Interview mit Raphael Netz in Neumünster

„Das einzige, was im Sattel nichts verloren hat, sind Emotionen – außer Freude“

Interview 18.02.2026
Raphael Netz und Great Escape Camelot in Neumünster. Foto: Sportfotos-lafrentz.de Raphael Netz und Great Escape Camelot in Neumünster. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Bis Neumünster hat Raphael Netz über Monate das Weltcup-Ranking der Dressurreiter in der Westeuropa-Liga angeführt. Ein Gespräch über die Saisonplanung, seine Pferde, seine Selbstständigkeit, Lektionen des Lebens und der Pferde.

 Wir sind hier bei der drittletzten Weltcup-Etappe in Neumünster und du bist als Führender des Rankings angereist. Wirst du in Texas starten?


Auf jeden Fall! Ich glaube, man kann mich nicht mehr rausreiten aus dem Finale. Ich werde bestimmt nicht an eins bleiben, aber wir sind sicher drin und auch mit zwei Pferden – was mich natürlich sehr sehr stolz macht. Das war die erste Saison mit zwei Pferden und gleich mit beiden Pferden Ü 80 Prozent zu reiten und eigentlich fast die ganze Saison die Weltcup-Liste anzuführen, ist – finde ich – ein Statement und etwas, womit ich Anfang der Saison überhaupt nicht gerechnet habe. Aber dass es dann so gekommen ist, war schon ein cooles Gefühl. Jede Etappe, wo man war und auch wo man nicht war, hat man hinterher geschaut, „Wo sind wir? Wo sind wir?“ und sich dann natürlich gefreut, „Ah, immer noch an eins!“ Das ist schon ein cooles Gefühl, muss ich sagen!


Und welches Pferd nimmst du mit zum Finale?


Das lasse ich mir noch ein bisschen offen. Jetzt sind wir mit Camelot in Neumünster, weil es auch vom Rhythmus her gut passt. Er war das letzte Mal in Stuttgart, das ist nun vier Monate her und Camelot ist noch lieber auf dem Turnier als zuhause, deswegen wollte ich ihm das nicht vorenthalten. Meine nächste Etappe wird dann in ’s-Hertogenbosch sein, wo ich mit Dieudonné an den Start gehe und danach entscheide ich das zusammen mit Monica Theodorescu.


Wenn du sagst, Camelot ist lieber auf dem Turnier, woran machst du das fest?


Camelot ist ein Geschenk, weil dieses Pferd charakterlich alles hat, was man sich wünscht. Er gibt immer sein Bestes, er will performen und er ist unheimlich klug. Woran man das beispielsweise festmacht, ist, wenn der LKW vorgefahren wird und der zwei, drei Tage vor Abfahrt zum Turnier im Innenhof steht – Camelot kann seine Augen nicht von diesem LKW nehmen. Oder auch dies: Er wird ungefähr eine Woche vor dem Turnier noch einmal geschoren. Sobald er geschoren ist, weiß er, jetzt ist Prüfung und es geht Richtung Turnier. Sein ganzes Verhalten ist dann anders. Er ist noch motivierter. Er ist von sich aus noch genauer. Er denkt wirklich mit, was absolut faszinierend ist. Und er liebt es, auf dem Turnier zu sein. Da ist er einfach glücklich. Er genießt die Aufmerksamkeit, die er dann von Nathalie, seiner Pflegerin, und mir bekommt. Abgesehen vom auf der Koppel stehen, gibt es für ihn nichts Schöneres, als wenn die Glocke läutet und wir einreiten dürfen. Wenn er die Glocke hört – ich kann gar nicht schnell genug zu X kommen. Er ist dann wirklich so: „Let’s Go!“ Das ist wirklich eine tolle Eigenschaft.


Und wie würdest du Dieudonné charakterisieren?


Ganz anders! Dieu ist noch ein kleines Mauerblümchen. Der wächst jetzt langsam in seine Rolle hinein. Manchmal hat er Momente, da weiß er noch gar nicht, wie toll er ist, weil er ein bisschen schüchtern ist. Er hat noch nicht so viel Erfahrung im Grand Prix-Bereich. Vor genau eineinhalb Jahren ist er seinen ersten nationalen Grand Prix gegangen. Und jetzt am Ende seiner ersten Saison in den Weltcup einzusteigen, ging für ihn schnell. Es funktionierte gut, aber dadurch fehlt ihm noch Erfahrung und Routine. Gleichzeitig hat er alle Möglichkeiten. Ich glaube, Dieu ist ein ganz besonderes Pferd, weil er drei fantastische Grundgangarten hat und mittlerweile auch weiß, wie er seinen Körper einzusetzen hat in Schlüsselsituationen wie Pirouetten und Piaffen. Natürlich haben wir genau wie wir Stärken haben, auch Schwächen, aber mit ihm muss man einfach am Turnier noch ein bisschen ankommen.


Wie alt war Dieu als er zu dir kam?


Er war achtjährig, aber noch nicht dementsprechend ausgebildet. Man konnte mit Ach und Krach einen fliegenden Wechsel reiten und durchs Genick reiten war schwierig. Wir haben von der Pike auf angefangen, also sehr spät, und das merkt man zum Teil heute noch. Bis er zu mir kam, ist er vielleicht zwei Dressurpferde-A und eine -L gelaufen. Er war zweimal weg. Die Pferde, die mit Turnieren groß werden, sind natürlich routinierter als einer, der mit acht Jahren erst damit anfängt.


Und wenn du jetzt über den Weltcup hinaus auf die Saison blickst, was hast du dir vorgenommen?


Natürlich muss man sagen Weltmeisterschaften im eigenen Land – ich glaube, kein deutscher Grand Prix-Reiter denkt da nicht dran. Allerdings fahre ich mit meinem Mindset immer ganz gut, wenn ich mir wirklich immer nur den nächsten Schritt vornehme und vor allem den Moment, in dem ich gerade bin. Ich kümmere mich nur um meine Pferde, ums Management, dass es denen gut geht, und um den nächsten Ritt, der dann ansteht. Dann zählt dieser Ritt und weiter denke ich eigentlich noch nicht. Aber ganz konkret steht der Sichtungsweg nach Texas an. Den werden wir gehen und dann sehen wir, wie es läuft.


Das Mindset entscheidet


Wie gehst du mit Druck um?


Druck existiert ja eigentlich gar nicht. Druck ist etwas Persönliches. Druck ist das, was man sich selber durch Gedanken macht, durch eine gewisse Erwartungshaltung an sich selbst – oder auch eine Erwartungshaltung von dritten an sich selbst, die man spürt, oder die man meint zu spüren. Das ist am Ende ein mentales Spiel. Wenn ich in der Lage bin, diesen Druck nicht existieren zu lassen – und wenn es nur die 30 Minuten in der Abreitehalle und in der Prüfung sind, dann kann ich auch fokussiert reiten. Aber wenn ich meinen Kopf gewinnen lasse, dem Druck nachgebe und nervös werde, Angst habe, dann reite ich auch unsauber. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber das habe ich schon in der U25 Tour lernen können. Mit drei verschiedenen Pferden Einzelmedaillen zu gewinnen, das formt natürlich auch. Es ist ja nicht so, dass wir vorher nur normale Turniere geritten sind, und auf einmal ging es los mit Weltcup. Das baute aufeinander auf.


Was war das wichtigste Learning in deiner Karriere?


Beispielsweise, als Camelot letztes Jahr nicht fit war, das war einschneidend. Dadurch habe ich sehr viel gelernt, was das Management und das Training angeht – dass das noch definierter, noch detaillierter, aber noch kürzer und prägnanter wird.

Allgemein denke ich wie schon erwähnt das Mentale, den Umgang mit Druck. Immer wenn ich wusste, ich sitze jetzt auf einem Pferd, mit dem reite ich bald eine Europameisterschaft oder einen Weltcup fing der Druck schon an – wenn du weißt, du arbeitest jetzt zum Championat, zum Weltcup hin. Sich davon nicht leiten zu lassen, sondern Herr seiner Gedanken und Emotionen zu sein, war ein wichtiges Learning.

Das ist aber generell wichtig beim Reiten. Egal bei welchem Pferd, ob drei- oder 13-jährig, ob L oder Grand Prix, das Einzige, was im Sattel nichts verloren hat, sind Emotionen – außer Freude. Man darf im Sattel nicht emotional sein, in keiner Hinsicht, außer man freut sich, wenn etwas geklappt hat. Man muss da ganz stupide bleiben, auch wenn es mal nicht läuft und man denkt: „Warum springt jetzt das junge Pferde den Wechsel nicht???“ Wenn man sich diese Frage so stellt, hat man schon verloren. Stattdessen muss man kurz Schritt gehen und sich überlegen, wie kann ich es machen? Denn wenn etwas nicht funktioniert, hat man als Ausbilder noch nicht den richtigen Ansatz gefunden, dass das Pferd einen versteht. Punkt. Dann muss ich überlegen, welchen Weg muss ich gehen, damit das Pferd mich versteht. Worauf ich hinaus will: Ich muss mich kontrollieren können. Denn wenn man sich selbst nicht kontrollieren kann, wie will man dann 600 Kilogramm unter sich kontrollieren? Wobei, kontrollieren klingt so hart. Wie will man emotionsgesteuert mit einem Lebewesen in Dialog treten, das einen nicht über Worte versteht? Wir treten ja über unseren Sitz und unsere Hilfengebung in den Dialog. Wenn man da emotional oder gestresst ist, dann verwischt der Sitz, dann leidet die Kommunikation und dann leidet das Reiten.


Die neue Selbstständigkeit


Seit Mai 2024 bist du selbstständig. Wie hat sich dein Leben, wie hat sich dein Alltag verändert seither?


Vehement – zum Besseren würde ich für mich sagen. Ich bin unheimlich zufrieden in der Selbstständigkeit, ich liebe es. Wir sind ein relativ kleines Team, zugleich ein großes Team für wenig Pferde. Wir sind fünf Leute für 16 Pferde, was natürlich ein sehr hoher Personalspiegel ist. Aber das ist der USP von unserem Stall: dass wir wirklich jedes Pferd so behandeln wollen, als wäre es die Nummer eins und nicht nur Camelot oder Dieu und die natürlich so nah wie möglich an der Natürlichkeit halten wollen.

Um auf die Frage nach dem Alltag zurückzukommen – gute Frage. Es war davor viel Arbeit, es ist jetzt viel Arbeit (lacht). Neu hinzugekommen ist die Büroarbeit, weil ich alles selbst mache und weil mir das auch wichtig war, dass ich einen Überblick bekomme. Wir sind eine GmbH und es war mir wichtig, dass ich das alles draufhabe. Dass ich viel im Büro sitze, ist neu und auch hier – ich habe meine Sachen dabei und sitze im LKW und arbeite. Der Stallalltag hat sich ansonsten nicht geändert. Ich habe ein sehr gutes und sehr erfahrenes Team an meiner Seite, mit dem ich auch schon in Aubenhausen zusammengearbeitet habe. Die sind damals mitgekommen und das war sehr schön! Denen kann ich natürlich auch blind vertrauen.


„So nah an der Natürlichkeit halten wie möglich“ – was bedeutet das konkret?


Das ist natürlich ein Satz, in den man viel reininterpretieren kann. Für uns heißt das: sehr viel Bewegung, Auslauf, gute Fütterung und individuelles Management. Dafür braucht man die Manpower, um die Pferde viermal am Tag rauszuholen.


Aber einen weiteren Reiter außer dir und Selina gibt es nicht?


Nein, wir reiten die 16 Pferde zu zweit. Ich reite meistens zwölf und Selina vier. Und Selina betreut unsere Kunden. Wir haben mehr Pferde zu reiten, als Leute, die Unterricht bekommen. Aber das gehört dazu. Wir wollen unser Wissen weitergeben und vermitteln, nicht nur an die Pferde, sondern auch an die Reiter. Ich tue es auch gerne, allerdings sitze ich noch lieber im Sattel und da muss man, glaube ich, Prioritäten setzen. Aber wie gesagt, ich möchte mein Wissen auch weitergeben und gebe deswegen auch Lehrgänge – sehr wenige, fünf im Jahr seit vier Jahren. Das hat sich gut bewährt, um das, was ich gelernt habe, was ich kann und wie ich mit meinen Pferden umgehe und umgehen möchte, zu streuen, so dass diese Philosophie bestenfalls von vielen weiteren auch aufgegriffen wird.


Zukunftspferde


Welches sind die Pferde, die hinter Camelot und Dieu hinterherkommen?


Ich bin dabei, mit eine, ich sage mal „Pipeline“ an Pferden aufzubauen. Momentan habe ich einen sehr, sehr guten Achtjährigen, der heißt Glamourdoc. Mit dem war ich letztes Jahr Vierter im Finale beim Bundeschampionat. Das ist glaube ich ein sehr spannendes Pferd. Der macht schon sehr schön Piaffe-Passage und springt schon sechs, sieben Einerwechsel. Den werde ich in aller Seelenruhe weiter ausbilden. Dann habe ich zwei sehr gute eigene Sechsjährige. Gerade haben wir ein sehr, sehr gutes jetzt fünfjähriges Nachwuchspferd zusammen mit Sponsoren gekauft. Und danach noch andere noch jüngere. Es baut sich auf. Aber ich denke, Glamourdoc ist der nächste.


Das ist ein Glamourdale, oder?


Ja, Glamourdale mal Millennium.


Gibt es eine Abstammung, die die bevorzugst? Oder auch eine, an die du gar nicht rangehst?


Man kann auf dem Papier nicht reiten. Das Pferd ist es. Was man natürlich schon merkt, wenn man neue Pferde bekommt, spürt man inzwischen schon, was das für einer ist, bevor man es überhaupt weiß. Ich bin jetzt ich weiß nicht wie viele Hunderte Pferde schon geritten, einfach durch die Anstellung bei Familie Werndl und davor bin auch schon acht, neun Pferde pro Tag geritten. Da sammelt sich einiges an. Und wenn man erstmal vier, fünf Pferde von einem Hengst geritten ist und dann kommt wieder einer, dann merkt man das.  


Wer im Sattel sitzen will wie Netz …


Jonny Hilberath hat mal gesagt „Raphi im Sattel ist wie eine Kommandozentrale“, weil du so einen guten Sitz hast, aus dem heraus du so präzise Hilfen gibst. Hast du einen Tipp zum Nachreiten?


(Die Frage ist noch nicht zu Ende gestellt, da kommt es wie aus der Pistole geschossen) Ohne Bügel reiten!!! Ein Pferd am Tag wird bei mir ohne Bügel geritten. Ich habe das in der letzten Zeit etwas schleifen lassen, weil ich mich verletzt hatte. Ich hatte einen Muskelfaserriss – übrigens durchs ohne Bügel reiten. Das Pferd hat gebockt, ich habe die Knie zugemacht, um nicht herunterzufallen. Bin ich auch nicht, aber es hat einmal gekracht. Es war zum Glück nicht so schlimm, ich musste keine Reitpause einlegen. Es war nur eine Woche ein bisschen schmerzhaft. Trotzdem sage ich: Ohne Bügel reiten ist das Beste, was man machen kann!




Über Raphael Netz


Seit knapp zwei Jahren ist Raphael Netz selbstständig. Zusammen mit seiner Partnerin, der ebenfalls in der U25-Tour erfolgreichen Selina Söder, hat er sich auf dem Gut Weiglschwaig in Moosburg an der Isar eine Existenz aufgebaut.


Schon als kleines Kind war Raphael Netz pferdeverrückt. Als er neun war, ließen seine nicht pferdeaffinen Eltern sich erweichen – Netz bekam ein eigenes Pferd, einen Haflinger namens Aki. Der Haken an der Sache: Aki war erst drei Jahre alt und noch nicht eingeritten. Das war aber kein Problem für die beiden. Sie wurden gemeinsam groß. Als Netz 13 und Aki sieben war, traten sie gemeinsam in ihrem ersten Prix St. Georges an. Bis etwa zur Klasse L hatte Netz noch eine Trainerin, die ihm helfen konnte. Den Rest hat er sich durch Zuschauen beim Pfingstturnier in seiner Heimatstadt Wiesbaden und durch Videos abgeschaut. Eine unkonventionelle Karriere also.


Als Netz 17 Jahre alt war, sah Jessica von Bredow-Werndl ein Video des Teenagers auf Social Media und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, in Aubenhausen Bereiter zu werden. Das konnte Netz und so war er dort gut acht Jahre lang tätig. Hier hat er einen Gutteil seines Rüstzeug für die Pferdeausbildung bis Grand Prix mit auf den Weg bekommen. In dieser Zeit hat ermit drei verschiedenen Pferden U25-EM Medaillen gesammelt und wurden mit zweien Europameister: Lacoste, Elastico und zuletzt Ferdinand BB, den er als Schwangerschaftsvertretung für Jessica von Bredow-Werndl eine Saison lang vorstellen durfte. Sechs EM-Goldmedaillen gehen auf Netz‘ Konto.


Texas wird nun sein zweiter Weltcup-Auftritt nach Riad 2024, wo er mit Camelot Fünfter im Finale war.


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