Warum ist Heu für Pferde so wichtig?

Heu ist die Grundlage der Pferdefütterung. Foto: Sportfotos-lafrentz.de Heu ist die Grundlage der Pferdefütterung. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Heu ist ein wichtiges Futtermittel für Pferde, das vor allem im Winter bei begrenztem Weidegang verfüttert wird, um die Grasaufnahme zu ersetzen.

Der gesamte Verdauungstrakt des Pferdes ist darauf ausgelegt, über viele Stunden des Tages hinweg strukturreiche Pflanzenfasern aufzunehmen. Historisch entwickelten sich Pferde als Steppentiere, die bis zu 18 Stunden täglich mit dem Grasen beschäftigt waren. Durch Rationen, die aus viel Kraftfutter und zu wenig Raufutter bestehen, entstehen Krankheiten wie Magengeschwüre, Koliken, Hufrehe aber auch Verhaltensprobleme wie Weben oder Koppen.


Heu fressen als Beschäftigung


Pferde verbringen – wenn es ihnen ermöglicht wird – den Großteil des Tages damit zu fressen. Ihr Verdauungsapparat ist darauf ausgelegt, kontinuierlich rohfaserreiches Futter aufzunehmen. Fällt diese natürliche Beschäftigung weg, entsteht Langeweile und das Risiko von Verhaltensstörungen wie Weben oder Koppen steigt. Dreimal am Tag eine Schippe Kraftfutter im Trog genügt nicht: Ein Kilogramm davon hat das Pferd im Durchschnitt in etwa zehn Minuten weggefressen. An einem Kilogramm Heu hingegen frisst es viel länger, schätzungsweise 40 Minuten. Und da es täglich zwischen 1,5 und 2 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht bekommen sollte, kommt hier einiges an Fresszeit zusammen.


Kontinuierliches Heu fressen schützt den Magen


Der Pferdemagen ist im Verhältnis zur Körpergröße klein (ca. 8 bis 15 Liter bei einem 600-kg-Pferd) und er produziert rund um die Uhr Magensäure. Anders als beim Menschen gibt es keine „Pausen“ in der Säuresekretion. Nur über Speichel wird diese Säure neutralisiert. Heu wirkt hier doppelt:



  1. Mechanisch: Durch langes Kauen (bis zu 40 Minuten pro kg Heu) entsteht viel Speichel – rund 3 bis 5 Liter pro kg Heu.

  2. Chemisch: Der Speichel liefert Bikarbonat, das den Magensaft abpuffert.


Eine Studie zeigt: Bei längerer Futterabstinenz (z. B. innerhalb eines Tages) kann der pH-Wert im Magen auf unter 2 fallen., was hochgradig ulzerogen wirkt. Anders gesagt: Es besteht das Risiko für Magengeschwüre.


Fresspausen von mehr als vier Stunden sollten deswegen vermieden werden. Vor allem abends gilt es, darauf zu achten, dass Pferde im Stall ausreichend Heu für die Nacht haben. Frisst ein Pferd zu schnell oder hektisch, können Heunetzte oder elektrische Heuraufen sinnvoll sein, um eine zu lange Fresspause zu vermeiden und die Pferde lange zu beschäftigen.


Rohfaserquelle und Energielieferant


Heu ist weit mehr als ein „Sattmacher“: Es bildet die Basis der Energieversorgung des Pferdes. Der wichtigste Nährstoff dabei ist Rohfaser, also die unverdaulichen Strukturkohlenhydrate pflanzlicher Zellwände – Cellulose, Hemicellulose und Lignin. Diese Bestandteile können Pferde nicht selbst aufspalten, sondern sie werden im Dickdarm von Billionen Mikroorganismen fermentiert.


Bei dieser mikrobiellen Gärung entstehen flüchtige Fettsäuren wie Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure. Sie werden über die Darmschleimhaut aufgenommen und dienen als Hauptenergiequelle für das Pferd im Ruhezustand – rund 60 bis 70 % des täglichen Energiebedarfs werden auf diese Weise gedeckt.


Früh geschnittenes Heu enthält weniger Rohfaser, dafür mehr leicht verdauliche Energie; spät geschnittenes Heu ist rohfaserreicher, aber energieärmer. Ein ausgewogenes Verhältnis ist entscheidend: Zu wenig Rohfaser führt zu Fehlgärungen im Dickdarm, zu viel Rohfaser kann bei Leistungspferden den Energiebedarf nicht ausreichend decken.


Die Darmmotorik wird durch den hohen Faseranteil angeregt. Gleichmäßige Rohfaserzufuhr sorgt für regelmäßige Peristaltik, senkt das Risiko für Verstopfungs- und Gaskoliken und stabilisiert das Darmmilieu. Zudem verlängert das strukturreiche Futter die Fresszeit, was wiederum mehr Speichel und damit bessere Pufferung der Magensäure bedeutet


Heu und Mikrobiom – warum Vielfalt zählt


Im Dickdarm leben bis zu 10¹⁵ Mikroorganismen. Sie sind hochspezialisiert auf die Verwertung von pflanzlicher Rohfaser. Verschiedene Heuqualitäten beeinflussen die Zusammensetzung dieser Bakteriengemeinschaft. Eine abwechslungsreiche Heuqualität mit Kräutern und unterschiedlichen Gräserarten unterstützt die Diversität, was sich direkt positiv auf das Immunsystem auswirkt (Dougal et al., 2014).


Füttert man zu wenig Heu bzw. zu wenig Rohfaser und stattdessen mehr stärkehaltiges Kraftfutter, verschiebt sich das Gleichgewicht im Darm: Milchsäurebakterien nehmen überhand, der pH-Wert im Dickdarm sinkt. Koliken wie auch Hufrehe können die Folge sein.


Heu dient also der Beschäftigung, sorgt für einen gleichmäßigen Zahnabrieb, ist langanhaltende Energiequelle und sorgt für ein gutes Darmmikrobiom.



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