
Kaum ein deutscher Springreiter hat den internationalen Sport über einen so langen Zeitraum geprägt wie Marcus Ehning. Seit mehr als drei Jahrzehnten gehört der Westfale zur Weltspitze, gewann Olympiagold, Welt- und Europameisterschaftsmedaillen, drei Weltcupfinals und mehrfach den Großen Preis von Aachen. Der Reiter aus Borken gilt bis heute als einer der feinsten Stilisten des internationalen Springsports. Und als Vorbild.
Marcus Ehning wurde am 9. April 1974 in Borken-Weseke geboren und wuchs auf dem elterlichen Hof auf. Pferde gehörten von klein auf zum Alltag. Vater Richard gründete mit 30 Jahren einen eigenen Schlachtbetrieb, „Ehning Vieh und Fleisch“. Seit 2021 ist Marcus Ehning, der eine Lehre als Groß- und Einzelhandelskaufmann abgeschlossen hat, Geschäftsführer des Unternehmens parallel zur Reiterei.
Schon im Pony-, Junioren- und Junge-Reiter-Lager sammelte Marcus Ehning internationale Titel und Medaillen. Bereits als Junger Reiter zählte er zu den erfolgreichsten deutschen Nachwuchsreitern und legte damit den Grundstein für seine zukünftige Karriere. Als Paul Schockemöhle den damals 15-Jährigen sah, war er sich in seiner nüchternen Art sicher: „Von dem Jungen werden wir noch viel hören“.
Starlight war das Pony, mit dem er 1990 und 1991 zweimal Mannschaftsgold bei den Europameisterschaften gewann. Und als er längst ein Star war, bescherte ihm Stargold mit Platz fünf in der Einzelwertung bei der Weltmeisterschaft in Herning 2022 sein bestes WM-Einzelergebnis. Mit Stars ist er eben auf Augenhöhe, auch wenn er von der Attitüde alles andere als ein Star ist.
Der entscheidende Karriereschritt, der Schritt in Seniorenlager, gelang Ende 1998, als der Hannoveraner Hengst For Pleasure v. Furioso II in seinen Stall kam. Mit ihm etablierte sich Ehning schon früh in der Weltspitze.
Bereits 1999 gewann das Paar Mannschaftsgold bei der Europameisterschaft in Hickstead. Es folgte der Olympiasieg mit der deutschen Mannschaft in Sydney 2000 und Platz vier in der Einzelwertung. Drei Jahre später gehörten Ehning und For Pleasure erneut zum deutschen Goldteam bei der Europameisterschaft in Donaueschingen, zudem gewann der Westfale Bronze in der Einzelwertung. For Pleasure wurde zum Pferd, das Ehnings frühe internationale Karriere nachhaltig prägte.
Kaum ein deutscher Springreiter war über so viele Jahre eine feste Größe in Championats-Mannschaften. Insgesamt gewann Marcus Ehning acht Mannschaftsmedaillen bei Europameisterschaften. Mit unterschiedlichen Pferden trug er über Jahrzehnte zum Erfolg deutscher Teams bei und bewies dabei eine außergewöhnliche Konstanz auf höchstem Niveau.
Mit Comme il faut v. Conet Obolensky wurde er 2019 Fünfter bei der EM in Rotterdam, mit Pret a tout v. Hiram Chambertin war er zwei Jahre zuvor in Göteborg Sechster geworden in der Einzelwertung.
Besonders eng ist Ehnings Name mit dem FEI-Weltcup verbunden. 22-mal qualifizierte er sich für das Finale – das muss ihm erstmal jemand nachmachen. Neunmal schaffte er es, unter die Top Ten zu kommen. Dreimal verließ er das Finale als Sieger.
Den ersten Gesamtsieg feierte er 2003 mit der Oldenburger Stute Anka v. Argentinus, drei Jahre später gewann er das Finale in Kuala Lumpur mit Sandro Boy v. Sandro. 2010 folgte der dritte Triumph, als Plot Blue v. Mr. Blue und Noltes Küchengirl v. Lord Z zum Erfolg beitrugen. Bis heute gehört Marcus Ehning damit zu den wenigen Reitern, die den Weltcup dreimal gewinnen konnten.
Sechsmal vertrat Marcus Ehning Deutschland bislang bei Weltmeisterschaften im Springreiten. In Aachen wird er 2026 zum siebten Mal innerhalb von 24 Jahren (!) den roten Rock mit dem Bundesadler tragen. Zu seinen größten Erfolgen zählt der Mannschaftsweltmeistertitel 2010 in Lexington mit Plot Blue. Bereits 2006 gehörte er in Aachen zum Team, das Mannschaftsbronze gewann. 2018 folgte mit Pret à Tout erneut Bronze bei den Weltreiterspielen in Tryon.
Sein bestes Einzelergebnis erreichte er 2022 in Herning, als er mit Stargold besagten fünften Platz belegte.
Mit dem CHIO Aachen verbindet Marcus Ehning zahlreiche Höhepunkte seiner Laufbahn. 2006 gewann er mit Noltes Küchengirl erstmals den Großen Preis von Aachen. 2018 folgte mit Pret à Tout der zweite Erfolg, ehe er 2023 mit Stargold v. Stakkato Gold? zum dritten Mal eines der prestigeträchtigsten Springen im internationalen Springsport für sich entschied.
Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Ehning auch schon die Nummer eins der Weltrangliste war.
Seine erste Olympia-Teilnahme führte Marcus Ehning 2000 nach Sydney, wo er mit For Pleasure Mannschaftsgold gewann. Beinahe hätte es auch noch zur Bronzemedaille in der Einzelwertung gereicht. So wurde es in Australien Platz vier. Zwölf Jahre später erreichte er mit Plot Blue bei den Spielen in London Rang zwölf der Einzelwertung.
2016 war er mit dem westfälischen Schimmelhengst Cornado NRW v. Cornet Obolensky zu den Spielen in Rio de Janeiro geflogen. Doch kurz vor dem ersten Start verletzte sich der Hengst und Ehning musste seine Olympiahoffnungen kurzfristig begraben. Meredith Michaels-Beerbaum sprang ein und Ehning unterstützte das Team vom Boden aus. Der vorgelebte Mannschaftsgeist ist vielen noch vor Augen. Marcus Ehning trauerte, zumindest nach außen, nicht lange der verpassten Chance nach, sondern gab alles fürs Team. Es waren die letzten Olympischen Spiele, an denen Ludger Beerbaum teilnahm. Deutschland gewann die Bronzemedaille im Teamwettbewerb.
Marcus Ehning lebt mit seiner Familie in Borken-Weseke und betreibt dort den gemeinsamen Ausbildungs- und Turnierstall. Seine Ehefrau Nadia Ehning, geborene Zülow, war als Voltigiererin vielfache Welt- und Europameisterin. Das Paar hat vier Kinder. Auch Bruder Johannes Ehning gehört seit vielen Jahren zu den international erfolgreichen deutschen Springreitern, genau wie dessen Ehefrau Kaya, geborene Lüthi.
Was Marcus Ehning von vielen Spitzenreitern unterscheidet, ist seine Art zu reiten. Der Einklang mit den Pferden, dem riesengroßen Sandro Boy, genauso wie dessen kleiner, katzenhafter Tochter Sabrina, ist sein Markenzeichen. Harmonie und Ruhe strahlt er aus. Im Sattel ist er quasi unscheinbar und lässt selbst schwierigste Parcours leicht aussehen. Auch im Stechen.
Über Jahrzehnte hat er mit Pferden wie For Pleasure, Noltes Küchengirl, Anka, Gitania, Sandro Boy, Plot Blue, Pret à Tout, Comme il Faut, Stargold oder Coolio beständig Erfolge gefeiert. In großen Stadien, engen Hallen, auf Sand oder Gras. Jeder Ritt ein Genuss.
| 1 | 0 |