
Scott Brash und das vierbeinige Supertalent Hello Folie, das dem Briten bei der EM in La Coruña zwei Silbermedaillen bescherte. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Scott Brash gehört zu den Reitern, bei denen man gerne Pferd wäre – gefühlvoll einwirkend, immer im Gleichgewicht und im besten Sinne unaufgeregt im Sattel. Seine Coolness behält Brash auch dann noch, wenn es ums Ganze geht. Der Brite ist der erste und einzige Springreiter, dem es je gelungen ist, den Rolex Grand Slam of Showjumping auf seine Fahnen zu schreiben. Der Weg zu diesem mit 1,5 Millionen Euro dotierten Jackpot der Springreiter ist schnell erklärt: Man muss die drei größten Großen Preise des Springsports in Folge gewinnen, die von Aachen, Spruce Meadows und Genf. Spätestens jetzt ist klar, warum dies bislang nur Brash gelang und was dieser Mann für Nerven haben muss. 2014 triumphierte er im Palexpo beim CHI Genf. 2015 hatte er in Aachen die Nase vorn, verzichtete auf einen Start bei der EM (was nicht jeder nachvollziehen konnte), um dann in Spruce Meadows Springsportgeschichte zu schreiben, als es ihm tatsächlich gelang, den 1,5 Millionen-Jackpot zu knacken. Das alles mit einem Pferd: Hello Sanctos. Der genießt längst seine Rente mit Brashs Jungpferden daheim in West Sussex auf der Weide. Sein Reiter jettet weiter um die Welt, erfolgreich wie eh und je. Dabei hat ihm sein Rolex-Millionen-Coup geholfen.
Denn bis dato residierte Brash noch in Schottland und musste mit dem Transporter erst einmal zehn Stunden von Norden nach Süden die britische Insel durchqueren, ehe er und seine Pferde für Turniere aufs europäische Festland gelangen konnten. Doch von dem Geld hat Brash eine Anlage an der Südküste erworben und nun es ist nur noch ein Katzensprung über den Kanal. Brashs Betrieb ist nicht groß. Er sagt, sieben Turnierpferde seien für ihn die optimale Anzahl, damit er jedem einzelnen genügend Zeit widmen kann, denn „je mehr Zeit man mit den Pferden verbringt, desto mehr Bindung und Zugang bekommt man mit jedem Pferd“, so der zweifache Mannschaftsolympiasieger.
Dabei geht es Brash nicht nur darum, dass er gemerkt hat, dass die Pferde bereit sind, alles für ihre Reiter zu geben, wenn sie sich geliebt fühlen und mögen, was sie tun. Er hat für sich festgestellt: „Wenn man abends in den Stall geht und die Pferde sieht, einfach sie zu sehen und Zeit mit ihnen zu verbringen, das ist es immer wieder, was einen zu den Anfängen zurückführt, dahin, warum wir das eigentlich machen: Es ist die Liebe zu den Pferden.“
Die entdeckte Brash schon als kleiner Junge. Sein Vater war Jockey. Später die Familie nach Schottland. Scott hat noch eine Schwester, Lea. Der Vater war im Baugewerbe tätig, die Familie hatte einen kleinen Hof. Als Scott Brash sieben war, kaufte der Vater ihm und seiner Schwester ein Pony, das sie sich teilen mussten. Später bekam jeder sein eigenes Pony und es begann die typische britische Ponyclub-Karriere. Klar, als Junge habe er sich auch für Fußball interessiert, sagt Brash, und wäre er nicht Profi-Reiter geworden, wäre er vielleicht Fußballer oder in irgendeinem anderen Sport beruflich unterwegs, sagte Brash einmal in einem Interview mit dem kanadischen Magazin Horse Sport. Aber als er die Weltcup-Finals im Fernsehen verfolgte und John Whitaker mit Milton sah und Rodrigo Pessoa mit Baloubet, sei ihm klar geworden: So wollte er auch sein! „Ich wusste, dass es quasi aussichtslos ist, das zu schaffen“, gab er in dem Interview zu. „Aber glücklicherweise wollte ich die Dinge immer besser machen.“
Brash machte ernst. Mit 17 verließ er die Schule und ritt Pferde für andere Leute. Später baute er sich auf dem elterlichen Hof einen eigenen Stall auf. Anfangs sei es schwierig gewesen. Aber als sich die ersten Erfolge einstellten und er sich einen Namen zu machen begann, bekam er auch die besseren Pferde zu reiten. Und dann lernte er Lord und Lady Harris und Lord und Lady Kirkham kennen, die Menschen, denen noch heute fast alle seine (Hello-) Pferde gehören und mit denen seine Karriere in Lichtgeschwindigkeit Fahrt aufnahm.
2011 gewann der damals 26-jährige Brash, der im Jahr zuvor sein Championatsdebüt bei den Weltreiterspielen in Kentucky gegeben hatte, auf einem Pferd namens Bon Ami eine Qualifikation für das Weltcup-Springen in Toronto, Kanada. Wieder daheim erreichte ihn ein Telefonanruf. Am anderen Ende: das Ehepaar Harris. Sie erklärten Brash, sie hätten einen Traum: eine olympische Goldmedaille bei den Spielen in London 2012. Sie fragten Brash nach seinen Zielen. Er sagte: Die Nummer eins der Welt zu werden. Das passte. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, zu der auch Lady Kirkham gehört (Brash: „Sie sind wie Familie!“).
Brash hat seine Seite der Abmachung erfüllt. 2012 gab es Mannschaftsgold bei den Olympischen Spielen in London und Platz fünf in der Einzelwertung. 2024 wurde es noch eine olympische Goldmedaille, erneut mit dem Team. Hinzu kommt die Bronzemedaille für GBR bei den Weltmeisterschaften in Herning 2022, Mannschaftsgold und Einzelbronze bei der EM 2013, EM-Teambronze 2019 und zuletzt zweimal Silber bei der EM in La Coruña, alles mit „Hello-Pferden“. Und die Geschichte ist noch lange nicht auserzählt.
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