Satchmo

Ein Bild, das mehr sagt als 1000 Worte: Isabell Werth und Satchmo nach dem Grand Prix Special bei den Weltreiterspielen 2006 in Aachen. Foto: Toffi-images.de
- Name: Satchmo
- Geschlecht: Männlich
- Jahrgang: 1994
- Rasse: Hannover
- Vater: Sao Paulo
- Muttervater: Legat
- Züchter: Albert Kampert
- Größte Erfolge: Doppelweltmeister 2006, zweimal EM-Gold, dreimal EM-Silber, Mannschaftsolympiasieger und Einzel-Silbermedaillengewinner in Hongkong 2008
Satchmo war das Pferd, das Isabell Werth beflügelte – in mehrfacher Hinsicht. Als er gerade angeritten in den Stall Schulten-Baumer kam, vor allem im wörtlichen Sinne, denn der der kleine Flummi mit dem überschäumenden Temperament und der Abstammung, mit der er auch im Parcours hätte Karriere machen können, war hervorragend darin, seine Reiter herunterzubocken.
Entdeckt wurde Satchmo von Isabell Werths langjährigem Mentor Dr. Uwe Schulten-Baumer beim Hannoveraner Hengstmarkt. Als nicht gekörter Hengst war er mit damals 70.000 Mark recht teuer. Unter anderem war es Paul Schockemöhle, der bei der Auktion gegen „den Doktor“ bot, ihm aber dann doch den Vortritt ließ. So gelangte Satchmo nach Rheinberg. Angeritten wurde er bei der Familie Baumgart, die laut Isabell Werth recht zügig darum bat, den charakterstarken Sao Paulo-Sohn kastrieren zu dürfen. Als Isabell Werth ihn sechs Monate später unter den Sattel bekam, war er bereits Wallach. Doch auch ohne seine ganze Männlichkeit war Satchmo immer noch eine Herausforderung.
„Dann fing das Fliegen an“, erinnert sich Isabell Werth in ihrem Buch „Was für ein Mensch ist mein Pferd?“ an die Anfänge mit Satchmo. Von keinem Pferd sei sie häufiger heruntergefallen als von Satchmo. Aber diese Elastizität war es es eben auch, die Satchmo zu so einem außergewöhnlichen Dressurpferd machte. Er lernte rasant schnell. Neunjährig war er Grand Prix-fertig und bereit für sein erstes Championat, die EM 2003 in Hickstead.
Drama in Warendorf
Im Vorfeld der EM trafen sich die benannten Paare am Bundesstützpunkt in Warendorf zum Trainingslager. Hier passierte das, was Isabell Werth in der Rückschau für die vielen schwierigen Momente mit Satchmo verantwortlich macht, die ihr manche schlaflose Nacht beschert haben.
In der Waschbox rutschte Satchmo aus und geriet mit einem Hinterbein in eine Spalte am Boden. Beim Herausziehen zog er sich Verletzungen zu, die getackert werden mussten. Da die Verletzung jedoch nur oberflächlich waren, sich nichts entzündete und Satchmo auch lahmfrei ging, reiste er trotz dieses Vorfalls mit nach Hickstead, wurde nur Schritt geführt, konnte aber aus tierärztlicher Sicht bedenkenlos an den Start gebracht werden. Körperlich mag ihm nichts gefehlt haben. Doch Isabell Werth ist überzeugt, er habe damals einen „psychischen Knacks“ davongetragen. In der Rückschau sei der Start ein großer Fehler gewesen.
Die „Satchmo-Kurve“
In Hickstead begann das, was Werth fünf Jahre später die olympische Goldmedaille kosten sollte: Beim Abwenden in der Passage auf dem Weg zur Piaffe blockierte Satchmo und weigerte sich, weiterzugehen. Das habe sich zunehmend „in Richtung Panikattacken“ entwickelt, wie Isabell Werth es heute beschreibt. Als Ursache dafür macht sie die Kästen verantwortlich, die in Hickstead als Schutz für die Bildschirme vorgesehen waren, auf denen die Zuschauer die Noten ablesen konnten. Die waren an der langen Seite des Vierecks platziert und Werth ist überzeugt, diese hätten Satchmo an die Waschbox erinnert, in der er sich verletzt hatte.
Alle Versuche, Satchmo seine Angst zu nehmen, scheiterten. Man kann es sich leicht vorstellen, dass mit der Zeit nicht nur er panisch wurde, wenn es in Richtung Piaffe ging, sondern seine Reiterin auch. Eine Lösung war nicht in Sicht. Ob es doch etwas Medizinisches sein könnte?
Schwimmende Membranen
Einen Versuch war es zumindest wert. Satchmo wurde in der Tierklinik Hochmoor untersucht. Tatsächlich hatte er einen Befund an den Augen: Schlieren, sogenannte schwimmende Membranen, die eigentlich ein durchaus üblicher degenerativer Prozess bei vielen Pferden sind und keine Probleme verursachen. Eigentlich. Denn bei Satchmo waren sie wohl die Ursache für seine Ausfälle. Jedenfalls verschwanden diese für lange Zeit, nachdem besagte Schlieren operativ entfernt worden waren.
In der gleichen Saison gewann Satchmo die Weltcup-Qualifikation in Stuttgart mit Rekordnoten. Er war wieder da. Und Stuttgart sollte nur der Anfang sein.
WM 2006
Es gibt Ritte, die vergisst man auch dann nicht, wenn man nicht selbst im Sattel saß, sondern nur Zuschauer war. Einer davon war Satchmos Grand Prix Special bei den Weltreiterspielen in Aachen 2006. Für dieses besondere Turnier hatten die Aachener das Dressurviereck ins große Stadion verlegt. Eigentlich hatte Warum nicht Isabell Werths WM-Pferd sein sollen. Doch der hatte kurzfristig einen gelben Schein eingereicht. Damit schlug die große Stunde für seinen Stallkollegen, der gerade erst nach seiner Augen-OP in den Sport zurückgekehrt war.
Es passiert nicht oft, dass ein Ritt die Menschen zu Tränen rührt. Doch dies war so einer. Satchmo tanzte in der ihm eigenen Geschmeidigkeit mit einer Eleganz und leichtfüßigen Lässigkeit durch den Grand Prix Special, dass es einem den Atem verschlug. Es war die Vorstellung seines Lebens und vermutlich auch einer der Ritte, den Isabell Werth selbst nie vergessen wird.
Heute wirkt es beinahe so, als würde manch ein Reiter nach seinem Ritt triumphierend die Faust ballen, um den Richtern noch einmal ein Signal zu geben. Damals war das eine absolute Ausnahme. Aber nach diesem Ritt hatte Werth wirklich Grund dazu. Es war ein Triumph für Satchmo und für sie. Die Bestätigung, dass die vielen durchwachten Nächte, in denen sie versucht hat zu verstehen, worin Satchmos Schwierigkeiten liegen, sich gelohnt haben. Sie strahlte, winkte, freute sich. Satchmos Pflegerin, die das hin und her um das Supertalent jahrelang hautnah miterlebt hat, war hingegen tränenüberströmt. Mit diesem Ritt wurden Werth und Satchmo Weltmeister.
Ein Jahr später holten die beiden sich den Europameister-Titel im Grand Prix Special. In der Kür mussten sie sich jeweils Anky van Grunsven und Salinero geschlagen geben. Es war ziemlich klar, wer 2008 als Favoriten auf die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Hongkong gehandelt wurde. Eigentlich waren es nur Salinero und van Grunsven, die Satchmo und Werth den Sieg streitig machen konnten. Doch am Ende war es nicht das Paar aus den Niederlanden, das Satchmo den einzigen Titel kostete, den er in seiner Karriere nicht gewinnen konnte. Es war sein altes Trauma.
Flashback in Hongkong
Am Abreiteplatz in Hongkong war eine große Leinwand aufgebaut, auf der die Ritte der vergangenen Olympischen Spiele in Athen gezeigt wurden. Was wohl dazu gedacht war, die Anwesenden in Stimmung zu bringen, versetzte Satchmo in Angst und Schrecken als ein überlebensgroß herangezoomter Weltall unter Martin Schaudt direkt auf ihn zugaloppierte. Er sei sofort gestiegen, habe kehrt machen wollen und sei dabei fast gestürzt, erinnert sich Isabell Werth in ihrem Buch. Im Grand Prix war von dem Schreck noch nichts zu merken. Satchmo lieferte eine wunderbare Prüfung ab, gewann und trug damit den Löwenanteil an der deutschen Mannschaftsgoldmedaille.
Doch sowohl im Special als auch in der Kür meldeten sich die alten Dämonen wieder. Aus Zuschauersicht kam dieses Déjà-Vu vollkommen aus dem Off. Satchmo und Werth schienen ganz klar auf Goldkurs zu sein, bis der Wallach vor der Piaffe wieder „aufbockte“, blockierte und die Zeit für einen Moment stillzustehen schien. Dann begannen die Uhren wieder zu ticken. Satchmo machte weiter, als sei nichts gewesen und tanzte zu Silber – trotz dieser Aussetzer. Es war klar, wäre das nicht passiert, hätte Salinero keine Chance gegen ihn gehabt.
Abschied und Ende
2009 und 2010 feierte Satchmo noch einige schöne Erfolge. 2011 verabschiedete Isabell Werth ihn dort aus dem Sport, wo seine Karriere sozusagen zum zweiten Mal begonnen hatte – in der Stuttgarter Schleyer-Halle, wo er sechs Jahre zuvor zum ersten Mal einen neuen Weltrekord aufstellte und nach zwei schwierigen Jahren allen Kritikern zeigte, dass seine Zeit erst noch kommen wird.
Wie die meisten von Werths ehemaligen Turnierpferden verbrachte Satchmo seine Rente in Rheinberg auf der Weide, Seite an Seite mit seiner Ponyfreundin Kelly. Er wurde 28 Jahre alt.