Erstes Top 12 Finale in Frankfurt

Zonik Plus und Freestyle bezaubern

Dressur
Barhuf-Tänzer Zonik Plus hat auch in Frankfurt alle verzaubert. Foto: sportfotos-lafrentz.de Barhuf-Tänzer Zonik Plus hat auch in Frankfurt alle verzaubert. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Nachdem Stockholm als Gastgeber ausgefallen war, schien auch das Top Ten Finale der besten Dressurreiter der Welt in Gefahr. Isabell Werth als Präsidentin des International Dressage Riders Club ergriff die Initiative und holte diese besondere Prüfung für die besten der Welt nach Frankfurt. Aus dem Top 10 Finale wurde ein Top 12 Finale, und die Premiere hätte schöner nicht laufen können, was vor allem zwei Paaren zu verdanken war.

Man muss sagen, es hätte eigentlich ein Top 12 Finale werden sollen, wurde es aber nicht. Da sich Frankreichs Corentin Pottier jedoch kurz vor Turnierbeginn eine üble Erkältung zugezogen hatte, musste er absagen und so kurzfristig konnte niemand einspringen. So waren nur elf Paare am Start. Hochklassigen Sport bekamen die Besucher der Frankfurter Festhalle dennoch zu sehen. Schließlich waren unter anderem die Gold-, Silber- und Bronzemedaillengewinner der Europameisterschaften in Crozet dabei und präsentierten ihre Pferde auf eine Art, die die Zuschauer zu Standing Ovations animierten und die Reiter zu Tränen rührte. Zumindest die auf den ersten beiden Plätzen.


Für den neuen Europameister, Belgiens Justin Verboomen auf seinem bildschönen Rheinländer Hengst Zonik Plus, war Frankfurt der krönende Abschluss einer schier unglaublichen Saison, in der er sich von null an die Spitze der Weltrangliste katapultiert hat.


Nicht mal ganz ein Jahr zuvor war der Stern des Paares beim Weltcup-Turnier in Mechelen aufgegangen. Wer nicht schon bei ihrem internationalen Debüt Ende November in Peelbergen auf sie aufmerksam geworden war, hat spätestens in Mechelen Notiz von ihnen genommen. Beim CDI3* in Kronenberg waren sie im Grand Prix noch Dritte (71,739) gewesen, im Special aber bereits siegreich mit 74,042 Prozent. In Mechelen gewannen sie den Grand Prix mit 74,348 Prozent und wurden bei ihrem ersten Weltcup-Auftritt Zweite in der Kür mit 81,730 Prozent hinter den WM-Bronzemedaillengewinnern Dinja van Liere und Hermès. Das war eine Ansage. Und doch erst der Anfang.


Gleich beim ersten Start beim CHIO Aachen ließen Verboomen und Zonik Plus Olympiasilbermedaillengewinnerin Wendy unter Isabell Werth in deren „Wohnzimmer“ hinter sich, und bei der EM setzten sie noch einen drauf: Gold in Special und Kür. Zwei Prozenthürden hatten sie bis dato noch nicht überwunden: die 80 Prozent im Grand Prix und die 90 Prozent in der Kür. Ihre ersten 80 Grand Prix-Prozent (bzw. 81,195) holten sie bereits in Lyon. In Frankfurt setzten sie noch einen drauf.


Einstimmung im Grand Prix


Mit 81,587 Prozent gewannen sie hier den Grand Prix – wobei Verboomen sagte, sein Gefühl im Sattel sei in Lyon noch besser gewesen und das sei es, worauf es für ihn ankomme, nicht die Prozente. Isabell Werth und Wendy verbuchten mit 81,456 Prozent ebenfalls eine neue persönliche Bestmarke. Cathrine Laudrup-Dufour und Mount St. John Freestyle waren das erste Paar von den „großen Dreien“, hatten aber durch etwas matte Piaffen und einen Stolperer im letzten starken Trab mit 79,761 Prozent die Tür für ihre Kollegen offen gelassen. Das sollte ihnen in der Kür allerdings kein zweites Mal passieren.



Dressurreiten vom Feinsten in der Kür


Auch diesmal waren Cathrine Laudrup-Dufour und ihre 16-jährige Hannoveraner Fidertanz-Tochter Freestyle vor Verboomen und Zonik Plus an der Reihe. Sie präsentierten ihre „Formidable“-Kür aus Paris, und man muss sagen: Selten hat ein Songtitel besser gepasst. Dieser Auftritt war genau das, formidable.


Die Stute, die schon neunjährig bei der WM in Tryon mit ihrer Ausbilderin Charlotte Dujardin Bronze für Großbritannien gewonnen hatte, ist unter der Dänin ein anderes Pferd – zufriedener, lockerer, weniger aufgemischt und dabei dennoch ausdrucksstark. Die beiden präsentierten einen Ritt voller Harmonie, in dem Freestyle nicht einen falschen Tritt tat. Und das bei den Höchstschwierigkeiten, mit denen die Kür gespickt ist, wie Übergänge von der Schritt- in die Galopppirouette und später wieder zurück. Es war ein Genuss, das anzuschauen.


Noch größer war offenkundig der Genuss im Sattel. Bei der anschließenden Pressekonferenz auf ihren Traumritt angesprochen, brach Cathrine Laudrup-Dufour in Tränen aus: „Normalerweise habe ich alle meine Pferde selbst ausgebildet und wir waren eine gewachsene Partnerschaft. Mit Freestyle hatte ich heute zum ersten Mal Tränen in den Augen. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass wir es wirklich gemeinsam gemacht haben …“


Auch die Richter waren verzaubert: 91,085 Prozent vergaben sie. Gereicht hat es dennoch nicht.


Zauberhafter Zonik Plus


Nach Freestyles Auftritt, der mit frenetischem Applaus bedacht wurde, stellte sich die Frage, ob die Europameister das würden schlagen können. Aber Zonik Plus hat einmal mehr geliefert. Die Faszination dieses Paares liegt weniger im Talent für Piaffe, Passage und Pirouetten, das der neun Jahre junge Rappe mitbringt und mit traumwandlerischer Sicherheit im Viereck präsentiert. Das können andere auch – wenngleich auch nur wenige in dieser Leichtigkeit. Die eigentliche Faszination dieses Pferdes liegt in seiner stolzen Selbsthaltung, in der Eleganz, Leichtigkeit und Freude, die es ausstrahlt. Das alles wird noch unterstrichen durch die feinfühlige Führung des Reiters, der nur den Rahmen vorgibt, in dem dieses Bild von Pferd strahlt.


Ja, es gibt auch noch Punkte, die der Verbesserung bedürfen. In der Galopptour kommt es immer noch zu Spannungsmomenten. Der Knackpunkt waren immer die Einerwechsel, wo die Ohren des Hengstes dann auch mal nach hinten gingen. Aber auch die waren in Frankfurt schon selbstverständlicher. Verboomen sagt auch ganz klar, dass er noch längst nicht am Ziel ist: „Ich weiß, wir können noch vieles verbessern, mehr Leichtigkeit, mehr Fluss in der Galopptour.“ Doch „für den Moment sind wir einfach nur happy“.


Das waren die Zuschauer auch. Als die beiden zum letzten Mal auf die Richter zu passagierten, Verboomen die Zügel in einer Hand, begannen die Zuschauer im Takt der Musik mit zu klatschen. Als die beiden dann zum Halt kamen, brandete ohrenbetäubender Jubel auf und mit stehenden Ovationen feierte die Festhalle dieses Paar. Einer von Verboomens Kollegen brachte es neidlos auf den Punkt: „Das ist einfach geil!“


Die Richter bewerteten den Auftritt mit 91,195 Prozent. Wäre dies ein Finish auf der Rennbahn gewesen, hätte Zonik einen Kopf Vorsprung vor Freestyle gehabt. Tatsächlich hätte es auch anders ausgehen können. Drei Richter sahen die Stute vorne, zwei den Hengst. Es war das erste Mal, dass Verboomen und Zonik Plus mehr als 90 Prozent erhalten hatten – und der Hengst ist erst neunjährig.


Wendy mit besonderem Ende


Noch vor dem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Belgien und Dänemark waren Isabell Werth und Wendy an der Reihe gewesen. Einmal mehr brillierte Werths statiöse Rappstute v. Sezuan in den Piaffe-Passage-Reprisen. Auch die Traversalverschiebungen und hier insbesondere die klar abgegrenzten Unterschiede zwischen Passage und versammeltem Trab überzeugten, wenngleich die Stute nicht so geschmeidig durch den Körper arbeitet, wie die beiden vor ihr platzierten. Probleme gab es in der Galopptour, wo sich deutliche Fehler in beiden Wechseltouren einschlichen. Das war schade. Auf der letzten Linie zelebrierte Werth die Stute noch einmal mit ihren Stärken in „Pi und Pa“. Diesmal hatte sie dafür allerdings eine andere Musik gewählt, die Arie Nessun dorma aus der Oper Turandot von Giacomo Puccini. Es war eine Hommage an Werths verstorbenen Lebensgefährten, Wolfgang Urban. Frankfurt war das erste Turnier seit dessen plötzlichem Tod Anfang Oktober.


Am Ende wurden es 87,165 Prozent für die Vorstellung der EM-Bronzegewinnerinnen. Das bedeutete – wie schon in Crozet – Rang drei hinter Verboomen und Dufour, aber noch vor ihren Olympia- und EM-Teamkollegen Frederic Wandres und Bluetooth, die mit 84,495 Prozent Vierte wurden. Eine bessere Bewertung (84,568) hatten letztere nur einmal erzielt, bei der EM 2023 in Riesenbeck. Damit hatte die Saison auch für sie einen erfreulichen Abschluss.



 


 


Ähnliche Beiträge

Wer ist eigentlich Maria von Essen?
Wer ist eigentlich Maria von Essen? Zum Artikel
Aller guten Dinge sind drei für Maria von Essen in der Weltcup-Kür
Aller guten Dinge sind drei für Maria von Essen in der Weltcup-Kür Zum Artikel
Werth mit Special Blend und Emilio-Kür zum Wellington-Sieg
Werth mit Special Blend und Emilio-Kür zum Wellington-Sieg Zum Artikel
WP Wehrmann Publishing