EMS & Insulindysregulation beim Pferd: Warum Hufrehe entsteht
Warum ist bei Insulindysregulation und EMS beim Pferd das Hufrehe-Risiko so hoch?

Um zu verstehen, warum der Stoffwechsel bei der Entstehung der Hufrehe eine so zentrale Rolle spielt, lohnt sich ein Blick auf den Aufbau des Hufes. Insulin wirkt nicht nur auf den Zuckerstoffwechsel, sondern beeinflusst auch Blutgefäße, Zellwachstum und die Festigkeit von Bindegewebe. Im Huf trifft dieses Hormon auf ein besonders empfindliches System: die Lamellen der Huflederhaut. Diese feinen, gut durchbluteten Strukturen verbinden das Hufbein mit der Hornkapsel und tragen das gesamte Gewicht des Pferdes. Ihre Stabilität bildet die Grundlage für einen belastbaren, gesunden Huf.
Dauerhaft erhöhter Insulinspiegel schwächt die Huflamellen
Bleibt der Insulinspiegel über längere Zeit erhöht, verändert Insulin die Signalprozesse in den Zellen der Lamellen. Sie verlieren ihre normale, feste Struktur. Dadurch schwächt sich die Verbindung zwischen den einzelnen Lamellen allmählich ab. Die Aufhängung des Hufbeins wird instabil, ohne dass von außen sofort etwas sichtbar sein muss.
Gleichzeitig greift Insulin auch in die Steuerung der Blutgefäße in der Huflederhaut ein: Die Durchblutung passt sich nicht mehr korrekt an Belastung und Bedarf an. Es entstehen Druckveränderungen im Gewebe, die die Lamellen zusätzlich belasten. Die Forschung geht davon aus, dass dauerhaft hohes Insulin die Zellsteuerung in den Huflamellen verändert und ihre Haltefunktion Schritt für Schritt schwächt.
Warum es bei EMS häufig zu Hufreheschüben kommt
Diese Vorschädigung bleibt lange unbemerkt. Erst unter Belastung – etwa bei Arbeit auf hartem Boden oder längerer Bewegung – treten Schmerzen auf, weil die geschwächte Aufhängung des Hufbeins den mechanischen Kräften nicht mehr ausreichend standhält. Viele Pferde mit EMS tragen solche lamellären Vorschäden bereits in sich, bevor eine deutliche Lahmheit auftritt.
Übergewicht verschärft diesen Prozess, weil Fettgewebe hormonell aktiv ist und die Insulinantwort weiter verstärkt. Es erhöht zudem die mechanische Belastung der Hufe. Dennoch ist Übergewicht nicht die eigentliche Ursache. Auch normalgewichtige oder nur leicht übergewichtige Pferde können eine ausgeprägte Insulindysregulation haben und ein hohes Risiko für Hufrehe tragen.
Darum ist EMS-Hufrehe keine klassische Hufrehe
Bei der klassischen (toxisch/darmassoziierte) Hufrehe führen stark zucker- oder stärkereiche Rationen, bestimmte Medikamente oder Toxine häufig über Störungen im Darmmilieu zu entzündlichen Prozessen, die die Huflamellen schädigen. Bei EMS kann Futter ebenfalls der Auslöser sein – jedoch über einen anderen Mechanismus: Zucker- und stärkereiche Rationen lassen den Insulinspiegel nach der Futteraufnahme stark ansteigen. Bleibt Insulin wiederholt oder über längere Zeit erhöht, verändern sich Signalprozesse und die Gefäßregulation in den Lamellen der Huflederhaut. Die Haltefunktion nimmt schleichend ab, sodass das Hufbein seine stabile Aufhängung verliert. Hier spricht man von insulinassoziierte Hufrehe.
Bei der klassischen Hufrehe stehen gastrointestinale Maßnahmen und Notfalltherapie im Vordergrund. Während es bei der insulinassoziierten Hufrehe um Stoffwechselmanagement über Fütterung, Bewegung und Insulinsteuerung geht.
Fütterung bei EMS: Wie sich Insulinspitzen vermeiden lassen
Für die Fütterung bei EMS bedeutet das vor allem eines: Alles, was im Pferd starke oder lange Insulinanstiege auslöst, muss konsequent reduziert oder ausgeschlossen werden. Das betrifft nicht einzelne „Problemfutter“, sondern die gesamte tägliche Insulinbelastung.
Zucker und Stärke spielen dabei die zentrale Rolle. Pferde mit Insulindysregulation reagieren auf diese Kohlenhydrate überempfindlich. Schon moderate Mengen können dazu führen, dass Insulin stark ansteigt und über Stunden erhöht bleibt. Deshalb muss die Ration so aufgebaut sein, dass sie den Energiebedarf deckt, ohne Insulinspitzen zu provozieren.
Heu für Pferde mit EMS und Insulindysregulation
Die Basis bildet immer das Raufutter. Für EMS-Pferde eignet sich nur Heu mit niedrigem Gehalt an wasserlöslichen Zuckern und Stärke (NSC). Ohne Analyse lässt sich das nicht zuverlässig beurteilen, denn Aussehen, Geruch oder Schnittzeitpunkt sagen darüber wenig aus. Ist der Zuckergehalt zu hoch oder unbekannt, steigt das Risiko für Insulinanstiege deutlich. In solchen Fällen kann Wässern das Risiko senken, ersetzt aber keine dauerhaft passende Heuqualität (Link zu Heu-Artikel).
Die aufgenommene Heumenge beeinflusst den Stoffwechsel ebenso wie der Zuckergehalt. Große Rationen auf einmal führen dazu, dass das Pferd innerhalb kurzer Zeit viele Kohlenhydrate aufnimmt. Dadurch steigt Insulin stärker an, als wenn dieselbe Menge gleichmäßig über den Tag verteilt wird. Strukturreiches Futter mit langen Fresszeiten entlastet den Stoffwechsel.
Welche Futtermittel EMS-Pferde nicht bekommen sollten
Kraftfutter mit Getreide, Melasse oder hohen Stärkeanteilen passt grundsätzlich nicht zu Pferden mit EMS oder Insulindysregulation. Diese Futtermittel liefern schnell verfügbare Energie und treiben die Insulinausschüttung besonders stark an. Auch scheinbar kleine Extras wie Brot, Äpfel, Möhren oder zuckerhaltige Leckerlis summieren sich im Tagesverlauf und können den Insulinspiegel relevant beeinflussen.
Mineralfutter und Ergänzer müssen ebenfalls kritisch geprüft werden. Entscheidend ist nicht nur der Mineralstoffgehalt, sondern auch der Trägerstoff. Produkte mit Melasse oder Stärke können den positiven Effekt zunichtemachen, wenn sie regelmäßig Insulinspitzen auslösen.
Weidegang bei EMS
Weidegang stellt für Pferde mit Insulindysregulation ein besonders schwer kalkulierbares Risiko dar. Gras kann – abhängig von Wachstum, Witterung und Tageszeit – sehr hohe Zucker- und Fruktangehalte entwickeln. Für betroffene Pferde bedeutet unkontrollierter Weidegang daher häufig wiederkehrende Insulinspitzen, selbst bei insgesamt geringer Futteraufnahme.
Besonders hohe Zucker- und Fruktanmengen entstehen im Gras bei viel Sonne und gleichzeitig gebremstem Wachstum, etwa durch Kälte oder Trockenheit. Unter diesen Bedingungen steigt das Risiko für insulinassoziierte Hufrehe deutlich. Weidegang ist bei EMS deshalb immer eine Managementfrage und sollte nur in enger Abstimmung mit dem Tierarzt erfolgen.
Bei EMS soll die Fütterung den Stoffwechsel stabilisieren, nicht die Energiezufuhr radikal senken. Das Pferd soll satt sein, kontinuierlich fressen und alle Nährstoffe aufnehmen können, ohne hormonell überfordert zu werden. Bei übergewichtigen Pferden darf die Ration nicht abrupt reduziert werden, um das Risiko einer Hyperlipämie zu vermeiden (Link zu EMS-Pillar).


