Bolero – das Buzzword für die Dressur

Bolero, einer der bedeutendsten Hannoveraner Hengste des niedersächsischen Landgestüts Celle. KI
- Name: Bolero
- Geschlecht: Männlich
- Jahrgang: 1975
- Rasse: Hannoveraner
- Vater: Black Sky xx
- Muttervater: Bleep xx
- Züchter: Heinrich Behrmann
Bolero, kaum ein Pferdezüchter denkt da zunächst an ein Jäckchen oder Maurice Ravel. Bonds, Bon Coeur, Bella Rose – der Anfangsbuchstabe B steht für Dressur. Zu verdanken ist das einem Hannoveraner Hengst: Bolero. Ein Linienbegründer, dessen Vaterstamm heute in vollster Blüte steht. Und das trotz einer Durststrecke um die Jahrtausendwende.
Aber alles der Reihe nach. 1974 machte Züchter Heinrich Behrmann etwas, das man zu dieser Zeit im Hannoveraner Zuchtgebiet eigentlich gar nicht machte: Er paarte eine Halbblut-Stute mit einem Vollblüter an. Konkret die 1970 geborene Baroness vom Vollblüter Bleep xx aus einer 1949 (!!) geborenen Athos-Mutter. Diese Stute führte Behmann dem Privathengst Black Sky xx zu. Die Nachkommen von Black Sky xx hatten sich bereits einen Namen als aparte Dressurpferde gemacht, es hatte sich aber auch herausgestellt, dass sie im Springparcours eher zu den weniger talentierten Kandidaten zählten. Das Ergebnis der Anpaarung kam 1975 zur Welt: Bolero! Er ist der Hengst, der heute eigentlich hinter jedem Pferd steht, dass im Dressurviereck Erfolge aufweisen kann und mit dem Anfangsbuchstaben B beginnt.
75 Prozent Vollblut – genau richtig für das Kehdinger Land
Bolero wurde in Verden gekört und gelangte in den Besitz des niedersächsischen Landgestüts Celle. Der Landstallmeister entschied sich, den typvollen Fuchshengst auf der Station Landesbrück zu stationieren. Ganz oben an der Elbmündung, im Ort Freiburg, und damit im Hauptzuchtgebiet der Hannoveraner. Dort traf Bolero unter anderem auf viele Stuten, die den Hannoveraner Grande zum Vater hatten.
Obwohl Bolero bei seiner Hengstleistungsprüfung nicht zu den allerbesten zählte, Platz 6 von 30 geprüften Hengsten in diesem Jahr, entwickelte er sich schnell zu einem Stutenmagnet. Das Wort von dem „Bolero Boom“ machte die Runde. In den 1980er Jahren beherrschten die Nachkommen des Bolero die Bundeschampionate, die damals ihren Anfang nahmen. Und auch die Hengstmärkte. Insgesamt hat Bolero 47 Hengste gezeugt, dabei ist der hübsche Fuchs gerade einmal zwölf Jahre alt geworden. Somit hat er nur neun Decksaisons den Züchtern zur Verfügung gestanden. Auf Auktionen erzielten seine Nachkommen, und schnell auch die Nachkommen seines vielleicht prominentesten Sohnes, Brentano II, hohe Zuschlagpreise.
Brentano II – Olympiapferde, Bundeschampions, Bon Coeur & Co
Brentano II (Z.: Dr. Max Schulz, Stellenfleth) sollte sich später als Begründer eines eigenen Zweigs herausstellen. Er zeugte unter anderem die für die US Equipe bei Olympischen Spielen erfolgreiche Brentina und deren u. a. mit Sven Günther Rothenberger erfolgreichen Vollbruder Barclay. Außerdem ist er auch berühmt für eine besondere „Aufbau Ost-Aktion“. Als nach dem Fall der Mauer eine Abordnung des niedersächsischen Landgestüts Celle das Landgestüt Neustadt an der Dosse besuchte, gab es als Mitbringsel eine Spermaportion von Brentano II. Damit wurde Primadonna v. Gotland besamt und es entstand Poesie, die später als Mutter der Jungpferde-Weltmeisterin Poetin und der gekörten Vollbrüder Samba Hit I – IV Weltruhm erlangen sollte. Noch bedeutender wurde Poesie als mütterliche Großmutter des Hengstes Quaterback.
Von der Elbmündung in die ganze Welt
Im fallenden Mutterstamm von Brentano II finden sich ausschließlich Hengstnamen, deren bloße Erwähnung in den 1960er und 1970er Jahren ein anerkennendes Raunen unter Pferdeleuten auslöste: Die Mutter Glocke stammt ab von Grande-Ferdinand-Marcio xx, allesamt royale Größen in Hannovers Zucht mit Olympiapferden unter ihren Nachkommen. Brentano II, Siegerhengst der Körung 1985, Zweiter seiner Leistungsprüfung und im Laufe seines Lebens bis Grand Prix ausgebildet, wirkte ab 1987 im westlichen Zuchtgebiet Hannovers, im Artland. Vor allem von Ankum aus legte er den Grundstein für seine Ernennung zum „Hannoveraner Hengst des Jahres“ 2003. 29 seiner Söhne wurden gekört.
Bundeschampion und Begründer eines Zweigs in der Bolero-Linie: Benetton Dream
Sein Sohn Benetton Dream, geb. 2004, Bundeschampion 2007 und „Hannoveraner Hengst des Jahres“ 2024, sollte maßgeblich für den Fortbestand dieses Zweigs innerhalb der Linie des Bolero verantwortlich sein. Zunächst brachte er sich mit seinem in Neustadt an der Dosse geborene Sohn Belantis ins Gespräch, der in jungen Jahren eines der erfolgreichsten Pferde Deutschlands war, fünfjährig Bundeschampion und sechsjährig Vize-Weltmeister.
Benetton Dreams Sohn Bon Coeur (aus einer Sandro Hit-Mutter) war zweimal Vize-Bundeschampion wurde als junges Pferd mit dem Weltmeyer- und später mit dem Grande-Preis ausgezeichnet. Er zeugte die Jungpferde-Weltmeisterin Boa Vista FRH. Sein Sohn Bon Courage, populär in den 2020er Jahren nicht nur in seinem Heimatzuchtgebiet, setzt in vierter Generation die Bolero-Linie fort. Seinen Sohn Bon Esprit kürten die Oldenburger 2022 zum Siegerhengst.
Der Mix macht’s – Bolero und Grande
Neben Brentano II gibt es weitere bedeutende Zweige, die die Gene des Bolero in der Dressurpferdezucht weltweit verankert haben. Der Rheinländer Belissimo M sorgte für die bundes-, nein, weltweite Verbreitung der Bolero-Gene. Er stammt von Beltain ab. Beltain wiederum ist eng verwandt mit Brentano II. Er ist ebenfalls bei Dr. Max Schulz, Stellenfleth, geboren. Seine Mutter Gänseliesel v. Grande, Vollschwester der Celler Landbeschäler Garibaldi I und II, ist eine Tochter der Marbel v. Marcio xx. Die wiederum ist die Urgroßmutter von Brentano II. Beltain hat sich züchterisch nicht weiter profilieren können, aber die Anpaarung mit der Rheinländer Stute Roxa v. Romadour II-Lucius xx brachte einen Volltreffer: Belissimo M.
„Bello“ – „Bellas“ Vater und noch viel mehr
Bundeschampion, Hengstleistungsprüfungssieger, Finalist bei der WM junger Dressurpferde und später international im Grand Prix-Sport unterwegs. Seine berühmteste Tochter ist Bella Rose, unter Isabell Werth Weltmeisterin 2018, Europameisterin 2019, Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele 2021 in Tokio, wo Deutschland Mannschaftsgold gewann. Viele der Belissimo M-Nachkommen gingen in Klasse S in der Dressur, auch auf internationalem Niveau, diverse unter ihnen im Junioren-/Junge Reiter-Lager.

Benicio – die Brücke ins 21. Jahrhundert
Benicio, ebenfalls Bundeschampion, war unter den 82 gekörten Söhnen des Belissimo M einer der populärsten. Das schlägt sich auch in der Zahl seiner gekörten Söhne nieder: 48 erhielten ein positives Körurteil. Einer davon, Bonds, war Oldenburger Siegerhengst 2015 und gewann als Jungpferd, dem Beispiel der väterlichen Bolero-Linie folgend, viele Dressurpferdeprüfungen. Bundesweit deckte er und kann auch schon über 30 gekörte Söhne aufweisen. 2025 stellte er mit Barnsley den Siegerhengst der Oldenburger Körung, der an das schwedische Gestüt Lövsta verkauft wurde. Allerdings steht der Rappe zunächst auf einer Oldenburger Deckstation. Wie überhaupt einige Vertreter des Bolero-Bluts im Norden stationiert sind, etwa Bon Bolero, der auf der Oldenburger Körung 2025 zum Hauptprämiensieger ausgerufen wurde.
Aber auch in Westfalen und in Hannover sowie beim DSP finden sich immer wieder B-Hengste, die ihre Zuchtgebiete erfolgreich auf Bundeschampionaten und Jungpferde-Championaten vertreten, beispielsweise der Bundeschampion der dreijährigen Hengste 2024, Bentheim NRW, der in vierter Generation Bolero führt.
Die Wittigs und ihr Breitling
Ein Hengst, ein Bolero-Enkel, hat am Ende der 2000er Jahre die Zuchtwertschätzung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) lange dominiert: Breitling W. Das W steht für Wittig, Wolfram Wittig, Reitmeister, internationaler Trainer und zusammen mit seiner Ehefrau Brigitte ein wichtiger Aspekt für den Erfolg von Breitling. Vater Bismarck, von der damals 26 Jahre alten Duellant-Tochter Duellfarm 1980 zur Welt gebracht, zeugte in Anpaarung mit Maja v. Maat I nicht nur Breitling W, sondern auch dessen Vollschwester Meggles Biagiotti W, ein erfolgreiches Grand Prix-Pferd, sowie mehrere weitere bis Grand Prix und Klasse S erfolgreiche Kinder.
Breitlings – immer bereit für den Grand Prix
Breitling brachte es auf 137 Platzierungen auf Grand Prix Niveau, war 16 mal siegreich und stellte diverse Grand Prix-Pferde, darunter solche, die bei Weltmeisterschaften junger Dressurpferde, dem Nürnberger Burg-Pokal sowie dem Louisdor-Preis weit oder ganz vorne standen. Beispielsweise Blind Date, die bei den Europameisterschaften in Aachen 2005 ging. Der Breitling W-Sohn Burlington siegte unter Charlott-Maria Schürmann im Finale des Nürnberger Burg-Pokal. Gina Capellmann-Lütkemeier, die Mutter von Fabienne Müller-Lütkemeier, konnte im Sattel von Baldessarini Weltcup-Küren gewinnen.
Heike Kemmer und „Bonni“
Der berühmteste Bolero-Nachfahre entstammt keiner dieser drei prägenden Zweige: Bonaparte, 1993 geborener Hannoveraner, war so, wie man sich „einen Bolero“ vorstellte: Ein hübscher Fuchs, formschön und bewegungsstark, wobei man dem Vorderbein in der Aktion immer noch ein bisschen den hohen Blutgehalt anmerkte. Nicht etwa, dass „Bonni“ die Vorder- (und die Hinterbeine) in den starken Tempi nicht hätte eindrucksvoll in Bewegung setzen können, im Gegenteil! Aber im Vergleich zu den Dressurpferden der 2020er Jahre hatte er etwas weniger Knieaktion. Heike Kemmer hat den Fuchs von Anfang an ausgebildet. Knapp 30 Jahre waren die beide ein Paar. Im Alter von sieben Monaten kam der Fuchs zu Familie Kemmer. Heikes Vater hatte ihn entdeckt. Bonaparte war ein Bolero-Enkel. Sein Vater Bon Bonaparte ging selbst Grand Prix, zählte aber nicht zu den viel frequentierten Hengsten seiner Zeit. Bon Bonaparte stammte aus einer Wendekreis-Mutter.
Olympiasieger und Musterschüler
„Bonni“ oder einfach kurz „Bo“ wurde von Heike Kemmer systematisch ausgebildet. Er ging im Nürnberger Burg-Pokal und startet dann auf Grand Prix-Niveau durch. Die Karriere der beiden hatte mit zwei Mannschaftsgoldmedaillen bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen und 2008 in Hongkong ihren Höhepunkt. Das Tüpfelchen auf dem i war der Gewinn der Bronzemedaille in der Kür in Hongkong. Außerdem bescherte „Bonni“ Heike Kemmer auch Teamgold bei den Weltmeisterschaften in Aachen 2006. Hier waren die beiden die besten in der siegreichen deutschen Equipe im Grand Prix, in dem die Mannschaftsweltmeisterschaft entschieden wurde.
Ein Video von Bonaparte als rüstiger Rentner findet man hier.
Noch einmal Kemmer + Bolero = internationale Spitze
Zuvor hatte ein direkter Bolero-Sohn seiner Reiterin Medaillen beschert: Beauvalais. Der Braune kommt aus derselben Familie wie Brentano II und Beltain, auch er erblickte das Licht der Welt bei Familie Schulz-Stellenfleth an der Elbmündung. Heike Kemmer hatte ihn bis Grand Prix ausgebildet und erfolgreich vorgestellt. Der großlinige Wallach wurde an die spanische Millionärin Beatriz Ferrer-Salat verkauft, die mit Beauvalais bei der WM 2002 und den Olympischen Spielen 2004 in Athen die Silbermedaille gewann. Bei EMs gab es weitere Podiumsplätze für das Paar. Beauvalais wurde im Alter von 18 Jahren aus dem Sport verabschiedet und starb mit 31 Jahren in Barcelona.
All diese Pferde würde es nicht geben, hätte Heinrich Behrmann 1974 nicht etwas gemacht, das man damals eigentlich nicht machte – und damit sich und seinem Bolero ein eigenes Kapitel in den Annalen der Hannoveraner Zucht gesichert. Und über deren Grenzen hinaus.