Deutschland siegt im Dressur Nationenpreis von Hagen
Trotz Wechselwurm ungefährdeter Nationenpreis-Sieg in Hagen für deutsche Dressurreiter
Einfach immer wieder schön anzusehen: Raphael Netz und Great Escape Camelot.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Weder Dänemark noch Großbritannien hatten ein Team zum Nationenpreis nach Hagen geschickt. Von daher war der Sieg der deutschen Mannschaft ungefährdet, aber wenig aussagekräftig in Hinblick auf die WM. Für die Selektoren des deutschen Teams war der Grand Prix sicher trotzdem aufschlussreich.
Deutschland gewann den Nationenpreis mit 231,107 Prozent vor Spanien (212,892) und den USA (210,957).
Netz und Camelot
Der erste, der für Deutschland aufs Viereck ging, war Raphael Netz mit Great Escape Camelot, der für Charlott-Maria Schürmann nachgerückt war, weil deren DM-Bronzemedaillengewinnerin Dante’s Pearl nicht fit ist. Die beiden lieferten ab wie gewohnt – Netz mit gefühlvollstem Reiten, sein 15-jähriger Johnson-Sohn eifrig bemüht alles richtig zu machen. Zu recht gaben alle Richter in der Schlussnote für die Harmonie eine 8,0. Zu den Highlights gehörten beispielsweise die schöne Anlehnung, die sorgfältig herausgearbeiteten und durchlässigen Übergänge, die gut vorbereiteten Pirouetten. Leider sprang Camelot in den Einerwechseln einen beidbeinig. Mit 73,696 Prozent blieben die beiden knapp unter ihrem Personal Best von 73,783 Prozent, die sie im Grand Prix von München erreicht hatten. Das war auf jeden Fall das, was das Team von ihm erwartet hatte.
Semmieke Rothenberger und Farrington Ferrari

Das gelang auch Semmieke Rothenberger und ihrem Farrington, den beiden Bronzegewinnern in der Kür der DM von Balve – zumindest bis zur Galopptour. Okay, die Verstärkungen im Trab wie im Galopp sind an der unteren Grenze, aber wie Rothenberger exakt von Punkt zu Punkt reitet und ihr Fuchs dabei stabil vor ihr in Aufrichtung bleibt, ist sehenswert. Die Traversalen waren fließend und vorbildlich gestellt und gebogen, das Rückwärtsrichten gelang gut. Die erste Piaffe versuchte Semmieke Rothenberger auf die Stelle zu bringen, dabei verlor Farrington etwas an Fleiß und Gleichmaß, die beiden weiteren legte sie etwas mehr im Vorwärts an. In den Passagen bewegte der Fuchs sich wie ein Metronom. Vielleicht wünschte man sich die Anlehnung von Zeit zu Zeit etwas leichter. Vorm Angaloppieren kam kurz Spannung auf.
Die Zweierwechsel gelangen sicher, gerade und losgelassen durchgesprungen. Doch in den Einerwechseln sprang Farrington gleich mehrfach nicht mit der Hilfengebung mit. Das war extrem teuer. Ein bisschen was rausholen konnten die beiden dann noch einmal zum Abschluss mit einer tollen Mittellinie. Mit 71,935 Prozent blieben die beiden jedoch etwas unter ihren Möglichkeiten.
Frederic Wandres und Bluetooth

Wandres schien es heute vor heimischem Publikum in Hagen wissen zu wollen. Er forderte seinen treuen Bluetooth maximal und der 16-jährige Oldenburger Bordeaux-Sohn gab wie immer sein Bestes. Nach dem starken Trab machte er im Übergang in die Passage einmal einen Hüpfer nach vorn. Da hatte sein Reiter ihn wohl einmal etwas zu doll aufgefordert, den Fleiß aus dem Hinterbein mitzunehmen. In den ersten beiden Piaffe-Passage-Touren hätte man sich das Durchfußen gleichmäßiger gewünscht, auch wenn Bluetooth die Hinterhand vorbildlich senkte und auch die Übergänge gelangen. Dass er auch absolut gleichmäßig und noch lebhafter piaffieren und passagieren kann, zeigte er auf der Schlusslinie. Das war ein echtes Highlight.
Leider hatten auch die beiden einen Fehler in den Serienwechseln, allerdings in den einfach zählenden Zweiern, während die Einer wie am Schnürchen klappten. In den Zick-Zack-Traversalen sprang Bluetooth die Wechsel einmal beidbeinig und einmal wechselte er hin und her. Das schienen die meisten Richter aber nicht gesehen zu haben. Hier gab es eine 6,0 und eine 6,5 von den Seitenrichtern und ansonsten zweimal 8,0 und eimal 7,5.
In der Rechtspirouette hatte Blutooth Probleme, sich auf dem inneren Hinterbein auszubalancieren. Was er da an Punkten verlor, konnte er jedoch auf bereits erwähnter Schlusslinie zumindest zum Teil wieder reinholen. Mit 76,087 Prozent hatten die beiden lange dir Führung inne.
Werth und Wendy
Schlusspaar für Deutschland waren Isabell Werth und Wendy, die mit 81,051 Prozent den Sack für das deutsche Team zumachten. Trotzdem strahlte Isabell Werth nicht wie sonst nach einer gelungenen Runde über das ganze Gesicht, als sie das Viereck verließ. Das lag vermutlich daran, dass die beiden auch heute nicht ohne Wechselfehler auskamen.
In der Trabtour wünscht man sich in den Verstärkungen nach wie vor einen schwingenderen Rücken und insgesamt eine leichtere Anlehnung, wobei das Seitenbild sehr schön ist.
Fließend gelang die Rechtstraversale, dazu gut gestellt und geboten. Die Traversale nach links war nicht ganz im Gleichmaß. Das Halten gelang durchlässig und geschlossen, das Rückwärtsrichten willig, aber etwas eilig. In der ersten Piaffe-Passage-Tour konnte man wie stets einen Haken hinter den Punkten Taktsicherheit und Aktivität machen. Die Losgelassenheit, das Schwingen durch den Körper war in der zweiten Pi-Pa-Tour besser und auf der letzten Mittellinie am besten.
Sehr schön war der starke Schritt – losgelassen und taktsicher, fleißig mit gutem Raumgriff und deutlicher Dehnung zur Hand. In der Versammlung war der Takt noch geregelt.
Dann kam die Galopptour. Die Zweierwechsel begannen zwar schwankend, aber recht losgelassen. Doch etwa ab X kam deutlich Spannung ins Pferd und dann auch der Fehler. Davon ließ sich Isabell Werth nicht beirren, ritt den starken Galopp mutig nach vorn und bis zum Ende der Diagonale. Vor den Einerwechseln strich sie noch einmal kurz über, um Wendy von der Hand wegzubekommen. Das wirkte zu Beginn auch, aber dann schlich sich ein Fehler ein. Doch die Einer waren heute besser als die Zweier.
Die Pirouetten gelangen zentriert, aber besonders in der nach rechts wünschte man sich mehr Winkelung in den großen Gelenken der Hinterhand, sprich Hankenbeugung. Wie gesagt, die letzte Mittellinie war dann noch einmal ein Highlight der Prüfung.
„Ones to watch“
Die Deutschen belegten am Ende die Plätze eins (Werth), zwei (Wandres), drei (Netz) und fünf (Rothenberger). Dazwischen konnte sich der in Deutschland beheimatete Finne Henri Ruoste im Sattel eines Pferdes behaupten, bei dem man auf jeden Fall am Abreiteplatz stehen bleibt: der 14-jährigen Tailormade Temptation-Tochter Tiffany Diamond. Die Rappstute ist nicht nur wunderschön und bewegungsstark, sie bringt auch ein ausgesprochenes Talent für die Grand Prix-Lektionen mit. Hätten nicht auch diese beiden einen dicken Patzer in den Einerwechseln gehabt, wären es noch mehr gewesen als 72,783 Prozent und damit Rang vier.
Spanien auf dem Vormarsch
Für die zweitplatzierten Spanier lieferte José Antonio Garcia Lena auf dem 15-jährigen Lusitano Gladiador Do Lis mit 71,696 Prozent das beste Ergebnis ab. Der Falbe ist ein eifriger Piaffierer. Schritt zu gehen, ist indes nicht so seins.
Severo Jurado Lopez hat mit der zwölfjährigen Oldenburger Stute Flaconi W (v. Foundation-Breitling) aus der Zucht von Wolfram Wittig wieder ein Pferd für internationale Aufgaben, das heute einiges Talent nicht nur, aber vor allem auch in den Grand Prix Lektionen zeigte und mit 71,652 Prozent das Viereck verließ. Die drittbeste Leistung lieferten Lucía Gallardo und ihr KWPN-Wallach Hip by Johnson mit einem Personal Best von 69,544 Prozent. Komplettiert wurde das Team durch Claudio Castilla Ruiz und Jota Das Figueiras, ebenfalls ein Lusitano, mit 68,848 Prozent.
USA mit Freude bei der Arbeit
Für die USA ist Hagen ebenfalls eine wichtige letzte Vorbereitung für Aachen. Dem Team fehlen derzeit Paare wir Laura Graves und Verdades. Immerhin konnte Adrienne Lyle heute morgen den CDI3* Grand Prix mit ihrem Olympiapferd Helix gewinnen, der nach dem Weltcup-Finale 2025, wo er vollkommen über die Uhr war, lange Zeit Pause hatte. Heute erhielten die beiden 70,891 Prozent. Doch Lyle hatte eigentlich gesagt, dass sie für die WM nicht zur Verfügung stünde.
Das gleiche verkündete der derzeit beste Reiter des US-Kaders, der Weltcup-Zweite Christian Simonson, Schüler von Lyle, auch für sein Toppferd Indian Rock. Dafür ritt er heute sein Zweitpferd in der Mannschaft, den niederländischen Parzival-Vollbruder Fleau de Baian, den Adelinde Cornelissen ausgebildet hatte. Den beiden gelang eine 70,478 Prozent Runde mit Highlights in der Galopptour. Man wünschte sich noch mehr reelles Tragen und Selbsthaltung des Fuchses.
Das gilt auch für den hoch elastischen und talentierten Gold Play von Jordan La Placa, die mit 70,631 das beste US-Ergebnis und dazu noch ein Personal Best verzeichneten. Der Oldenburger ist ein tolles Pferd mit allen Möglichkeiten.
Ein Paar, das zwar nicht ohne Fehler, aber mit Spaß bei der Sache war, waren Geñay Vaughn und der von Holga Finken ausgebildete KWPN-Wallach Gino. Locker-flockig tanzten sie durch die Aufgabe und der 15-jährige Bretton Woods-Sohn machte einen sehr zufriedenen Eindruck. Das war gut anzusehen und wurde mit 69,848 Prozent belohnt.
Nummer vier des US-Teams waren Meagan Davis und der Oldenburger Totilas-Sohn Toronto Lightfoot, die mit 68,565 Prozent nach Hause gingen.
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