Michael Jungs dreifacher Olympiasieger Sam ist tot
Sam – Abschied von einer Legende
Ein Paar wie kaum ein zweites: Sam mit Michael Jung. Foto: Toffi-images.de Michael Jung selbst teilte die Nachricht vom Ableben Sams. Der Württemberger Stan the Man xx-Sohn wurde 26 Jahre alt. Fast sein ganzes Leben hat er an der Seite von Michael Jung verbracht. Die beiden sind zusammen groß geworden. Nein, nicht groß, sie sind zusammen die Größten geworden – die größten, die der Vielseitigkeitssport je erlebt hat. Es gibt kaum genug Superlative für diesen kleinen braunen Wallach, der im Gelände eine einmalige Maschine war, anfangs verkannt, aber der mit seinem Kämpferherz alle Zweifler eines Besseren belehrt hat.

Man muss nicht von allen gemocht werden – nur von den Richtigen
Schon Sams Mutter hatte einen vielversprechenden Namen: Halla, eine Heraldik xx-Tochter, die Züchter Günter Seitter mit dem damals sehr populären irischen Vollblüter Stan the Man xx vom Haupt- und Landgestüt Marbach anpaarte. Das Ergebnis war ein keckes braunes Hengstfohlen mit kleinem Stern und auffallend hellbraunen Augen. Er wuchs auf der schwäbischen Alb auf, ein nettes Pferd, aber nichts auffälliges – fand zumindest die Körkommission, die in ihm nicht gerade den zukünftigen Topvererber aus dem Ländle sahen. Doch Züchter Günter Seitter glaubte an seinen Sam.
Er wollte, dass „Sam the schwäbisch Man“, wie er ihn nannte, zu einem anderen Württemberger Talent kam: Michael Jung. So kam es. Von der ersten Geländepferdeprüfung der Klasse A an waren die beiden ein Team. Eines wie kaum ein Zweites. 2005 traten Jung und Sam beim Bundeschampionat an und wurden Fünfte, im Jahr darauf Sechste. So richtig beeindruckt war damals noch niemand von Jungs Hoffnungsträger. Die Dressur war nicht gut genug für eine Top drei-Platzierung. Aber daran haben sie gearbeitet. Und das wurde auch sehr schnell deutlich.
Medaillen- und Titelsammler
Sowohl sechs- als auch siebenjährig ritt Jung seinen Youngster zu Silber bei den Weltmeisterschaften der jungen Vielseitigkeitspferde. Ihren ganz großen Durchbruch hatten sie 2009, als sie erst den CCI4* (heute CCI5*-L) von Luhmühlen gewannen und dann als einziges deutsches Paar das schwierige Gelände bei den Europameisterschaften in Fontainebleau beendeten, um dort die Bronzemedaille zu holen.
Von da an ging es steil bergauf. Jedes Championat, bei dem sie an den Start gingen, endete mit einem Titel – 2010 Weltmeister in Kentucky, 2011 Doppeleuropameister in Luhmühlen, 2012 Doppelgold bei den Olympischen Spielen in London, 2016 Einzelgold und Mannschaftssilber bei Olympia in Rio, dazu der Sieg im Grand Slam of Eventing für den Gewinn der drei Flaggschiff-Events der Vielseitigkeit, Kentucky, Badminton und Burghley, hintereinander – wobei Sam hier Unterstützung von seiner Weidegenossin Rocana hatte.

Sams gekreuzte Vorderbeine über den Hindernissen waren sein Markenzeichen, sein „Game Face“ im Gelände legendär. Andere Pferde waren nicht seins, auf die Koppel ging er am liebsten allein. Introvertiert im Alltag, eine Maschine im Gelände, so wurde dieser Stan the Man xx-Sohn zum besten Vielseitigkeitspferd seiner Zeit – und nahm seinen Reiter mit auf dem Weg. Sie verhalfen sich gegenseitig zu Weltruhm.
Entführungsdrama um Sam
William Fox-Pitt scherzte einmal, er würde Sam gerne kaufen, nicht für sich zum Reiten – das wäre schwierig geworden, denn Sam misst nur 1,62 Meter, Fox-Pitt hingegen 1,96 Meter –, sondern um ihn auf die Weide zu stellen und damit die unbesiegbare Konkurrenz auszuschalten.
Dazu hätte der Brite fast die Gelegenheit bekommen, denn nachdem Sam und Michael Jung 2010 Weltmeister wurden, wollte die damalige Besitzerin des Wallachs ihn verkaufen und holte ihn ohne Wissen der Familie Jung aus dem Stall. Nach einigem Hin und Her konnte Sam dann für Michael Jung gesichert werden.
Was für ein Glück für den Pferdesport! Es gibt nur wenige Reiter-Pferd-Paare, die man automatisch in einem Atemzug nennt, selbst wenn die Reiter noch viele weitere erfolgreiche Pferde haben. Winkler/Halla, Whitaker/Milton, Klimke/Ahlerich, Todd/Charisma sind Beispiele. Und Jung/Sam gehören auch dazu.
Der leise Abschied

2018 wurde Sam bei den Stuttgart German Masters aus dem Sport verabschiedet. Alle waren da. Nur Sam glänzte durch Abwesenheit. Das hatte sein Reiter von Anfang an so geplant, denn Sam hasste Siegerehrungen und Tamtam. Stattdessen flimmerte ein Film über die Leinwand, in dem seine Karriere noch einmal greifbar wurde und Michael Jung sich bei ihm bedankte. So endete diese einzigartige Karriere wie sie begonnen hatte: leise und geruhsam auf den Weiden der Schwäbischen Alb – so, wie Sam es am liebsten mochte. Und dort ist er nun auch gestorben. „Heute Abend habe ich meinen besten Freund verloren“, schreibt Michael Jung auf seiner Instagram-Seite. Ruhe in Frieden, kleiner großer Sam. Du hast diese Welt ein Stückchen reicher gemacht. Danke für alles!