Klare Worte vom Springkomitee
Niklas Jonsson, bis Januar 2026 Vorsitzender des schwedischen Springkomitees. Foto: kimc.nu/Kim Lundin
Der Ton des Schreibens war ungewöhnlich scharf. Es warnte vor einer Entwicklung hin zu einer zunehmend zentralisierten, von oben nach unten gerichteten Führung, bei der abweichende Fachmeinungen an den Rand gedrängt, statt integriert würden.
Es geht nicht mehr in erster Linie um Turnierstarts von Kindern, sondern darum, wie Macht innerhalb eines mitgliederbasierten Verbandes ausgeübt wird.
Die Vorsitzende des schwedischen Verbandes, Sandra Ruuda, hat seitdem argumentiert, dass diese Darstellung des Tatbestands mehrere sachliche Fehler enthielte. Sie lehnt es jedoch ab, Punkt für Punkt den Gegenbeweis anzutreten, und erklärte, dass gesamte Verfahren folge den gemeinsamen Werten und dem Verhaltenskodex des Verbandes.
Opposition an der Basis
Eine Reihe regionaler Reitsportverbände innerhalb des SvRF sollen formelle Briefe verschickt haben, in denen sie sowohl die U13-Entscheidung als auch das dahinterstehende Verfahren kritisieren. Stimmen aus den Regionen und Bezirken gehen sogar so weit, eine außerordentliche Generalversammlung zu fordern.
Obwohl regionale Meinungsverschiedenheiten an sich nichts Ungewöhnliches sind, kommt es auf den Zeitpunkt an. Innerhalb von nur vier Tagen kam es gleichzeitig auf Experten-, Fach- und regionaler Ebene zu Widerstand. Diese zeitliche Übereinstimmung verwandelte eine umstrittene Regel in eine umfassende Verbandskrise.
Warum Altersgrenzen nicht so einfach sind, wie sie klingen
Für internationale Beobachter mag die schwedische Debatte schwer nachzuvollziehen sein. Ein Großteil der Aufregung rührt daher, dass die Altersregelungen im Pferdesport ohnehin schon komplex und stark differenziert sind.
- Auf internationaler Ebene erlaubt die Fédération Equestre Internationale (FEI) Reitern, je nach Disziplin und Klasse, in der Regel bis zum Alter von 16 Jahren auf Ponys anzutreten. Der Ponysport ist als eigenständige Hochleistungssportart anerkannt und nicht nur als Vorstufe für den Sport auf Großpferden.
- Schweden war auf nationaler Ebene in der Vergangenheit toleranter als die FEI und erlaubte Reitern, bis zum Alter von 20 Jahren auf Ponys anzutreten, was durch strenge Ponygrößenkategorien und Regeln (s.u.) für die Reiterinnen/Pony-Paare ausgeglichen wurde. Dieses System hatte das Ziel, eine schrittweise Entwicklung zu ermöglichen und zu vermeiden, dass junge Reiter vorzeitig auf Pferde gesetzt werden.
- Die Vielseitigkeit funktioniert in Schweden bereits nach einem differenzierten Altersmodell, das vor einigen Jahren entsprechend den Empfehlungen des Dachverbands Riksidrottsförbundet aus dem Jahr 2007 angepasst wurde: Reiter bis 13 Jahre treten in angepassten Klassen an, während diejenigen im Alter von 14 bis 20 Jahren eine separate Kategorie bilden. Diese Struktur besteht seit Jahren ohne größere Kontroversen und wird oft als Beispiel für eine altersgerechte Entwicklung angeführt.
Der aktuelle Konflikt dreht sich daher nicht darum, ob Kinder geschützt werden sollten. Es geht darum, wie Schutz definiert wird, wie schnell Regeln geändert werden und ob disziplinspezifische Realitäten berücksichtigt werden.
Geld wird nicht öffentlich diskutiert
Ein Thema, das in den vielen Debatten in sozialen Medien und anderswo fast völlig unberührt bleibt, ist die Tatsache, dass es auch um Geld geht. Mehrere Beobachter weisen darauf hin, dass für viele der lautstärksten und aktivsten Gegner ein Teil ihres Lebensunterhalts auf dem Spiel steht, wenn es um die Entscheidung für die Unter-13-Jährigen geht. Der Kauf und Verkauf von Ponys, das Training kleiner Kinder und die Unterstützung der Eltern bei der Suche nach dem „richtigen Partner” auf vier Beinen ist ein lukratives Geschäftsfeld. In einer Zeit, in der selbst kleine Ponys, schwedische B-Ponys, für 40.000 bis 100.000 Euro verkauft werden, wenn sie die richtige Einstellung, das richtige Alter und die richtigen Möglichkeiten mitbringen, steht viel auf dem Spiel.
Kinder werden Druck ausgesetzt
Die hohen Kosten für die Anschaffung eines Turnierponys setzen die Kinder unweigerlich unter Druck, gute Leistungen zu erbringen, um die Investition der Familie nicht zu entwerten. Die meisten Menschen würden wohl zustimmen, dass ein solcher Druck auf Kinder unter 13 Jahren nicht gerade ideal ist. Und was noch wichtiger ist: Die vorgeschlagenen Regeländerungen schließen Kinder unter 13 Jahren nicht generell von Turnierstarts aus, wohl aber in nationalen Ligen und Meisterschaften in dieser Altersklasse.
Sandra Ruuda: Reformorientierte Vorsitzende in einem gespaltenen Verband
Im Zentrum des Sturms steht Sandra Ruuda, seit Mai 2023 Vorsitzende des SvRF. Ruuda schrieb Geschichte als erste Frau an der Spitze des Verbandes in dessen 111-jähriger Geschichte. Ihr Hintergrund unterscheidet sich von dem vieler ihrer Vorgänger. Sie ist vor allem als geschäftsorientierte Führungskraft mit umfangreicher Erfahrung in den Bereichen Organisationsentwicklung und Führungsberatung bekannt. Früher leitete sie eine Reitschule und hatte gewählte Ämter auf Vereins-, Bezirks- und nationaler Ebene inne. Mit anderen Worten: Aus organisatorischer Sicht und auch was den Bereich „Good Governance“ anbelagt, entspricht Ruudas Hintergrund genau dem Anforderungsprofil einer Präsidentin. Sie ist weder ein Leichtgewicht, noch eine Opportunistin. Auch kein Emporkömmling, ganz im Gegenteil.
Ein Bild aus besseren Zeiten: Sandra Ruuda, Präsidentin des schwedischen Reiterverbandes und Generalsekretär Johan Fyrberg geben sich auf einer Gala die Ehre. Mittlerweile ist Fyrberg überraschend zurückgetreten. Foto: kimc.nu/Kim Lundin
Sie ist nach wie vor eng mit dem täglichen Reitsportleben verbunden, reitet regelmäßig und verbringt einen Großteil ihrer Zeit als „Pony-Elternteil” im Stall. Von Anfang an hat Ruuda Werte, wie Sicherheit und Tierwohl als Leitprinzipien betont, neben dem Ziel, die Führungsstrukturen zu modernisieren und Entscheidungsprozesse transparenter zu machen.
Verband beharrt auf Neuregelung
In einem am 14. Januar 2026 veröffentlichten Interview beschrieb Ruuda den sofortigen Rücktritt von Johan Fyrberg als unspektakulär und einvernehmlich und erklärte, dass Gespräche über seine Entlassung bereits weit vor Weihnachten stattgefunden hätten. Sie betonte, dass die Ernennung eines Interims-Generalsekretärs dazu diene, Kontinuität zu gewährleisten.
Auch hinsichtlich des Inhalts der Entscheidung für die Altersklasse unter 13 Jahren äußerte sie sich unmissverständlich und erklärte, dass sie weiterhin volles Vertrauen in die eingeschlagene Vorgehensweise habe, auch wenn sich die Debatte nun auf Fragen des Verfahrens verlagert habe.
Ruudas Führungsstil wird auch durch ihre internationale Rolle geprägt. Im Oktober 2025 wurde sie für vier Jahre in den Vorstand der Europäischen Reitsportföderation (EEF) gewählt. Die EEF arbeitet eng mit der FEI zusammen und spielt eine wichtige Rolle bei der Abstimmung der europäischen Verbände in Fragen der Governance und Entwicklungspolitik.
Befürworter sehen darin eine Stärkung des internationalen Einflusses Schwedens. Kritiker argumentieren, dass dadurch die Gefahr bestehe, externe Rahmenbedingungen gegenüber nationalen Gegebenheiten zu priorisieren. So oder so, Ruudas Führungsstil wird nun nicht nur im Inland, sondern auch in einem breiteren europäischen Kontext beurteilt.
Wenn man auf die vielen hitzigen Kontroversen und schwierigen Beziehungen ihres Amtsvorgängers Ulf Brömster zu den Medien zurückblickt, wird deutlich, dass die gegen ihn gerichtete Kritik im Vergleich zu den verbalen Angriffen, denen Ruuda online ausgesetzt ist, nur ein laues Lüftchen war.
Konflikt schwelt weiter
Die U13-Entscheidung wurde nicht zurückgenommen. Der Verband hält sie aus langfristiger Sicht für notwendig und richtig, um das Wohl der Kinder zu gewährleisten. Kritiker argumentieren, dass es dem Prozess an Transparenz, Analyse und Einbeziehung von Fachleuten mangelte und dass die Folgen nicht angemessen bewertet wurden.
Klar ist, dass es bei der Kontroverse mittlerweile um weit mehr als nur eine Altersgrenze geht. Sie hat Spannungen zwischen Fachkompetenz und Verbands-Autorität, zwischen symbolischer Politik und praktischer Umsetzung sowie zwischen Reformambitionen und institutionellem Vertrauen offenbart.
Für den schwedischen Pferdesport stellt sich nicht mehr nur die Frage, wie Kinder an Turnieren teilnehmen sollen, sondern auch, wie Entscheidungen, die die Zukunft des Sports prägen, getroffen, begründet und im Regelwerk verankert werden.
Diese Frage bleibt offen.
Pony-Sport und Altersregeln für Reiter in Schweden
Pony-Größenklassen (Schweden)
Schweden (SvRF) Pony-Größenklassen (A–D), gemessen am Widerrist:
- Kategorie A: ≤ 107 cm
- Kategorie B: > 107 cm bis ≤ 130 cm
- Kategorie C: > 130 cm bis ≤ 140 cm
- Kategorie D: > 140 cm bis ≤ 148 cm
FEI
Die FEI definiert ein Pony als maximal 148 cm ohne Hufeisen / 149 cm mit Hufeisen (abgerundet gemäß den FEI-Messregeln).
In Schweden durften Reiter bisher auf Ponys bis zu einem Alter von 20 Jahren an Wettkämpfen teilnehmen, sofern diese innerhalb der entsprechenden Ponygrößenkategorie blieben. Dies ist liberaler als die internationalen FEI-Regeln.
Offizielle Altersregeln – Schwedischer Reitsportverband (SvRF TR I 2025)
Mindestalter der Reiter
Reiter dürfen ab dem Kalenderjahr, in dem sie 8 Jahre alt werden, an Wettbewerben teilnehmen.
Reiterkategorien
SvRF definiert Alterskategorien, die für alle Disziplinen gelten (auf Kalenderjahrbasis):
- Kinder: Reiter im Alter von 12 bis 14 Jahren
- Junioren: bis 18 Jahre
- Junge Reiter: 16 bis 21 Jahre
- Senioren: ab 19 Jahren (Voltigieren ab 16 Jahren)
- U25: 16–25 Jahre
Altersgrenzen für Ponyreiter
SvRF hat spezifische Altersgrenzen für Pony-Wettkampfkategorien (Kalenderjahresregel):
- A- und B-Ponnyryttare (kleine/mittlere Ponys): bis einschließlich des Kalenderjahres, in dem der Reiter 13 Jahre alt wird (d. h. nach diesem Jahr sind die Reiter nicht mehr teilnahmeberechtigt).
- C- und D-Ponnyryttare (große Ponys): bis einschließlich des Kalenderjahres, in dem der Reiter 20 Jahre alt wird.
- Reiter, die diese Altersgrenzen für Ponys gerade überschritten haben, können unter bestimmten Regeln manchmal noch als „överårig” (überaltert) in Ponyklassen antreten.
Definitionen der Ponygröße
Ponys sind definiert als Pferde mit einer Größe von bis zu 148 cm mit Hufeisen, aber die in schwedischen Wettbewerben verwendete A-B-C-D-Klassifizierung folgt den Ponyregeln der SvRF.
Wie dies mit der Kontroverse um die Altersgrenze von 13 Jahren zusammenhängt
Nach den aktuellen TR-Regeln scheiden Reiter auf A- und B-Ponys nach dem Jahr, in dem sie 13 Jahre alt werden, automatisch aus den Ponyklassen aus. Reiter auf C- und D-Ponys können bis zum Alter von 20 Jahren auf nationaler Ebene antreten, sogar in höheren Klassen.
Die neue Elite-Wettkampfregel der SvRF geht über diese TR-Alterskategorien hinaus: Von 2027 bis 2029 dürfen Reiter unter 13 Jahren unabhängig von der Ponykategorie nicht an Elite-Turnieren, nationalen Meisterschaften oder landesweiten Serien teilnehmen. Wobei hier detaillierte Regeln für landesweite Serien auf niedrigerer Ebene noch diskutiert und festgelegt werden müssen.
Das bedeutet, dass es in der Debatte nicht nur um die Grundregeln geht, sondern darum, wie eine zusätzliche Altersgrenze von 13 Jahren für Elite-Turniere die bestehende Struktur überlagert – eine Maßnahme, die Springreiter besonders hart trifft, da Reiter derzeit schon weit vor ihrem 13. Lebensjahr auf hohem Niveau auf C-Ponys antreten können.