Stoffwechselprobleme beim Pferd: EMS, PPID (Cushing) & Hufrehe
Stoffwechselprobleme beim Pferd: EMS, PPID (Cushing), Hufrehe & weitere Erkrankungen
Ein typisches Merkmal bei einem Pony bzw. Pferd, das unter dem Equinen Cushing Syndrom (PPID) leidet: langes lockiges Fell. Foto: Adobe Stock Stoffwechselprobleme beim Pferd entwickeln sich häufig schleichend. Im Alltag fallen sie meist erst dann auf, wenn sich bereits sichtbare Veränderungen zeigen. Dazu zählen je nach Erkrankung ausgeprägte Fettpolster am Mähnenkamm, an Schulter, Kruppe oder Schweifansatz wie bei EMS oder auch ein gestörter Fellwechsel bzw. langes, lockiges Fell (Hirsutismus) bei Cushing. Daneben treten Veränderungen auf, die weniger eindeutig zuzuordnen sind: Manche Pferde schwitzen sehr stark, selbst bei kühlen Temperaturen und ohne jegliche Anstrengung. Andere wirken müde und platt oder haben immer wieder Probleme mit den Hufen. Solche Beobachtungen werden im Stallalltag manchmal als alters- oder rassetypisch eingeordnet, können jedoch darauf hinweisen, dass zentrale Stoffwechselprozesse nicht mehr regulär ablaufen.
So arbeitet der Stoffwechsel beim Pferd
Der Stoffwechsel umfasst alle biochemischen Prozesse, mit denen der Pferdekörper Nährstoffe aus dem Futter aufnimmt, umwandelt, speichert und wieder verfügbar macht. Dazu zählen der Energieumsatz von Kohlenhydraten und Fetten, der Proteinumsatz, der Mineral- und Spurenelementstoffwechsel sowie Abbau- und Entgiftungsprozesse. Beteiligt sind Verdauungstrakt, Leber, Muskulatur und Fettgewebe ebenso wie das Hormonsystem, das diese Abläufe fein reguliert. Hormone steuern, ob Nährstoffe für Aufbau- und Reparaturprozesse genutzt, als Reserven gespeichert oder zur Deckung des aktuellen Bedarfs mobilisiert werden.
Ursachen für Stoffwechselprobleme beim Pferd
Eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Stoffwechselproblemen spielt ein dauerhaftes Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und verbrauch. Nimmt ein Pferd über längere Zeit mehr Energie auf, als es durch Bewegung und Leistung umsetzt – etwa bei langem Weidegang auf energiereichem Gras oder bei kraftfutterreichen Rationen trotz geringer Bewegung –, gerät die hormonelle Steuerung des Energiestoffwechsels zunehmend unter Druck. Besonders empfindlich reagiert dabei die Insulinregulation. Obwohl die zugrunde liegenden Mechanismen bei allen Pferden gleich ablaufen, zeigen manche Rassen auf denselben Energieüberschuss stärkere Insulinreaktionen und damit ein höheres Risiko für Stoffwechselentgleisungen.
Ponys und viele robuste Pferderassen verfügen über einen besonders effizienten Energiestoffwechsel, der evolutionsbedingt an karge Futterbedingungen angepasst ist. Unter heutigen Haltungsbedingungen mit energiereichem Futter und begrenzter Bewegung reagieren diese Pferde empfindlicher auf Energieüberschüsse und zeigen häufiger Insulindysregulationen als weniger effizient verwertende Rassen.
Mit zunehmendem Alter können sich zusätzlich hormonelle Steuermechanismen verändern. Besonders relevant ist dies bei PPID: Der altersabhängige Funktionsverlust dopaminerger Nervenzellen im Gehirn, die die Hirnanhangsdrüse steuern, führt zu einer gestörten Hormonregulation mit dauerhaft erhöhter ACTH-Ausschüttung. Diese Veränderung ist krankheitsspezifisch und nicht Teil eines allgemeinen Alterungsprozesses aller Pferde.
Erkrankungen, Schmerzen, Stress oder abrupte Futterumstellungen können den Stoffwechsel zusätzlich destabilisieren. Solche Faktoren wirken selten als alleinige Ursache, verstärken jedoch bestehende genetische und hormonelle Risiken deutlich. Je höher die individuelle Stoffwechselanfälligkeit eines Pferdes ist, desto langsamer und kontrollierter sollten Fütterungs- und Managementänderungen erfolgen.
Typische Stoffwechselerkrankungen beim Pferd
Equines Metabolisches Syndrom (EMS)
Beim Equinen Metabolischen Syndrom gerät die Insulinregulation aus dem Gleichgewicht. Häufig tritt das Krankheitsbild zusammen mit Übergewicht auf. Viele betroffene Pferde zeigen ausgeprägte Fettpolster am Mähnenkamm, der Schulter, der Kruppe, dem Schweifansatz und sowie rund um Euter und Schlauch. Sie verlieren selbst bei deutlich reduzierter Futtermenge kaum Gewicht. Besteht ein entsprechender Verdacht, klärt der Tierarzt gezielt ab. Er beurteilt den Körperzustand und bestimmt im Blut insbesondere die Insulinkonzentration, häufig in Kombination mit Glukosewerten.
Um die Insulinreaktion nach der Futteraufnahme zu prüfen, nutzt der Tierarzt Belastungstests wie den Oral Sugar Test. Dabei frisst das Pferd eine definierte Zuckermenge, anschließend misst der Tierarzt den Insulinspiegel in zeitlichem Abstand. Viele EMS-Pferde zeigen dabei normale Blutzuckerwerte, reagieren aber mit stark und lang anhaltend erhöhtem Insulin. Auch Pferde, die nicht übergewichtig sind oder keine typischen Fettpolster haben, können an einer solchen Insulindysregulation (ID) leiden. Wichtig ist, die Fütterung anzupassen, um Insulinspitzen zu vermeiden. Bewegung kann helfen, dass der Körper besser auf Insulin reagiert (Link zu Artikel EMS).
PPID (Cushing-Syndrom)
PPID steht für Pituitary Pars Intermedia Dysfunction und wird im Alltag häufig als Equines Cushing-Syndrom bezeichnet. Typische Anzeichen sind ein verzögerter oder unvollständiger Fellwechsel, langes oder gelocktes Fell, ein fortschreitender Muskelabbau entlang der Oberlinie sowie Leistungsabfall und eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte. Während manche Pferde im Verlauf an Gewicht verlieren, bleiben andere trotz PPID übergewichtig. Die Erkrankung tritt überwiegend bei älteren Pferden auf, kann jedoch auch jüngere Tiere betreffen.
Zur Abklärung misst der Tierarzt hormonelle Blutwerte, insbesondere ACTH. ACTH steht für adrenokortikotropes Hormon und wird in der Pars intermedia der Hirnanhangsdrüse gebildet. Es regt die Nebennieren an, Cortisol zu produzieren. Beim gesunden Pferd schwankt die ACTH-Ausschüttung je nach Tages- und Jahreszeit, weshalb Tierärzte diese natürlichen Schwankungen bei der Beurteilung der Werte berücksichtigen.
Ursache von PPID ist ein fortschreitender Funktionsverlust bestimmter Nervenzellen im Gehirn, die normalerweise die Hormonfreisetzung aus der Pars intermedia bremsen. Fällt diese Kontrolle weg, produziert der Körper dauerhaft zu viel ACTH. In der Praxis behandelt der Tierarzt PPID häufig mit Pergolid, das diese Überproduktion dämpft. Er passt die Dosierung individuell an und kontrolliert den Verlauf regelmäßig.
Insulinassoziierte Hufrehe
Insulinassoziierte Hufrehe treten häufig im Zusammenhang mit EMS oder PPID auf und entwickeln sich oft schleichend. Starkes Übergewicht steht dabei nicht zwingend im Vordergrund. Erste Anzeichen sind meist, dass das Pferd vorsichtiger läuft, in Wendungen lahmt und das betroffene Bein entlastet. Typisch ist auch eine deutlich verstärkte Pulsation der Zehenarterie, die beidseits am Fesselkopf auf der rückwärtigen Seite des Beins gut tastbar ist.
Der Tierarzt stellt die Diagnose Hufrehe anhand der Symptome und misst begleitend Stoffwechselparameter, insbesondere Insulinwerte. Bleibt der Insulinspiegel über längere Zeit erhöht, kommt es in der Huflederhaut zu funktionellen Veränderungen. Dabei werden unter anderem die Durchblutung und die Zellsteuerung in den feinen Lamellen gestört. Die feinen Blättchen der Huflederhaut, die das Hufbein wie ein Klettverschluss im Huf verankern, verlieren an Stabilität: Zellverbindungen lockern sich, die Elastizität nimmt ab, die Tragfähigkeit sinkt. Die Folge: Die Aufhängung des Hufbeins hält den Zug- und Druckkräften beim Stehen und Gehen nicht mehr stand. Das Hufbein kann sich minimal absenken oder kippen.
Entscheidend ist, die zugrunde liegende Stoffwechselstörung frühzeitig zu erkennen und gezielt zu stabilisieren, um weitere Reheschübe zu verhindern.
Hyperlipämie und Hyperlipidämie
Im Unterschied zu EMS, PPID oder insulinassoziierter Hufrehe handelt es sich bei Hyperlipidämie und Hyperlipämie nicht um eine chronische Stoffwechselstörung, sondern um eine akute Stoffwechselentgleisung. Sie tritt vor allem bei Ponys und leichtfuttrigen Pferdetypen auf. Sinkt die Energieaufnahme plötzlich und deutlich, etwa durch Krankheit, starken Stress oder anhaltende Fressunlust, mobilisiert der Körper große Fettmengen aus den Reserven. Diese gelangen in hoher Konzentration ins Blut.
Steigen die Blutfettwerte stark an, spricht man zunächst von einer Hyperlipidämie. Erreicht der Triglyzeridanstieg ein ausgeprägtes Ausmaß, wird von einer Hyperlipämie gesprochen, bei der das Blutserum häufig sichtbar milchig erscheint. Die Leber kann diese Fettflut nicht ausreichend verarbeiten, wodurch der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht gerät. Erste Anzeichen bleiben oft unspezifisch und äußern sich durch Appetitverlust, Mattigkeit oder einen schnell nachlassenden Allgemeinzustand. Der Tierarzt stellt die Diagnose über Blutuntersuchungen mit deutlich erhöhten Triglyzeridwerten. Ein frühes Erkennen ist entscheidend, da insbesondere die Hyperlipämie unbehandelt lebensbedrohlich verlaufen kann.
PSSM Typ 1 – Störung des Kohlenhydratstoffwechsels
PSSM (Polysaccharide Storage Myopathy) Typ 1 gehört nicht zu den hormonellen Erkrankungen wie EMS oder PPID. Die Erkrankung wirkt sich dennoch deutlich auf den Muskelstoffwechsel und die Leistungsfähigkeit des Pferdes aus. Eine genetische Veränderung sorgt dafür, dass die Muskulatur Kohlenhydrate „falsch verarbeitet“. Die Muskelzellen speichern zu viel Glykogen und können diese Energiereserven nicht kontrolliert nutzen.
Betroffene Pferde laufen steifer als üblich, sie ermüden schnell und haben kaum Lust, sich zu bewegen. Tierärzte sichern die Diagnose über einen Gentest. Davon abzugrenzen sind myofibrilläre Myopathien (MIM) - früher unter dem Begriff PSSM2 bekannt - bei denen bislang keine eindeutig nachgewiesene Stoffwechselstörung vorliegt.
Häufige Fragen zu Stoffwechselproblemen beim Pferd (FAQ)
Wann sollte ich bei Verdacht auf Stoffwechselprobleme genauer hinschauen?
Genauer hinschauen sollte man immer dann, wenn Veränderungen wie Gewichtszunahme oder Fettpolster nicht vorübergehend sind oder trotz angepasster Fütterung und Bewegung nicht zurückgehen. Auch wiederkehrende Probleme wie Hufrehe, Leistungsabfall oder Infekte sollten Anlass geben, den Stoffwechsel gezielt tierärztlich abklären zu lassen.
Sind Stoffwechselprobleme beim Pferd immer mit Übergewicht verbunden?
Nein. Übergewicht ist ein häufiger Risikofaktor, aber keine Voraussetzung. Pferde mit PPID können normalgewichtig oder sogar untergewichtig sein. Auch bei EMS ist Übergewicht nicht zwingend vorhanden. Entscheidend ist die Insulindysregulation, nicht allein der Körperzustand.
Was ist der Unterschied zwischen EMS und PPID?
EMS betrifft in erster Linie die Insulinregulation und tritt häufig bei übergewichtigen Pferden auf. PPID ist eine hormonelle Erkrankung der Hirnanhangsdrüse mit veränderter ACTH-Ausschüttung. Beide Erkrankungen beeinflussen den Stoffwechsel, beruhen jedoch auf unterschiedlichen Mechanismen.
Kann ein Pferd mit Stoffwechselproblemen Hufrehe bekommen, auch wenn es nicht dick ist?
Ja. Entscheidend ist nicht allein das Körpergewicht, sondern die Stoffwechsellage. Vor allem dauerhaft erhöhte Insulinspiegel erhöhen das Risiko für eine insulinassoziierte Hufrehe (Link zum Artikel), auch bei normalgewichtigen Pferden.
Wie werden Stoffwechselprobleme beim Pferd diagnostiziert?
Die Diagnose beginnt immer mit der klinischen Einschätzung des Pferdes und wird gezielt durch Blutuntersuchungen ergänzt. Welche Werte der Tierarzt bestimmt, hängt vom Verdacht ab: Bei EMS stehen Insulinwerte im Vordergrund, bei PPID die Bestimmung von ACTH, wobei jahreszeitliche Schwankungen zwingend berücksichtigt werden müssen. Reichen Einzelwerte nicht aus oder liegen Grenzbereiche vor, helfen Belastungstests, etwa der Oral Sugar Test bei EMS, um die Stoffwechsellage unter Praxisbedingungen besser einzuordnen.
Was können Pferdehalter im Alltag tun, um den Stoffwechsel zu unterstützen?
Pferdehalter beeinflussen den Stoffwechsel ihres Pferdes vor allem über Fütterung und Bewegung. Entscheidend ist eine Ration, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert und Energie-, Zucker- und Stärkegehalte gezielt begrenzt. Regelmäßige Bewegung unterstützt den Energie- und Muskelstoffwechsel, unabhängig davon, ob das Pferd über- oder normalgewichtig ist. Bleibt der Körperzustand trotz angepasster Fütterung unverändert oder verschlechtern sich Leistungsvermögen und Belastbarkeit, sollte der Tierarzt frühzeitig hinzugezogen werden, um Fütterung und Management gezielt zu überprüfen.


