Zu Justin Verboomen – der Nummer eins der Weltrangliste mit dem klassischen Hintergrund

„Das Gefühl ist mir wichtiger als das Gewinnen“

Justin Verboomen und Zonik Plus bei der Weltcup-Etappe in Lyon, wo die beiden für Verboomens Gefühl ihren bislang besten Grand Prix zeigen konnten. Foto: FEI/Lukasz Kowalski Justin Verboomen und Zonik Plus bei der Weltcup-Etappe in Lyon, wo die beiden für Verboomens Gefühl ihren bislang besten Grand Prix zeigen konnten. Foto: FEI/Lukasz Kowalski
Justin Verboomen ist ein Phänomen. „From zero to hero“ – auf kaum jemanden trifft das so zu, wie auf diesen Belgier, der sich innerhalb nicht mal eines Jahres an die Spitze der Weltrangliste der Dressurreiter ritt, und alles dank eines erst neunjährigen Hengstes. Da könnte man an das One-Horse-Wonder denken. Doch mit Djembe de Hus in Mechelen hat Verboomen gezeigt, dass er viel mehr ist. Hier hat er daran erinnert, dass es in der Pferdeausbildung nur einen richtigen Weg gibt: den des Pferdes.

Belgiens Justin Verboomen ritt jahrelang von der Öffentlichkeit quasi unbemerkt. Man musste schon ein Insider unter den Insidern sein, um von ihm gehört zu haben. Und plötzlich war er da. Spätestens als er als No Name zum ersten Mal beim CHIO Aachen an den Start ging und sich auf Anhieb einen Platz an der Tafel der ewig Besten, der berühmten Siegertafel neben dem Einritt ins Springstadion, sicherte, kannte ihn jeder. Und jeder wollte wissen: Wer ist dieser 38-Jährige, der da aus dem Nichts kam?


Lehrmeister Lusitano


Die Fakten sind schnell erzählt. Zum Pferd kam Verboomen als Kind durch seinen Vater. Da dieser ein ausgesprochener Fan von Lusitanos und klassischer Reitausbildung war, ritt auch Justin Verboomen zunächst vor allem die barocken Schönheiten aus Portugal. Die Erfahrungen, die er bei deren Ausbildung sammeln konnte, kommen ihm heute zugute. Er arbeitete damals in einem belgischen Lusitano-Gestüt, konnte sich die Pferde aussuchen, die er reiten wollte und hat sie von der Remonte bis Grand Prix ausgebildet. Allerdings ohne viel auf Turniere zu gehen. „Ich bin echt dankbar und glücklich, dass ich diese Pferde reiten konnte. Denn in der Regel sind sie körperlich nicht so stark wie Warmblüter. Man muss also wirklich auf ihre Psyche und aufpassen, dass man sie nicht überfordert. Man muss Wege finden, ihnen eher zu helfen, als nur zu fordern“, bringt Verboomen es auf den Punkt. Wie hilfreich diese Erfahrungen sind, kann man sich leicht ausrechnen. Schließlich hat auch jeder Warmblüter seinen individuellen Schokoladenseiten und andere Punkte, die schwerer fallen. Dass Verboomens Konzept funktioniert, beweist nicht nur Zonik Plus, sondern auch sein Weltcup-Zweiter von Mechelen, Djembe de Hus.


Die Entdeckung zwischen Dinner und Heimflug


Zonik Plus ist zwar ein Rheinländer und kein Lusitano, aber in deren Heimat Portugal hat Verboomen ihn entdeckt. Er hatte ganz Europa nach einem Lusitano mit Grand Prix-Potenzial als Sportpferd für sich selbst durchforstet. Aber entweder waren die Pferde zu teuer oder der TÜV zu schlecht. Portugal war seine letzte Hoffnung. Doch auch hier wurde er enttäuscht. Einigermaßen desillusioniert saß er mit Bekannten in einem Restaurant und berichtete von seinem Dilemma. Da horchte ein Tischnachbar auf und sagte, er hätte da vielleicht ein Pferd für ihn. Es war bereits 17 Uhr und ein Rückflug ging noch am selben Abend. Doch Verboomen fackelte nicht lange und gab der Sache eine Chance. So lernte er den zweieinhalbjährigen Zonik Plus kennen, holte ihn nach Belgien, bildete ihn aus und machte ihn zum derzeit besten Dressurpferd der Welt.


Auf der Suche nach dem Idealgefühl


Aachen-Sieger, Europameister, kaum zu glauben, dass es noch möglich sein sollte, diese Saison zu toppen. Doch tatsächlich setzten Verboomen und Zonik Plus beim Top 12 Finale in Frankfurt noch einen drauf. Sie trafen hier auf ihre ärgsten EM-Konkurrentinnen, Cathrine Laudrup-Dufour mit Mount St. John Freestyle und Isabell Werth mit Wendy de Fontaine. Und wie in Crozet ließen sie beide hinter sich – wenngleich es besonders in der Kür knapp war. Beide Male knackten Verboomen und sein Rappe ihre persönliche Bestleistung. Das allerdings ist für Verboomen nicht wichtig. Ihm geht es nicht darum, von Turnier zu Turnier mehr Punkte zu bekommen, sondern ihm geht es darum, sein neun Jahre junges Supertalent immer noch ein bisschen besser in Szene setzen zu können. „Das Gefühl ist mir wichtiger als das Siegen“, sagt er. Als er aus dem Viereck der Festhalle kam, habe er seine Wertnoten gar nicht wissen wollen. Er wollte lieber mit seiner Trainerin Claudia Kircheiss, seiner Schwester (die bis nach den Europameisterschaften auch seine Pflegerin war), seinen Freunden und seiner jetzigen Pflegerin über deren Eindrücke von seiner Prüfung sprechen. Verboomen ist ein Perfektionist. „Es gibt noch so, so, so viele Dinge, die ich mit ihm verbessern möchte“, betonte er Heute war zum Teil noch Spannung im Pferd und an der Geraderichtung müssen wir arbeiten. Zuhause ist das einfach. Aber auf dem Turnier ist es etwas anderes.“


Dabei hat sich Zonik Plus mittlerweile zum Turnierprofi entwickelt. Wer die Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde in den vergangenen Jahren aufmerksam verfolgt hat, weiß: Zonik Plus war 2022 Sechster bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde. Das waren aufregende Zeiten, wie sein Reiter berichtet. „Sechs- und siebenjährig war er wie ein Löwe auf dem Turnier!“ Er sei zwar nicht aggressiv, aber schrecklich aufgeregt gewesen angesichts all der fremden Pferde, Eindrücke usw. Das habe sich stark verbessert. Inzwischen sei er von Turnier zu Turnier ruhiger geworden. „Hier ist er sehr entspannt!“, lobte Verboomen die Unterbringung der Pferde in Frankfurt. Wer einen Blick hinter die Kulissen geworfen hat, konnte die beiden übrigens hinter der Festhalle spazieren gehen sehen, Zonik Plus gut gelaunt neben seinem Reiter hertänzelnd, der ihn ganz entspannt machen ließ.


Klassisches Lehrstück in Mechelen


Justin Verboomen mit Zonik Plus in Frankfurt zuzuschauen, war ein Genuss. Es hat Spaß gemacht. Justin Verboomen mit Djembe de Hus in Mechelen zu beobachten, stimmte einen nachdenklich. Nicht etwa, weil der Auftritt mit dem Oldenburger Damon Hill-Sohn schlechter gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Djembe de Hus, nun elfjährig, ist ein wunderbares Pferd, aber ganz anders als Zonik Plus, weniger energetisch, weniger präsent, weniger selbstbewusst und stolz. Aber Verboomen hat in Mechelen genau das getan, was er in Frankfurt in Bezug auf die Ausbildung der Lusitanos geschildert hat: Er hat ihn quasi an die Hand genommen und ihn durch die erste Kür seines Lebens begleitet.


Der Wallach steht am Anfang seiner Grand Prix-Karriere. Er ist erst seit Mai bei Verboomen und soll verkauft werden. Hoffentlich findet er ein neues Zuhause, wo man ihm genauso sensibel die Zeit gibt, die er braucht, um sich zu entfalten. Was Verboomen in Mechelen mit dem Fuchs präsentiert hat, war klassisches Reiten vom Feinsten mit dem Ergebnis, dass aus einem unsicheren Pferd, innerhalb einer Prüfung ein vertrauensvoller, freudig mitarbeitender Partner wurde. Da war noch nicht alles perfekt. Aber alles auf dem richtigen Weg. Man sah es deutlich: Verboomen forderte immer nur so viel, wie Djembe de Hus zu geben bereit und in der Lage war.


Dressur soll leicht sein, unaufwendig. Man darf wohl unterstellen, dass jeder Reiter mit seinem Pferd danach strebt, egal ob auf A- oder Grand Prix-Niveau. Justin Verboomen hat in Mechelen daran erinnert, dass es nur einen einzigen Weg gibt, über den dieses Ziel erreicht wird: den klassischen, der das individuelle Pferd mit all seinen psychischen und physischen Voraussetzungen respektiert. Dafür muss man ihm danken. Denn das ist seltener als es sein sollte. Und genau das ist es, was einen nachdenklich macht. Dafür muss man nicht nur Verboomen danken, sondern auch den Richtern Respekt zollen, die ihn seinerzeit mit Zonik Plus in Mechelen als unbekannte Größe immerhin auf Rang zwei gesetzt haben und jetzt wieder mit Djembe de Hus.


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