Dürre, Hitze – Warum Pferdefutter so teuer geworden ist: Prof. Dirk Winter erläutert, welche Faktoren den Preis beeinflussen
Warum Pferdefutter so teuer geworden ist: Ein Blick auf Börsen, Ernten und Energiepreise
Hafer ist nach wie vor der Klassiker unter den Futtermitteln fürs Pferd. Foto: sportfotos-lafrentz.de Am 2. September 2026 hat Bundeslandwirtschaftsminister Alois Reiner den Erntebericht 2026 vorgestellt. Der fiel so aus, wie es der Deutsche Bauernverband schon Mitte August veröffentlicht hatte: Allein beim Getreide ein Minus von sieben Prozent. Das sind immerhin 3,3 Millionen Tonnen, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber auch in Säcke abgepackte Futtermittel werden immer teurer. Was einst für 24 Euro zu haben war, kostet jetzt schnell schon einmal 28 oder 30 Euro.
Wer regelmäßig beim Futtermittelhandel einkauft, kennt diese Sprünge. Im Podcast „ERZÄHL MIR WAS VOM PFERD“ hat Dirk Winter, Professor für Pferdewirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen, ehemaliger Leiter des Lehr- und Versuchsguts Jungborn und früher selbst Produktmanager bei einem Pferdefutterhersteller, die Hintergründe erläutert.
Prof. Dr. Dirk Winter …

… ist Studiendekan Pferdewirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) sowie Leiter des Lehr- und Versuchsgutes Jungborn. Bevor er Studierenden „was vom Pferd erzählte“ war er Produktmanager für Pferdefutter bei einem großen Tierfutterhersteller. Kurzum: Der gebürtige Niedersachse ist der ideale Ansprechpartner für alle Fragen rund ums Pferdefutter. er gehört auch zum Team der E-Learning Plattform weiterbildung-pferd.de.
Welche Getreide landen überhaupt im Trog?
Hafer, Mais und Gerste sind die klassischen Einzelkomponenten im Kraftfutter, ergänzt durch Mischfuttermittel in Pellet-, Müsli- oder Extrudatform. Extrudat ist ein spezielles Aufschlussverfahren, bei dem Getreide „explodiert“ wird. Wer Popcorn, Erdnussflips oder Linsenchips mag, der steht auf auf extrudierte Lebensmittel. Im Futter nutzt man das Verfahren, um Stärke und Nährstoffe besser verdaulich zu machen.
Was ist in Pellets drin?
Pelletiertes Kraftfutter ist vielerorts ein beliebtes Grundfutter, das in den Trog kommt. An der Farbe der Pellets kann man die Komponenten, die bei der Herstellung verwendet wurden, erkennen: Grünliche Pellets enthalten viel Gras- oder Luzernegrünmehl. Gräuliche eher Weizen- oder Haferkleie, und die ganz hellen, in Deutschland eher seltenen, einen hohen reinen Getreideanteil, wie er vor allem in Holland üblich ist.
Warum Weizen, obwohl kein Pferdefutter, den Preis von allem bestimmt
Als Laie stellt man sich das einfach vor: Der Hafer in der Region ist durch die starke Hitze in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Ertrag ist schlechter, der Preis steigt – Angebot und Nachfrage… Tatsächlich ist der Ertrag beim Hafer 2026 laut Deutschem Bauernverband im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent zurückgegangen.
Doch nicht das Feld gegenüber, sondern der globale Handel bestimmt den Preis. Und da schaut die Welt nicht auf den Hafer, sondern auf den Weizen.
Paris, Chicago, Klein Kleckersdorf
Der entscheidende Mechanismus liegt an der Börse. Hafer, Gerste und Mais orientieren sich preislich am Weizen, der als „Leitwährung“ gehandelt wird. Vor allem an der Matif in Paris (Marché à Terme International de France, ein französischer Terminmarkt) und, mit noch größerem globalem Einfluss, an der Chicago Board of Trade. Von dort aus wandert der Preis in den sogenannten Kassamarkt. Dort wird er in die regionale Währung und an lokale Gegebenheiten wie Erntequalität oder Wetter angepasst. Wer also im ländlichen Futtermittelhandel Hafer kauft, zahlt letztlich einen Preis, der weit entfernt an einer internationalen Börse entstanden ist. „Unter anderem ja“, bestätigte Prof. Winter im Podcast auf die zugespitzte Nachfrage, ob der Preis in Chicago oder Paris entscheide, was man vor Ort in Kleinkleckersdorf für den Sack bezahlt.
Wenn Spekulanten mitmischen, wird Getreide zur Anlageklasse
Besonders aufschlussreich: Der Getreidepreis hat mit der physischen Verfügbarkeit oft wenig zu tun. Prof. Winter beschreibt, wie internationale Nachfrage – etwa aus China – den Markt verknappen oder entspannen kann. Und zwar unabhängig davon, wie die Ernte tatsächlich ausgefallen ist. Hinzu kommen Spekulanten, die Weizen kaufen und verkaufen, ohne dass ein einziges Korn den Hafen verlässt. Diese Volatilität schlägt sich direkt auf verwandte Getreidepreise nieder – auch wenn Hafer selbst gar nicht an der Börse notiert wird.
Die Ukraine-Krise und der Getreidemarkt
Dass geopolitische Ereignisse unmittelbar im Futtertrog ankommen, zeigt das Beispiel Ukraine. Das Land zählt neben Russland zu den größten Getreideanbauregionen Europas. Nach Kriegsbeginn konnte über ein zwischenzeitlich geschlossenes Abkommen zumindest zeitweise wieder über die Häfen in Odessa exportiert werden, bevor der Landweg zur einzigen Route wurde. Gleichzeitig brach laut Prof. Winter der russische Getreidemarkt für Europa durch Exportbeschränkungen weitgehend weg. Beide Entwicklungen zusammen verknappten das europäische Angebot spürbar – und trieben die Preise nach oben, lange bevor sie beim Sack Hafer im Regal ankamen.
Hafer: Vom Pferdefutter zur Hafermilch-Konkurrenz
Ausgerechnet der Klassiker Hafer wird bei genauerem Hinsehen zum Nischenprodukt: Für die Weizenpreisbildung spielt er im Mischfutter kaum eine Rolle, dafür aber im direkten Wettbewerb mit der Lebensmittelindustrie. Ob Hafermilch oder Haferflocken – der Rohstoff ist identisch, und Pferdehalter konkurrieren damit unmittelbar mit Verbrauchern im Supermarktregal. Was man sei es als Porridge-Liebhaber, oder jemand, der seine Overnight Oats ansetzt, genauso wenig bemerkt, wie der Hafermilch-Aufschäumer beim Genuss eines Cappuccinos: Die Preisspanne Beim Hafer war beim Blick auf die vergangenen 20 Jahre beträchtlich: Rund 170 Euro pro Tonne markierten den Tiefstpreis, er kletterte aber auch auf über 310 Euro.
Dabei spielt das Geschehen auf dem Feld nur eine von vielen Rollen. Aktuell treiben laut Prof. Winter vor allem gestiegene Energie-, Trocknungs- und Transportkosten den Preis wieder nach oben. Und das, obwohl die reine Getreide-Notierung an der Börse zwischenzeitlich gesunken war.
Soja: Gentechnik, Kontrakte und die Frage der Aminosäuren
Hafer ist ein Klassiker. Aber Pferdefutter aus Sack oder Silo enthält viele Komponenten. Für den Eiweißbedarf, insbesondere bei laktierenden Stuten oder in der Fohlenaufzucht, bleibt Sojaextraktionsschrot laut Prof. Winter unverzichtbar, weil es hohe Anteile essenzieller Aminosäuren liefert – deutlich mehr als etwa Luzerne.
Weltweit wurden 2025/26 429,46 Millionen Tonnen Soja angebaut. Die relevanten Anbauregionen liegen in den USA, Brasilien und Argentinien, wobei nur in Südamerika überhaupt zwischen gentechnisch verändertem und unverändertem Soja unterschieden werden kann. Hier gilt: Wenn China als größter Abnehmer kauft, wird der Markt eng, verzichtet das Land auf Käufe, entspannt sich die Lage – ein Umstand, der laut Winter Kontraktgeschäfte für deutsche Futtermittelhersteller zum Glücksspiel macht.
In Deutschland wächst die Anbaufläche von Soja. Von 2025 auf 2026 sogar um 20 Prozent auf 52.300 Hektar. 130.800 Tonnen wurden 2026 geerntet – dreimal so viel wie noch vor zen Jahren, schreibt das Bundeslandwirtschaftsministerium.
Luzerne: Attraktiv, aber keine wirklich günstige Alternative
Luzerne gilt gemeinhin als „die Königin der Futterpflanzen“. So nennt sie Prof. Winter im Podcast– trockenheitsresistent durch ihre tiefen Pfahlwurzeln und als Leguminose in der Lage, Luftstickstoff zu binden.
Beim Proteingehalt kann sie mit Soja jedoch nicht mithalten: Während Sojaextraktionsschrot zwischen 44 und 48 Prozent Eiweiß liefert, kommt Luzernegrünmehl je nach Verarbeitung nur auf 15 bis gut 20 Prozent. Hauptanbaugebiete sind Südfrankreich, insbesondere die Champagne, sowie Spanien und Marokko – mit entsprechendem Ernte-, Trocknungs- und Transportaufwand, der den Preis trotz der robusten Pflanze keineswegs niedrig hält.
Raufutter – Heu und Stroh: Ein regionaler Markt ohne Börsenlogik
Anders als Getreide wird Raufutter nicht an internationalen Börsen gehandelt, sondern unterliegt einem stark regionalen Markt. Das lokale Wetter hat hier Einfluss auf die Erntemengen. Klein Kleckersdorf hängt hier also tatsächlich von der Situation der Umgebung ab.
Der Deutsche Bauernverband, der sich weniger um Pferde, sondern um Nutztiere wie Rinder und Schweine in seinen Analysen kümmert, zieht für 2026 ein wenig optimistisches Fazit: „In besonders betroffenen Regionen ist nach den ersten Schnitten kein Gras auf dem Grünland mehr nachgewachsen, was sowohl bei der aktuellen Versorgung der Tiere als auch beim Aufbau ausreichender Winterfuttervorräte fehlt. Trotz regionaler Futterbörsen ist damit zu rechnen, dass dies zum Abbau einiger Tierbestände führen wird.“
Wie viel kostet Heu wo?
Die Webseite Heupreise.de bietet Vergleichszahlen. Anfang September listete das Portal Durchschnittswerte pro Tonne von 129,84 Euro (Rundballen) über 148,31 Euro (Quaderballen) bis 245,54 Euro (HD-Kleinballen) auf.
Die regionalen Unterschiede sind allerdings groß: In NRW wurden laut dem Portal (Stand Anfang September 2026) im Schnitt für die Tonne Heu als Quaderballen 171,24 Euro bezahlt, in Sachsen wurden 132,58 Euro verlangt – 22,6 Prozent weniger.
Der teure Süden
Generell sind im Süden die Raufutterpreise teurer. Hier haben die Dürreperioden 2026 lange angehalten. Dass die Preise immer noch moderat im Vergleich zum Maximum liegen, machen Winters Zahlen aus den Dürrejahren 2018/2019 und 2021/2022 klar: Damals kletterten die Preise laut Winter auf bis zu 300 Euro pro Tonne. Sein Rat an Einsteller und Pensionsstallbetreiber: Kontrakte mit festen Mengen, Preisen und definierten Qualitätsstandards abschließen, wie es in der Landwirtschaft längst üblich ist, statt Jahr für Jahr dem freien Markt ausgeliefert zu sein.
Hygienestandards beim Raufutter: Was Qualitätsstufe 1 bis 4 bedeutet
Die Menge, sprich Verfügbarkeit ist nicht das alleinige Kriterium. Neben dem Preis spricht Prof. Winter einen Aspekt an, der in der Praxis oft übersehen wird: die hygienische Qualität von Heu. Laboruntersuchungen prüfen dabei auf aerobe Keime, Schimmelpilze und Hefen und ordnen das Futter in vier Qualitätsstufen ein – von „ohne Weiteres zu füttern“ bis zu Stufe vier, die keinesfalls mehr verfüttert werden sollte.
Zusätzlich gibt eine Mikroskopie Aufschluss darüber, welche Pflanzen tatsächlich im Ballen stecken – etwa ob giftige Kräuter wie Herbstzeitlose oder Jakobskreuzkraut enthalten sind, die auf mancher Naturschutzfläche neben wertvollen Kräutern wachsen. In einer eigenen Befragung von 400 Pensionsställen habe sich gezeigt, so Winter, dass 68 Prozent aller Betriebe mindestens ein bis fünf hustende Pferde im Stall hätten – ein Hinweis auf verbreitete Qualitätsprobleme bei Heu, Stroh und Stallmanagement, die mit equinem Asthma in Verbindung gebracht werden.
Warum Stroh fast so teuer ist wie Heu
Dass mancher Rundballen Stroh mittlerweile genauso viel kostet wie Heu, erklärt Winter mit gleich mehreren Faktoren: Konkurrenz durch Biogasanlagen, aber auch die Praxis vieler Landwirte, das Stroh direkt beim Ernten zu häckseln und unterzupflügen, statt es zu pressen und zu verkaufen. Hintergrund: Die positive Wirkung auf Humus und – in vielen Regionen immer bedeutender – die Wasserspeicherung im Boden.
Hinzu kommt regionale Konkurrenz zur Milchviehwirtschaft: Niederländische Landwirte sollen um Stroh für ihre intensive Milchproduktion zu bekommen, inzwischen bis nach Polen fahren, um dort mit eigenen Maschinen Stroh zu ernten. Heu ist darüberhinaus längst zum Exportschlager avanciert. Es wird bis nach Spanien geliefert.
Alternativen?
Alternativen zu Stroh als Einstreu – Holzspäne, Miscanthus, gehäckseltes Hanfstroh – gibt es zwar, wer sich davon eine Preisersparnis erhofft, liegt laut Prof. Winter falsch: „Günstig ist im Moment keine Alternative“.
Der Ausblick: Keine schnelle Entspannung
Auf die Frage, wohin sich die Preise weiterentwickeln, blieb Winter vorsichtig optimistisch, aber nicht euphorisch. Eine echte Entspannung erwartet er erst, wenn sich geopolitische Krisenherde wie der Ukraine-Krieg oder der Nahost-Konflikt beruhigen und Lieferketten – etwa über die Straße von Hormus oder ukrainische Schwarzmeerhäfen – wieder verlässlich funktionieren. Die Straße von Hormus ist vor allem wegen des Düngers von Bedeutung. In den Golfstaaten wird ein großer Teil des Stickstoffdüngers produziert. Das Verfahren ist energieintensiv, die Erdgasvorräte rund um den Persischen Golf bieten einen Standortvorteil für die Produktion. Rund ein Drittel der Weltproduktion, so schätzt man, findet in der Golfregion statt. Und alles, was dort hergestellt wird, muss die Straße von Hormus passieren.
Kurzfristig rechnet Prof. Winter eher mit einem eingependelten, hohen Preisniveau als mit einem spürbaren Rückgang. Mittelfristige Hoffnung setzt er auf den Ausbau erneuerbarer Energien in der Futtermittelproduktion selbst: Sollten energieintensive Produktionsanlagen stärker auf Solarenergie umstellen können, könnte das aus seiner Sicht „eine wirkliche Zeitenwende“ für die Futterpreise darstellen.
Infos
Die Erntebilanz des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMEL)
Pressemitteilung des Deutschen Bauernverbandes zur Erntebilanz 2026



