Hello Folie

Elastisch wie ein Gummiband, Vermögen als hätte sie Spiralen unter den Hufen und Energie wie ein Duracell-Hase (der auch ungefähr ihre Größe hat) – Scott Brashs Hello Folie ist ein Phänomen! Foto: Sportfotos-lafrentz.de
- Geschlecht: Weiblich
- Jahrgang: 2015
- Rasse: Selle Français
- Vater: Luidam
- Muttervater: Diamant de Semilly
- Züchter: Elevage de Nantuel
- Größte Erfolge: Silber in Einzel- und Mannschaftswertung bei der EM 2025
Die Europameisterschaften 2025 in La Coruña waren in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Vor allem wegen der überdurchschnittlich hohen Anzahl an Null-Fehler-Ritten über die fünf Parcours. Aber es waren eben auch überdurchschnittlich gute Pferde am Start. Klar, der Sieger, Richard Vogels United Touch S. Und auch der Bronzemedaillengewinner, Ermitage Kalone von Gilles Thomas (GBR). Diese beiden Hengste sind fleischgewordene Mädchenträume. Aber die kleine Stute, die sich zwischen diese beiden Kraftprotze schieben konnte, war vielleicht die eigentliche Sensation dieser Europameisterschaft: Hello Folie.
Zwischen Genie und Wahnsinn
Zwischen Genie und Wahnsinn – diese Beschreibung passt zu der 2015 geborenen Selle Français-Stute Hello Folie, geborene Folie de Nantuel nach ihrer Heimat, dem Elevage de Nantuel der Züchterfamilie Gouin in Frankreich. Was Folie in Spanien zeigte, war einerseits spektakulär, andererseits beängstigend. Sie attackierte die Hindernisse in einer Aggressivität, als wollte sie sie niederwalzen, tauchte kurz davor ab, um dann zu explodieren und sie unter sich geradezu zusammenschrumpfen zu lassen. Dabei übersprang sie sich mitunter so sehr, dass man Angst hatte, sie überschlägt sich. Es braucht wohl einen Reiter mit der Ruhe und Souveränität eines Scott Brash, um das auszusitzen. Nun sind „Gewaltsätze“ nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal. Aber der Videobeweis zeigt: So sprang die Stute schon zweijährig ohne Reiter. Und dass die EM keine Eintagsfliege war, zeigte sie danach mit Siegen in Wien, Barcelona und Riad.
Erfolgszucht
Der Stutenstamm von Hello Folie wird schon seit Generationen im Elevage de Nantuel gepflegt und Folie selbst hat bereits einen S-erfolgreichen Nachkommen sowie zwei gekörte Söhne. Die Mutter, Thara de Nantuel v. Diamant de Semilly, hat mit Océane de Nantuel eine 1,60 Meter-erfolgreiche Vollschwester. Sie selbst ging auch im Sport, war mit dem Enkel des Zuchtbegründers Jacques Gouin, Arthur Deuquet, erfolgreich bis hin zu 1,50 Meter-Springen. Gegenüber Stud for life erzählte Deuquet: „Als ich das mit Thara sprang, hatte ich weder die Fähigkeiten noch die Erfahrung dafür und für sie war diese Höhe die Grenze. Wegen ihrer außergewöhnlichen Einstellung hat sie es trotzdem geschafft.“ Thara de Nantuel trug Deuquet auch zu den nationalen Meisterschaften der Junioren. Ihre Kämpfermentalität ist aus Sicht ihrer Züchter die entscheidende Qualität, die sie an ihre Nachkommen weitergibt.
Das merkt man nicht nur Hello Folie an, das konnte man schon bei deren Vollbruder Candy de Nantuel beobachten. 2015 war der bunte Fuchs das Highlight der in Frankreich berühmten Fences Auktion, als er für 125.000 Euro dem Hengsthalterkollektiv Groupe France Élevage (GFE) zugeschlagen wurde. Als Youngster schon auffällig, qualifizierte er sich siebenjährig mit Thomas Rousseau für das Finale bei den Weltmeisterschaften der jungen Springpferde. Neunjährig gelangte er unter den Sattel von Pénélope Leprévost, mit der er international auf Fünf-Sterne-Niveau erfolgreich war. Noch erfolgreicher ist er jedoch in der Zucht. Schon jetzt gilt der 13-jährige Hengst, dessen älteste Nachkommen also achtjährig sind, als einer der besten Vererber des Landes. Die ersten Kinder springen international bis zur höchsten Klasse. 13 Söhne wurden bereits gekört.
Von Pferdeglück, den richtigen Reiter zu finden
Die vielen Meriten des Candy de Nantuel waren noch Zukunftsmusik, als Marc Dilasser ihn dreijährig zum ersten Mal sah. Es war eine Begegnung, die letztlich auch Folies Schicksal bestimmen sollte. Dilasser war Richter bei Candys Hengstleistungsprüfung und gab dem bunten Fuchs die Höchstnote. Shane Breen, ein guter Freund Dilassers, fragte ihn, ob er ein gutes Pferd für ihn wüsste. Dilasser machte ihn auf Candy de Nantuel aufmerksam. Der wurde Breen zu teuer. Dilasser bat die Familie Deuquet, ihm Bescheid zu geben, wenn sie einen Bruder oder eine Schwester von Candy zum Verkauf hätten. Eines Tages kam der Anruf. Da gibt es eine Schwester, Folie, zweijährig. Zu dieser Schwester gibt es ein Video von ihrem ersten Freispringen (siehe oben).
Als Dilasser dieses Video sah, wusste er, was er zu tun hatte. „Sie schickten mir das Video von Folie bei Monsieur Gouin, auf dem sie völlig wahnsinnig sprang“, so Dilasser. „Natürlich habe ich mich sofort in sie verliebt.“ Er organisierte den Kauf der Stute, wandte sich an das Gestüt Kreisker und noch eine weitere Partnerin und zu dritt erwarben sie das Supertalent. Auch wenn dieses damals vielleicht nicht unbedingt dem gängigen Bild eines künftigen vierbeinigen Spitzensportlers entsprach. Dilasser: „Als wir Folie gekauft haben, haben wir sie gemessen. Sie war nicht einmal 1,60 Meter groß. Wir haben ein Shetlandpony gekauft. Aber Shetlandponys wie sie gibt es nicht viele auf der Welt!“ Heute kann Dilasser darüber lachen.
Folies Karriere begann allerdings nicht unter dem Sattel, sondern in der Zucht im Gestüt Kreisker. Ergebnis: siehe oben. Vierjährig wechselte sie dann zu Marc Dilasser für die reiterliche Ausbildung. Folie zeigte gleich in den ersten Minuten nach ihrer Ankunft, wohin die Reise mit ihr geht. „Sie war noch keine zehn Minuten in ihrer Box, da hatte sie schon die Tür übersprungen! Das war typisch Folie, bei ihr war alles so“, so Dilasser.
Das hinderte sie allerdings nicht daran, Karriere zu machen. Auch wenn es etwas dauerte, Folie die Gewaltsätze abzugewöhnen. Dilasser förderte die Stute mit viel Geduld, Gefühl und Weitsicht und verkaufte sie schließlich siebenjährig an seinen Freund Shane Breen. Der Verkauf war von Anfang an der Plan von Dilasser und seinen Mitstreitern. Es gab auch viele Interessenten für Folie, doch die unorthodoxe Art der Stute schreckte einige ab. Nicht so Shane Breen, der ja schon Candy de Nantuel haben wollte. Er sagt, als er sie zum ersten Mal sprang, stellte er fest, dass „feisty Folie“, wie er sie nannte (zu Deutsche §die wilde Verrückte) vielleicht nicht die perfekte Technik hatte, aber man hätte nie das Gefühl gehabt, dass sie auch nur in der Lage wäre, einen Fehler zu machen, wie Breen sein Reitgefühl gegenüber Studforlife.com beschrieb. Doch das Glück währte nicht lange. Der Ire verletzte sich, musste pausieren und überlegte, wem er sein Jungtalent anvertrauen könnte. Er kontaktierte Scott Brash. So gelangte Folie an den Ort ihrer Bestimmung.
Von null auf Championat
Im Januar 2025 ritt Scott Brash Hello Folie in Doha erstmals ein einem Fünf-Sterne-Grand Prix – und siegte. Danach berichtete er Horse & Hound, er habe die Stute ja schon eine ganze Weile, aber da sie immer so hoch springt, habe er sich Zeit lassen wollen mit ihr, um sie körperlich nicht zu überfordern. Nun war sie bereit. Mehr als das, sie wollte. „Sie liebt den Job und sie will einfach gewinnen, was das Leben deutlich einfacher macht“, beschreibt Brash den außergewöhnlichen Charakter dieses Flummis von einem Pferd.