Amande de B’Neville

"Sie hat halt ein paar PS mehr", sagt Julia Krajewski über Amande de B'Neville aka "Mandy". Foto: sportfotos-lafrentz.de
- Geschlecht: Weiblich
- Jahrgang: 2010
- Rasse: Selle Français
- Vater: Oscar des Fontaines
- Muttervater: Elan de la Cour
- Züchter: Jean-Baptiste Thiebot, Frankreich
- Größte Erfolge: Olympiasieg 2021 in Tokio, Mannschaftsgold und Einzelsilber bei den Weltmeisterschaften 2022
Oh Mandy – der Schmachtfetzen von Barry Manilow schallte über das Gelände des DOKR, als der Transporter mit Amande de B’Neville bzw. „Mandy“ 5. August 2021 auf dem Hof des Bundesstützpunkts in Warendorf zum Halten kam und Julia Krajewski die Stute die Rampe hinunterführte. Großer Bahnhof für eine große Heldin. Denn Mandy kehrte an diesem Tag heim von den Olympischen Spielen in Tokio, wo sie Gold in der Vielseitigkeit gewonnen hatte, für Deutschland, für ihre Reiterin Julia Krajewski. Mit diesem Triumph ging Krajewski nicht nur in die Sportgeschichte ein, sie hatte endgültig bewiesen, dass sie auch „Championat kann“. Sogar einen roten Teppich hatte man für Mandy ausgerollt. Doch mehr als das dürfte die Stute das Willkommensgeschenk interessiert haben, die am Ende jenes Teppichs auf sie wartete: eine Schubkarre voller Möhren und Äpfel.
Tokio war das Karriere-Highlight von Amande de B‘Neville – obwohl sie sie und ihre Reiterin ein Jahr später noch einmal bestes Paar der siegreichen deutschen Mannschaft bei den Weltmeisterschaften in Pratoni del Vivaro wurden und zudem Silber in der Einzelwertung gewannen. Sie wurden auch als heiße Kandidaten für die Olympischen Spiele 2024 in Paris gehandelt. Doch es sollte nicht sein.
Sport-Aus
Nach den Weltmeisterschaften 2022 kehrte Queen Mandy nicht mehr in den internationalen Sport zurück. Sie laborierte an einem Hufproblem, das im Alltag kein Problem darstellte, wohl aber bei Spitzenbelastungen, denen die Hufe bei einer Vielseitigkeit ausgesetzt sind. So beschloss Krajewski zusammen mit Prof. Bernd Heicke, Mandys Besitzer und langjährigem Förderer von Krajewski, die Stute mit 13 Jahren aus dem Sport zu verabschieden. Die Nachricht kam am 24. Dezember 2023. Krajewski schrieb auf ihren Social Media Kanälen:
„Natürlich bin ich sehr traurig, dass ich Mandys unglaubliche Kraft, ihr Vermögen, ihre Cleverness und Entschlossenheit nicht mehr aus dem Sattel fühlen werde. Dieses Gefühl von Überlegenheit, besonders am letzten Tag in Tokyo oder Pratoni, das sie mir gegeben hat, gibt es wahrscheinlich kein zweites Mal!“
Wenn die Stute im Gelände ihr Game Face aufgesetzt hatte, konnten keinerlei Zweifel aufkommen, was die Stunde geschlagen hatte. Die Entschlossenheit stand ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Mit ihrem Springvermögen und ihrer Art am Sprung wäre Mandy auch im Parcours in der Weltspitze angekommen. Aber dazu war sie eben auch noch sehr schnell, sehr geschickt und mit einer anscheinend nicht enden wollenden Energiereserve gesegnet.
Werdegang
Genau diese Energie stellte Julia Krajewski zu Beginn ihrer Partnerschaft mit der Selle Français-Stute so manches Mal vor Herausforderungen. Das Feuer, das Amande de B’Neville über so viele Geländekurse nur so fliegen ließ, war anfangs eher ein Inferno und musste in die richtigen Bahnen gelenkt werden.
Entdeckt wurde die Stute in ihrer französischen Heimat von der belgischen Pferdekennerin Myriam Meylemans – so, wie zuvor auch schon Krajewskis erster Olympiapartner Samourai du Thot und Sandra Auffarths vierbeinige Legende Opgun Louvo aka „Wolle“. Sechsjährig kam Mandy zu Krajewski in den Stall. Im gleichen Jahr bestritten die beiden die ersten CIC1*-Prüfungen (heute CCI2*-S). Im Jahr darauf bestritt Krajewskis damaliger Partner Christoph Wahler die ersten beiden Prüfungen mit ihr, ehe Krajewski sie wieder übernahm. Kurz darauf feierten sie in Hambach ihren ersten Sieg. 2018 waren sie auf CIC2*-Niveau (CCI3*-S) mehrfach platziert und wagten sich gegen Ende der Saison auch in den Drei-Sterne-Bereich vor. So arbeiteten sie sich Schritt für Schritt voran. Bis zu den Olympischen Spielen in Tokio.
Von der Ersatzbank zum Olympiasieg
Damit hatte Julia Krajewski weder geplant noch gerechnet. Ihre Hoffnungen für Japan ruhten eigentlich auf ihrem damaligen Toppferd Samourai du Thot. Doch nach einem Infekt im Winter musste dem Wallach ein Auge entfernt werden und Krajewski wollte es ihm nicht zumuten, sich im damals bereits fortgeschrittenen Alter noch einmal umzustellen, damit er weiter im Spitzensport laufen kann. Er wurde verabschiedet. Nun war der Platz der Nummer eins im Stall frei. Und Mandy schien nur darauf gewartet zu haben.
Mit einem Sieg beim CCI4*-L in Saumur Ende April hatte die Stute sich für die Nominierung empfohlen. Bei den Deutschen Meisterschaften in Luhmühlen gewannen sie Bronze hinter Michael Jung mit Chipmunk und Sandra Auffarth auf Viamant du Matz. Dieses Trio war es denn auch, das für die Olympiamannschaft ausgewählt wurde. „Wir werden das schon wuppen“, erklärte Krajewski im Interview mit dem ARD im Vorfeld. Wie recht sie doch hatte. Sie haben es nicht nur gewuppt, sie haben es gerockt. Und während die Presse sich überschlug und von einer „Sensation“ sprach, war Julia Krajewski recht cool. Natürlich war auch sie überglücklich und sprach von einem einmaligen Moment im Leben. Sie sagte aber auch: „Ich habe mit Druck am letzten Tag nicht so ein Problem. In dem Moment habe ich mir vorgestellt, komm Mandy, das ist, als würden wir zuhause üben und einen richtig hohen, coolen Parcours springen.“ Gesagt getan. Daran, dass Mandy abliefern würde, hatte Krajewski keinerlei Zweifel: „Wir waren in einem Tunnel zusammen. Das war besonders. Ich hatte auch das Gefühl, die macht keinen Fehler, die weiß, jetzt geht es um alles.“
Es waren die Covid-Spiele. Eine Ausnahmesituation, die dafür sorgte, dass nur wenige Zuschauer, Mandys und Krajewskis Weg zum Titel ihres Lebens live mitverfolgt haben. Doch Julia Krajewski bedauert das nicht. Im Gegenteil. „Es war etwas zwischen mir und meinem Pferd“, sagte sie später im CHIO Aachen Podcast.
Mutterfreuden
Nachdem Amande de B’Neville aufgrund besagter Hufproblematik aus dem Sport genommen werden musste, erhielt sie eine neue Aufgabe: Die Oscar des Fontaines-Tochter, die in ihrer Verwandtschaft mehrere 1,60 Meter-Springpferde hat, wurde Mama. Wer die Familie Heicke, der Mandy gehört, kennt, weiß, als Vater des ersten Fohlens kam nur ein Hengst infrage: der Liebling von Prof. Bernd Heicke, der Holsteiner Hengst Cascadello I. So kam es. Auch ihre zweite Karriere nahm Mandy mit Elan in Angriff, wurde sofort tragend und brachte ein gesundes Hengstfohlen zur Welt, das ihr in Sachen Energie offenbar in nichts nachsteht, wenn man nach den Instagram-Reels gehen kann, die Julia Krajewski bei ihrem Besuch von Mutter und Sohn gemacht hat. In Sachen Farbe und Zeichnung haben beide Elternteile ihren Beitrag geleistet: braun mit breiter Blesse. Bei den Eltern kann das eigentlich nur ein Kracher werden.