Cor de la Bryère - in Frankreich beinahe kastriert, in Holstein die Welt verändert

Cor de la Bryère (1968-2000), die Legende der Zucht in Holstein.
- Name: Cor de la Bryère
- Geschlecht: Männlich
- Jahrgang: 1968
- Rasse: Selle Français
- Vater: Ranzau xx
- Muttervater: Lurioso
- Züchter: Therèse Essayan, FRA Yvre le Polin
Es scheint so, als ob am Anfang einer großartigen Hengstkarriere immer eine Beinahe-Katastrophe stand. Und wie die gute Fee im Märchen, kommt der richtige Mensch mit dem richtigen Gespür im richtigen Moment um die Ecke. Unfassbar, was geschehen wäre, wenn Cor de la Bryère in seiner Heimat Frankreich kastriert worden wäre. Stattdessen hat er von Holstein aus die Welt verändert.
Vollblut als Quelle des Erfolgs
Cor de la Bryère wurde 1968 fernab von Holstein geboren, seine Mutter Quenotte hatte den Furioso xx-Sohn Lurioso zum Vater. Furioso xx, der über Furioso II und dessen Vollbruder Mexico (Urgroßvater von Ferro), starken Einfluss auf unterschiedliche Zuchtgebiet genommen hat, war in aller Munde als Vater des Olympiasiegers von 1964, Lutteur B, und der Weltmeisterin von1968, Pomone B. Beide Pferde wurden von Pierre Jonquères d’Oriola (FRA) geritten.
Um Cor de la Bryères Vater, den Vollblüter Rantzau xx, ranken Legenden. Der Fuchs, eines der besten Rennpferde seiner Zeit, und wenn man Fotos betrachtet bis ins hohe Alter buchstäblich ein Bild von einem Pferd, wurde für die französischen Nationalgestüte angekauft. Ab 1951 stand er im Gestüt Saint-Lô in der Normandie. Lange erzählte man sich, der Hengst habe nie mehr als drei Stuten pro Saison gedeckt, auch weil seine Nachkommen als schwierig gegolten hätten. Tatsächlich waren die Kinder des Vollblüters etwas sensibler als andere Pferde, aber niemals wirklich schwierig. Und Aufzeichnungen der Gestütsverwaltung belegen, dass es durchaus Jahre gab, in denen Rantzau xx mehr als 40 Stuten, was damals eigentlich das Limit pro Jahr war, gedeckt hat. Rantzau xx geht über Son in Law xx auf Dark Ronald xx zurück.
Die Springreiter wussten die Qualitäten der Kinder des Vollblüters zu schätzen. Sie gingen schon bald in internationalen Prüfungen und bescherten ihrem Erzeuger auch nach dessen Tod 1971 Spitzenpositionen in den Vererberstatistiken des französischen Warmblutzuchtverbandes, Selle Français.
Wie Cor de la Bryère beinahe kastriert worden wäre
Xavier Ribard war der erste private Hengsthalter in Frankreich. Er entdeckte den braunen Absetzer Cor de la Bryère bei Züchterin Therèse Essayan und kaufte ihn vom Fleck weg. Doch nachdem er ihn aufgezogen hatte, kam schnell die Ernüchterung: Die Körkommission des Haras du Pin, so schreibt es der französische Pferdejournalist Pascal Renauldon in einem Artikel für das Z-Magazin 1998, befand den Junghengst als „zu sportlich“. Die Empfehlung: kastrieren, „er wird sicherlich ein nützlicher Wallach“.
<p>Alwin Schockemöhle, damals einer der führenden Springreiter der Welt und Furioso xx-Fan, hatte die Holsteiner Anfang der 1970er Jahre auf die Idee gebracht, in der Normandie nach Genen für ihre Springpferdezucht zu schauen. Kommen, sehen, kaufen – die Abordnung mit unter anderem Maas J. Hell, dem damaligen Geschäftsführer des Holsteiner Verbandes, sah Cor de la Bryère und erwarb ihn. Es heißt, der Hengst, der in Holstein zum Übervater und zur Legende reifen sollte, habe umgerechnet ca. 9.200 Euro gekostet.
Anfänglich Skepsis statt Begeisterung
Cor de la Bryère? In Holstein war man skeptisch: Ein Hengst, den die Franzosen, schon damals weltweit eine der führenden Springpferdezuchten, abgelehnt hatten, sollte gut genug für Holstein sein? Um den Vorbehalten entgegenzuwirken, nahm Cor de la Bryère einen kleinen Umweg. Maas J. Hell bot an, den Hengst auf eigene Kasse zu halten, bis er die Hengstleistungsprüfung absolviert hatte. In Siethwende, einer Hengststation mit großer Tradition in den Elbmarschen nahe Elmshorn, dem Sitz des Holsteiner Verbandes, deckte „Corde“ wie er schnell sprachlich vereinfacht eingebürgert wurde, schon 70 Stuten in seinem ersten „Jahr der Bewährung“.
Unter dem Sattel überzeugte Cor de la Bryère dann alle Skeptiker und seine ersten Nachkommen zeigten genau das, was erhofft worden war: Springtalent und eine deutlich verbesserte Technik. Kraft und Vermögen brachten die Holsteiner Stuten schon damals ausreichend mit. Das Bild des freispringenden Cor de la Bryère mit extrem angewinkeltem Vorderbein wurde Sinnbild für die modernen Holsteiner der 1970er und 1980er Jahre.
Schon bald sollte sich herausstellen, dass Cor de la Bryère mit einigen Stuten das zustande bekam, was man in der Pferdezucht „Passerpaarung“ nennt. Es entstanden keine One-Hit-Wonder, sondern ganze Dynastien. Auch wenn sich zumeist nur einer von mehreren gekörten Vollbrüdern letztendlich über Generationen züchterisch durchsetzen konnte, haben Dynastien wie die „Calettos“, die „Calypsos“, die „Calandos“ und weitere Linienbegründer die Sportpferdezucht maßgeblich geprägt. Und das schon seit mehr als 50 Jahren.
Die bedeutendsten Zweige der Linie des Cor de la Bryère
Die wichtigsten Stammväter in diesem Artikel ausführlich darzustellen, würde den Rahmen sprengen. Deswegen werden die großen Hengstlinien, die auf den Franzosen zurückgehen, in Einzel-Porträts dargestellt.
- Calypso, die erste Dynastie – Olympiasieger Chipmunk und so viel mehr
- Caletto I und II – ohne sie kein Chacco-Blue, kein Ermitage Kalone, keine Classic Touch, kein United Touch
- Corrado – der weiße Riese und Großvater von Cornet Obolensky
- Casall, Holsteins ganzer Stolz in den 2020er Jahren
Springpferde und vom Fleck weg auch Nachkommen, die sich im Vielseitigkeitssport hervortun konnten, bestimmten die ersten Jahrgänge des Cor de la Bryère. Herbert Blöcker begann seine internationale Karriere im Busch mit dem 1973 geborenen Contrast. Cordeka, Schwester der Caletto-Brüder – der Name verrät es, alle aus der Deka v. Consul-Matador –, ging unter Blöcker ebenfalls in schwersten Prüfungen international.
Im Springen fluteten die Nachkommen die Turnierplätze, national wie international. Schon bald sollten die direkten Nachkommen des Franzosen in den Springkonkurrenzen gegen Enkel und erste Urenkel „made by Cor de la Bryère“ konkurrieren. Auch wenn das Gros der Nachkommen von Cor de la Bryère das Holsteiner Brandzeichen trugen, gab es auch immer wieder Hengste aus anderen Zuchtgebieten, die seine Gene entsprechend weitertrugen. Ein Beispiel ist der bunte Fuchshengst Cordalmé, der in Oldenburg wirkte, unter Gilbert Böckmann in Aachen platziert war und viele Weltpferde gezeugt hat.
Goldika, aus einer Lagos-Mutter gezogen, war schon unter Toni Haßmann hoch erfolgreich und wechselte dann zu dem US-Amerikaner McLain Ward. Sie ist eines der erfolgreichsten Pferde, die Cor de la Bryère gezeugt hat.
Dressurlegende: Corlandus
Bei aller Übermacht im Springsektor darf ein Pferd an dieser Stelle nicht vergessen werden: Corlandus, ein direkter Cor de la Bryère-Sohn aus einer Landgraf-Mutter. Er war das erfolgreichste Dressurpferd, das „Corde“ hervorgebracht hat. Seine Bewegungsqualität setzte neue Maßstäbe. Die Begeisterung, die er unter dem Sattel der zierlichen Margit Otto-Crepin (FRA) zu entfachen wusste, lässt sich beinahe mit dem Totilas-Craze der 2010er Jahre vergleichen. Bei den Olympischen Spielen in Seoul gewann das Paar 1988 die Silbermedaille, 1989 das Weltcup-Finale.
Aus C wird manchmal A
Nicht nur Pferde mit dem Anfangsbuchstaben C tragen die Genetik von Cor de Bryère in sich. Der KWPN-Hengst Arezzo kam 2005 zur Welt. Das war ein A-Jahr in den Niederlanden. Alle in dem Tulpenstaat geborenen Pferde dieses Jahrgangs beginnen mit A, so will es die Namensgebungsregelung des niederländischen Warmblutzuchtverbands KWPN. Arezzo, selbst international erfolgreich, hat Chin Chin zum Vater. Der zweifache Olympiateilnehmer, in Seoul 1988 unter dem Mexikaner Jaime Azcarraga Sechster der Einzelwertung, hat wiederum Constant zum Vater, der aus dem ersten Jahrgang von Cor de la Bryère stammte. Arezzo stellte unter anderem den 2024er Bundeschampion Birkhofs Arezzo Man.
Die späten Jahre
1985 sollte Cor de la Bryère im Gestüt Zangersheide in Belgien befruchtend wirken. Von 1986 bis 1988 stand er dann in der Holsteiner Verbandszentrale in Elmshorn.
1989 zog er dann für seine letzten elf Lebensjahre nach Nordfriesland. Cor de la Bryère verbrachte seine letzten Jahre auf der Station Sollwittfeld. Zur großen Geburtstagsfeier, „30 Jahre Cor de la Bryère“ gratulierten Söhne, Enkel und Urenkel aus ganz Europa in Elmshorn der Legende.
„Corde“ starb in Sollwittfeld an Herzversagen am 27. April 2000. Er wurde biblische 32 Jahre alt. Die einmalige Aura, derer sich schon die Holsteiner Abordnung 1971 in der Normandie nicht hatte entziehen können, umgab ihn bis zum letzten Moment.