Über das Longieren junger Pferde
Longieren – nicht alles, was normal ist, ist auch sinnvoll

Es scheint inzwischen Usus zu sein, vor dem Anreiten Pferde zunächst an der Longe zu arbeiten. Häufig hat man den Eindruck, dass es eher der Angst vor dem Herunterfallen von einem bockenden Pferd geschuldet ist, das wegen mangelnden freien Auslaufs auf der Weide überschüssigen Bewegungsdrang loswerden muss.
Bei solch einem Vorgehen ist zu bedenken, dass die Gliedmaßen der Pferde bei schnelleren Bewegungen im Trab und Galopp auf den recht kleinen Kreisbögen (i.d.R. deutlich kleiner als ein Zirkel mit 20 m Durchmesser) erheblichen Belastungen ausgesetzt sind. Es sind vornehmlich Scher- und Rotationskräfte, die auf den unteren Gliedmaßenbereich wirken.
Das gilt ganz besonders im Galopp, wo bei jedem Galoppsprung die ganze Körperlast mit den zusätzlichen Fliehkräften von den jeweiligen Einbeinstützen hinten außen und vorne innen aufgefangen werden müssen.
Die Wissenschaft zu den Auswirkungen
Eine international besetzte Forschergruppe hat die Auswirkungen des Longierens auf die Gesunderhaltung insbesondere junger Pferde wissenschaftlich untersucht und 2021 in dem Fachmagazin „Animals“ veröffentlicht. Die sich aus den Untersuchungen ergebenden Empfehlungen sind vornehmlich, auf das Longieren sehr junger Pferde ganz zu verzichten, weil sich nachträgliche Fehlstellungen ergeben können, wenn zum Beginn der Longenarbeit der Epiphysenschluss noch nicht vollzogen ist.
In der weiteren Ausbildung sollte man nur dosiert, nicht unnötig und nicht zu häufig longieren, möglichst auch nur in niederen Gangarten bzw. geringem Tempo und auf möglichst großen Kreislinien.
Dies erinnert an Auffassungen früherer Pferdefachleute, die in der Ausbildung junger Remonten ebenfalls vor gesundheitlichen Risiken bei der Longenarbeit gewarnt haben.
Longieren bei Körungen
Das sollte den Zuchtverbänden zu denken geben, die noch das Longieren der Junghengste auf Körungen verlangen. Hierzu gibt es immer mehr kritische Stimmen, auch aus dem benachbarten Ausland, wo z.B. ein bekannter holländischer Hengsthalter im Magazin „Züchterforum“ vor kurzem gefordert hat: „Das Longieren auf Körungen muss sofort abgeschafft werden“.
Das Ob ist auch eine Frage des Wie
Sachgemäßes Longieren kann als ergänzende Ausbildungsmaßnahme sicher sehr sinnvoll sein. Man hat jedoch den Eindruck, dass viele Longierer darin nicht ausgebildet sind und damit dem Pferd mehr schaden als nutzen. Insofern war es ein richtiger Schritt, den Erwerb eines Longierabzeichens als Voraussetzunug für eine Trainer – C – Ausbildung zu verlangen. Betrüblich hingegen ist, dass das Longieren als Prüfungsfach ausgerechnet bei den Pferdewirten vor einigen Jahren abgeschafft wurde.
Dabei hat man – ohne es zahlenmäßig belegen zu können – den Eindruck, dass heute mehr und häufiger longiert wird als zu früheren Zeiten. Dies gilt auch für das Longieren auf Vorbereitungsplätzen auf Turnieren, insbesondere im Zusammenhang mit der Vorbereitung ganz junger Pferde für Reitpferdeprüfungen.
Nicht selten werden die Pferde dann mit den Zügeln (oft zu kurz) ausgebunden und mit herunterhängenden Bügeln auf kleinem Zirkel im Trab und Galopp ablongiert („abgeschleudert“). Solch ein Vorgehen ist vom Aufsicht führenden Richter unbedingt zu monieren.
Auch auf einem Turnier gelten die Richtlinien, hier der Band 6, und es darf nur so longiert werden, wie es in den Richtlinien beschrieben ist, demnach auch nicht mit Hilfs- bzw. Ausbindezügeln, die darin nicht aufgeführt sind.
Inakzeptable Praktiken
Dies gilt insbesondere auch für ein „Werkzeug“, das irreführender Weise als „Longierhilfe“ auf dem Markt ist. Der Gebrauch dieses Zügels ist unter Tierschutzaspekten grenzwertig, da dem Pferd unnötige, vermeidbare Schmerzen zugefügt werden, indem es bei jedem Tritt einen Ruck im Maul erfährt.
Auch das Longieren mit herunterhängenden Bügeln ist völlig inakzeptabel, wenn man bedenkt, dass das Schmerzempfinden des Pferdes vergleichbar zu dem des Menschen ist und beim Pferd zusätzlich damit ständige Fluchtreflexe ausgelöst werden.
Von daher: Das Longieren junger Pferde ist zu überdenken. Das Longieren auf gerade genannte Weise sollte verbannt werden.
Martin Plewa
