
Ingrid Klimke. Foto: toffi-images.de
I wie Ikone, I wie Ingrid Klimke. Eine Klimke im Sattel erkennt man schon von weitem – am korrekten ruhigen Sitz, an der dezenten Einwirkung und am Gerittensein der Pferde. Das gilt für Ingrid Klimke, aber auch für ihre Tochter, Greta Busacker. Die ist nun schon die dritte Generation, der man beim Reiten gerne zuschaut. Dr. Reiner Klimke hatte den Namen Klimke weltberühmt gemacht. Seine Tochter und seine Enkelin führen sein Erbe fort.
Dabei dürfte es nicht nur angenehm gewesen sein, mit diesem Nachnamen in den Turniersport zu starten. Im Interview mit der FEI verriet Ingrid Klimke einst:
„Als ich noch jung war, sagten die Leute, wenn es gut gelaufen war: ,Oh, ein typisches Klimke-Ergebnis‘. Und wenn ich einen Fehler gemacht habe, hieß es: ,Eine Klimke sollte das besser machen‘. Von daher sage ich immer zu meinen Töchtern (Greta und Philippa), macht euch keine Sorgen, ihr könnt es anderen Menschen nicht recht machen. Aber ihr macht es auch nicht für andere, sondern für euch selbst, weil ihr den Sport und die Pferde liebt.“
Wenn sie erfolgreich war, vergisst Ingrid Klimke nie, ihren Vater zu erwähnen. Er war immer eines ihrer Vorbilder. Dabei hat sie ihn längst eingeholt, was die Popularität angeht, und beinahe auch in Sachen Erfolge.
Am 1. April 1968 kam die Münsteranerin zur Welt. Familiär bedingt gehörten Pferde seit ihrer frühesten Kindheit zu ihrem Alltag. Beruflich ging sie nach der Schule dennoch zunächst andere Wege, absolvierte eine Ausbildung als Bankkauffrau und studierte Grundschulpädagogik bis zum ersten Staatsexamen. Doch ihre wahre Leidenschaft galt den Pferden. Anders als ihr Vater, der Zeit seines Lebens Amateur blieb und seine Pferde morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause und abends nach der Arbeit in seiner Anwaltskanzlei trainierte, wurde bei der Pferdewirtschaftsmeisterin die Berufung zum Beruf – gegen die Wünsche ihres Vaters, der befürchtete, ihre Einstellung zu den Pferden könnte sich verändern, wenn sie gezwungen wäre, auch welche zu verkaufen. Doch auch wenn sie sonst vielen Ratschlägen ihres Vaters gefolgt ist, hier hörte Ingrid Klimke nicht auf ihn. Sie fand einen eigenen Weg, ihr Motto „Reite zu deiner Freude“ zu verwirklichen.
Heute betreibt sie auf dem Hof Jankord in Münster einen Turnier- und Ausbildungsstall, in dem von der Remonte bis zum Championatscrack Pferde unterschiedlicher Talente, Alters- und Ausbildungsstufen beheimatet sind. Hier wurde aus Damon Hill erst ein zweifacher Weltmeister der jungen Dressurpferde und dann ein Grand Prix-Pferd. Hier wurde aus dem unscheinbaren Halbblüter Hale Bob OLD ein zweifacher Europameister in der Vielseitigkeit. Um nur zwei Beispiele zu nennen.
Auch in Sachen vielseitige Ausrichtung im Sattel ist Ingrid Klimke familiär vorbelastet. Ehe sich ihr Vater ganz der Dressur verschrieb, war er in der Vielseitigkeit erfolgreich und vertrat die deutschen Farben bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom, damals mit der Stute Winzerin. Allerdings ist der Verteilungsschlüssel bei Vater und Tochter ein anderer. Vater Klimke hat vielleicht 25 Prozent seiner Karriere dem Vielseitigkeitssport gewidmet, den weitaus größten Teil aber der Dressur und das dann auch ausschließlich. Tochter Ingrid war jahrelang eine feste Bank des deutschen Vielseitigkeitsteams, ritt aber parallel immer auch Dressur und Springen.
Dabei profitierte Ingrid Klimke in allen drei Disziplinen vom Unterricht einiger der Besten ihres Fachs. Die prägenden Personen für ihre Reiterei waren in der Dressur ihr Vater und später Paul Stecken, in der Vielseitigkeit Chris Bartle und Hans Melzer und im Springen Fritz Ligges und Kurz Gravemeier sowie internationale Größen wie Ian Millar und Anne Kursinski, bei denen Klimke Lehrgänge besuchte und Praktika absolvierte.
Und sie profitierte von ihren vierbeinigen Lehrmeistern. Bis heute gehört Ingrid Klimkes erstes eigenes Pferd zu ihren Lieblingen. Das war der Trakehner Hengst Pinot. Als sie 15 war, bekam Klimke den Hengst unter den Sattel. Er war damals sechsjährig. Von A-Dressur und A-Springen haben die beiden sich weiterentwickelt. Im Jahr darauf starteten sie in Klasse L. 1985 holten sie ihre erste Schleife in einer Dressurprüfung Klasse M. 1987 ritten sie ihre erste A-Vielseitigkeit und gewannen. 1989 folgten die ersten Starts in Dressurprüfungen der Klasse S sowie in einer M-Vielseitigkeit. Es gab keinen Auftritt, bei dem die beiden nicht wenigstens eine Schleife mitbekommen hätten. Auch ins Ausland sind sie zusammen gereist, waren in Flyinge in einer großen Vielseitigkeit der Klasse M platziert. Im Viereck waren sie bis Intermédiaire I am Start. Dabei war Pinot weder ein Lampenaustreter noch mit grenzenlosem Vermögen gesegnet. Er war für Klimke in erster Linie das, was die meisten in ihren Pferden suchen: ein Freund. Ein Pferd, mit dem man ohne Sattel ins Gelände reiten konnte, das auf Kommando stieg und mit dem man zusammen erwachsen wurde. Pinot erlag mit 21 den Folgen einer Kolik. Bis zu seinem Tod war er im Besitz von Ingrid Klimke.
Ein weiterer großer Lehrmeister war ihr der westfälische Palast-Sohn Patriot. Der Fuchs mit drei weißen Beinen und einer schmalen Blesse war noch nicht angeritten, als Klimkes Vater ihn ihr zur Ausbildung anvertraute in der Überzeugung, es sei nun an der Zeit, dass sie selbst ein Pferd ausbildet. Also ritt Ingrid Klimke Patriot an, zahlte Lehrgeld in Form von blauen Flecken für Fehler dabei (zu viel longieren + zu viel Hafer = zu viel Kraft = hohe Bocksprünge), aber gab nicht auf. Sie machte aus Patriot einen Sieger im Viereck ebenso wie im Parcours – bis in die höchsten Klassen. Mit Patriot ritt (und gewann) Ingrid Klimke ihre ersten Grand Prix-Prüfungen ebenso wie die ersten S-Springen. Das führte auch schon mal zu Verwirrungen. Bei den Westfälischen Meisterschaften, die für die Senioren auf S-Niveau ausgetragen werden, wollte sie in Dressur und Springen an den Start gehen. Das war neu, das hatte es noch nie gegeben. Die Meldestelle musste erst einmal abklären, ob das überhaupt zulässig war.
Klimkes erstes Championatspferd war der Vollblüter Sleep Late. Er kam in 1991 in Großbritannien zur Welt, wurde aber kein Rennpferd, sondern gelangte durch die Vorsitzende des DOKR-Vielseitigkeitsausschusses, Dr. Annette Wyrwoll, nach Deutschland. Sie hatte den Schimmel in Irland entdeckt und stellte ihn zunächst selbst im Sport vor, ehe er siebenjährig zu Ingrid Klimke ging. Die beiden starteten sofort durch. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen wurden sie Deutsche Meister – für Klimke der erste von insgesamt fünf DM-Titeln – und nahmen an den Europameisterschaften in Luhmühlen teil. 2000 wurden sie für die Olympischen Spiele in Sydney nominiert. Für Klimke war es nicht nur das erste Mal Olympia, sondern auch die erste Vier-Sterne-Prüfung. Das Turnier war ein tragisches für sie. Nicht etwa, weil es schlecht gelaufen wäre, ganz im Gegenteil. Anders als so mancher angesichts der Herausforderungen, die den Paaren da in den Weg gestellt worden waren, und angesichts der vielen Stürze die es gab, erwartet hätte, lieferten Ingrid Klimke und Sleep Late eine so überragende Vorstellung, dass sie Zweite wurden. Problem: Nach damaligem Reglement konnte man nicht für die Mannschaft und die Einzelwertung zugleich reiten. So blieb Klimke medaillenlos, obwohl sie rechnerisch Silber gewonnen hätte. Doch sie brauchte keine Medaille, um dieses Turnier im Gedächtnis zu behalten.
Von der FEI nach Geländeritten befragt, die sie nicht vergisst, fiel ihr als erstes der in Sydney ein, wo sie sich beim Abgehen noch ihrem großen Idol Mark Todd an die Fersen geheftet hatte in der Hoffnung noch ein paar Tipps für diesen Kurs zu bekommen, der alles überstieg, was sie bis dato gesehen hatte. Klimke:
„In Sydney war die Geländestrecke so lang – 13 Minuten und fünf Sekunden mit Rennbahn und Wegestrecken und es war so heiß. Ich war echt nicht sicher, ob ich dafür schon bereit sein würde. Ich musste ganz zum Schluss reiten und vor mir gab es so viele Stürze und auch für das deutsche Team war es nicht gut gelaufen. Als ich in die Zehn-Minuten-Box ging, hörte ich jemanden sagen: ,Ich glaube nicht, dass Ingrid es schafft‘ …
Ich habe zu Blue (Sleep Late) gesagt, dass wir nun etwas tun müssen, was wir noch nie zuvor getan haben und das wir niemals vergessen werden und dass er zeigen soll, dass er ein Vollblüter ist, der ewig galoppieren kann! Am zweiten Wasserkomplex musste man auf eine Bank springen und dann tief runter, gefolgt von einem Buschhindernis. Beim Tiefsprung hatte ich mich zu weit nach vorne gelehnt. Aber er ist einfach alles auf direktem Weg gesprungen, ohne darauf zu achten, dass ich versuchte, mich auf seinem Rücken zu halten. Er galoppierte die letzte Minute bergauf, behielt seinen unglaublichen Rhythmus und wir waren in der Zeit. Ich konnte es nicht glauben!“
Weder in Sydney noch bei ihrem nächsten Olympiaeinsatz in Athen – ebenfalls mit Sleep Late – wurde es eine Medaille. Wobei 2004 bekanntlich ein Formfehler dazu führte, dass Deutschland die Goldmedaille nicht bekam. Dafür war Team GER bei den folgenden Olympischen Spielen nicht zu schlagen – Ingrid Klimke immer dabei. Im Sattel des kleinen Flitzers Butts Abraxxas war sie eine der goldenen Reiterinnen, die sowohl 2008 in Hongkong als auch 2012 in London den olympischen Titel nach Deutschland holten. Es war eine goldene Ära der Vielseitigkeit mit der Trainer-Doppelspitze Chris Bartle und Hans Melzer. Ingrid Klimke spielte als Reiterin mit ihren Pferden eine wesentliche Rolle dabei.
Nach Sleep Late und Braxxi folgte der Oldenburger Helikon xx-Sohn Hale Bob OLD, dem anfangs niemand zugetraut hat, dass er tatsächlich eines Tages ein Komet im Busch sein könnte, der es aber allen gezeigt hat. Er trug Ingrid Klimke zweimal in Folge zum Europameisterschaftstitel, 2017 und 2019. Das Jahr dazwischen war WM-Jahr. Bei den Weltreiterspielen in Tryon lagen Klimke und „Bobby“ bis zum letzten Hindernis des Abschlussspringens an der Spitze des Feldes. Doch hier fiel die Stange und der Traum vom Sieg in den Sand. Dafür wurde es Bronze. Und das sind längst nicht alle Erfolge, die die beiden zusammen gefeiert haben.
Ein Star wie Blue, Braxxi oder Bobby fehlt Ingrid Klimke derzeit für den großen Buschsport. Aber sie hat einige vielversprechende junge Pferde in Ausbildung. Und sie hat ein zweites Standbein. Ihr erklärtes Ziel ist es, eines Tages in zwei Disziplinen für Deutschland bei Olympia zu reiten. 2019 war es ihr immerhin schon gelungen, sowohl in der Vielseitigkeit als auch in der Dressur in den Olympiakader berufen zu werden. Bis zu ihrem ersten Championatseinsatz im Dressurviereck dauerte es allerdings noch eine Weile.
Das Pferd, das Ingrid Klimke in den Olympiakader gebracht hat, war der Hengst Franziskus. Doch die ersten internationalen Erfolge im Viereck feierte sie schon lange vorher. Nach dem tragischen und viel zu frühen Tod ihres Vaters im Jahr 1999 ritt Ingrid Klimke dessen letztes großes Dressurpferd, den Trakehner Hengst Biotop, bei einigen Turnieren. Ihren ersten Dressur-Weltcup ritt sie 2002 auf Nector vh Carelshof, einem belgischen Randel Z-Sohn, mit dem sie Siebte beim Finale in ’s-Hertogenbosch wurde. Später ging der Wallach noch einige Turniere unter Fiona Bigwood für Großbritannien.
In Ingrid Klimkes Stall reifte derweil ein ganz anderes Juwel heran: Damon Hill. Den bildschönen Donnerhall-Sohn begleitete Klimke von den ersten Reitpferdeprüfungen (die er dreijährig samt und sonders gewann) über Doppelgold bei der WM junger Dressurpferde 2005/2006 (einmal davon mit Ingrid Klimkes damaliger Auszubildender Helen Langehanenberg) bis in den Grand Prix-Sport. Danach ging er zu der bereits selbstständigen Helen Langehanenberg, mit der er dann Weltkarriere machte. Für Ingrid Klimke war der Verlust von Damon Hill ein schmerzhafter. Aber sie hatte eine Nachwuchshoffnung fürs Viereck: Dresden Mann, auch der ein Pferd, das jung in ihren Stall gekommen war. Auch ihn brachte sie über Bundeschampionat und WM junge Dressurpferde in den Spitzensport. Doch der Dresemann-Sohn verletzte sich und musste mit nur elf Jahren aus dem Sport genommen werden.
Ingrid Klimke bildete zu dieser Zeit bereits den Hannoveraner Hengst Franziskus für die Familie Holkenbrink aus. Fünfjährig bekam sie ihn unter den Sattel. Der Fidertanz-Sohn war vierjährig Bundeschampion geworden und einer der gefragtesten Vererber des Landes. Neben den drei sehr guten Grundgangarten, die ihn in Warendorf zum Sieger gemacht hatten, zeichnete er sich durch einen außerordentlich starken Willen aus. Dass der bisweilen von den Wünschen des Reiters abwich, machte die Ausbildungsaufgabe für Klimke nicht gerade einfach. Es gelang ihr jedoch schließlich, ihn auf ihre Seite zu bringen. Ganz allmählich wurde „Franz“ zu dem Verlasspferd, das Ingrid Klimke 2022 ihren langgehegten Traum von einem Championatseinsatz im Dressurviereck erfüllte. Bei der WM in Herning gelang den beiden im Grand Prix eine Sternstunde. Sie erzielten eine persönliche Bestleistung, mit der sie maßgeblichen Anteil an der Bronzemedaille des deutschen Teams hatten. Die beiden galten als potenzielles Olympiapaar für Paris. Eine Verletzung von Franziskus bereitete diesem Traum jedoch ebenso ein Ende wie seiner sportlichen Karriere.
Wo eine Tür sich schließt, öffnet sich manchmal eine andere. Durch diese andere Tür kam Vayron ins Leben der Ingrid Klimke. Mit dem hünenhaften Westfalen-Hengst hatte sie 2025 bereits zur Goldmannschaft bei der EM in Crozet gehört, und eines ist klar: Diese Geschichte ist noch lange nicht auserzählt.