Almé – der Allmächtige im Springsport

Selle Français Hengst Almé (1966-1991), einer der Begründer der modernen Springpferdezucht.
- Name: Almé
- Geschlecht: Männlich
- Jahrgang: 1966
- Rasse: Selle Français
- Vater: Ibrahim
- Muttervater: Ultimate xx
- Züchter: Alphonse Chauvin
- Größte Erfolge: Siegreich bis 1,50 Meter, Finale Europameisterschaften Wien 1977
Der braune Almé ist der Übervater nicht nur der französischen Springpferdezucht. Beinahe wäre er gegen einige tausende Hektar Pampa in Venezuela eingetauscht worden. Sein Verkauf wurde auf einer Tischdecke vertraglich besiegelt. Er ist verantwortlich nicht nur für Linien wie Baloubet du Rouet und Quidam de Revel, sondern auch für … Quaterback!
Almè – ein Produkt der Normandie
1966 wurde Almé geboren bei Alphonse Chauvin in der Region La Manche in der Normandie. Alfred Lefèvre, der Mann, der auch Furioso II entdeckt hat, kaufte das Fohlen und verkaufte den Junghengst an Fred Graham, einen US-Amerikaner, der in der Normandie lebte, und wie die Quellen sagen, ein waschechter Amateurspringreiter war. Er brachte den Sohn des renommierten Springpferdevererbers Ibrahim ins Gestüt Haras de la Cour Bonnet in Calvados. Dort betreute Anaud Evain den jungen Almé.
Vater Ibrahim, Frankreichs erste Springlegende
Almés Vater Ibrahim war 1952 zur Welt gekommen. Er stammte vom Halbblüter The last Orange v. Orange Peel xx ab. Ibrahims Qualitäten wurden nicht auf Anhieb entdeckt, weil er zu Beginn seiner Karriere auch an schwere Arbeitspferde angepaart wurde. Doch als nahezu ausschließlich Ibrahim-Kinder in den Nachwuchschampionaten in Frankreich die Siege unter sich ausmachten, wurde er zu einem der meistbenutzten Hengste der République française in den 1960er und 1970er Jahren. 1973 verstarb Ibrahim. Neben Almé zeugte er auch den Hengst Double Espoir, und konnte somit über Flipper d’Elle noch in den 2020er Jahren Einfluss auf das Zuchtgeschehen nehmen.
Almès Mutter Girondine hatte den irischen Vollblüter Ultimate xx zum Vater. Diese Anpaarung brachte drei weitere gekörte Söhne sowie die Stute Tahitienne, die den Hengst Kayack fohlte.
Aller Anfang ist schwer, auch für Almé
Von 1971–1974 wirkte Almé in der Normandie. Parallel zum Deckeinsatz war er einer der ersten Hengste, der auch im Sport sein Können unter Beweis stellte. Anfangs deckte er auf unterschiedlichen Stationen im Norden Frankreichs nur vergleichsweise wenige Stute. Der Hengst ging selbst schon 1,50 m Prüfungen als sein Name häufiger in Sportkreisen fiel. Der Belgier Leon Melchior, bereits in den 1970er Jahren ein wichtiger Motor in Springpferdezucht und -sport, erwarb Almé Ende 1974. Umgerechnet gut 550.000 Euro soll der Unternehmer und Zuchtvisionär, der 53 Unternehmen gegründet hat, damals für den braunen Ibrahim-Sohn bezahlt haben. Almé und Melchiors Gestüt Zangersheide – das sollte eine große Erfolgsgeschichte werden. Sie begann mit einer Unterschrift auf einer Tischdecke in Paris.
Unterschrift auf Pariser Tischdecke
In einem Restaurant hatten sich Melchior und Fred Graham, der bei Alwin Schockemöhle, dem älteren Bruder von Paul Schockemöhle und Olympiasieger 1976 trainierte, getroffen und den Deal besiegelt. Später behauptete Graham, es sei nur ein Pachtvertrag gewesen, unter dem auf der Tischdecke die Unterschriften standen, und prozessierte. Melchior bekam Recht. Das Gestüt Zangersheide im belgischen Lanaken wurde von 1975–1985 Almés Heimat. 1976 deckte er dort die Holsteiner Stute Heureka v. Ganeff, die 1970 in Aachen unter Hermann Schridde den Großen Preis von Aachen gewonnen hatte. Deren erstgeborene Tochter Argentina Z, Vollschwester zum Vererber Ahorn Z (geb.1979), sollte mit einer Ramiro-Tochter Weltgeschichte schreiben: Sie fohlte 1982 Ratina Z, die 1992 mit Piet Raymakers (NED) Einzelsilber und Mannschaftsgold bei den Olympischen Spielen in Barcelona gewann und 1994 bei der Weltmeisterschaft in Den Haag und 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta unter Ludger Beerbaum im deutschen Goldmedaillen-Team ging. Ihr Sohn Comme il faut v. Cornet Obolensky (Marcus Ehning) avancierte zu einem der profiliertesten Springpferdevererber in den 2020er Jahren.
Die wichtigsten Zweige der Hengstlinie des Almé
Dass Almé das internationale Parcoursgeschehen mit seinen Nachfahren wie kaum ein anderer Hengst beeinflusst, hat viele Gründe. Letztendlich ist es die über Generationen weitergegebene grundsätzliche Qualität seiner Nachkommen plus der Umstand, dass von Anfang an bedeutende Söhne sich auch züchterisch ins rechte Licht setzen konnten. Der erste war der 1975 geborene Jalisco, der verantwortlich zeichnet für Hengste wie Quidam de Revel, Nabab de Reve und somit auch Weltmeister Vigo d’Arsouilles. Zu nennen sind auch die „Dollar-Brüder“ Dollar de la Pierre alias Tlaolc la Silla, 2002 Mannschaftsweltmeister unter Reynald Angot (FRA), und Dollar du Murier, Vizeweltmeister in Jerez 2002.
Galoubet sollte in mehrfacher Hinsicht Geschichte schreiben. Mit seinen legendären Runden im großen Sport, als Vater des Olympiaisiegers Baloubet du Rouet, der wiederum einen eigenen Zweig begründen konnte und als Urururgroßvater des Dressurhengstes Quaterback! (Den einzelnen Zweigen der Almé-Linie widmen wir gesonderte Artikel).
Hodenbruch – Almé wird zum Versicherungsfall
Almé ging unter François Mathy (FRA) und Johan Heins (NED) im Sport, stand im Finale der Europameisterschaften. Reibungslos verlief sein Leben aber nicht. Melchior wollte einen Teil seine Pferde an den niederländischen Staat verkaufen. So fand sich Almé nun in Holland wieder. Dort musste er 1983 nach einem Hodenbruch operiert werden und hatte fortan nur noch einen Hoden. Diese Schwäche ist bei mehreren seinen Söhnen ebenfalls aufgetreten. Der Selle Française-Hengst galt als nicht mehr zuchttauglicher Versicherungsfall und kam so zurück nach Zangersheide. Dort stellt er unter Beweis, dass er sehr wohl noch dazu in der Lage war, Nachkommen zu zeugen.
Eine verrückte Idee bringt Almé zurück nach Frankreich
In dieser Zeit hörte der französische Journalist Bernard le Courtois, dass US-Amerikaner eine horrende Geldsumme für Almé geboten hatten. Außerdem sollte ein Interessent aus Venezuela tausende (!) Hektar Pampa im Tausch für den damals 18-Jährigen geboten haben. Eigentlich, erinnert sich le Courtois auf der Webseite seine Gestüts Haras de Brullemail im Département de l’Orne, war er, „ein kleiner französischer Züchter, total pleite, sodass keine Bank mir Geld leihen würde“, sprich: chancenlos. Der Journalist, Redakteur von l’Eperon, dem damals führenden Fachmagazin in Frankreich, bildete ein Syndikat. Das hatte er schon mit dem Vollblüter Laudaum xx (Vater internationaler Springpferde und Muttervater von Jaguar Mail) zuvor getan und so diesen Springvererber aus der Versenkung geholt.
Zurück nach Hause, statt Nord- oder Südamerika
Doch gegen das Geld aus den USA, wohin Almés Sohn Galoubet gerade für ca. 5 Millionen Euro verkauft worden war, hatte der zuchtverrückte Journalist, damals 31, nichts entgegenzusetzen. Aus der Traum. Doch dann war Fortuna auf Frankreichs Seite. Beim Bluttest vor dem Import in die USA stellte sich heraus, dass Almé unter der durch Zecken übertragene Krankheit Piroplasmose litt. Für die USA ein no Go, Einreise unmöglich. Doch Tiefgefriersperma hätte man in die USA einführen dürfen. Wieder war Fortuna Französin: Das Sperma von Almé ließ sich nicht so einfrieren, dass ausreichend zeugungsfähige Spermien nach dem Auftauen vorhanden gewesen wären. Nach neunmonatigem Hickhack stand endlich fest: Almé würde „nach Hause“ zurückkehren.
Dauerbrenner bis ins Alter von 25 Jahren
Auf dem Turnierplatz von Dinard wurde Almé 1985 unter den dramatischen Klängen von Händels „Sarabande“ von den Züchtern begrüßt. Er deckte auf Anhieb mehr als 100 Stuten, später reduzierte le Courtois wegen des fortschreitenden Alters des Hengstes die Zahl erst auf 80, dann auf 60 Stuten pro Saison. Mit einer Decktaxe von umgerechnet bis zu 4.500 Euro war Almé einer der teuersten Warmblüter seiner Zeit. Aber die Nachfrage und die Preise seiner Fohlen rechtfertigten das Investment allemal.
Mit 25 Jahren nahm der Hengst trotz guten Appetits immer mehr ab und schloss am 21. März 1991, „an einem sonnigen Frühjahrsmorgen“, um neun Uhr für immer seine Augen. Der „besondere Schimmer im Blick, der so viel zum Charisma des Phänomens Almé beigetragen hatte“, war Geschichte, erinnert sich Bernard le Courtois.