Nickel

Nickel und Julia Krajewski im Gelände der Olympischen Spiele 2024. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
- Geschlecht: Männlich
- Jahrgang: 2014
- Rasse: Holsteiner
- Vater: Numero Uno
- Muttervater: Lorentin I
- Züchter: Hindrick Stüvel
- Größte Erfolge: Sieger Vielseitigkeit CHIO Aachen 2024, Deutscher Meister 2025, Platz elf Olympische Spiele Paris 2024
Aufgrund der pandemiebedingten Änderungen im Turnierkalender fand der CHIO Aachen 2021 nicht wie sonst im Sommer statt, sondern im September. Die samstägliche Jump-and-Rund-Spaßprüfung durfte trotzdem nicht fehlen. Prominenteste Teilnehmerin war die frisch gebackene Vielseitigkeitsolympiasiegerin Julia Krajewski, nicht mit Superstar Mandy, sondern mit einem Youngster, einem siebenjährigen Holsteiner namens Nickel. Und weil er das so gut gemacht hat, sattelte Krajewski ihn 2022 gleich nochmal am Samstagabend. Bei dieser Prüfung gehen üblicherweise keine Pferde, denen man einen Startplatz bei Olympia zutraut. Nichts deutete zu diesem Zeitpunkt daraufhin, dass Nickel die Ausnahme von der Regel werden würde.
Aus dem Parcours in den Busch
Ursprünglich war für den Numero Uno-Sohn aus der Zucht von Hindrick Stüvel eine Springkarriere vorgesehen. So war es der Schleswig-Holsteiner Züchter, Ausbilder, Händler und Hengsthalter Dirk Ahlmann, mit dem Nickel fünf- und sechsjährig seine ersten Springpferdeprüfungen absolvierte. Mit ihm und mit Reitern seines Stalls.
Besitzer des Wallachs war zu dem Zeitpunkt das Gestüt Fohlenhof, hinter dem die Familie Heicke steht. Sie sind langjährige Partner und Förderer sowohl des Stalls Ahlmann, wo Fohlenhof-Aushängeschild Cascadello stationiert ist, als auch von Julia Krajewski.
Nickel machte seine Sache im Parcours sehr ordentlich. Ende der Saison 2020 konnte er Siege mit 9,0 in Springpferdeprüfungen der Klasse M vorweisen. Aber ob er das Zeug zu einer Karriere im Parcours hat? Im Stall Ahlmann hatte man Zweifel. So entstand die Idee, ob Julia Krajewski nicht ausprobieren könnte, wie Nickel sich im Busch macht. Sie stimmte zu und Ende sechsjährig bekam sie Nickel unter den Sattel.
Über den Winter lernten die beiden sich kennen, im Frühjahr bestritten sie die ersten Geländepferdeprüfungen. Und siehe da – jeder Start eine Schleife. Auch die ersten Auftritte in Vielseitigkeitsprüfungen verliefen vielversprechend. Dennoch, auch Julia Krajewski war unsicher, ob Nickel das letzte Talent für den Spitzensport mitbringt. Er tat stets, wie ihm geheißen und war mit Feuereifer bei der Sache. Aber anders als eine Mandy, bei der Kraft und Energie schon als junges Pferd so herausragend waren, dass ihre Möglichkeiten immer außer Frage standen, tat Nickel sich in keinerlei Hinsicht auf den ersten Blick besonders hervor. Vielleicht könnte man sagen, er war überall eine solide 3+. Was also tun?
Vom Juniorenpferd zur Olympiaqualifikation
Zu der Zeit hatte Julia Krajewski eine talentierte Juniorin im Training, Sophia Rössel. Julia war der Ansicht, der kooperative und motivierte Nickel könnte genau der richtige Partner für die Nachwuchsreiterin sein. Die Erfolge der beiden bestätigten die Einschätzung. Gleich ihre erste A-Vielseitigkeit gewannen sie und am Ende der Saison 2021 konnten sie in Strzegom die Zwei-Sterne-Juniorenprüfung für sich entscheiden.
Dann stand für Rössel ein Auslandsjahr an. Aber was sollte mit Nickel geschehen? Julia Krajewski nahm ihn wieder in Beritt und stellte ihn auch auf Turnieren vor. Wie zuvor zeigte sich Nickel als äußerst zuverlässiger, gelehriger Eleve. Achtjährig gewann er die erste Drei-Sterne-Langprüfung. Ein Jahr später wagte Krajewski sich in den Vier-Sterne-Bereich vor. Sie probierten es nicht nur, sie brillierten. Auch wenn Nickel auf den ersten Blick vielleicht nicht so spektakulär daherkommt, wie einst Chipmunk, es gab kein Turnier, bei dem die beiden nicht unter den Top Ten gelandet wären.
Nach einem Sieg beim Nationenpreisturnier in Arville, Belgien, wagte Krajewski sich mit Nickel nach England. In Blenheim findet dort jährlich eine Vier-Sterne-Prüfung für acht- und neunjährige Nachwuchsvielseitigkeitspferde statt, an der regelmäßig die britischen Busch-Größen mit ihren besten Youngstern an den Start gehen. Und Julia Krajewski mit Nickel. Ergebnis: ein toller neunter Platz mit nur 6,8 Zeitfehlern im Gelände.
Was den beiden fehlte, war die Championatsqualifikation. Dafür brauchte Nickel ein CCI4*-L Ergebnis. Das Nationenpreisturnier in Boekelo ist eine solche Vier-Sterne-Langprüfung und traditionell einer der letzten Höhepunkte der Saison. Julia Krajewski und Nickel waren dabei und gingen mit 23,6 Minuspunkten als Führende nach der Dressur ins Gelände. Das hatte es in sich an diesem Wochenende. Ganze 116 Starter wollten mit einem guten Gefühl in die Winterpause der vorolympischen Saison gehen. Doch nur 79 haben die Prüfung beendet. Nickel und Julia Krajewski gehörten nicht dazu. Zwei Drittel der Strecke hatten die beiden in herrlichstem Stil absolviert. Dann stolperte Nickel bei der Landung im Wasser an Hindernis 20 und stürzte mitsamt seiner Reiterin. Also kein Quali-Ergebnis.
Vier Wochen später bot sich den beiden noch einmal eine Chance im italienischen Montelibretti. Diesmal klappte es. Sie wurden Zweite und Nickel hatte die formelle Teilnahmeberechtigung für Paris 2024.
Plötzlich Aachen-Sieger
Dann brach die neue Saison an. 2024. Olympiajahr. Da liegen immer besondere Vibes in der Luft. Beim CCI3*-S in Baborowko demonstrierte Nickel seine Fitness. Bei den Deutschen Meisterschaften in Luhmühlen sprang er mit nur wenigen Zeitfehlern im Cross und einem Abwurf im Parcours auf Rang fünf der DM-Wertung und wurde Neunter im CCI4*-S. Damit empfahl er sich für einen Start beim CHIO Aachen – diesmal nicht in der Spaßprüfung als Staffelpferd, sondern in der großen Vielseitigkeit. Im CHIO Aachen Podcast gab Julia Krajewski ehrlich zu, dass sie ihm schon das eigentlich gar nicht zugetraut hätte.
Wenn die Erwartungen niedrig sind, kann man sie leicht übertreffen. Doch Nickel übertraf die Erwartungen nicht nur, er lehrte allen Mores, die an ihm gezweifelt haben. Mit nur zehn Jahren gewann er die große Vielseitigkeit beim CHIO – für viele Vielseitigkeitsreiter, nicht nur die deutschen, kommt das vom Stellenwert her gleich nach einem Championat. Zur 23,9 Minuspunkte-Dressur gesellten sich im Gelände lediglich 6,4 Zeitfehler – mit ganz weißer Weste kamen an diesem Tag nur zwei Paare ins Ziel des Cross. Da in Aachen das Gelände der letzte Teil der Kurzprüfung ist, standen Nickel und Julia Krajewski damit als Sieger fest. Das war schon beinahe wie ein Championatssieg – Julia strahlte, Nickels Besitzer, die Familie Rössel, weinten vor Freude und Rührung. Nun gehörte der kleine Nickel zu den ganz Großen.
Abenteuer Paris
Nach Aachen ging alles Schlag auf Schlag – die Olympischen Spiele in Paris riefen und Nickel wurde nominiert. Als allererstes Paar mussten er und Julia Krajewski auf die wunderschön angelegte Strecke durch den Schlosspark von Versailles. Nickel zeigte, was in ihm steckt. Mit wenigen Zeit- und ohne Hindernisfehler ließ er den Cross absolut machbar aussehen. Dass der Kurs viel mehr Klippen hatte, als diese Runde es erahnen ließ, zeigte sich im weiteren Verlauf des Tages. Aber Nickel war im Ziel. Nun war er nicht nur Aachen-Sieger, sondern Olympiapferd. Am Ende wurde er Elfter. Dass es keine Mannschaftsmedaille für Deutschland gab, war nicht seine Schuld, er hatte alles gegeben. So, wie er es immer tut.
Im Gespräch mit den Uelzener Versicherungen, denen Nickel seinen neuen Vornamen „Uelzener’s“ verdankt, erklärte Julia Krajewski, Nickel sei „extrem ehrlich“, „motiviert“ und „lernwillig“. Man müsse aufpassen, dass man ihn nicht überfordert, weil er immer alles geben will. Das war auch der Grund, warum sie ihn bei den Europameisterschaften in Blenheim nicht an den Start bringen wollte, obwohl sie im Sommer in Luhmühlen Deutsche Meister wurden. Sie sagt: „Ich achte sehr genau darauf, dass ich ihn in Prüfungen starte, die ihm liegen.“ Und das wäre in Blenheim nicht der Fall gewesen, wie sie offen zugab, als sie den Start absagte. „Er soll sich wohlfühlen. Und das ist auch Teil von verantwortungsvollem Sport: zu wissen, was ein Pferd leisten kann und was es nicht leisten muss.“
Neuer alter Besitzer
Nickel hat nicht nur einen neuen Namen, sondern auch einen neuen Besitzer. Oder vielmehr seinen alten. Die Familie Rössel wollte den Wallach, der ja nun kein Juniorenpferd mehr war, nicht behalten. Um ihn trotzdem für Julia Krajewski zu sichern, sprang ihr langjähriger Mäzen, Prof. Bernd Heicke vom Gestüt Fohlenhof, ein. Damit ist sichergestellt, dass Nickel bei Krajewski bleibt. Die Weltmeisterschaft 2026 kann also kommen. Dass Aachen ihm liegt, hat Nickel ja hinlänglich bewiesen.