Dressur: Grand Prix ab 2027 mit Zügel-aus-.der-Hand-kauen-lassen – Stimmen von internationalen Reitern, Trainern und Richtern.
Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen im Grand Prix – Stimmen der Dressurwelt
Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen ist ab 2027 Bestandteil internationaler Grand Prix-Prüfungen, aber auch in den Klassen darunter wird diese Überprüfung der Durchlässigkeit zukünftig in Dressuraufgaben abgefragt. Foto: sportfotos-lafrentz.de Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen? Eigentlich ist das ein „Tool“, ein Werkzeug, das fester Bestandteil ist für alle, die ein Pferd reiten. Etwas, das allen im Sattel eigentlich in Fleisch und Blut übergegangen ist. Eine Komponente im täglichen Training so selbstverständlich wie Sattel und Trense. Egal, ob ein Pferd jung oder alt, im Parcours oder im Dressurviereck unterwegs ist. Alle sollten die Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen können. Ab 2027 wird Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen auf einem Zirkel als Lektion Bestandteil der Grand Prix-Aufgabe sein. Es folgt auf die Galopptour im versammelten Trab und kann im Aussitzen oder Leichttraben ausgeführt werden. Die Entscheidung beschäftigt die internati0nale Dressurszene. Und wie alles, was im Spitzensport geschieht, wird es Auswirkungen bis in die Prüfungen haben, die nicht international, sondern lokal von Bedeutung sind. Früher oder später.

(Fast) alle befürworten das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen
Wen man auch fragt, alle betonen die Bedeutung der Lektion. Wobei man einigen anhört, dass „Lektion“ sich irgendwie falsch anfühlt. Das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen ist eher eine Selbstverständlichkeit im Trainingsablauf. Keine Lektion, die auf einer gewissen Strecke zwischen zwei Buchstaben ausgeführt wird und entsprechend „trainiert“, sprich „geübt“ wird.
Eine, die dafür nichts üben muss, ist Dorothee Schneider. Die Team-Olympiasiegerin und Reitmeisterin: „Ich finde das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen im neuen Grand Prix sehr sinnvoll und ich freue mich außerordentlich darauf.“ Ins dasselbe Horn stößt auch Uta Gräf, Ausbilderin vieler Grand Prix-Pferde: „Ich glaube, es ist ein weiterer Schritt in Richtung feines, lockeres Reiten, auch im Grand Prix , was ja das Ausbildungsziel sein soll.“ Außerdem, so die Pfälzerin, würde es dann „zuhause an Normalität gewinnen, Pferde zwischenzeitlich ein bisschen länger zu lassen, bis zum Zügel-aus-der-Hand-kauen, man sie dann wieder aufnimmt und direkt weiter Lektionen reitet.“
Für den WM-Vierten von 2022, Benjamin Werndl, ist die Übung „ein elementarer Bestandteil der Ausbildung. So beginnen wir unser Training, machen es zwischendrin und beenden wir das Training auch.“

Foto: sportfotos-lafrentz.de
„Objektiver Gradmesser für Qualität der Ausbildung“
Auch auf dem Hof von Familie Balkenhol vergeht kein Training ohne Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen. Für Olympiareiterin Anabel Balkenhol steht fest: „Diese Lektion macht unmittelbar sichtbar, ob ein Pferd tatsächlich durchlässig, losgelassen und vertrauensvoll ausgebildet ist. Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen ist ein klarer und objektiver Gradmesser für die Qualität der Ausbildung – denn echte Durchlässigkeit beweist sich nicht nur in höchster Versammlung, sondern ebenso in der Fähigkeit des Pferdes, sich vertrauensvoll an die Hand zu dehnen und über den Rücken zu arbeiten.“
„Geübt wird, was geprüft wird“
Die weit überwiegende Zahl der Stimmen ist positiv, auch aus der Richterschaft und seitens der Trainer (s.u.). Einigkeit herrscht darin, dass zuhause „geübt wird, was geprüft wird“. Und so geht mit der zum 1. Januar 2027 geltenden Änderung auch bei manch einem die Hoffnung einher, dass dieses vermehrte Üben sich insgesamt positiv auf den Sport auswirken wird. Olympiarichter Henning Lehrmann, bei der Deutschen Richtervereinigung (DRV) für den Bereich Dressur zuständig, spricht von einer sehr sinnvollen Übung. „Und was geprüft wird, wird auch geübt, insofern wird es der Ausbildung der Pferde hoffentlich zugutekommen.“ Ähnlich sieht es Hans-Heinrich Meyer zu Strohen, frischgebackener Reitmeister und Bundestrainer des deutschen Dressurnachwuchses.

Das hilft den Reitern, den Trainern und vor allem den Pferden.
Hans-Heinrich Meyer zu Strohen, Bundestrainer Dressur Junioren und Junge Reiter
Positive Erfahrungen aus niedrigeren Klassen
Elisabeth Max-Theurer, Olympiasiegerin und Level 4-Richterin, verweist auf Erfahrungen bei Prüfungen für Fünf- und Sechsjährige: „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen hat sich bei der Einführung in Nachwuchsprüfungen und Jungpferde-Prüfungen bewährt. Vor allem, weil Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen dann geübt werden muss und das dadurch den Pferden beim Abspannen und Loslassen hilft.“ Die Österreicherin findet, die Idee „sehr positiv für die Entwicklung unseres Sports.“
Aber es gibt auch andere Stimmen, wenn auch wenige. Und die wollen nicht unbedingt ihre Namen an dieser Stelle lesen. Sie sagen, die Gefahr bestünde, dass das „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ zu einer Art Kunststück verkommen könnte.
Kann man Zügel-aus-der Hand-kauen-lassen „antrainieren“?
Es gibt sogar Stimmen, die sprechen von „andressiert“ wird. Im internationalen Sport sieht man viele Pferde, die zwar mittlerweile die Nase an der Senkrechten und nicht mehr dahinter haben, sich aber dennoch nicht selbst tragen und gehorsam sind, geschweige denn, reel den Kriterien der Skala der Ausbildung genügen. Vielmehr nehmen sie eine antrainierte Haltung ein, ohne von hinten nach vorne an das Gebiss heranzutreten. Das aber ist elementar, will man von echter, wirklicher, Anlehnung sprechen. Insofern ist der Gedanke, dass selbst diese Trainingskomponente „andressiert“ werden könnte, nicht gänzlich vom Tisch zu wischen.
Wie soll Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen aussehen?
Martin Plewa, Reitmeister, langjähriger Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter, langjähriger Mit-Autor der Richtlinien für Reiten und Fahren, findet die Idee „toll“. „Das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen ist für mich eine zentrale Übung zur Überprüfung der Losgelassenheit und auch Qualität der Anlehnung“. Aber wie sieht es denn nun korrekt durchgeführt aus? Der Experte erläutert:
Das Einzige, was sich beim Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen von einer normalen Beizäumung unterscheidet, ist, dass das Genick nicht mehr höchster Punkt ist.
Martin Plewa, Reitmeister
Die Herausforderung dabei: die Stirnnasenlinie –in Grand Prixs häufig genug recht wohlwollend als „noch an der Senkrechten“ beurteilt– muss trotz der tieferen Halseinstellung an der Senkrechten bleiben. Alles andere wäre fehlerhaft. Plewa betont, dass das Gesamtpaket stimmen muss: „Dieses Herantreten ans Gebiss bei Nasenstirnlinie an der Senkrechten. In der Dehnungshaltung. Dass tatsächlich dabei alles erhalten bleibt: Takt, Losgelassenheit, natürlich, selbstverständlich, Anlehnung.“ Und, fügt der Reitmeister hinzu „Tempo, Längsbiegung“. sowieso.

Klingt einfach, aber man muss kein Grand Prix-Reiter sein, um aus der eigenen Praxis zu wissen, wie schwierig es ist, das Pferd in dieser Position so sicher vor den treibenden Hilfen zu haben, dass man tatsächlich die Zügel so aus der Hand kauen lassen kann, als würde man, wie oft zitiert, mit Besenstielen nach vorne schieben.
Zwei Zügel, doppelte Schwierigkeit – Herausforderung Kandare
Plewa ist noch ein weiterer Aspekt wichtig, auch weil er seiner Meinung nach ein entscheidendes Kriterium bei der Beurteilung durch die Richter darstellt: „Wichtig ist bei der Kandare, dass beim Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen der Kandarenzügel nicht mehr anstehen darf. Denn wenn er bei der tieferen Dehnungshaltung noch ansteht, dann wirkt er quasi ,tief einstellend‘“.
Dass das reiterlich eine Herausforderung darstellt, belegen die Erfahrungen aus niedrigeren Klassen, so Plewa: „Anlehnung nur am Trensenzügel! Ich bin gespannt, wie das gerichtet wird. Wir sehen ja schon in den Reitpferdeprüfungen, dass diese Übung meist falsch oder vernachlässigt beurteilt wird.“
Wie kam es zu dem Entschluss, das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen im Grand Prix-Sport zu etablieren?
Der Weltreiterverband FEI ist sich schon länger darüber bewusst, dass die „Social License to operate“, also die Akzeptanz des Reitsports in der Öffentlichkeit, schwindet. Nicht in jedem Staat steht der Reitsport derart im Fokus wie in Teilen Westeuropas. Aber in vielen der wichtigen Reitsportnationen, darunter auch Deutschland, tragen Meldungen von blauen Zungen oder Bilder von deutlich hinter der Senkrechten gehenden Dressurpferden nicht gerade dazu bei, den Sport populärer zu machen. Selbst wenn das WM-Sommermärchen von Aachen 2026 gezeigt hat, dass Pferdesport nach wie vor Begeisterung auch jenseits der Reiter-Bubble entfacht.
Equine Ethics and Wellbeing Commission
Eine mit internationalen Fachleuten aus dem universitären Bereich besetzte Fei-Kommission, die „Equine Ethics and Wellbeing Commission“ hat Probleme des Reitsports identifiziert und ein umfangreiches Konzept erarbeitet. Ein Resultat war die Gründung der „Dressage Strategic Action Plan Working Group“. Sie besteht aus
- George Williams (USA), Vorsitzender, ehemaliger Olympiareiter
- Monica Theodorescu, Olympiasiegerin, deutsche Bundestrainerin
- Klaus Roeser, Athletenvertreter der European Equestrian Federation (EEF) und Generalsekretär des Internationalen Dressurreiter Clubs (IDRC),
- Raphael Saleh (FRA), Level 4-Richter, Vorsitzender der Jury bei den Olympischen Spielen von Paris
- Gareth Hughes, britischer Championatsreiter
- Kyra Kyrklund (FIN), sechsfache Olympiateilnehmerin und weltweit gefragte Trainerin
- Lise Berg, dänische Tiermedizin-Professorin Universität Kopenhagen
Sie hat verschiedene Dinge erörtert, weitere Expertinnen und Experten für die Umgestaltung nicht nur der Grand Prix Dressuraufgabe hinzugezogen, Vorschläge ausgearbeitet und diese dann in Warendorf einem „Praxistest“ unterzogen. Zu den Reiterinnen und Reitern die vor Ort waren, zählte auch Mannschaftsweltmeisterin Katharina Hemmer mit ihrem Trainer, Reitmeister Hubertus Schmidt.
„Katha“ Hemmer – als Versuchskaninchen involviert
Katharina Hemmer„Ich bin die Aufgabe genauso geritten, wie sie jetzt geändert wurde und denke, das sollte eigentlich kein Problem sein. Mein Pferd hat das sehr gut angenommen. Es ist ja auch einfach nur eine kurze Überprüfung der Durchlässigkeit und Losgelassenheit und sollte eigentlich für kein Grand Prix-Pferd ein Problem sein.“
Es lagen noch andere Vorschläge auf dem Tisch, ergänzt Hubertus Schmidt. Auch die wurden ausprobiert. Der Olympiasieger, Welt- und Europameister mit der deutschen Mannschaft, mehrfache Weltcupfinalist, Reitmeister und Trainer von Katharina Hemmer sowie Anna Schölermann berichtet von der FEI-Insider Veranstaltung: „Die erste Idee war ja, in der Passage, den Zügel aus der Hand kauen zu lassen. Das hielte ich für extrem zu schwierig. Vor allen Dingen für nicht ganz so versierte Reiter. Dieses Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen auf der leicht gebogenen Linie (auf der Zrikellinie) finde ich eine perfekte Lektion und sehr gut machbar. Vor allen Dingen ist für mich wichtig, dies nicht unbedingt nur im Grand Prix als Lektion, sondern auch (in den Prüfungsklassen) darunter, abzufragen.“
Selbsthaltung gegeben? Überstreichen!
Monica Theodorescu, Bundestrainerin, Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin mit deutschen Mannschaften und mehrfache Weltcupsiegerin ist Mitglied in der „Dressage Strategic Working Group“, die die Neuerungen in den Aufgaben diskutiert und vorgeschlagen hat. Sie befürwortet nicht nur das Zügel-aus-der Hand-kauen-lassen, sondern verweist auch auf die zweite Neuerung – das Überstreichen.
Die Aufnahme des „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen und auch das „Überstreichen“ in sämtlichen Kategorien bis zum Grand Prix und Grand Prix Special unterstützt die Beurteilung der Losgelasenheit und der Selbsthaltung des Pferdes.“
Wo sind die Lektionen gefordert?
Das Überstreichen ist auf allen Prüfungsniveaus zum Bestandteil der Aufgaben geworden. Im Grand Prix (hier die ab 1. Januar 2027 gültige Aufgabe) und im Prix St. Georges wird das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen gefordert, im Grand Prix Special (hier die Aufgabe) und der Intermédiaire I das Überstreichen. Das Überstreichen findet im Grand Prix Special nach dem Angaloppieren bei X an der kurzen Seite bei A für drei bis vier Galoppsprünge statt. Anschließend gehen die Pferde dann in die Galopptraversale nach rechts.
Wer hat sich’s ausgedacht?
Der Entwurf für die Ergänzungen in den Aufgaben stammt aus der Feder einer Arbeitsgruppe zu der die Level 4-Richter Katrina Wüst und Christof Umbach sowie die britische Weltcupsiegerin Becky Moody zählten.
Für Christof Umbach ist wichtig, dass das „vielleicht ein Schritt in die Richtung ist, dass wir nicht mehr in Zukunft so einem Irrweg verfallen, wie das schon mal in den letzten Jahrzehnten vorgekommen ist. Dass wir einfach zu „spektakuläres Reiten“, was dann auf Kosten der Gymnastizierung der Pferde ging, zu hoch bewerten. Durchlässigkeit ist erst mal das Wichtigste, bevor wir zum Ausdruck kommen. Was aber nicht heißen soll, dass die Qualität eines Pferdes bestraft werden soll, aber auch ein qualitätvolles, „ganggewaltiges Pferd,“ sollte auch in der Lage sein, in Dehnungshaltung zu kommen. Und das macht ja auch Losgelassenheit aus, dass man in der Lage ist, ein Pferd in eine positive Anspannung zu bringen und es dann aber auch gleich wieder abspannen zu lassen.“

Dass man Zügel aus der Hand kauen lassen kann, egal aus welcher Lektion heraus – das macht Dressurreiten aus, das spricht für ein gut gymnastiziertes Pferd.
Christof Umbach, internationaler Level 4-Dressurrichter, der an der Gestaltung der neuen Aufgaben beteiligt war
Richten? „Dürfte kein Hexenwerk sein.“
Richterin Katrina Wüst findet es auch wichtig zu bedenken, an welcher Stelle der Aufgabe das Zügel-aus-der-Hand-kauen kommt: Nach der Galopptour wird im Grand Prix bei M zum versammelten Trab durchpariert. Anschließend geht es auf die Zirkellinie, wo die Lektion gezeigt wird. Sie kann im Leichttraben oder Aussitzen durchgeführt werden. Anschließend geht es dann auf der langen Seite in den starken Trab (R-K) und dann auf die Mittellinie. „Von großer Aussagekraft ist besonders, wenn – wie im Grand Prix – die Demonstration von maximaler Losgelassenheit in der Kombination mit maximaler Schwungentfaltung im starken Trab und schließlich maximaler Kadenz in der letzten Passage abgefragt wird. Als Richter freut man sich sicher über einen gelungenen Nachweis von Durchlässigkeit eines hervorragend ausgebildeten Pferdes. Wichtig ist allerdings, dass sich alle darüber einig sind, wie es geritten und gerichtet werden muss. Aber das dürfte kein Hexenwerk sein“, so Wüst.
Kyra Kyrklund: „eine wunderbare Lektion“
Zustimmung zu dieser Einschätzung kommt von der Trainerin und sechsfachen Olympiareiterin Kyra Kyrklund: „Ich finde es ist sehr gut, dass die Übung am Ende des Prüfungsprogramms platziert ist. Wir haben festgestellt, dass die meisten Pferde daraufhin die Lektion auf der letzten Mittellinie tatsächlich besser ausgeführt haben. Sie zeigten dort eine bessere Passage, weil sie zuvor losgelassen und sich entspannt hatten.“
Einfluss aufs alltägliche Training
Top-Reiterinnen und Reiter hätten damit kein Problem, „die können das bereits. Sie üben es auch zu Hause.“ Alle anderen müssten es nun eben trainieren. „Jeder muss darin wirklich gut werden: Das Pferd zu entspannen und ihm zu ermöglichen, sich im Genick loszulassen, ohne davonzulaufen, ohne sich zu stark im Genick aufzurichten und ohne den Rücken wegzudrücken oder davonzueilen.“
Sollte es nicht funktionieren, ist das quasi ein reiterlicher Offenbarungseid, den die Jury durchschauen kann. „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen eignet sich hervorragend, um zu überprüfen, ob das Pferd den Rhythmus wirklich selbstständig halten kann, ohne dass der Reiter es zu sehr festhält oder übermäßig unterstützt, um den Takt aufrechtzuerhalten.“
Das Richten wird’s entscheiden
Nicole Nockemann findet es aus Richter- und Reiterperspektive, dass Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen sei „eine der wichtigsten Lektionen, die wir haben in der gesamten Ausbildung des Pferdes – von der Remonte an – und sie darf einfach nicht verloren gehen auf dem Weg bis in den Grand-Prix-Bereich.“
Jessica von Bredow-Werndl: „Sport kontinuierlich weiterentwickeln“
Jessica von Bredow-Werndl, vierfache Olympiasiegerin, steht Neuerungen generell positiv gegenüber. „Ich finde es wichtig, dass wir den Sport kontinuierlich weiterentwickeln und immer wieder hinterfragen, wie wir die Ausbildung und die Durchlässigkeit unserer Pferde bestmöglich beurteilen können. Wenn die neue Lektion dazu beiträgt, die Losgelassenheit, die Anlehnung und die Verbindung zwischen Pferd und Reiter noch besser sichtbar zu machen, sehe ich darin eine Chance.“
Und dann schiebt sie einen entscheidenden Satz nach: „Entscheidend wird natürlich sein, wie sie in der Praxis umgesetzt und von den Richtern bewertet wird.“ Damit geht sie d’accord mit Reitmeister Martin Plewa, der das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen ja schon in den Reitpferdeprüfungen selten richtig ausgeführt und entsprechend beurteilt sieht (s. o.). Der Richtlinien-Autor betont: „Entscheidend ist, dass es auch richtig gerichtet wird, dass – und das finde ich ganz wichtig – berücksichtigt wird und nur dann auch positiv beurteilt wird, wenn Takt, Tempo und Gleichgewicht erhalten bleiben.“ Es mögen nur wenige Meter auf der Zirkellinie sein, aber Kriterien, die es zu erfüllen gilt, gibt es genug. „Takt, Tempo, Rhythmus, Stellung, Biegung, ANLEHNUNG müssen erhalten bleiben, nur das Genick ist nicht mehr höchster Punkt!“
Richtig reiten und … richtig richten
Dr. Evi Eisenhardt, internationale Level 4-Richterin mit vielen Championatseinsätzen macht ganz pragmatisch darauf aufmerksam, dass nicht nur das Verlängern der Zügel zu bewerten ist. „Außerdem zeigt sich beim wieder Aufnehmen der Zügel die Durchlässigkeit.“
Die Note für die Lektion geht mit dem Koeffizienten zwei multipliziert in das Ergebnis ein. Damit steht sie gleichberechtigt neben Piaffen, Pirouetten, den Zickzack-Traversalen, starkem und versammelten Schritt sowie den Traversalen, die – zumindest steht es so im Aufgabenbogen – im versammelten Trab geritten werden sollen.
Warum nicht die Schlussnoten wieder zurückholen?
Einen neuen Aspekt in die Diskussion bringt der internationale Grand Prix-Richter Dr. Dietrich Plewa. Er findet, dass es eigentlich selbstverständlich sein sollte, von einem Grand Prix-Pferd erwarten zu dürfen, „dass die Qualität der Grundgangart Trab unverändert bleibt und Dehnungsbereitschaft gezeigt wird. Und gleichzeitig auch Rückentätigkeit“. Der Anwalt blickt aber über die bloße Aufgabenänderung hinaus:
Andererseits zeigt die Einführung dieser „Lektion“ das Misstrauen von oberster Stelle, das darin besteht, dass die Anlehnung, die häufig durch die Kandare beigeführt wird, eben keine solide Grundausbildung verrät, besonders die Losgelassenheit des Pferdes im Genick und Rücken.
Dr. Dietrich Plewa, Grand Prix Richter
Dr. Plewa lehnt die Neuerung nicht ab, fragt sich aber, ob es nicht andere Möglichkeiten gegeben hat, ins Richterurteil einfließen zu lassen, wie durchlässig ein Pferd geht. Der Versuch ist „nicht grundsätzlich abzulehnen, macht aber das Defizit nicht wett, das dadurch entstanden ist, dass vor Jahren die aus meiner Sicht sehr wichtigen Grundnoten für Reinheit der Gänge – ausgerechnet – und für Durchlässigkeit und Gehorsam, also für die Erfüllung der Kriterien der Skala der Ausbildung, eliminiert worden sind. Zugunsten einer einzigen Note, nämlich der des Reiters – Sitz und Einwirkung (heute „Harmonie“).“
Hat der Druck von außen die Entscheidung fürs Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen beeinflusst?
Auch wenn die Aufgabenänderung allgemein auf eine breite Zustimmung stößt, gibt es Kritiker, die nach der Ursache fragen. Ihre These: Der Sport ist gut, so wie er ist. Es gäbe viele andere Möglichkeiten, teilweise aus sehr viel älteren Versionen der Grand Prix-Aufgabe, die Durchlässigkeit abfragen und damit der Jury die Möglichkeit bieten würden, dieses Kriterium noch deutlicher in ihr Urteil einfließen lassen zu können. Die Durchlässigkeitsüberprüfungen seien Reaktionen auf die Tierschutzdebatte. Man ließe sich von „wildgewordenen“ Außenstehenden vor sich hertreiben.
„Stillstand ist Rückschritt“
Von diesen Ansichten hat auch Benjamin Werndl gehört. Er sagt: „Stillstand ist Rückschritt und ich finde, auch unser Sport darf sich weiterentwickeln. Das heißt nicht, dass wir nicht das Rückgrat haben sollten, zu sagen, wofür unser Sport steht. Doch die Losgelassenheit ist nun einmal elementarer Bestandteil der Ausbildung eines Pferdes und kann dadurch sehr gut überprüft werden und wird so auch noch mal mehr in den Fokus gestellt und trainiert. Insofern begrüße ich das.“
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Masterclass mit Benjamin Werndl
Benjamin Werndl gibt am 31. Oktober ab 15 Uhr auf dem Klosterhof Medingen eine Masterclass. Gut möglich, dass er auch dort auf die Bedeutung des Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassens sprechen wird. Tickets hier.
Falsches Signal ans Pferd?
Andere wiederum argumentieren aus der Pferdeperspektive. Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen sei immer wieder im Training eingebaut. Es beschließe aber auch das Training. Pferde, die derart gearbeitet würden, wüssten, dass nach kräftezehrender Arbeit nun der Moment der Entspannung erreicht sei und man langsam „auspendele“. Genau das geschieht aber in der Aufgabe nicht. Schließlich stehen noch 50 Meter starker Trab und eine Mittellinie mit Passagen sowie einer Piaffe vor den Pferden.
Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen – in Dänemark schon gängige Praxis, für alle!
Dänemark ist schon einen Schritt weiter, wie Prinzessin Nathalie zu Sayn-Wittgenstein, Mannschafts-Bronzemedaillengewinnern der Olympischen Spiele Hongkong 2008, Weltcup-Zweite und Trainerin u.a. von Daniel Bachmann Andersen, berichtet. „Wir haben das in Dänemark a schon seit letztem Jahr eingeführt. Das kommt bei den Richtern gut an. Das muss natürlich geübt werden zu Hause, die Reiter müssen sich damit beschäftigen. In Dänemark ist von der Klasse E bis Grand Prix ein Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen gefordert. Ich finde es eine gute Sache. Und die Richter müssen sich auch damit beschäftigen, wie es korrekt geritten wird und wie man es auch korrekt benotet.“

„Koeffizient zwei“
Daniel Bachmann Andersen stimmt zu. Er verweist auf das Rückwärtsrichten, anhand dessen auch einiges darüber abzulesen sei, wie ein Pferd ausgebildet worden ist. „Man sieht, worauf in der Ausbildung Wert gelegt wird“. Der Däne hofft, dass der Fokus auf Durchlässigkeit sich nicht nur auf die neue Lektion beschränken wird. „Die normalen Übergänge, die Leichtigkeit, dass das alles reinspielen wird. Mehr als, ich sag mal auf jeden Fall, vor fünf Jahren.“ Ohne zu wissen, dass die Lektion tatsächlich in zweifacher Wertung im Protokoll steht, schlägt er im Gespräch spontan vor „der Koeffizient sollte zwei sein.“
„Für uns Richter sicher eine Herausforderung“
Hans Christian Matthiesen ist nicht nur Richter, sondern auch Tierarzt. Als Level 4-Judge hat er schon Olympische Spiele gerichtet. Er ist bekannt dafür, sich viele Gedanken über den Sport zu machen (im Podcast ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD hat er Plädoyer für die Wahlfreiheit Trense/Kandare gehalten) und die auch nach vorne zu treiben. Dabei hilft auch seine Rolle als Vorsitzender des International Dressage Officials Club (IDOC). Auch er verweist auf die guten Erfahrungen in Dänemark. „Ich finde das einen erfrischenden Schritt. Manche sagen, dass Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen nicht auf Grand Prix- Niveau gehört und trotzdem finde ich es spannend zu sehen, wie die Pferde auf höchstem Niveau diese Lektion zeigen. Ein Teil der Herausforderung ist ja genau das zu zeigen, dass man sein Pferd vollkommen entspannt und nachgebend oder losgelassen präsentieren kann. Für uns Richter wird es es sicher eine Herausforderung, aber mit der Zeit und mit Erfahrung müssen wir lernen, die Lektion einheitlich zu beurteilen Reitern und Trainern eine klare Richtung zu geben. Und ich finde es ein wichtiges Signal an die Außenwelt. Wir sind in unserem Sport bereit, neue Wege zu gehen und neue Möglichkeiten zu finden, unsere Pferde zu präsentieren.“
Ab dem 1.1.2027 werden die neuen internationalen Aufgaben auf Turnieren geritten.


