TSF Dalera BB

Eines jener Pferde, die es wahrlich verdienen, dass man sich vor ihnen verneigt: TSF Dalera BB. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
- Geschlecht: Weiblich
- Jahrgang: 2007
- Rasse: Trakehner
- Vater: Easy Game
- Muttervater: Handryk
- Züchter: Silke Druckenmüller
- Größte Erfolge: Vierfache Olympiasiegerin, zweifache Einzel- sowie Mannschaftseuropameisterin, Mannschaftsweltmeisterin, zweifache Siegerin Weltcup-Finale
Frankfurter Festhalle, 15. Dezember 2017, Einlaufprüfung des Louisdor-Preis Finales. Als drittletztes Paar betreten Bundeskaderreiterin Jessica von Bredow-Werndl und die zehnjährige Trakehner Stute TSF Dalera BB das festlich geschmückte Hallenrund. Erster Eindruck: Wow, ist die groß! Dann: Nicht gerade ein typischer Trakehner im Look … Dann beginnen die beiden ihren Tanz. Ganz allmählich breitet sich eine Gänsehaut am Körper der Zuschauer aus. Was ist das denn bitte für ein wunderbares Paar? Diese Eleganz, diese Ausstrahlung, die Leichtigkeit, mit der sie durch die Piaffe-Passage-Sequenzen fließen …. Es sieht aus, als müsste Jessica von Bredow-Werndl gar nichts machen. Nein, falsch – als DÜRFTE sie gar nichts machen. Nicht nur, weil Dalera angesichts der für sie – noch – ungewohnten Kulisse doch sichtlich aufgeregt ist, sondern um ihre Konzentration nicht zu stören. Natürlich, da gab es noch Punkte, die ausgefeilt werden müssen. Aber dass dieses Paar das Potenzial für die absolute Weltspitze hat, war schon damals absehbar.
Dalera gewann die Prüfung mit 77,093 Prozent. Und auch im Finale war sie nicht zu schlagen. Am Sonntag war die Festhalle naturgemäß noch voller als am Freitag und Dalera noch ein bisschen aufgeregter. Doch sie hatte offensichtlich den Entschluss gefasst, dass es schon in Ordnung gehen würde, wenn ihre Reiterin das sagte und beschlossen, ihr zu vertrauen. Mit 76,720 Prozent gewann sie auch diese Prüfung, ihren ersten „richtigen“ Grand Prix.
Der Erfolg war umso größer angesichts der Konkurrenz im Louisdor-Jahrgang 2017. Platz zwei belegten damals Dorothee Schneider und Faustus (73,760) vor Ingrid Klimke auf Franziskus (72,160), Heiner Schiergen auf Carlos (71,080) und Frederic Wandres mit Duke of Britain (70,940). „Deutschlands Dressur-Zukunft sieht gut aus“, überschrieb der St.GEORG damals seinen Bericht von diesem Louisdor-Preis Finale. Das war zutreffend. All diese Pferde haben später Medaillen für Deutschland gewonnen – und Dalera hat sie alle überflügelt.
Die Vision einer Züchterin
Daleras Züchterin Silke Druckenmüller war schon als Kind pferdebegeistert. Ihr zweites eigenes Pferd war eine Trakehner Stute – der Beginn einer lebenslangen Liebe. Später hat die Architektin sich allerdings mehr der Zucht, denn der Reiterei verschrieben. Daheim auf ihrem Hof in Ferschweiler in Rheinland-Pfalz züchtete sie Trakehner. Sie entdeckte die Stute Dark Magic, eine Tochter des Reitpferdemachers Handryk. Der ist wiederum ein Sohn des Van Deyk, der mit Dorothee Schneider sportlich für Furore gesorgt und sich auch als Vererber bewährt hatte. Mütterlicherseits führt Dark Magic den ebenfalls Grand Prix-erfolgreichen Leistungsvererber Hohenstein im Pedigree, einen Sohn des Caprimond, der sowohl für Schönheit, Rittigkeit und Charakter stand wie kaum ein Zweiter.
Als Druckenmüller Dark Magic übernahm, war diese dreijährig. Ein Jahr später sollte sie erstmals gedeckt werden. Dafür hatte Silke Druckenmüller den bewegungsstarken Gribaldi-Sohn Easy Game ausgewählt – lange bevor Gribaldi durch Totilas in aller Munde war. In Sachen Bewegungen stand Easy Game seinem Vater in nichts nach. Er gefiel Druckemüller schon bei seiner Körung sowohl im Genotyp als auch im Phänotyp und so wurde er der Vater von Dark Magics erstem Fohlen.
Das kam am 23. April 2007 zur Welt, ein nicht besonders hübsches Stutfohlen, das sich aber außergewöhnlich gut bewegen konnte. Es erhielt den Namen Dalera. Die junge Stute wuchs und wuchs, knackte schließlich die 1,80 Meter Stockmaß. Erst vierjährig wurde sie angeritten. Im selben Jahr hatte sie bereits ihre ersten öffentlichen Auftritte und kehrte stets mit einer Schleife zurück. Ihre Züchterin erklärte einst gegenüber der FN, Dalera habe ihrem Reiter schon als ganz junges Pferd ein „wahnsinnig tolles Gefühl vermittelt“.
Daleras Entdecker
Bei einem Lehrgang wurde der bayerische Pferdewirtschaftsmeister Werner Bergmann auf die junge Stute aufmerksam. Bergmann hat ein Auge für Pferde. Er war es auch, der Weltmeister Farbenfroh dreijährig entdeckte und ausbildete, ehe der bunte Fuchs über Klaus Balkenhol sechsjährig zu Nadine Capellmann kam und dann mit ihr zum Weltstar wurde. Dalera sollte das noch übertreffen. Die Turniereinsätze des Paares Dalera/Werner Bergmann waren überschaubar: fünfjährig eine Dressurpferdeprüfung Klasse L (Rang sechs), sechsjährig zwei Dressurpferdeprüfungen Klasse M (einmal nicht platziert, einmal Zweite). Danach sah man Dalera eine ganze Zeit lang nicht mehr in der Öffentlichkeit.
Der Anfang von etwas Großem
Siebenjährig wechselte die Stute in den Besitz der ehemaligen 5*-Richterin Beatrice Bürchler-Keller. Die hatte bereits Pferde bei Jessica von Bredow-Werndl stehen: Unee BB und Ferdinand BB. Nun kam in Aubenhausen eine Stute hinzu. Dalera war achtjährig als sie umzog. Jessica von Bredow-Werndl förderte ihren Neuzugang zunächst daheim. Die Klasse M haben sie übersprungen. Als Dalera S-fertig war, gaben sie und Jessica von Bredow-Werndl ihr gemeinsames Turnierdebüt bei ländlichen Veranstaltungen in Bayern und im österreichischen Lamprechtshausen, das ebenfalls nur einen Katzensprung von Aubenhausen entfernt liegt. Die Partnerschaft der beiden ließ sich vielversprechend an – bei acht Starts waren sie sechsmal Erste und zweimal Zweite. Das war 2016. 2017 war Dalera S***-fertig. Ende des Jahres ging sie als Louisdor-Preis Siegerin und damit bestes Nachwuchs-Grand Prix-Pferd Deutschlands in die Winterpause.
Kickstart in die Weltspitze
Im März läuteten Jessica von Bredow-Werndl und Dalera, die längst die Namenszusätze „TSF“ und „BB“ vor und hinter ihrem Mädchennamen trug, die Saison im österreichischen Ebreichsdorf mit einem Sieg im Grand Prix und bei ihrer Special-Premiere ein. Doch auch wenn sie hier auf ihren Frankfurter Konkurrenten Faustus trafen – Ebreichsdorf ist nicht die große Bühne.
Die große Bühne sind zum Beispiel die Horses & Dreams in Hagen, wo sich Deutschlands Dressurszene seit Jahren Ende April für ein erstes Kräftemessen nach der Winterpause trifft, sowohl mit den arrivierten Toppferden als auch mit den Nachwuchshoffnungen. Dalera war beides, eine Nachwuchshoffnung, aber auch schon ein Topstar. Die Erwartungen waren entsprechend hoch, als sie in Hagen auftrat, wo sie aber nur den Grand Prix ging.
Dalera schlug sich wacker, Rang sechs mit 72,652 Prozent beim Sieg der Mannschaftsolympiasieger und Einzel-Bronzemedaillengewinner Kristina Bröring-Sprehe mit Desperados. Doch es war nicht der Paukenschlag, den viele erwartet hatten. Lauscher im VIP-Zelt konnten den einen oder anderen gehässigen Kommentar der Konkurrenz hören. Doch Dalera belehrte alle Zweifler und Neider eines Besseren.
In der gleichen Saison holte das Paar seine erste Medaille bei den Deutschen Meisterschaften, Bronze in der Kür. Zuvor waren sie bereits Dritte im Grand Prix und Vierte im Special. Das war schon mal der erste Schritt in Richtung Weltmeisterschaft in Tryon. In Aachen machten die beiden die Sache dann rund als Vierte im Grand Prix und Siebte im Special. Damit hatten sie ihr Flugticket zum ersten Championat in der Tasche. Hier holten sie souverän Gold mit der Mannschaft. Die Einzelmedaillen mussten sie – noch – anderen überlassen. Mit einem Sieg in Grand Prix und Kür in Genf beendeten sie ihre Saison.
Medaillensammlung
Was danach kam, ist vielfach dokumentiert und beschrieben – Gold mit der Mannschaft und Einzelbronze bei der EM in Rotterdam 2019, Olympia-Aus wegen Corona 2020, dann der große Moment: Doppelgold in Tokio, zweifache Weltcup-Siegerin, Doppel-Europameisterin in der Einzelwertung 2023 und schließlich das letzte gemeinsame Turnier, Olympia in Paris, wo sie wieder Doppelgold holen. Es war aber weniger die Tatsache, dass den beiden dies alles gelungen ist, als vielmehr das Wie. In ihren besten Momenten kamen die beiden dem Idealbild der vollkommenen Einheit zwischen Reiter und Pferd so nah, wie es wohl nur möglich ist. Sie schafften es, Dressur einfach aussehen zu lassen, eben wirklich wie einen Tanz von Mensch und Pferd. Ihre beiden Kür-Musiken, die so gut zu ihnen passten, waren das Tüpfelchen auf dem i.
Das Erbe
Die Olympischen Spiele in Paris markierten das Ende der sportlichen Karriere von Dalera und damit das Ende einer Ära im Dressursport. Dalera genießt nun ihr Leben als aktive Rentnerin. Ihre Weide teilt sie sich mit ihrer Mutter Dark Magic. Züchterin Silke Druckenmüller hat den zweiten olympischen Erfolg ihrer Dalera nicht mehr erleben dürfen. Sie verstarb 2023 mit nur 45 Jahren an einem schweren Krebsleiden. Danach haben die Werndls sich ihrer Pferde angenommen und Mutter Dark Magic zu sich geholt.
Auf die Frage nach ihrem Zuchtziel antwortete die mehrfach für ihre Leistungen ausgezeichnete Druckenmüller einst, sie wolle Reitpferde mit der richtigen Einstellung und Bewegungsqualität für den Dressursport züchten. Das ist ihr gelungen, nicht nur mit Dalera, sondern auch mit deren Geschwistern Dallenio und Dallenia, die nicht Easy Game zum Vater haben, sondern dessen Sohn Millennium.
Dalera trägt die Lebensleistung ihrer Züchterin nun weiter. Sie ist tragend, erwartet ein Fohlen von Vitalis. Blickt man auf dessen Lebensleistung, lässt sich festhalten: Auch wenn er kein Trakehner ist, seine Nachkommen verkörpern das Zuchtziel von Silke Druckenmüller ebenfalls.