
Zwei Olympiasiegerinnen: Julia Krajewski und Amande de B'Neville. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Reflektiert, ehrlich, smart, resilient, als Ausbilderin für Pferde wie Reiter genial und immer auf der Suche nach der Schippe, mit der sie noch einen drauflegen kann – das ist Julia Krajewski, die erste Frau in der Geschichte der Vielseitigkeit, die olympisches Einzelgold gewann. Bis dahin war es ein weiter Weg mit vielen Aufs, aber auch Abs.
Im Oktober 1988, dem Jahr, in dem die deutschen Reiter bei den Olympischen Spielen in Seoul Mannschaftsgold in allen drei olympischen Disziplinen gewonnen hatten, wurde im niedersächsischen Langenhagen die älteste der drei Töchter von Christina und Paul Krajewski geboren, Julia Krajewski.
Die Krajewskis waren zwar keine klassische Pferdefamilie. Aber Mutter Christina ritt seit ihrer Jugend freizeitmäßig und brachte die Pferde auch ihren Töchtern näher. Beim Sommerurlaub auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide konnten die Kinder reiten und Stallluft schnuppern – der Beginn einer lebenslangen Liebe. Als die Familie dann einen Resthof im Emsland erwarb, zogen die ersten Ponys ein.
Heute ist die studierte Naturwissenschaftlerin Christina Krajewski als Produktmanagerin für die englische Firma Neue Schule Gebisse in Deutschland tätig. Die Pferdeliebe der Kinder fiel also auf fruchtbaren Boden bei den Eltern.
Und aus Spaß wurde bald schon ernst.
Julia Krajewski war gerade 12 Jahre jung, als sie mit dem Weser-Ems Pony Cyrano bei ihrer ersten Europameisterschaft antrat. Dabeisein war nicht alles. Gleich bei ihrem U16-Debüt gewann das Paar Doppelgold in Einzel- und der Mannschaftswertung. Ein Jahr später wurden sie erneut Mannschaftseuropameister. In der Einzelwertung wurde es diesmal die Silbermedaille.
Als die Wege von Julia Krajwski und Cyrano sich trennten, ebnete der Wallach Felix Vogg den Weg in den Sport, heute Fünf-Sterne-Sieger und Olympiareiter für die Schweiz. Julia Krajewski fand in dem Oldenburger Wallach Leading Edge einen Partner für die Juniorentour. Resultat: zwei EM-Teilnahmen, zweimal Mannschaftsgold, dazu einmal Silber in der Einzelwertung, einmal Rang fünf.
Und auch von ihren letzten EM-Auftritten im U21-Nachwuchslager kehrte sie mit Medaillen heim. Diesmal waren es drei aus Silber, 2008 für Rang zwei in Einzel- und Mannschaftswertung bei der EM der jungen Reiter 2008 in Kreuth mit Lost Prophecy, eine für die Mannschaftswertung bei EM 2009 in Waregem mit After The Battle, der sie zwei Jahre später auch bei ihrer ersten Senioren-EM begleitete.
Bemerkenswert: Außer dem Vollblüter After the Battle, der zuvor von Frank Ostholt geritten wurde, ging keines der Pferde, mit denen Krajewski im Nachwuchsbereich erfolgreich war, unter einem anderen Reiter international, ehe es zu Krajewski kam. Sowohl Leading Edge als auch Lost Prophecy hat sie selbst sechsjährig in den Sport gebracht.
Als sie für Deutschland bei den Junge Reiter-Europameisterschaften ritt, hatte Julia Krajewski ihr Abitur bereits in der Tasche, gehörte der Perspektivgruppe Vielseitigkeit an und hatte als Auszubildende am DOKR in Warendorf angeheuert. Ihr wichtigster Lehrmeister war Rüdiger Schwarz, der sah, dass er hier nicht nur ein reiterliches Talent unter seine Fittiche bekommen hatte, sondern ein Mädchen, das auch das nötige Mindset für einen Spitzensportler mitbrachte, wie er im CHIO Aachen Podcast erklärte:
„Sie kam meinen Vorstellungen eines Top-Athleten nahe, der im Spitzensport nicht gut, sondern Extraklasse sein will.“
Dass Rüdiger Schwarz so viel von ihr hielt, sei ihr erst später klar geworden, sagt Krajewski. Denn ihr Trainer war keiner, der mit Kritik hinter dem Berg hielt: „Das habe ich bis heute im Ohr, wenn ich mal wieder zu viel gezuppelt und einen Galoppsprung geritten habe, wo keiner hingehörte: ,Das ist doch Scheißreiten, Mädel!‘“, habe er dann immer gesagt, erinnert sie in besagtem Podcast.
Wo andere sich womöglich über Direktheit und Wortwahl beschwert hätten, nahm Krajewski die Kritik an und lernte. Nicht nur als Reiterin. „Rüdiger Schwarz hat mir beigebracht, Geduld zu bewahren, gerade mit den Pferden lieber länger abzuwarten.“ Ein leichter Weg war das wohl nicht. Es habe auch schon mal Tränen gegeben, wenn sie schon eine Klasse mehr reiten wollte, ihr Trainer aber gesagt hat „Ist mir egal, du darfst nicht“.
In der Rückschau weiß Krajewski diese Ehrlichkeit und Klarheit ihres Mentors zu schätzen. Denn wer sein Pferd überfordert, verliert schnell sein Vertrauen. Das jedoch ist für Krajewski der wichtigste Baustein der Partnerschaft. „Für mich ist das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd ganz wichtig! Es ist schön, wenn man sein Pferd liebt – aber das heißt ja noch nicht, dass man eine vertrauensvolle Beziehung zueinander hat.“
Nachdem sie 2009 ihre Abschlussprüfung zum Pferdewirt als Jahrgangsbeste in der Tasche hatte, machte sie ihren Meister und sattelte dann noch eine dreijährige Ausbildung zum „Diplomtrainer-Reiten“ an der Deutschen Sporthochschule in Köln drauf. 2016 übernahm sie den Posten als Bundestrainerin der Junioren am DOKR, später verantwortete sie die U25-Reiter, ehe sie nach den Olympischen Spielen in Paris beschloss, sich erstmal auf ihre eigene Reiterei zu konzentrieren.
In ihrer Zeit als DOKR-Trainerin betreute sie Reiter, die heute für Deutschland im Seniorenbereich mit ihr zusammen antreten: Libussa Lübbeke und Calvin Böckmann beispielsweise. So, wie sie reiterlich einst von der Offenheit ihres Trainers Rüdiger Schwarz profitiert hat, so müssen auch ihre Schüler mit Kritik und Offenheit umgehen können.
Die Erfahrungen, die sie selbst in ihrer Ausbildung gemacht hat, kommen ihr dabei zugute. Nun ist sie diejenige, die manchem enttäuschten Schüler erklären muss, dass er entweder noch nicht bereit ist, eine Klasse höher zu starten oder dafür vielleicht aber auch nicht das richtige Pferd hat. Denn mehr von einem Pferd zu verlangen als es geben kann, wäre verantwortungslos und unfair dem Tier gegenüber.
„Man wird von mir immer eine ehrliche Aussage bekommen. Ich glaube, dass man sich das selbst als Sportler schuldet. Man entwickelt sich nicht weiter, wenn man sich selbst betrügt und Dinge schönredet.“
Noch ein wichtiger Satz von ihr als Ausbilderin: „Meine Schüler sollen verstehen, was sie da machen, damit sie das nächste Mal, wenn sie allein reiten, eine Idee haben. Das macht einen guten Reiter aus, dass er weiß, was er tut und warum er das tut.“ Denn: „Ich bin als Reiter dafür verantwortlich, dass das Pferd in der Lage ist, das, was ich möchte, auch zu machen.“
Sechs Europameisterschaften im Nachwuchsbereich, keine ohne Medaille – Die frühe Karriere von Julia Krajewski hätte besser kaum laufen können. Die Rückschläge kamen später – das Ausscheiden bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, der positive Medikationstest von Samourai du Thot bei der EM 2017, der Deutschland die Silbermedaille kostete, der Vorbeiläufer von Chipmunk bei den Weltreiterspielen 2018 in Tryon. Danach dann der Verkauf ihres Spitzenpferdes.
Krajewski hat diese Rückschläge nicht nur weggesteckt, sie ist gestärkt daraus hervorgegangen. „Sportliche Misserfolge, wenn man es mal richtig versägt hat und wirklich schlecht war, bringen einem wahrscheinlich mehr, als wenn man gewonnen hätte. Gewinnen ist schön – aber man setzt sich wesentlich intensiver mit allem auseinander, wenn es nicht funktioniert hat, als wenn es für einen Sieg gereicht hat.“
Krajewski ist mit den Tiefschlägen in ihrer Karriere umgegangen, wie es ihre Art ist: damit auseinandersetzen, lernen, was zu lernen ist, weitermachen. Geholfen haben ihr dabei Freunde, Familie und die Pferde. 2021 schrieb sie in Tokio Sportgeschichte, als Olympiasiegerin wurde – als erste Frau in der Geschichte der Vielseitigkeit. Sie ritt ein selbst ausgebildetes Pferd, die französische Stute Amande de B’Néville. Damit zeichnete sie verantwortlich für zwei Drittel des deutschen Teams, denn sie ritt in Tokio Seite an Seite mit Michael Jung, dem neuen Reiter ihres einstigen Toppferdes Chipmunk, den sie vom Remontealter an zu dem Topathleten geformt hat, der 2024 in Paris Michael Jung zum dritten Einzeltitel verhalf.
Olympiastute Amande de B’Néville ging nach der WM 2022, wo die beiden den Löwenanteil am deutschen Mannschaftsgold hatten und Silber in der Einzelwertung holten, in den Ruhestand. Womit Julia Krajewski selbst nicht gerechnet hat: Ihr nächstes Olympiapferd stand bereits in den Startlöchern: der Holsteiner Wallach Nickel.
2022 hatte sie ihn noch für die Spaßprüfung am Samstagabend mit beim CHIO Aachen, dem Jump and Drive. Im Gespräch mit dem CHIO Aachen sagte sie neulich, dass sie damals nicht gedacht hätte, dass der Numero Uno-Sohn zwei Jahre später die große Aachener Vielseitigkeit gewinnen würde. Oder auch nur das Zeug dazu hätte. Aber die beharrliche Arbeit und die Geduld, ihn in seinem Tempo reifen zu lassen, haben sich ausgezahlt. 2018 konnte sich Krajewski für den Sieg mit Chipmunk auf der Aachener Siegertafel eintragen lassen. 2024 kam ein weiterer Eintrag hinzu, diesmal mit Nickel, der sie anschließend zu den Olympischen Spielen in Paris begleitete. Hier belegten sie einen starken elften Platz. Sie mussten als erstes Paar in den großartigen Cross im Schlosspark von Versailles und zeigten, wie man ihn fehlerfrei überwindet.
Die EM 2025 in Blenheim sagte Krajewski frühzeitig ab, weil sie meinte, der dortige Kurs würde nicht gut zu Nickel passen. Ihr Augenmerk ist bereits auf die WM 2026 gerichtet. Die findet bekanntlich in Aachen statt, und dass Nickel diesen Kurs liebt, hat er bereits bewiesen …
Julia Krajewski ist mit dem italienischen Olympiareiter Pietro Roman liiert. Dessen Familie ist ebenfalls in der Vielseitigkeit aktiv. Der Vater Federico nahm an drei Olympischen Spielen teil, Montreal 1976, Moskau 1980 und Barcelona 1992. Pietro Roman ritt zusammen mit seinem Bruder Luca in Rio 2016 für Italien.
In ihrer Zeit als Trainerin für den Nachwuchs am DOKR war Julia Krajewski mitsamt ihren Pferden in Warendorf stationiert. Nachdem sie ihren Trainervertrag im Anschluss an die Olympischen Spiele 2024 nicht verlängert hat, hat Krajewski sich in Deutschland ein neues Domizil in Wallenhorst bei Osnabrück gesucht. Die Wintermonate verbringt sie nun auf der Anlage der Familie Roman in der Nähe von Rom.