
Michael Jung mit Toppferd Chipmunk. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Am 31. Juli 1982 wurde der erfolgreichste Vielseitigkeitsreiter aller Zeiten geboren, Michael Jung. Im gleichen Jahr zogen seine Eltern Brigitte und Joachim Jung mit ihm und seinem älteren Bruder Philip, auf die Reitanlage in Horb am Neckar, wo der reitende Teil der Familie bis heute zu Hause ist. Neben den Eltern Jung und Sohn Michael gehört dazu auch dessen Frau Faye Füllgräbe-Jung, Tierphysiotherapeutin und ebenfalls in der Vielseitigkeit aktiv, sowie die Kinder der beiden, Lio (geboren 2021) und Mara (geboren 2023).
In der Reitschule Jung wurden vier olympische Goldmedaillen geschmiedet. Der Name des Stalls ist Programm. Pferdewirtschaftsmeister Joachim Jung hatte hier einst mit einer klassischen Reitschule begonnen. Er war selbst ein Allround-Talent, ritt Vielseitigkeit und hatte Erfolge bis Klasse S in Dressur und Springen. Die Söhne Michael und der zwei Jahre ältere Philip wurden mit Pferden groß. Oder vielmehr mit Ponys, nämlich mit Sally und Moritz, von denen Michael Jung heute sagt, sie hätten sein Durchsetzungsvermögen und die Disziplin im Umgang mit Pferden mitgeprägt. Jedenfalls hat er damals ein gründliches Falltraining genossen, denn Moritz hat ihm manche Flugstunde beschert, besonders im Gelände, wie Jung berichtet. Das hat ihn nicht davon abgehalten, hier eine einzigartige Karriere zu machen.
Schon früh wurde deutlich, was für ein Ausnahmetalent im Sattel Michael Jung ist. Er absolvierte den klassischen Werdegang eines deutschen Nachwuchsreiters – Goldene Schärpe, Bundesnachwuchschampionat, Deutsche Jugend- und schließlich Europameisterschaften der im Junioren- und Junge Reiter-Lager. Schon hier war er ein Medaillengarant. 2003 war sein letztes U21-Jahr. Er holte EM-Gold. Im gleichen Jahr erhielt er für seine Erfolge im Dressur- und Springsattel das Goldene Reitabzeichen.
Den ersten Sieg in einer Vier-Sterne-Prüfung (damals noch 3*) verbuchte Jung 2005 in Schenefeld. Im gleichen Jahr präsentierte er beim Bundeschampionat in Warendorf einen fünfjährigen Youngster mit dem interessanten Namen Sam the Schwäbisch Man, aber eher unspektakulärem Auftreten. Die beiden wurden Fünfte, die Dressur war nicht gut genug für eine Medaille. Dieser drahtige, nur 1,62 große Halbblüter v. Stan the Man xx sollte das Pferd werden, von dem William Fox-Pitt sagte, er würde es am liebsten kaufen, um es auf die Weide zu stellen und endlich diese lästige Konkurrenz los zu sein. Denn Sam und Michael Jung waren nahezu unschlagbar.
2009 bestritten sie erstmals ein Seniorenchampionat für Deutschland, die Europameisterschaften in Fontainebleau. Die deutsche Equipe agierte glücklos. Keiner konnte das Gelände beenden. Außer Sam und Michael Jung. Am Ende holten sie Bronze. Es sollte das einzige Mal bleiben, dass dieses Paar auf einem Championat geschlagen wurde. 2010 wurden sie Einzelweltmeister in Kentucky. Die EM 2011 bestritt Michael Jung mit Zweitpferd Halunke, holte auch mit ihm Doppelgold. Sams große Stunde schlug wieder 2012, bei den Olympischen Spielen in London. Am Geburtstag seines Reiters besiegelte er mit zwei fehlerfreien Runden im Parcours Gold für die Mannschaft und für Michael Jung. In Rio 2016 gelang ihnen das beinahe undenkbare: noch einmal olympisches Gold in der Einzelwertung. Im selben Jahr holte Michael Jung dank Sam und der Stute Rocana, mit der er 2014 WM-Gold und -Silber gewonnen hatte, als zweiter Buschreiter der Geschichte nach Pippa Funnell 2003 den Rolex Grand Slam of Eventing für die Siege der CCI5*-L Prüfungen von Kentucky, Badminton und Burghley hintereinander.
Als Sam in Ruhestand ging, wurde der von Julia Krajewski bis Championatsniveau ausgebildete Hannoveraner Contendro-Sohn Chipmunk Michael Jungs wichtigster Partner. Bereits 2019 gewannen sie EM-Gold und -Silber in Luhmühlen. In Tokio 2021 waren sie auf Titelkurs, als ein ausgelöstes MIM im Gelände (elf Strafpunkte) den Traum vom dritten Olympiasieg in Folge zunichte machte. Dafür konnte „Chips“ Ausbilderin Julia Krajewski auftrumpfen. Mit der französischen Stute Amande de B’Neville wurde sie als erste Frau der Geschichte Einzelolympiasiegerin in der Vielseitigkeit.
Bei den Weltmeisterschaften in Pratoni del Vivaro 2022 waren Michael Jung und Chipmunk einmal mehr eine sichere Bank des deutschen Teams. Nach Dressur und Gelände sahen sie wie die sicheren Sieger aus, hatten sogar einen Springfehler „gut“, als sie als letztes Paar in den Parcours gingen. Eine Stange fiel, kein Problem. Schließlich war es nur noch ein Sprung bis zum Einzeltitel. Doch es sollte nicht sein. Chip streifte die Stange, Jungs zweiter Weltmeister-Titel fiel mit ihr in den Staub. Was blieb war Mannschaftsgold. Auch das ein Riesenerfolg.
Ein Jahr später standen im französischen Haras du Pin die Europameisterschaften an. Wie immer lieferten Jung und Chipmunk eine überragende Dressur. Doch im Gelände stolperte Chipmunk beim Einsprung ins Wasser, keine Chance für Jung, sich im Sattel zu halten. Die Enttäuschung war groß.
Rund ein Jahr später, 30. Juli 2024. Der Tag der Entscheidung bei den Olympischen Spielen in Paris im Springstadion von Versailles. Zwei Parcours waren zu absolvieren, erst der für die Mannschaftswertung, dann noch eine finale Runde für die Einzelwertung. Nach Dressur und Gelände lagen Michael Jung und Chipmunk in Führung. Aber ihre Dauerrivalen Laura Collett und London saßen ihnen im Nacken. Im Mannschaftsspringen kassierten Jung und Chipmunk einen Abwurf. Aber Collett und London ebenfalls. Am letzten Hindernis öffneten sie die Tür wieder für Jung. Nur noch eine Runde. Zwölf 1,30 Meter hohe Sprünge trennten ihn und Chipmunk vom Triumph. Sollten sie hier fehlerfrei bleiben, wäre Michael Jung endgültig der Größte aller Zeiten. Dreimal Einzelolympiasieger in der Vielseitigkeit, das hatte bis dato noch nie ein Reiter geschafft, kein Mark Todd, kein Andrew Hoy, keiner der vielen Topreiter aus Großbritannien. Es war nur eine knappe Minute. Zwei Distanzen erwischte Michael Jung nicht optimal. Aber es ist eben ein Teamsport. Und Chipmunk schien an diesem Tag zu wissen, dass es diesmal an ihm war, seinem Reiter zu helfen. Er blieb null. Das war der Sieg und für Jung seine vierte olympische Goldmedaille, die dritte in der Einzelwertung. Unglaublich. Das nächste große Ziel: die Reit-WM 2026 in Aachen.