ECVM beim Pferd: Symptome und Vererbbarkeit weiter im Fokus

ECVM – wirklich eine Krankheitsursache? Neue Studie soll Klarheit bringen

Eine schwach ausgebildete Halsmuskulatur wird u.a. mit ECVM in Verbindung gebracht. Symbolbild: Archiv Sportfotos-lafrentz.de Eine schwach ausgebildete Halsmuskulatur wird u.a. mit ECVM in Verbindung gebracht. Symbolbild: Archiv Sportfotos-lafrentz.de
Seit Jahren sorgen die als ECVM bekannten anatomischen Veränderungen der unteren Halswirbelsäule und ersten Rippen für intensive und teils emotionale Debatten unter Pferdebesitzern, Züchtern und Tierärzten. Viele Studien sind mittlerweile abgeschlossen, die Ergebnisse scheinen zunächst widersprüchlich. Aktuell laufen in Deutschland groß angelegte Forschungsprojekte mit mehreren hundert Pferden.

Wie verbreitet ECVM beim Pferd ist, lassen bisherige Studienzahlen und klinische Erfahrungen von Tierärzten erahnen. „Die Studien der letzten Jahre zeigen, dass etwa 30 Prozent der Pferde ECVM haben. Manche Tierärzte sprechen sogar von 50 Prozent“, berichtet Dr. Arno Lindner.


Der Tierarzt aus dem nordrhein-westfälischen Jülich ist Gründungsmitglied des FFP e.V. und Teil der Forschungsgruppe EQUCAP. Diese untersucht ECVM derzeit in einer groß angelegten Studie – denn die Unsicherheit, was der Befund ECVM konkret zu bedeuten hat, ist weiterhin groß.


Was ist ECVM beim Pferd?


ECVM steht für Equine Complex Vertebral Malformation. Betroffene Pferde haben angeborene Veränderungen an den letzten beiden Halswirbeln. Am 6. Halswirbel befindet sich normalerweise an der Unterseite eine knöcherne Platte, die Lamina ventralis. Bei Pferden mit ECVM kann diese auf der linken oder rechten Seite, aber auch beidseitig fehlen oder sogar an den siebten Halswirbel versetzt sein. Das kann Folgen für die Muskeln haben, die dort ansetzen. Es wird diskutiert, dass veränderte Muskelansätze zu Instabilität, Muskelhypertrophie und Schmerzen führen können, besonders unter Belastung oder bei schlechtem Training.


Auch Veränderungen der ersten und teilweise zweiten Rippe sind bei ECVM beschrieben: Die erste Rippe kann bei betroffenen Pferden (ein-/beidseitig) fehlen oder kürzer sein als anatomisch üblich. Das „als anatomisch üblich“ ist der Knackpunkt: Eine Anomalie ist nicht automatisch gleichzusetzen mit einer Krankheit.


Die Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM) bezeichnet in ihrer aktuellen Stellungnahme den Begriff „Equine caudal cervical morphologic variation“ (ECCMV) als treffender für diese Befunde, weil „Malformation“ (Fehlbildung) bereits eine Erkrankung nahelegt, die aus ihrer Sicht für diese anatomischen Variationen bislang nicht belegt ist.


ECVM-Symptome


Ein zentraler Punkt des aktuellen Forschungsprojekts von EQUCAP ist die Frage, ob ECVM mit Symptomen einhergeht. Tierärzten werden immer wieder Pferde vorgestellt, die häufig stolpern oder unter Koordinationsproblemen leiden und bei denen das Röntgenbild schließlich ECVM offenbart. Dem gegenüber stehen jedoch zahlreiche Pferde, die trotz der gleichen Anomalie völlig unauffällig bleiben.


„Es gibt Pferde im Spitzensport, die diese Veränderungen auf Röntgenbildern zeigen, aber völlig symptomfrei sind“, erklärt Dr. Maren Hellige von der TiHo Hannover in dem Podcast „Pferdemedizin heute“ von der Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM). „Ein Röntgenbefund allein ist keine Diagnose. Das ist erst mal nur ein Bild. Und klinisch relevant wird das eigentlich erst, wenn wir auch wirklich Ausfälle haben, also wenn wir sehen, dass ein Nerv betroffen ist.“ Die Fachtierärztin für Pferde und bildgebende Diagnostik gehört ebenfalls zur Forschungsgruppe EQUCAP und beschäftigt sich daher intensiv mit der Frage, ob und welche Symptome typisch sind für ECVM.


Wer die Thematik ECVM schon länger verfolgt, mag sich wundern, warum die Frage nach den Symptomen weiter im Raum steht – werden doch seit Jahren immer wieder „klassische Symptome von ECVM“ genannt. Sogar eine wissenschaftliche Studie (Kernot et al., 2022) hat die folgenden Auffälligkeiten in Zusammenhang mit ECVM zusammengetragen:


•               Ataxie

•               Schmerzen und Steifheit im Halsbereich

•               Stolpern

•               Lahmheiten

•               breitbeiniger Stand

•               Probleme in der Körperwahrnehmung

•               Muskelschwund am Hals

•               Leistungsabfall

•               Widersetzlichkeit

•               abnormale Kopf-Hals-Haltung


Bei der Studie handelt es sich um eine systematische Übersichtsarbeit, das heißt, es wurden Ergebnisse bereits durchgeführter Studien zusammenfassend ausgewertet. Das Problem aus Sicht mancher Wissenschaftler ist, dass die ausgewerteten Primärstudien zwar klinische Auffälligkeiten bei Pferden mit Veränderungen im Bereich C5 bis C7 beschrieben haben, aber keinen eindeutigen Beleg liefern, dass ECVM die Ursache für diese Symptome ist.


Zudem weisen Kernot et al. (2022) darauf hin, dass unterschiedliche Bildgebungsprotokolle und Auswertungskriterien die Vergleichbarkeit der Studien einschränken. Unklar war auch, ob in den ausgewerteten Studien ECVM eindeutig von anderen Erkrankungen, die mit Veränderungen an der Halswirbelsäule in Verbindung gebracht werden – beispielsweise dem Wobbler-Syndrom (CVSM) – abgegrenzt wurde.




Das ist CVSM beim Pferd


CVSM (zervikale vertebrale stenotische Myelopathie), bekannter unter der Bezeichnung Wobbler-Syndrom, ist eine Erkrankung, bei der der Wirbelkanal im Bereich der Halswirbelsäule verengt ist. Diese Verengung, die dauerhaft (statisch) sein oder in der Bewegung (dynamisch) auftreten kann, führt zu einer Kompression des Rückenmarks, was neurologische Probleme zur Folge hat. Durch die direkte Beeinträchtigung des Rückenmarks kommt es zu Symptomen wie Ataxie (Koordinationsstörungen). Während CVSM ein gut erforschtes Krankheitsbild ist, beschreibt ECVM anatomische Variationen, zu deren klinischer Bedeutung es noch keinen wissenschaftlichen Konsens gibt.




Studie aus 2024: Kein Beleg für „typische“ ECVM-Symptome


Eine aktuellere Studie kommt zu einem komplett anderen Ergebnis als Kernot et al.. Eine Forschergruppe um Dr. Sue Dyson veröffentlichte 2024 die Ergebnisse einer Querschnittsstudie. An zwei Kliniken in England und den USA waren 2017 bis 2019 Pferde mit dem Ziel untersucht worden, herauszufinden, ob Veränderungen an C6 bis T1 mit klinischen Symptomen einhergehen. Die Forscher suchten in diesem Zusammenhang auch nach Hinweisen auf eine Rückenmarkskompression (CVSM).


Anhand eines definierten klinischen Protokolls untersuchte das Forscherteam mehr als 200 Warmblüter. Die Gruppe wurde geteilt in eine „Kontrollgruppe“ (gesunde Pferde) und in eine Gruppe mit Pferden, die Probleme wie Schmerzen an der Halswirbelsäule, steifer Gang oder Koordinationsstörungen hatten.


Alle Pferde wurden nach demselben Muster sowohl orthopädisch als auch neurologisch untersucht. Dabei wurde unter anderem der Bewegungsablauf an der Hand, an der Longe und teilweise unter dem Reiter beurteilt. Auch der Hals wurde abgetastet, um Schmerzreaktionen oder Bewegungseinschränkungen zu finden. Die Forscher fertigten Röntgenbilder des unteren Halses und des vorderen Brustbereichs (Wirbel C5 bis T2) aus verschiedenen Winkeln an.


Es zeigte sich, dass die Pferde mit Problemen wie steifem Gang oder Koordinationsstörungen seltener Veränderungen an C5 bis T1 hatten als die gesunden Pferde: 29,2 % der gesunden Kontrollpferde hatten eine Variante am 7. Halswirbel (C7). Dagegen wiesen nur 16,7 % der Pferde mit Symptomen wie Ataxie oder Schmerzen diese Variante auf.


Die Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen ECVM und Ataxie, Schmerzen oder Lahmheit. Bei den Pferden, die diese Symptome zeigten, fanden Dyson et al. (2024) stattdessen häufig andere Befunde wie Arthrose an den Gelenkfortsätzen, Wirbelgleiten/ Fehlstellung der Wirbel, Einengungen der Zwischenwirbellöcher (durch die die Nerven verlaufen) oder Veränderungen an den Bandscheibenverbindungen.


Dr. Sue Dyson, die übrigens auch am aktuellen Forschungsprojekt der EQUCAP beteiligt ist, grenzt ECVM und CVSM klar voneinander ab. Sie rät, bei Pferden mit CVSM-Symptomen (Ataxie) nach degenerativen Verschleißerscheinungen zu suchen. ECVM-Variationen sind aus ihrer Sicht oft nur ein unbedeutender Nebenbefund.


Anmerken muss man allerdings auch hier die Grenzen der 2024 veröffentlichten Studie: Die Autoren untersuchten Warmblüter aus zwei Überweisungskliniken – das bildet die Warmblut-Population nicht zwangsläufig repräsentativ ab. Die Studie bleibt auf einen Querschnitt beschränkt und sie verfolgt die Kontrollpferde nicht weiter. Deshalb lässt sich nicht sagen, ob zum Untersuchungszeitpunkt unauffällige Pferde später klinische Symptome entwickelten. Die Gruppe mit Symptomen und die gesunde Kontrollgruppe unterschieden sich zudem vom Alter: Die Pferde der Symptomgruppe waren im Schnitt 9,6 Jahre alt, die der Kontrollgruppe 8,5 Jahre.


Beim Röntgen wurden zwar Schrägaufnahmen gemacht (in einem Winkel von 45° bis 55°), diese entsprachen dem klinischen Standard; ein speziell für ECCMV beschriebenes Protokoll (Gee et al., 2020) kam nicht zum Einsatz, was das Aufdecken bestimmter Varianten beeinflussen könnte. Die Ethikkommission hatte für die Studie nur Aufnahmen genehmigt, die im Rahmen einer routinemäßigen klinischen Untersuchung ohnehin notwendig waren.


Die Röntgenbilder wurden jeweils von einer Person an der jeweiligen Klinik ausgewertet, eine klinikübergreifende Auswertung jeweils durch mehrere Personen fand nicht statt.


Röntgen auf ECVM


Um ECVM zu diagnostizieren, reicht ein einfaches Seitenbild der Halswirbelsäule nicht aus, weil Schulterblatt und Brustkorb den unteren Hals und den Übergang zur Brustwirbelsäule teilweise verdecken. Christine Gee und Kollegen haben deshalb 2020 ein Röntgenvorgehen beschrieben, das Varianten an C6/C7 mithilfe spezieller Schrägaufnahmen und Orientierungsmarker sichtbar machen soll. Sie tastet die Querfortsätze ab und setzt einen kleinen, röntgendichten Marker oberhalb von C5. So sieht man auf dem Bild, wo C6 beginnt. Das soll verhindern, dass man eine normale Struktur an C5 fälschlich als ECVM-Variante wertet.


Dr. Katharina B. Ros und Kollegen greifen in ihrer Studie 2023 (die 39 Pferde einbezog) das Prinzip der Schrägaufnahmen auf, ergänzen es aber um einige Punkte. Sie röntgen C6 bis T2 sowie erste und zweite Rippe, um dort auftretende, angeborene Veränderungen (bezeichnet als Equine cranial rib malformations, kurz ECRM) mit mobilen Röntgengeräten feststellen zu können. Die Untersuchung findet am nicht-sedierten Pferd statt, da das Pferd aus Sicht der Studienautoren so stabiler steht: Auf diese Weise verdeckt das Schulterblatt T1, T2 und die ersten Rippen nicht so leicht.


Ein wesentlicher Kniff ist das manuelle Anheben des Pferdekopfes um 20 bis 100 Zentimeter über neutrale Position. Dies sei insbesondere für die Darstellung von ECRM entscheidend, da die ersten Rippen ohne diese Dehnung fast vollständig im Schatten des Schulterblatts verborgen bleibe.


Bei Pferden mit massiver Muskulatur kann es sinnvoll sein, das Vorderbein der gegenüberliegenden Seite vorsichtig zurückzunehmen. Die Schrägaufnahmen werden in einem flachen Winkel von unten nach oben angefertigt (von beiden Seiten, Winkelbereich bevorzugt 20 Grad).


Dieses Vorgehen, ergänzt durch einen verkürzten Aufnahmeabstand für maximale Detailschärfe, macht Fehlbildungen an C7, T1 und den Rippenansätzen sichtbar, die in einem Standardprotokoll verborgen bleiben können.


Zusätzlich zur Röntgenmethode haben Dr. Katharina Ros und Kollegen in ihrer Studie ein System zur Klassifikation der Schweregrade der Befunde erstellt. Eine solche differenzierte Bewertung sei deshalb so wichtig, weil nur bestimmte Ausprägungen der Fehlbildungen tatsächlich für Schmerzen oder neurologische Probleme verantwortlich sein könnten. Die Autoren führen aus, dass das Fehlen einer solchen Graduierung der Grund dafür sein könnte, warum andere Studien keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen ECVM und klinischen Befunden gefunden haben.


Halswirbelsäule bei der AKU röntgen?


Züchter, Pferdebesitzer und Käufer fragen sich, ob sie die Halswirbelsäule röntgen lassen sollten, um ECVM auszuschließen. Dr. Maren Hellige erklärt im GPM-Podcast, dass das Röntgen der Halswirbelsäule im Rahmen einer normalen Ankaufuntersuchung (AKU) aktuell nicht empfohlen werde. Man könne dort viele Befunde erheben, deren klinische Bedeutung völlig unklar sei. Die Tierärztin warnt davor, von einem reinen Röntgenbefund sofort auf eine Erkrankung oder ein Problem zu schließen.


Sie zieht eine Parallele zu Kissing Spines. Eine Zeitlang sei es sehr populär gewesen, Aufnahmen von den Dornfortsätzen des Rückens anzufertigen, auch bei Kaufuntersuchungen. Im Röntgenleitfaden 2018 seien diese Röntgenaufnahmen herausgenommen worden aus dem Standardprotokoll, da sich gezeigt hat, dass auch viele unauffällige, rittige Pferde deutliche Befunde zeigen, die demgemäß ohne klinische Relevanz seien. Man habe gelernt, dass nicht der knöcherne Befund entscheidend ist, sondern die Stabilisierung durch die Muskulatur und die korrekte Arbeit mit dem Pferd.


Auch im Hinblick auf die Zucht gibt es aus ihrer Sicht aktuell nicht ausreichend Informationen, um Züchtern zu raten, auf den Zuchteinsatz von Pferden mit bestimmten Röntgenbefunden an der Halswirbelsäule zu verzichten.


Dieser Stellungnahme entspricht, dass auch im neuen Röntgenleitfaden der GPM, der ab 1. April 2026 heranzuziehen ist, der empfohlene Standard keine Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule umfasst.


Neue, groß angelegte Studie zu ECVM


Unter dem Titel „Untersuchungen zur klinischen Bedeutung und Erblichkeit von angeborenen anatomischen Veränderungen der hinteren Hals- und vorderen Brustwirbel bei Warmblutpferden“ forscht EQUCAP seit April 2024 daran, mehr über die Symptome und Vererblichkeit von ECVM herauszufinden.


„Wir können unsere Pferdepopulation nicht mit den Pferden vergleichen, die Dr. Sue Dyson und ihr Team in Kalifornien und England untersucht hat. Das kann hierzulande ganz anders aussehen. Es waren auch dort Warmblüter, aber die Unterschiede sind dennoch groß. Wir bemerken schon jetzt, nachdem etwa 60 Pferde für das Projekt untersucht wurden, dass es selbst zwischen den Bundesländern Unterschiede gibt“, erklärt Dr. Arno Lindner.


An mehreren deutschen Pferdekliniken sollen insgesamt zwischen 500 bis 2000 Warmblüter an dem Forschungsprojekt teilnehmen. Um eine größtmögliche Homogenität der untersuchten Tiere zu sichern, werden nur eng verwandte Warmblutrassen (z.B. Hannoveraner, Westfalen, Oldenburger, Holsteiner, KWPN) in die Studie aufgenommen.


Die Pferde werden in verschiedene Gruppen geteilt: 1. Pferde mit Symptomen und mit Veränderungen, 2. Pferde mit Symptomen und ohne Veränderungen, 3. Pferde ohne Symptome und mit Veränderungen und 4. Pferde ohne Symptome und ohne Veränderungen.


Die Tierärzte führen klinische und neurologische Untersuchungen durch und erstellen verschiedene Röntgenbilder entsprechend eines Untersuchungsprotokolls, das die Forschergruppe entwickelt hat. Dieses Protokoll ist auf die spezifischen, wissenschaftlichen Fragestellungen der EQUCAP-Studie zugeschnitten und soll sicherstellen, dass die Aufnahmen für die unabhängigen Gutachter (wie Sue Dyson) eine möglichst hohe Qualität haben.


Die Tierärzte, die die Röntgenbilder auswerten, wissen nicht, ob das Pferd klinische Symptome gezeigt hat. Dies beuge „Bestätigungsfehlern“ vor: In einem Röntgenbild sieht man möglicherweise eher einen Befund, wenn man weiß, dass das Pferd lahmt.


Mithilfe der besonderen Röntgenaufnahmen und der späteren verblindeten Auswertung durch unabhängige Gutachter erhofft sich die Forschungsgruppe eine objektive und wissenschaftlich belastbare Antwort auf die Frage nach der klinischen Relevanz von ECVM.


„Wann wir mit ersten Ergebnissen rechnen können, hängt davon ab, wie schnell wir genügend Versuchs- und Kontrollpferde untersuchen können. Wissenschaftliche Veröffentlichungen sind für 2030, vielleicht 2029 zu erwarten“, erklärt der Tierarzt aus Jülich. (Infos zur Teilnahme)


Ist ECVM vererbbar?


Zusätzlich werden in dem Forschungsprojekt der EQUCAP Blutproben genommen, um die genetische Komponente von ECVM weiter zu erforschen. Zimmermann et al. (2023) hatten bereits erste Hinweise geliefert, dass ECVM bei Voll- und Warmblütern vererbbar sein könnte. Die Wissenschaftler hatten fünf Skelette bedeutender Pferde untersucht.


Von diesen waren zwei Pferde ohne ECVM-Befund: der Hannoveraner Dux und der Vollblüter Le Destrier xx. Dagegen zeigten die übrigen anatomische Variationen: die Vollbluthengste Der Loewe xx, Birkhahn xx und Dark Ronald xx. Die Fehlbildungen waren bei allen drei Hengsten sehr unterschiedlich, was auf die sehr hohe Variabilität dieses Merkmals hinweist. Insgesamt wurden in der Studie 20 Warmblüter (Hannoveraner, Oldenburger, Westfalen) untersucht, deren Abstammungen auf diese genannten Hengsten zurückgehen: Hiervon wiesen zehn Pferde ebenfalls Fehlbildungen an C6/C7 auf.


Besonders aufschlussreich war die familiäre Verbindung der untersuchten Hengste: Der Loewe xx und Birkhahn xx sind beide Urenkel von Dark Ronald xx, womit die Studie diese anatomischen Variationen erstmals über mehrere Generationen innerhalb einer zusammenhängenden Hengstlinie dokumentiert.


Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung war zudem, dass der Blutanteil von Der Loewe xx bei Pferden mit Fehlbildungen signifikant höher war als bei Pferden ohne Befund. Dieses Ergebnis ist wegen der kleinen Stichprobegröße jedoch mit Vorsicht zu interpretieren und lässt sich nicht verallgemeinern.


Das Fazit der Forscher lautete: Während diese Studie erste Hinweise auf eine genetische Weitergabe liefert, sind nun Studien mit wesentlich größeren Pferdezahlen und vertiefte Stammbaumanalysen erforderlich, um die Auswirkungen einflussreicher Vererber auf die heutige Population umfassend zu belegen. Molekulargenetische Untersuchungen können weitere Erkenntnisse liefern, was die Blutprobenentnahme in EQUCAP erklärt.


Auch Zuchtverbände forschen zu ECVM


Neben dem EQUCAP-Projekt läuft seit 2023 in Deutschland ein weiteres großes ECVM-Forschungsvorhaben, und zwar unter dem Dach der International Association of Future Horse Breeding (IAFH).


Beteiligt an dem Projekt, das als Promotionsvorhaben an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) bearbeitet wird, sind die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) und das Rechenzentrum Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (vit). Über die IAFH ist weiterhin der enge Austausch mit Tierzuchtexperten der Universitäten Göttingen und Kiel und am Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie gesichert.


Auch in der ECVM-Studie der IAFH sollen die klinische Bedeutung und Erblichkeit geklärt werden.

„Es werden vorrangig Warmblüter und Vollblüter im Alter zwischen zweieinhalb und vier Jahren untersucht. Die Untersuchungen finden direkt vor Ort in Aufzucht- bzw. Ausbildungsbetrieben statt, die an dem Projekt teilzunehmen bereit sind und bei denen mindestens fünf Pferde der entsprechenden Altersklasse vorhanden sind“, berichtet die verantwortliche Doktorandin Gina-Lee Fischer, die parallel als Tierärztin und Chiropraktikerin tätig ist. „Bislang liegen die Genehmigungen für unsere Untersuchungen für die Bundesländer Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen vor; die Erweiterung für Mecklenburg-Vorpommern ist beantragt.“


Dazu muss man wissen: Für wissenschaftliche Studien dieser Art müssen Tierversuchsanträge gestellt werden. Und da dies in Deutschland föderal geregelt ist, muss für jedes einzelne Bundesland, in dem Pferde untersucht werden sollen, eine eigene Genehmigung erwirkt werden.


Die Untersuchungen in den verschiedenen Aufzucht- /Ausbildungsställen wird einheitlich Gina-Lee Fischer durchführen. „Ich werde ein mobiles Röntgengerät verwenden und entsprechend der Anleitungen und Empfehlungen der TiHo zur Röntgendiagnostik im Bereich der Halswirbelsäule röntgen. Demgemäß wird die gesamte Halswirbelsäule geröntgt, einschließlich des Übergangs zu den Brustwirbeln T1, teils T2, um andere mögliche Ursachen für Bewegungsauffälligkeiten aufdecken zu können. Dazu gehören auch Schrägaufnahmen, ca. 35°, um die Lamina ventralis (red. Anmerkung: die knöchernen Ausläufer der Wirbel) beidseitig beurteilen zu können.“


Um den Zusammenhang zwischen anatomischen Variationen und klinischen Auffälligkeiten präziser analysieren zu können, wird bei der Bewegungsbeurteilung zusätzlich zur Beschreibung die objektive Ganganalyse mittels Sensoren genutzt. Alle Pferde werden zudem einer standardisierten orthopädischen und neurologischen Untersuchung unterzogen.


Die Abstammung der Pferde wird erst nach Abschluss aller klinischen und radiologischen Untersuchungen mit den Befunden verknüpft. Das unterstützt die unvoreingenommene Datenerfassung über den gesamten Studienverlauf.


Geplant ist, die Datensammlung bis Herbst 2026 abzuschließen. Die Auswertung und die anschließende Veröffentlichung der Ergebnisse schließen sich unmittelbar an und sind entsprechend ab 2027 zu erwarten.




International Association of Future Horse Breeding


Folgende Pferdezuchtverbände und Institutionen sind bei der IAFH als Gesellschafter beteiligt: Verband der Züchter des Oldenburger Pferdes e.V. (OL), Springpferdezuchtverband Oldenburg International e.V. (OS), Trakehner Verband e.V., Holsteiner Verband e.V., Westfälisches Pferdestammbuch e.V., DSP Deutsches Sportpferd GmbH (Pferdezuchtverbände Baden-Württemberg, Brandenburg-Anhalt, Sachsen-Thüringen und Rheinland-Pfalz-Saar sowie Landesverband bayerischer Pferdezüchter e.V.), Hannoveraner Verband e.V. und Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (vit).




Studien zum Thema

Beccati, Francesca; Pepe, Matteo; Santinelli, Ilaria; Gialletti, R.; Di Meo, Andrea; Romero, J. M. (2020): Radiographic findings and anatomical variations of the caudal cervical area in horses with neck pain and ataxia: case–control study on 116 horses. https://doi.org/10.1136/vr.105756


DeRouen, Anthony; Spriet, Mathieu; Aleman, Monica (2016): Prevalence of anatomical variation of the sixth cervical vertebra and association with vertebral canal stenosis and articular process osteoarthritis in the horse. https://doi.org/10.1111/vru.12350


Dyson, S., Phillips, K., Zheng, S. & Aleman, M. (2024): Congenital variants of the ventral laminae of the sixth and seventh cervical vertebrae are not associated with clinical signs or other radiological abnormalities of the cervicothoracic region in Warmblood horses. https://doi.org/10.1111/evj.14127


Gee, C., Small, A., Shorter, K. & Brown, W. Y. (2020): A Radiographic Technique for Assessment of Morphologic Variations of the Equine Caudal Cervical Spine. https://doi.org/10.3390/ani10040667


Kernot, N., Butler, R. & Randle, H. (2022): A Systematic Review of Clinical Signs Associated With Degenerative Conditions and Morphological Variations of the Equine Caudal Neck. https://doi.org/10.1016/j.jevs.2022.104054


Ros, Katharina B.; Doveren, Aldo; Dreessen, Christie; Pellmann, Ralf; Beccati, Francesca; Zimmermann, Elisa; Distl, Ottmar (2023): Radiological methods for the imaging of congenital malformations of C6–T1, the first and second sternal ribs and development of a classification system, demonstrated in Warmblood horses, https://www.mdpi.com/2076-2615/13/23/3732


Strootmann, T.; Peter, V.G.; Körner, J.: Radiographic Prevalence of Anatomical Variations of the Ventral Lamina of the Sixth Cervical Vertebra, C6/C7 Articular Process Joint Modelling and Competition Outcomes in Warmblood Sport Horses. Animals 2026, 16, 424. https://doi.org/10.3390/ani16030424


Zimmermann, Elisa; Ros, Katharina B.; Pfarrer, Christiane; Distl, Ottmar (2023): Historic horse family displaying malformations of the cervicothoracic junction and their connection to modern German Warmblood horses. https://www.mdpi.com/2076-2615/13/21/3415


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