Chipmunk FRH

Michael Jung und Chipmunk auf dem Weg zu Gold bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
- Geschlecht: Männlich
- Jahrgang: 2008
- Rasse: Hannoveraner
- Vater: Contendro
- Muttervater: Heraldik xx
- Züchter: Dr. Hilmer Meyer-Kulenkampff
- Größte Erfolge: Olympiasieger 2024, Mannschaftsweltmeister 2022, zweifacher Mannschaftseuropameister, zweifacher Einzelsilbermedaillengewinner, zweifacher Gewinner des CCI5* Kentucky
Zur Welt kam der Hannoveraner Contendro-Sohn Chipmunk aus der Havanna v. Heraldik xx – Ramiro Z – Sandro – First Gotthard bei Dr. Hilmer Meyer-Kulenkampff auf dessen Hof im Landkreis Diepholz, Niedersachsen. Chipmunks Mutterstamm ist seit Generationen bei der Familie beheimatet. Die Stammstute sei bereits 1905 aus Ostpreußen gekommen, erklärte Meyer-Kulenkampff in einem Interview mit dem niedersächsischen Landwirtschaftsmedium „Landvolk“. Als sein Zuchtziel nannte er Athletik, Leistungsbereitschaft und Intelligenz – Eigenschaften, die man Chipmunk guten Gewissens zuschreiben kann. Das mit der Athletik dauerte allerdings eine Weile, denn erst einmal musste der Schlaks in seinen Körper hineinwachsen.
Ära Krajewski
Groß, langbeinig und schmalbrüstig war Chipmunk, als er vierjährig zu Julia Krajewski kam. Fünfjährig stieg er in den Turniersport ein. Die ersten Spring- und Geländepferdeprüfungen verliefen vielversprechend. Gekrönt wurde die Saison vom Titel des Bundeschampions in Warendorf.
Sechsjährig ging Chipmunk seine ersten internationalen Prüfungen und war auch gleich erfolgreich. Allerdings war er so groß, dass er viel Zeit brauchte, um sein Gleichgewicht zu finden, erklärte Julia Krajewski 2018 in einem Interview mit der Zeitschrift St.GEORG. Außerdem habe sie immer das Gefühl gehabt, sie müsste – anders als zum Beispiel bei Samourai du Thot – immer ein wenig auf Chipmunk aufpassen, damit er im Gelände alles sortiert bekommt. Viel bergauf und bergab reiten im Gelände haben dazu beigetragen. Der Wallach, im Stall der Liebling aller, weil er „wie ein Welpe“ ist (Krajewski), wurde immer besser.
Siebenjährig nahmen die beiden an den Weltmeisterschaften der jungen Vielseitigkeitspferde teil. Nach einer sehr guten Dressur kassierten sie einen Vorbeiläufer im Gelände, der ersten Medaillenträumen ein Ende setzte.
Doch achtjährig konnte Chipmunk sich die ersten Vier-Sterne-Erfolge sichern, wurde Zweiter in Wiesbaden und gewann zum Ende der Saison den CCI4*-L in Strzegom. Ein Meilenstein. Dass das kein Zufallstreffer war, demonstrierte Chip in der folgenden Saison mit einem erneuten Rang zwei in Wiesbaden, Platz sieben bei der DM in Luhmühlen und als Krönung Rang drei im CCI4*-L von Blenheim.
So vorbereitet nahmen sie die Saison 2018 in Angriff. Chipmunk war nun zehnjährig und in bester Verfassung. Das zeigte er gleich zum Saisonauftakt in Marbach, wo er seine Reiterin mit einem Sieg in dem dortigen CCI4*-S zur Berufsreiterchampionesse machte. Danach gewann er den CCI4*-L in Bramham und setzte in Aachen noch einen drauf: Sieg in der Soers, für Krajewski der schönste gemeinsame Erfolg. Und der letzte.
Enttäuschung in Tryon
Das Paar wurde für die Weltreiterspiele in Tryon nominiert. In bester Verfassung kamen Chipmunk und Krajewski in den USA an. In der Dressur setzten sie Maßstäbe mit einem Ergebnis, das keiner toppen konnte: 19,9 Minuspunkte. Dann der Geländetag. Der erste Teil der Strecke gelang wie an der Schnur gezogen. Das roch nach einem Medaillenrang. Doch das Pech, das Julia Krajewski schon bei den Championaten zuvor am Stiefel klebte, wollte sie auch in Tryon nicht verlassen. An Hindernis 14, einer Kombination, bestehend aus zwei Ecken, kamen die beiden zu dicht an das zweite Element. Chipmunk konnte nicht mehr abspringen. Aus der Traum vom Edelmetall. Tryon war das letzte Turnier des Paares. Danach sollte Chipmunk verkauft werden. Er gehörte immer noch seinem Züchter. Der habe sich aus persönlichen Gründen zum Verkauf entschlossen, hieß es. Kein Wunder. Der Wallach war zehnjährig, also im besten Alter, und die Olympischen Spiele 2020 standen vor der Tür. Das ist alle vier Jahre regelmäßig ein Booster für den weltweiten Pferdehandel mit Hoffnungsträgern für die drei olympischen Disziplinen.
Ära Michael Jung
Angebote dürfte Hilmer Meyer-Kulenkampff einige bekommen haben. Angenommen hat er letztlich das der Familie Fischer, die den Wallach zusammen mit dem DOKR für Michael Jung gesichert hat. Seitdem heißt Chip offiziell Fischerchipmunk FRH. Der dreifache Olympiasieger, Weltmeister und mehrfache Europameister mit einem der besten Nachwuchspferde der Welt – wenn das nichts wird!
Es wurde was. Auf der soliden Grundausbildung von Julia Krajewski konnte Michael Jung aufbauen und nahtlos an Chipmunks frühere Erfolge anknüpfen. Schon in der ersten Saison gewannen die beiden Mannschaftsgold und Einzelsilber bei den Europameisterschaften 2019 in Luhmühlen. 2020 wäre eigentlich Olympiajahr gewesen, doch ein kleines Virus brachte die Welt in diesem Jahr bekanntlich beinahe zum Stillstand.
Dann die olympische Saison 2021. Radolfzell, Marbach, Barborowko, DM Luhmühlen – Chip und Jung gewannen alles, wo sie antraten. Endlich war es so weit, Olympia in Tokio. Mit 21,1 Minuspunkten gingen die beiden nach der Dressur in Führung. Durchs Gelände sind sie nur so geflogen. Bis ins Ziel. Keine Zeitfehler, erst recht kein Vorbeiläufer. Problem: An Hindernis 14 lösten die beiden ein MIM aus. Jung sagte später, er habe gehört, dass Chipmunk den Sprung berührt hat, hätte aber niemals gedacht, dass der Anprall so stark war, dass das MIM brechen könnte. War er aber. Der Sprung klappte zusammen, Jung hatte elf zusätzliche Strafpunkte auf dem Konto. Am nächsten Tag kassierten sie im Abschlussspringen dann noch einen Abwurf, so dass sie Achte in der Einzelwertung wurden. Die elf Strafpunkte aus dem Cross waren umso ärgerlicher angesichts dessen, dass die beiden selbst mit den vier Fehlern im Parcours noch Olympiasieger geworden wären nach ihrer super Dressur. Aber es half nichts.
Im Jahr darauf hatten die beiden wieder die Chance auf einen großen Titel, diesmal bei der Weltmeisterschaft in Pratoni. Mit 18,8 Minuspunkten lagen sie nach der Dressur erneut an der Spitze. Diesmal ging im Gelände alles glatt. Es sah nach einem Start-Ziel-Sieg aus. Dafür mussten sie allerdings null springen. Ein Abwurf und es wäre Silber, zwei und sie wären raus aus den Medaillen. Es wurden zwei. Aber immerhin noch Gold mit der Mannschaft.
Ein Stolperer im Wasser ließ die Träume vom EM-Titel 2023 platzen. Dann die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Wieder zeigten Jung und Chipmunk eine Spitzendressur. Doch ein Paar war noch einen Hauch besser: das britische Dreamteam Laura Collett und ihr Holsteiner London, Mannschaftsolympiasieger von Tokio, Badminton-Rekordsieger. Jung hatte 17,8 Minuspunkte (umgerechnet 82,2 Prozent), Collett 17,5 Minuspunkte (82,5 Prozent). Im Gelände war das britische Duo allerdings zwei Sekunden zu langsam und Jung gelang eine Punktlandung in der Zeit – Vorteil Deutschland. Als Overnight-Leader musste Jung als letzter ins Abschlussspringen. Da bei Olympischen Spielen nicht zwei Medaillen für eine Leistung vergeben werden dürfen, werden zwei Parcours gesprungen, der erste für die Mannschafts-, der zweite für die Einzelwertung. Collett und London kassierten einen Abwurf. Michael Jung und Chipmunk ebenfalls. Einen weiteren durften sie sich nicht leisten. Man konnte eine Stecknadel im Park von Versailles fallen hören, als die beiden den letzten Parcours in Angriff nahmen. Sprung für Sprung gingen sie an. Nur der Wille, die Konzentration der beiden nicht zu stören, hinderte die Zuschauer daran, bei jedem absolvierten Hindernis kollektiv aufzuseufzen. Schließlich war es nur noch ein Hindernis. Und auch dieses schafften sie fehlerfrei. Michael Jung und Chipmunk hatten es endlich geschafft! Der erste Titel – und für Jung die vierte olympische Goldmedaille.
Aachen is calling
Dass Chipmunk mit 17 Jahren fitter denn je ist, zeigte er 2025 erst mit seinem Start-Ziel-Sieg beim CCI5*-L in Kentucky und dann noch einmal bei den Europameisterschaften in Blenheim. Diesmal mussten sie sich zwar Laura Collett und London geschlagen geben und holten Silber (und Gold mit der Mannschaft), aber die Art und Weise, wie Chip mit den Anforderungen des Geländes nur so spielte, dürfte allen Zweiflern, die meinen, der Wallach sei zu alt, um 2026 noch bei der WM in Aachen dabei zu sein, den Wind aus den Segeln genommen haben.
Das wäre es das achte Championat für Chipmunk, jedes Jahr im Spitzensport war er in der Mannschaft. Auch das ist eine überragende Leistung, nicht nur des Pferdes, sondern auch des Managements.