den Aktivitäten der Vereinigung Deutscher Tierhalter e.V. (VDT) zu verdanken. Aus Vorstandsmitglied Jens Thormählen sprudeln Zahlen, gibt man ihm das Stichwort „GOT“. Das Wort „versicherungsoptimierte Abrechnung“, das unter Veterinären kursiert, bringt ihn auf die Palme. Er hat viele Zahlen zusammengetragen, zunächst im eigenen Reitverein, später dann in größerem Umfang, und mit den neuen Gebührensätzen abgeglichen. „Lahmheitsuntersuchungen sind ungefähr 74 Prozent teurer geworden, Lungenuntersuchungen knapp 50 Prozent, Kolik tatsächlich ungefähr 100 Prozent, nur Röntgen ist ein bisschen günstiger geworden“.
Tierkörperbeseitigung Niedersachsen vermeldet deutlich steigende Zahlen
Thormählen hat sich in die Materie hineingearbeitet. „Eine Kolik-Operation, die vorher vielleicht mit 7.000, 8.000 Euro berechnet wurde – dass die jetzt mal zwischen 15.000 und 20.000 Euro kostet“, stelle viele vor die Frage, wie diese Kosten zu stemmen sind. OP oder nicht? Thormählen hat in Niedersachsen, wo er lebt und Pferde züchtet, bei der Tierkörperbeseitigung nach jährlichen Zahlen gefragt. „Wenn ich nach alter GOT round about 7.000 Abholungen hatte durch die Tierkörperbeseitigung, ist diese Zahl ist in den letzten drei Jahren kontinuierlich gestiegen. Im letzten Jahr waren es, glaube ich, 11.000 Abholungen. Wir reden dann von Tausenden Abholungen mehr im Vergleich zum vorigen Jahr.“ Was er nicht direkt ausspricht, aber meint: Angesichts der Angst vor den Kosten entscheiden sich Pferdehalter wo möglich gegen eine OP und dafür, das Tier sterben zu lassen.
Position der FN
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hatte im Vorfeld der neuen GOT nicht zu glücklich agiert. Mittlerweile weht ein neuer Wind in Warendorf. FN-Präsident Martin Richenhagen, Unternehmer durch und durch, sieht die Brisanz. Heutzutage, so Richenhagen, sei viel von Bürokratieabbau die Rede. „Ich bin für die freie Marktwirtschaft (…) in diesem Zusammenhang wäre das ja ein schönes Beispiel, wo man Bürokratie abbauen könnte und wo man das dann umwandeln könnte in vielleicht Preisempfehlungen anstatt Preisvorschriften“. Richenhagen geht noch einen Schritt weiter im Verfahren. Sein Credo: krankem Pferd wird dank gesundem Menschenverstand geholfen: „Das Geld für die Evaluation könnte man sich ja auch sparen, wenn man uns erlauben würde, das mit dem normalen Menschenverstand zu regeln“.
Fazit – weitere Preissteigerung überhaupt nicht auszuschließen
Die Evaluation wird das Jahr 2026 in Anspruch nehmen. Selbst wenn die Bundestierschutzbeauftragte Silvia Breher den Turbo eingeschaltet hat, sind die Abstimmungsprozesse komplex. Auch ein beschleunigtes Verfahren braucht Zeit. Mag sein, dass „gut Ding Weile haben will“. Die Frage ist, wie „gut“ in diesem Zusammenhang definiert wird. Aus Tierärztesicht wäre nur eine weitere Erhöhung der in der GOT definierten Preise für die einzelnen Dienstleistungen „gut“. Für Pferdehalter, die sich allmählich fragen, wie sie die Kosten rund ums Hobby noch bezahlen sollen, würde „gut“ eher so aussehen, wie es sich FN-Präsident Richenhagen wünscht: Dass das Rad zurückgedreht würde.


