Atypische Weidemyopathie beim Pferd: Ursachen, Symptome, Vorbeugung
Selten, aber genau jetzt gefährlich: Atypische Weidemyopathie
Was wächst denn da? Weiden mit Bergahorn sollten im Frühjahr und im Herbst tunlichst gemieden werden!
Foto: sportfotos-lafrentz.de Jeden Herbst und jedes Frühjahr sterben immer wieder vereinzelt Pferde an einer Krankheit, die die meisten Halter gar nicht kennen: die Atypische Weidemyopathie. Ausgelöst wird sie nicht von einem Virus oder Bakterium, sondern von den unscheinbaren Samen eines Baumes, der auf vielen Weiden am Rand steht – dem Bergahorn. Die Krankheit kann binnen weniger Stunden lebensbedrohlich verlaufen, bevor überhaupt jemand ahnt, was mit dem Pferd los ist.
Herbst und Frühjahr: Hochrisikozeit für Atypische Weidemyopathie beim Pferd
Die Gefahr ist nicht das ganze Jahr über gleich groß. Rund 76 Prozent aller Fälle treten zwischen Spätherbst und Frühjahr auf – wenn Bergahorne (lateinisch Acer pseudoplatanus) ihre geflügelten Samen abwerfen und im zeitigen Frühjahr die ersten Keimlinge aus dem Boden schießen. Beide enthalten das eigentliche Gift. Achtung: Auf kargen, überweideten oder vom Frost gezeichneten Wiesen greifen Pferde eher zu ungewöhnlichem Futter – und picken dabei auch mal Samen oder Keimlinge vom Boden auf, die sie im Sommer ignoriert hätten.
Zahlen, die aufhorchen lassen
Seit ein europäisches Forschungsnetzwerk (die Atypical Myopathy Alert Group, kurz AMAG, an der Universität Lüttich) 2006 mit der systematischen Erfassung begann, sind mehr als 3.000 Fälle aus 14 Ländern dokumentiert worden. Die Verbreitungsschwerpunkte liegen deutlich in West- und Mitteleuropa. Auch Ungarn meldete 2022 seinen ersten Fall. Wie viele Pferde tatsächlich betroffen sind, lässt sich nur schätzen – eine Meldepflicht gibt es nicht, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Wie stark die Fallzahlen von Jahr zu Jahr schwanken können, zeigte der bislang größte deutsche Einzelausbruch im Herbst/Winter 1995: 115 erkrankte Pferde, 111 davon starben. Die Mortalitätsrate insgesamt liegt bei 60 bis 80 Prozent – bei Todesfällen überleben betroffene Pferde im Durchschnitt weniger als zwei Tage.
Der unsichtbare Feind: Was hinter der Krankheit steckt
Der Übeltäter heißt Hypoglycin A – ein Protoxin, also eine Vorstufe eines Giftstoffs, die erst im Pferdekörper in ihre schädliche Form umgewandelt wird. Im Stoffwechsel entsteht daraus MCPA (Methylencyclopropylessigsäure), das die Betaoxidation blockiert. Vereinfacht gesagt: den Prozess, mit dem Muskelzellen Fett zur Energiegewinnung verbrennen. Fällt dieser Weg aus, geraten ausgerechnet die Muskeln in Not, die am meisten Energie brauchen – Herz, Atemmuskulatur und die Muskeln, die das Pferd aufrecht halten. Die Folge ist eine sogenannte Rhabdomyolyse: ein massiver, oft lebensbedrohlicher Muskelzerfall. In Nordamerika verursacht ein verwandter Baum, der Eschen-Ahorn (Acer negundo), dieselbe Erkrankung – weshalb sie dort meist „Seasonal Pasture Myopathy“ heißt.
Erkennen und Handeln: Symptome und Diagnose
Betroffene Pferde wirken oft plötzlich teilnahmslos, zittern, schwitzen stark und zeigen einen steifen, unsicheren Gang – manche verweigern jede Bewegung, andere legen sich hin und kommen nicht mehr hoch. Ein auffälliges Warnzeichen ist kaffeebrauner Urin, der durch den Muskelzerfall entsteht. Wichtig: Anders als bei Koliken bleibt der Appetit meist erhalten, was Halter fälschlich beruhigen kann. Die gesicherte Diagnose gelingt über eine Blutuntersuchung, bei der toxische Stoffwechselprodukte (MCPA- beziehungsweise MCPG-Carnitin) sowie ein verändertes Acylcarnitin-Profil nachgewiesen werden – Acylcarnitine sind Transportmoleküle, die zeigen, wie der Fettstoffwechsel aus dem Takt geraten ist. Bestimmte dieser Werte erlauben Tierärzten sogar eine grobe Prognose, ob ein Pferd die Krankheit übersteht.
Therapie ohne Gegengift
Ein spezifisches Gegenmittel existiert bis heute nicht. Behandelt wird rein unterstützend: Infusionen zum Ausgleich des Flüssigkeitshaushalts, Glukose- und Insulingaben, starke Schmerzmittel, Wärme, Bewegungseinschränkung sowie hochdosierte Vitamine (vor allem E und B1) und Carnitin. Übersteht ein Pferd die ersten fünf Tage, stehen die Chancen auf eine vollständige Genesung – die oft mehrere Monate dauert – gut.
Vorbeugen ist alles: Was Pferdehalter tun können
Da eine Therapie nur sehr begrenzt möglich ist, muss das Augenmerk auf Prävention liegen. Dazu gehört, Bergahorn-Samen und -Keimlinge von der Weide zu entfernen oder Problembäume einzuzäunen – wobei die geflügelten Samen bis zu 200 Meter weit fliegen können, Nachbargrundstücke also mitbedacht werden müssen. Wichtig ist auch, auf kargen Herbst- und Frühjahrsweiden ausreichend Heu zuzufüttern, damit Pferde nicht aus Futterknappheit zu Keimlingen oder Samen greifen. Wer unsicher ist, kann Baumproben oder sogar das Blut der eigenen Pferde in spezialisierten Laboren auf Hypoglycin A testen lassen. In einer Studie hatten 97 Prozent der klinisch völlig gesunden Weidegenossen erkrankter Pferde ebenfalls Hypoglycin A im Blut. Wer ein erkranktes Pferd hat, sollte also unbedingt auch die anderen Pferde tierärztlich checken lassen. Wobei das nicht bedeutet, dass bei ihnen die Krankheit auch ausbrechen muss. Neueste Studien zeigen nämlich, dass es Pferde gibt, die gewissermaßen immun sind. Das macht Hoffnung. Siehe unten.
Was die Forschung 2024/2025 Neues zeigt
Die Wissenschaft hat in den letzten zwei Jahren einige überraschende Erkenntnisse nachgelegt. Eine Studie aus 2025 (González-Medina et al.) zeigt, dass der Giftgehalt selbst innerhalb eines einzigen Samenbüschels vom selben Baum um bis zu 60 Prozent schwanken kann – eine einzelne Stichprobe sagt also wenig darüber aus, wie gefährlich ein Baum insgesamt ist. Noch beunruhigender: Dieselbe Forschung wies nach, dass Hypoglycin A aus durch Frost und Auftauen geschädigten Samen und Keimlingen sogar ins Wasser übergehen kann – schon rund zwei Liter kontaminiertes Tränkwasser könnten für ein Pferd eine kritische Dosis enthalten. Ein zweiter Forschungsstrang widmet sich dem Darmmikrobiom: Laborversuche legen nahe, dass bestimmte Darmbakterien Hypoglycin A abbauen können, noch bevor es Schaden anrichtet. Das könnte erklären, warum manche Weidegenossen erkrankter Pferde trotz nachweisbarem Gift im Blut gesund bleiben – und liefert einen möglichen Ansatzpunkt für künftige Präventionsstrategien.
5 Fakten über die Atypische Weidemyopathie
- Auslöser: Hypoglycin A aus Samen und Keimlingen des Bergahorns (Europa) beziehungsweise Eschen-Ahorns (Nordamerika).
- Risikozeit: Rund 76 Prozent der Fälle zwischen Spätherbst und Frühjahr.
- Verbreitung: Über 3.000 dokumentierte Fälle seit 2006, Schwerpunkte in Frankreich, Belgien, Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden.
- Mortalität: 60 bis 80 Prozent der erkrankten Pferde sterben, meist innerhalb von zwei Tagen.
- Kein Gegengift: Nur unterstützende Therapie möglich – Prävention ist der wirksamste Schutz.
Quellen
- François, Renaud, Kruse, Marcillaud-Pitel & Votion (2024), Veterinary Record – 20 Jahre Forschung
- González-Medina et al. (2025), Equine Veterinary Journal – Risikofaktoren Ahornsamen
- van Galen et al., PLOS ONE – Acylcarnitin-Prognose
- Fabius & van Galen (2018), Equine Veterinary Education – evidenzbasierte Therapie
- van Galen et al., PMC4574941 – Hypoglycin A bei Weidegenossen
- In-vitro-Mikrobiom-Studie, Animals 2025
- van Galen 2012, Equine Veterinary Journal – Fallzahlen 2006–2009
- VFD/AMAG-Zahlen Deutschland


