
Christian Kukuk und Checker daheim in Riesenbeck. Foto: Toffi-images.de
Reiten wollte Christian Kukuk eigentlich nicht, dabei schien eine Karriere im Sattel vorgezeichnet. 1990 wurde Christian in eine Familie hineingeboren, die ein fester Begriff in der Pferdeszene war. Sein Großvater Franz Kukuk war Hauptsattelmeister im Nordrhein-Westfälischen Landgestüt Warendorf. Und eben da, also in der „Reiterhaupstadt“, kam Christian Kukuk zur Welt.
Sein Vater ritt, seine Mutter Ingrid arbeitete beim Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR). Und der Sohn? Der wollte Fußballprofi werden, begleitete seinen Vater Norbert aber auch auf Turniere. Irgendwann setzte sich dann doch die genetische Prädisposition durch. Oder war es tatsächlich das vielzitierte und entsprechend abgenutzte „Pferdevirus“, das ihn erhaschte? Man weiß es nicht. Fest steht, Talent war vorhanden und nach einer kaufmännischen Ausbildung ging der junge Christian Kukuk schnurstracks nicht in irgendeinen Stall, sondern nach Riesenbeck zu den Beerbaum Stables. Olympiasieger Ludger Beerbaum engagierte den schlanken Warendorfer sofort.
Das war 2012 und die nächsten Jahre widmete sich Christian Kukuk vor allem der Arbeit mit jungen Pferden. Parallel konnte er auch schon Erfolge in 5*-Springen feiern. 2016 erhielt er das Goldene Reitabzeichen. Zugeschaltet über die Videoleinwand: Fußballnationalspieler Thomas Müller, der in der Zukunft noch eine wichtige Rolle in Kukuks Karriere spielen sollte.
2016 erhielt Kukuk das erste Mal die Startgenehmigung für den CHIO in Aachen. An die Premiere in Aachen erinnert sich jeder Reiter und jede Reiterin. Für Christian Kukuk ist die Rückschau aber eher getrübt. Im Preis von Europa vergaß sein Pferd nach dem Wassergraben, die Beine wieder rechtzeitig auszufahren. Die beiden stürzten, Debütant Kukuk musste ins Krankenhaus. Ende des Jahres siegte er aber wieder. In Frankfurt, in der Festhalle, ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.
Ab 2018 ritt Kukuk in Teams der Global Champions League. Seitdem punktete das Team Riesenbeck kontinuierlich, gewann 2023 die Gesamtwertung und zusätzlich die „Play-Offs“ in Prag – beides mit mehreren Millionen Euro Preisgeld dotiert.
2019 bekam Christian Kukuk den Schimmelhengst Mumbai in Beritt. Mit dem Diamant de Semilly-Sohn ritt er sich bei der Weltmeisterschaft junger Springpferde auf dem Gestüt Zangersheide im belgischen Lanaken ins Finale. Zwei Jahre später wurden die beiden ins Team für die Olympischen Spiele in Tokio berufen. Die Spiele unter Pandemie-Bedingungen verliefen für das deutsche Springteam zwar alles andere als glorreich, dafür konnte die Kombination aus Riesenbeck einige Wochen später ihre internationale Klasse unter Beweis stellen: Bei der EM „on Home Turf“, sprich im Stadion von Riesenbeck International, verhalfen die beiden der deutschen Mannschaft zur Silbermedaille und wurden Vierte in der Einzelwertung. Zwei Jahre später kam das Paar bei der EM in Mailand ebenfalls ins Finale (14.). Anfang 2025 wechselte der Hengst in den Beritt von Kukuks damaligen Chef Ludger Beerbaum, ging dann unter Philipp Weishaupt und ab April 2025 unter Marco Kutscher. Inzwischen ist er verkauft nach Mexiko.
Christian Kukuk hatte schon 2021 in seinem Beritt drei Nachwuchspferde, an deren Qualitäten für die Macher in den Beerbaum Stables keine Zweifel bestanden: Chageorge, Just be Gentle und Checker. Alle sorgten für Schlagzeilen. Chageorge und Just be gentle zunächst vor allem in Österreich, weil sie sich im Besitz der „Laura Stiftung“, hinter der der Milliarden-Pleitiers René Benko steht, befunden haben sollen, Checker vor allem wegen seiner prominenten Besitzer. Der Schimmel war von Bundestrainer Otto Becker an die Beerbaum Stables verkauft worden. Später erwarben Madeleine Winter-Schulze, langjährige Mäzenin von Ludger Beerbaum und Isabell Werth, sowie FC Bayern Star Thomas Müller Anteile an dem Westfalen. Müller sagte, er wolle bei Dressurturnieren, bei denen seine Ehefrau Lisa früh morgens ins Viereck muss oder nach Fußballspielen „abends noch etwas zum Mitfiebern haben“.
Die Rechnung ging auf. Und die Fieberkurve dürfte am 6. August 2024 am höchsten gewesen sein: Im Stechen gewann das Paar Christian Kukuk/Checker im Schlosspark von Versailles die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Paris 2024. Für Kukuk ein besonders emotionaler Moment, nicht nur weil der Titel „Olympiasieger“ eine Auszeichnung für die Ewigkeit ist, sondern auch weil er mit seiner Mutter und der Familie ein besonderes Verhältnis zu Paris hatte. Christian Kukuks Mutter konnte den Triumph ihres Sohnes nicht mehr miterleben, weil sie bereits 2017 an Krebs gestorben war.
2025 siegte das Paar in Wellington in einem 5* Großen Preis, wenige Stunden nachdem Kukuks US-amerikanische Partnerin Veronica Tracy der gemeinsamen Tochter Lilah Katherina das Leben geschenkt hatte. Im August gewann Checker den LGCT Grand Prix von London. Zwei Wochen zuvor hatte Christian Kukuk mit Just be Gentle die Mannschaftsbronzemedaille bei den Europameisterschaften in La Coruña gewonnen. Wenige Tage vor der Abreise nach London hat Christian Kukuk bekanntgegeben, dass er zum Jahresende die Beerbaum Stables verlassen und sich selbstständig machen wird. Ludger Beerbaum ließ verlauten, es werde auch weiterhin eine Zusammenarbeit mit dem Olympiasieger geben.
Anfang November holte Christian Kukuk mit EM-Stute Just be Gentle beim Weltcup-Turnier in Verona Rang drei im wichtigsten Springen des Wochenendes, der Weltcup-Etappe. Was zu dem Zeitpunkt kaum jemand wusste: Vorher war er in der Abreitehalle gefilmt worden, wie er die Stute auf blankem Schlaufzügel, also ohne zusätzlichen Trensenzügel arbeitete, erst im Galopp und als er dann durchparierte, ging die Stute deutlich unklar. Dieses Video sorgte für eine Welle der Empörung in den sozialen Medien, auch weil offenbar keiner der vor Ort verantwortlichen Stewards Anlass zum Einschreiten sah.
Von der FEI hieß es dazu, man habe die Berichte der Stewards noch nicht erhalten. Die FN sah keinen Regelverstoß, obwohl Artikel 257 der FEI Jumping Rules besagt:
Reins must be attached to the bit(s) or directly to the bridle. A maximum of two pairs of reins may be used. If two pairs of reins are used, one pair must be attached to the bit or directly to the bridle. Gags and hackamores are allowed.
Im Interview mit dem ZDF zu der Angelegenheit erklärte FN-Präsident Martin Richenhagen, das Geschehen in Verona erfülle „definitiv nicht den Tatbestand der Tierquälerei“ und so schlimm könne es ja nicht gewesen sein, „schließlich wurde das Pferd am Sonntag noch Dritter im Weltcup-Springen“.
Christian Kukuk erklärte wenige Tage später beim Weltcup-Turnier in Stuttgart, er habe einen Fehler gemacht, das habe er nun verstanden. Er entschuldigte sich dafür.