
Sophie Hinners und My Prins. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Am 1. Mai 2008 fand in Sittensen ein Jugendturnier statt. Mit dabei: ein elfjähriges Mädchen mit Namen Sophie Hinners. Im Sattel des Ponys Fit For Fun TCF ritt sie zwei Pony-Springprüfungen der Klasse A. Platziert war Sophie nicht, weder im Stilspringen, noch gegen die Uhr. Der unspektakuläre Beginn einer Karriere im Sattel, deren Überschrift lauten könnte: „Go with the Flow“. Denn eigentlich wollte Sophie Hinners weder Spring- noch Berufsreiterin werden. Die Umstände haben sie in diese Richtung geführt und heute zählte sie zu den besten Springreitern der Welt.
1997 geboren, saß Sophie Hinners schon mit vier Jahren im Sattel. Auf dem Hof ihrer Tante, ihres Onkels und mit ihrem Cousin Lennert Hauschild fing alles an. Ihre ersten Schleifen holte sie im Dressurviereck und hier fühlte sie sich auch eigentlich wohl. Aber da sie stets Springponys zum Reiten bekam, blieben die höheren Weihen des Dressursports ihr verwehrt. Also ging es eben in Richtung Springen.
Auch dass das Reiten ihr Beruf wird, war zunächst nicht vorgesehen. Sophie wollte Tierärztin werden. Aber als Realistin war ihr klar, dass das Leben einer Tierärztin sich schwerlich mit intensiver Turnierreiterei vereinbaren lässt, wie sie im Interview mit spring-reiter.de einst erklärte. Ein Studium sollte es aber dennoch sein. Bloß welches? Sophie wusste es nicht. Um nicht sinnlos ein Jahr ins Land gehen zu lassen, entschloss sie sich, eine Ausbildung zu machen und zwar im Springstall von Hergen Forkert. Dort stand eines Tages im Jahr 2018 der frühere niederländische Olympiareiter und Pferdehändler Emile Hendrix auf dem Hof, um sich ein Pferd anzuschauen. Sophie ritt es vor. An dem Pferd war Hendrix nicht interessiert, wohl aber an der Reiterin. Das war Hinners’ große Chance, und sie nutzte sie.

Unter den Pferden, die Hinners im Stall Hendrix zu reiten bekam, war der Hannoveraner Wallach Vittorio, der zuvor schon mit Weltklassereitern wie Max Kühner und zuletzt Ian Millar erfolgreich gegangen war. Sophie und Vittorio „matchten“. Schon kurz nach dem Kennenlernen holten sie die ersten Schleifen in Großen Preisen, zunächst auf Zwei-Sterne- und 1,45 Meter-Niveau. Doch es wurde rasch höher und bedeutender. 2021 hatten die beiden ihren Durchbruch. Erst wurden sie in Balve Deutsche Meister, dann folgte die erste Nationenpreisnominierung. Beim Halbfinale der EEF-Serie in Budapest trugen sie zwei Nullrunden zum deutschen Sieg bei, wurden zudem noch Dritte im Weltcup-Springen und gingen danach für Deutschland beim EEF-Nationenpreisfinale in Warschau an den Start. Und sie wurden für den CHIO Aachen nominiert, der 2021 aufgrund der Terminverschiebungen durch die Corona-Pandemie in den September gerückt war. Es war das erste Fünf-Sterne-Turnier für die beiden. Sie qualifizierten sich auf Anhieb für den Großen Preis. Sportlich hat Vittorio seither Konkurrenz bekommen unter Hinners’ Berittpferden, emotional ist und bleibt er wohl die Nummer eins.

Dabei reitet Hinners längst nicht mehr im Stall von Emile Hendrix. Im Frühjahr 2021 schloss sie sich dem Unternehmen VW Equestrian an, hinter dem ihr Partner Richard Vogel zusammen mit David Will steckt. Vittorio durfte sie mitnehmen. Aber sie bekam auch jede Menge weitere Pferde zum Reiten. Mit ihrer gefühlvollen Art war sie zunächst eine sichere Bank, wenn es um Jungpferdeprüfungen ging. Aber ihr Talent, ihr Fleiß und ihr Ehrgeiz fielen auf. Der Holsteiner Verband vertraute ihr einen seiner wichtigsten Hengste an, Million Dollar. Der Plot Blue-Sohn aus belgischer Zucht war zunächst von Ebba Johansson (SWE) und dann von Frank Schuttert (NED) vorgestellt worden, jedoch ohne nennenswerte Ergebnisse. Das änderte sich, als Hinners den Hengst zehnjährig übernahm. Gleich ihren ersten Großen Preis – noch auf Zwei-Sterne-Niveau – beendeten sie auf Rang zwei. Und so ging es weiter. Sie sammelten Schleife um Schleife, wurden schließlich im Mai für den EEF Nationenpreis in Mannheim aufgestellt, wo sie mit zwei Nullrunden zum zweiten Platz vor heimischer Kulisse beitrugen. Sie waren es auch, die für Deutschland ins Stechen um den Sieg gingen, waren hier aber eine knappe Sekunden langsamer als die Konkurrenz aus der Schweiz in Gestalt von Alain Jufer auf Dante MM. Das nächste große Ereignis war das Halbfinale des EEF-Nationenpreises in Budapest. Hier klappte es mit dem Sieg. Es war das letzte Turnier von Million Dollar. Wegen eines Leistenbruchs musste er operiert werden. Danach kehrte er nicht mehr in den Sport zurück.

Sophie Hinners konnte der Verlust des Hengstes jedoch nicht aufhalten. Ihre Berittliste war voll mit jungen talentierten Pferden, die sie behutsam aufbaute, etwa die nun neunjährige Stute Kaleni Jo, die sie über die Youngster Tour in den Sport gebracht hat. Oder ihr Shooting Star Singclair. Dieser schwedische Wallach, dessen Name jede Autokorrektur in die Knie zwingt, war zunächst mit der Bereiterin von Peder Fredricson, Stephanie Holmén, im Einsatz, kurzzeitig auch mit Fredricson selbst. Im November übernahm dann Sophie Hinners die Zügel. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Bereits beim dritten gemeinsamen Turnier, dem Weltcup-Springen in Abu Dhabi, wurden sie Zweite. Die Woche darauf gab es noch einen zweiten Platz in Al Ain und dann den Sieg im Großen Preis von Abu Dhabi, gefolgt von zwei fehlerfreien Runden im Nationenpreis von Sharjah. Dabei blieb es nicht. Sie sprangen von Erfolg zu Erfolg, waren unter anderem Sechste im Preis von Europa beim CHIO Aachen 2025 und Elfte im Großen Preis. Dazu sprangen sie doppelnull im Nationenpreis von Spruce Meadows und gehörten zuletzt zum drittplatzierten Team im FEI League of Nations Finale in Barcelona.
Sowohl Kaleni Jo als auch Singclair haben inzwischen einen Namenszusatz: Iron Dames. Es ist der Name des Global Champions League Teams, das die Französin Deborah Mayer 2024 ins Leben gerufen hat. Mayer war selbst erfolgreiche Autorennfahrerin und hat hier ein gleichnamiges Frauenmotorsportteam ins Leben gerufen, um die Gleichberechtigung in dieser Männerdomäne zu fördern. Gleiches hatte sie im Sinn, als sie sich dem Springsport zuwandte und talentierte Frauen mit besten Pferden beritten machte. Dazu gehörte auch Sophie Hinners, bei der neben den beiden genannten auch der Schimmel My Prins nun auf den Namen Iron Dames My Prins hört. Er war es, der Hinners zu ihrem ersten Championat begleitete, den Europameisterschaften in La Coruña, wo das deutsche Team die Bronzemedaille gewann und Hinners’ Partner, Richard Vogel, Europameister in der Einzelwertung wurde.