Staubiges Heu beim Pferd: Bedampfen, Wässern oder Entstauben?
Heustaub reduzieren: mit Heubedampfer, Heu-Entstauber oder durch wässern
Heu ist ein Grundfutter und muss für Pferde aller Altersgruppen hygienisch einwandfrei sein. Foto: toffi-images.de Heu zu wässern oder zu bedampfen gehört für viele Besitzer von Pferden mit Equinem Asthma längst zur Routine. In vielen Ställen stehen deshalb große Wasserbottiche genauso selbstverständlich wie große schwarze Tonnen oder Kisten mit Stromkabel, die Heubedampfer.
Deutlich seltener sieht man bislang Heu-Entstauber – in kompakter Bauweise gibt es sie erst seit etwa einem Jahr. Wie gut diese drei Maßnahmen Staub binden oder reduzieren und was man dabei beachten sollte, haben wir hier zusammengetragen.
Ein wichtiger Hinweis vorweg: Aus schlechtem Heu kann niemals gutes Heu werden! Hygienisch bedenkliches Heu darf nicht verfüttert werden! Entdeckt man Schimmel (sichtbare Flecken) auf einem Heuballen, muss der gesamte Ballen entsorgt werden, da sich die unsichtbaren Schimmelsporen bereits ausgebreitet haben.
Warum staubiges Heu die Atemwege des Pferdes belastet
Wer im Stall im Gegenlicht schon einmal die vielen umherschwebenden „Pünktchen“ gesehen hat, ahnt nur vage, was selbst bei scheinbar „guter Luft“ in der Atemluft steckt. Denn die meisten Staubpartikel sind so klein, dass man sie nicht mehr sieht – und diese sind besonders riskant. Kleine Staubpartikel schweben sehr lange in der Luft und werden durch die Filterfunktionen der Nase nicht aufgehalten. Sie gelangen bis in die tiefen Bereiche der Lunge, wo der Körper sie nicht mehr einfach abtransportieren, sondern nur noch mühsam über Abwehrzellen unschädlich machen kann. Man spricht hier von lungengängigem Staub. Entzündungen oder Equines Asthma können die Folge sein.
Vor allem beim Fressen von trockenem Heu werden viele dieser feinen Staubpartikel aufgewirbelt, wie Messungen zeigen. Daher ist es besonders wichtig, die Staubfreisetzung aus Futtermitteln zu minimieren.
Was ist lungengängiger Staub im Heu?
Lungengängiger Staub ist ein Gemisch aus unbelebten Partikeln sowie aus lebenden Mikroorganismen, wie zum Beispiel:
- pflanzliche Feinpartikel (Abrieb aus trockenen Halmen, Blättern und Samen)
- mineralischer Staub (feine Boden- oder Sandpartikel, die beim Ernten oder Lagern ins Heu gelangen)
- Schimmelpilzsporen
- Bakterien und bakterielle Bestandteile
Um Staub zu binden und zu reduzieren, gibt es verschiedene Möglichkeiten. „Jede Form der Staubbindung ist erstmal positiv zu bewerten, egal welche Methode man nutzt“, erklärt Dr. Christa Finkler-Schade, Agrarwissenschaftlerin und öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Pferdezucht und -haltung. „Das Problem müsste eigentlich schon viel früher bei der Ernte oder Lagerung angegangen werden, damit erst gar nicht so viel Staub entsteht. Aber viele Betriebe müssen ihr Heu zukaufen und haben nun Mal keinen Einfluss auf Ernte oder vorherige Lagerung.“
Heu wässern: Staub binden
Die kostengünstigste Methode, um Staub zu binden, ist das Heu zu wässern. Dazu muss das Heu komplett in einem großen Bottich eingetaucht werden. In Messstudien sank nach zehnminütigem Wässern die Zahl der lungengängigen Staubpartikel stark. Dabei werden jedoch auch Nährstoffe ausgewaschen, wie eine andere Studie zeigt:
15 Minuten Wässern bei 20 °C führte zu einer Abnahme aller untersuchten Nährstoffe, darunter wasserlösliche Kohlenhydrate, Makronährstoffe und Spurenelemente. Das Auswaschen von Zuckern kann bei Stoffwechselkrankheiten gewollt sein, muss aber bei der Rationsberechnung berücksichtigt werden. Denn die umsetzbare Energie sank laut Studie bei 15-minütigem Wässern um 5 bis 15 Prozent. Etwa 35 Prozent des dünndarmverdaulichen (präzäkal) Rohproteins und der Aminosäuren wurden herausgewaschen. Zudem kann das Pferd das Protein, das nach dem Wässern noch im Heu vorhanden ist, schlechter verwertet. Die präzäkale Verdaulichkeit (pcD) sinkt um 49 Prozent.
Die Wissenschaftler betonen, dass Pferdebesitzer sich dieser Verluste bewusst sein müssen, um Mangelerscheinungen oder ungewollten Gewichtsverlust zu vermeiden.
„Das Auswaschen von Zucker ist für Stoffwechselpatienten zwar nährstofftherapeutisch gewollt, aber man muss auch den Proteinverlust bedenken. Zudem ist das Verfahren hygienisch riskant. Es kann mehr schaden als nützen, vor allem wenn das Heu nicht sofort gefressen wird“, so Dr. Finkler-Schade. Denn die mikrobielle Belastung kann schon während kurzer Einweichzeiten und in den ersten Stunden danach rasch ansteigen.
Heu bedampfen: Wirkung auf Staub, Keime und Nährstoffe
Heubedampfer erhitzen in einem Boiler Wasser und leiten den entstehenden Wasserdampf in einen geschlossenen Behälter, in dem sich das Heu befindet. Sie sind so konstruiert, dass der Dampf gezielt von unten oder zentral in das Heu eingebracht wird. Dadurch soll vermieden werden, dass nur die äußeren Schichten feucht werden, während das Innere kühl bleibt.
Professionelle Geräte gibt es für wenige Kilogramm Heu oder auch größere Ballen, entsprechend unterschiedlich fallen die Kosten aus (als Beispiel: der Haygain 360 Compact für 6 bis 8 Kilogramm Heu beginnt bei etwa 850 Euro, der Haygain HG 600 für 9 bis 11 Kilogramm liegt etwa bei 2.200 Euro).
Was bewirken Heubedampfer?
In Studien, die Staubpartikel und Keimzahlen direkt gemessen haben, sank die Belastung nach dem Bedampfen in einzelnen Versuchssettings um etwa 99 Prozent – Voraussetzung war, dass das Heu im Inneren sehr hohe Temperaturen erreichte.
Wie sich das Bedampfen auf Nährstoffe auswirkt, untersuchte eine Arbeitsgruppe der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Technischen Universität Dresden und des Julius-Kühn-Instituts: Sie bedampfte Heu 60 Minuten nach Herstellervorgaben. Am Ende zeigte der Deckel-Indikator im Mittel ~97 °C, im Heuinneren wurden in Messproben nahe 100 °C erreicht. Rohprotein blieb unverändert, einzelne Mineralstoffe änderten sich leicht.
Der Effekt auf den Zuckergehalt war allerdings sehr unterschiedlich: Je nach Heu-Charge sank der Wert an wasserlöslichen Kohlenhydraten (Glukose, Fruktose und Saccharose) um bis zu 8 Prozent oder stieg sogar um bis zu 12 Prozent an. Dünndarmverdauliches Protein nahm in dieser Studie beim Bedampfen um 41 Prozent ab.
Fütterungsexpertin Dr. Finkler-Schade veranschaulicht diese chemische Veränderung: „Man muss sich das vorstellen wie beim Eier braten, wenn das Eiweiß am Rand braun wird: Aminosäuren und Zucker reagieren chemisch auf Hitze und das führt zu der typischen braunen Farbe. Diese sogenannte Maillard-Reaktion führt dazu, dass sich die Proteinstruktur verändert. Dies kann beim Erhitzen von Heu für das Pferd nachteilig sein, da die Proteine in dieser veränderten Form im Dünndarm nicht mehr richtig aufgenommen und resorbiert werden können.“
Die Wissenschaftler der oben genannten Studie schreiben, dass die Bioverfügbarkeit der entstehenden Maillard‑Reaktionsprodukte noch offen ist und weitere Untersuchungen braucht. Sie raten Nutzern von Bedampfern, den Proteinverlust nicht durch eine größere Menge Heu auszugleichen: Da die Energie durch das Bedampfen nicht sinkt, würde eine Erhöhung der Heumenge das Pferd mit viel zu viel Energie versorgen. Die Ration sollte stattdessen mit hochwertigen Proteinquellen und Aminosäuren ergänzt werden, insbesondere bei Sportpferden, Zuchtstuten und Pferden im Wachstum.
Auch wenn sich die Proteinverdaulichkeit ändert, empfehlen die Forscher bedampftes Heu für Pferde mit schwerem Asthma aufgrund der hohen Keimreduktion. Da die Werte an löslichen Kohlenhydraten wie Fruktanen in der Studie jedoch stark schwankten und teilweise sogar zunahmen, raten sie vom Heu-Bedampfen für Pferde mit Stoffwechselstörungen oder Hufrehe-anfälligen Pferden ab.
Hier könnte es sinnvoller sein, auf eine Kombination aus Wässern und Bedampfen zurückzugreifen, wie eine ältere, britische Studie zeigt: Neun Stunden Wässern gefolgt von 40- bis 50-minütigem Bedampfen sei die effektivste Methode, um wasserlösliche Kohlenhydrate deutlich zu reduzieren und gleichzeitig hygienisch sauberes Heu zu erhalten. Das galt zumindest für die typischen Gehalte an wasserlöslichen Kohlenhydrate in Heu aus dem Vereinigten Königreich, das hierfür untersucht wurde.
Was muss man beim Heu Bedampfen beachten?
Für die Installation eines Heubedampfers ist in der Regel eine stabile 230-Volt-Stromversorgung erforderlich (Ausnahme Großanlagen/ Rundballen-Systeme). Hersteller Haygain rät, sich an einen Elektriker zu wenden, um sicherzustellen, dass die Stromversorgung für den Bedampfer sowie alle weiteren elektrischen Verbraucher ausreichend ist – insbesondere in älteren Ställen könne ein eigener Stromkreis erforderlich sein.
Ein Bedampfungsvorgang dauert im Durchschnitt 60 Minuten, kann sich jedoch bei extrem kalten Außentemperaturen im Winter auf bis zu 1,5 Stunden verlängern. Pro Durchgang werden laut Herstellerangaben ca. 4,5 Liter Wasser verbraucht, das Heu bleibt nach dem Prozess für mindestens 24 Stunden hygienisch stabil.
Um Keime und Staub zuverlässig zu reduzieren, muss das Heu locker im Behälter liegen, damit der Dampf alle Bereiche gleichmäßig durchdringen und eine sehr hohe Kerntemperatur erreichen kann. Wird das Heu nur angefeuchtet oder ungleichmäßig erwärmt, kann sich die mikrobielle Situation sogar verschlechtern. Deshalb sind selbst gebastelte Heubedampfer oder unzureichend isolierte Systeme kein gleichwertiger Ersatz für professionelle Geräte.
Wichtig ist außerdem, dass das Heu locker im Gerät liegt. Zu stark gepresste Ballen oder sehr dicht gestopfte Netze können verhindern, dass der Dampf alle Bereiche erreicht.
Heu-Entstauber: Staub entfernen ohne Wasser
Heu-Entstauber sind Geräte, die trocken arbeiten und Heustaub mechanisch aus dem Raufutter entfernen: Sie drehen das Heu und schütteln es auf, der dabei freigesetzte Staub wird abgesaugt. Vor etwa zehn Jahren ging der erste stationäre Ballenauflöser mit Absaugung an den Start, der Rundballen oder Quaderballen aufnehmen und bearbeiten kann.
Das Heu entstauben wird aufgrund der Größe dieser Maschine auch als Dienstleistung angeboten bzw. man kann bereits entstaubtes Heu kaufen.
Mittlerweile gibt es zudem kompaktere Varianten auf den Markt, die sich im Stall unterbringen lassen, wie den Heubatec Duremo E (ca. 7.600) und den german horse tech DEXTR1550 (ca. 7.990 Euro inkl. Feinstaubfilter auf Wunsch). Mit ihnen kann man etwa 10 Kilogramm Heu pro Vorgang entstauben.
Im Gegensatz zum Heubedampfer arbeiten die Geräte ohne Dampf und Wasser, was aus Sicht von Christina Schindler von german horse tech der Vorteil solcher Systeme ist. „Man muss nicht wie beim Bedampfer eine gewisse Temperatur erreichen, damit das Heu wirkungsvoll entstaubt ist. Das spart Stromkosten und Zeit, denn nach zehn Minuten ist das Heu fertig. Außerdem muss man kein Wasser auffüllen und regelmäßig entkalken. Da das System trocken arbeitet, gibt es im Winter keine Probleme mit eingefrorenen Leitungen oder Bauteilen.“
Vor allem der Aspekt der Stromeinsparung sei ein entscheidendes Kaufkriterium für ihre Kunden, sagt Schindler: „Der Entstauber arbeitet mit einer Leistung von 2,3 kW. Aufgrund der kurzen Aufbereitungszeit kostet es – ausgehend von einem Strompreis von 0,30 €/kWh - 1,15 Cent, ein Kilogramm Heu zu entstauben.“
Das Gerät entzieht dem Heu ca. zehn Prozent seines Gewichts in Form von Staub, Pollen und feinem Bruchmaterial. Das Material landet in einem Staubauffangbeutel.
„Auf Wunsch bieten wir zusätzlich einen Feinstaubfilter 1-µm an, dann kann das Gerät auch auf der Stallgasse in Betrieb genommen werden“, so die Herstellerin des DEXTR1550.
Für Expertin Dr. Finkler-Schade ist das ein wichtiger Punkt bei solchen Geräten: Staubiges Heu sollte weder in der Nähe von Pferden noch Menschen aufgeschüttelt werden. Außer man nutzt spezielle Filter, damit der Feinstaub aus der Absaugung nicht austritt und eingeatmet wird.
Wissenschaftliche Untersuchungen zum maschinellen Heu-Entstauben sind rar. Aktuell läuft an den Hochschulen HfWU Nürtingen und DHBW Ravensburg eine Promotion zur „Hygienisierung von Raufutter und Einstreu in der Pferdewirtschaft“. Ann-Cathrin Doelzer untersucht die Bedampfung im Großballen, das Wässern, das Aufsprühen einer 3- bis 5-prozentigen Oreganoöl-Lösung und die maschinelle Entstaubung (direkt auf dem Feld in großer Maschine). Für erste Ergebnisse ist es noch zu früh, aber Ann-Cathrin Doelzer hat sich bereits intensiv in das Thema eingearbeitet: „Durch das Entstauben werden Staub und Schimmelsporen höchstwahrscheinlich reduziert. Wie stark dieser Effekt tatsächlich ist, wird die Untersuchung zeigen. Gleichzeitig ist zu prüfen, ob beim Auflockern und Absaugen wertvolle, leicht brüchige Blattbestandteile verloren gehen, da sich dort ein großer Teil der Energie- und Nährstoffe des Heus befindet.“
Sobald es erste Ergebnisse gibt, berichten wir auf EQUI PAGES darüber.
Stallmanagement beachten!
„Bei allen Varianten ist eines entscheidend: Es bringt nichts, nur für ein Pferd Heu zu bedampfen, zu wässern oder zu entstauben, wenn das Nachbarpferd sein Heu weiterhin ‚staubig‘ bekommt. Langfristig bleibt der Erfolg aus, wenn das Management im gesamten Stallbereich nicht umgestellt wird. Da Pferde in Ställen oft einen gemeinsamen Luftraum teilen, belasten die Staubpartikel aus der Box nebenan auch das lungenkranke Pferd“, so Dr. Christa Finkler-Schade.


