Richard Vogels United Touch S, der Alleskönner

U.T. – der Außerirdische

Feature 18.08.2026
Das Dreamteam des Springsports: United Touch S und Richard Vogel.
Foto: sportfotos-lafrentz.de Das Dreamteam des Springsports: United Touch S und Richard Vogel. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Was United Touch S für eine Persönlichkeit wäre, wäre er ein Mensch? Darauf hat Richard Vogel eine prompte Antwort: „Jemand, der quasi alles kann und für alle Fragen eine passende Antwort hat.“ Dieses Pferd sei in jeder Beziehung eine Ausnahmeerscheinung, sagt Vogel. Das kommt nicht von Ungefähr. Die Geschichte eines geborenen Siegers.

2014 veröffentlichte das Regionalmagazin „Reiter & Pferde in Westfalen“ einen Artikel über den Backwaren-Unternehmer und Freizeit-Springpferdezüchter Julius-Peter Sinnack. Sinnack berichtet darin von den Anfängen seiner Zucht mit der einzigen in Utero-Tochter von Ludger Beerbaums Olympiasiegerin Classic Touch namens Cantate. 2005 konnte er die Classic Touch-Tochter v. Capitol erwerben. Sie schenkte ihm Fohlen, die zu international gefeierten Springpferden heranwuchsen wie Deauville S von Laura Kraut oder Zypria S von Willem Greve. 2012 kam Cantates letztes Fohlen zur Welt. In diesen, zum Zeitpunkt des Interviews mit der Reiter & Pferde Zweijährigen setze er große Hoffnungen, sagte Sinnack damals. Er verfüge neben „deutlichen Reitpferdepoints und drei groß angelegten Grundgangarten auch über vermögendes und geschicktes Springen“. Der Name des Zweijährigen: United Touch S.


Mittlerweile ist dieser Hengst nicht nur eines der erfolgreichsten sondern auch eines der, wenn nicht das berühmteste Springpferd der Welt. Das liegt nicht nur daran, dass er u.a. Europameister und dreifacher Rolex Grand Prix-Sieger (Genf 2023, ’s-Hertogenbosch, Aachen 2026) ist, es liegt auch an seiner Erscheinung. Wenn beim Vetcheck 146 Pferde vortraben, schaut nur die Jury bei jedem einzelnen aufmerksam hin. Wenn aber United Touch und Richard Vogel Aufstellung zum Paradieren nehmen, sind plötzlich alle hellwach. Der Schönheit und Aura dieses Hengstes kann man sich kaum entziehen.


Dabei ist Typqualität das letzte, auf das Sinnack nach eigener Aussage bei seiner Zucht achtet. „Schön ist zwar schön, hat aber nicht unbedingt etwas mit Leistung zu tun“, so formulierte er es damals gegenüber den Kollegen. United Touch ist beides. Mehr noch, er ist der lebende Beweis, dass Sinnacks Zuchtphilosophie voll aufgeht, denn sein Vater, der Hengst Untouched v. Untouchable, stammt ebenfalls aus der Sinnack’schen Zucht und ist ein Halbbruder von United Touchs Mutter. Er wurde nach seiner Körung und Prämierung in die Niederlande verkauft. Aber weil Sinnack nur Hengste mit abgesichertem Mutterstamm einsetzt, nutzte er Untouched für dessen Halbschwester Touch of Class v. Lux Z. Ergebnis: siehe oben. Eine sehr enge Blutführung, in diesem Fall ein Volltreffer.


United Touch S – noch kein Super-, aber ein Jungstar


Das zeichnete sich früh ab. Nachdem United Touch 2014 in Westfalen gekört und prämiert wurde, bezog er zunächst bei Tobias Schult in Hünxe Station. Er war Springsieger seines 30-Tage-Tests in Neustadt/Dosse. Seine Endnote damals: 9,35. Die Wertnote für die Springanlage: 10,0.


Die Grundausbildung des Ausnahmetalents wurde Hendrik Dowe anvetraut. Mit ihm nahm United Touch S fünfjährig am Bundeschampionat teil. Er war damals das Gesprächsthema des gesamten Platzes – auch, weil manche ob der gewaltigen Sätze des Hengstes Manipulation witterten. Aber weil er am letzten Tag noch genauso sprang wie am ersten, wurde er schließlich mit der Silbermedaille bedacht. Wertnote 9,6.


Danach wurde es eine Zeitlang ruhiger um den Hengst, der zwischendurch von dem Niederländer Bart Bles geritten wurde. Im Jahr 2022 beschloss Julius-Peter Sinnack, einige seiner Pferde Sophie Hinners anzuvertrauen. Er sprach sie bei einem der Arbeitsturniere in Opglabbeek (BEL) an. Warum nicht, meinte die, und kurz darauf hatte sie einige Pferde von ihm im Stall, darunter auch United Touch S.


United Touch S und Richard Vogel – die Passeranpaarung


Doch schon beim ersten Mal Reiten stellte die zierliche Sophie fest, dass sie mit dem riesigen Galoppsprung des Hengstes nicht wirklich gut zurechtkam. Richard Vogel probierte, ob es bei ihm besser klappt. Funktionierte. Julius-Peter Sinnack gab grünes Licht – nicht ohne anzumerken, dass er zwar finde, dass sowohl Hinners als auch Vogel gut reiten, dass ihm Sophie aber stilistisch noch besser gefalle. Der Stachel sitzt tief bei Vogel. Noch im Jahr 2025 sagte er im Interview mit dem CHIO Aachen-Team: „Das habe ich nicht vergessen. Ich versuche, an meinem Stil zu arbeiten, um zu zeigen, dass wir das auch ganz gut können“ – Augenzwinkern des 29-Jährigen.


Wie richtig die Entscheidung war, United Touch Richard Vogel zu überlassen, konnte Züchter und Besitzer Sinnack gleich beim ersten Turnier des Paares erleben. Das war das Bundeschampionat 2022. Dafür war United Touch mit seinen damals zehn Jahren eigentlich schon zu alt, aber in diesem Jahr wurde erstmals der Große Preis der Ehemaligen ausgetragen, eine Springprüfung Klasse S** mit Stechen für achtjährige und ältere erfolgreiche Bundeschampionatsabsolventen. Zwölf Paare erreichten das Stechen. Vogel und United waren erst seit wenigen Wochen ein Team. Trotzdem: Gegen das kongeniale Duo war die Konkurrenz chancenlos. Erster Großer Preis, erster Sieg.


Warendorf war nur eines von vielen „ersten Malen“, die die beiden gemeinsam erlebt haben – der erste Sieg in einem Weltcup-Springen (wenige Wochen nach Warendorf in Stuttgart vor Steve Guerdat und Dynamix de Belheme), der erste Einsatz im Großen Preis von Aachen, das erste Nationenpreisfinale in Barcelona (was sie gewonnen haben), der erste Sieg in einem Rolex Major, die ersten Olympischen Spiele, die erste Goldmedaille bei der EM 2025.


Einzig und artig


Dass Richard Vogel sich innerhalb von fünf Jahren auf der Weltrangliste um viele hundert Plätze auf aktuell Rang zwei vorarbeiten konnte, verdankt er zu einem Gutteil United Touch S. Natürlich hat er wie alle seine Kollegen in dieser Liga mehrere Fünf-Sterne-Pferde. Aber wenn man ihn fragt, was United Touch ihm bedeutet, zögert er keine Sekunde: „Once-in-a-lifetime-horse“.


Und immer wieder betont Vogel, wie groß der Anteil von United Touchs Pflegerin Felicia Wallin an dem Erfolg ist. „Felicia ist mit Sicherheit mit verantwortlich dafür, zu was für einem Pferd United herangewachsen ist.“ Die junge Schwedin begann zeitgleich mit Vogel selbst für das Team VW Equestrian zu arbeiten. Vogels und Uniteds ersten Male waren auch die der Schwedin. Sie ist diejenige, die den Hengst im Alltag überwiegend reitet – vor allem ins Gelände. Vier- bis fünfmal pro Woche sind die beiden im Wald unterwegs. Und täglich steht United auf der Weide. Ihn happy zu machen, ist ihr Job. Darauf kann sie sich inzwischen ausschließlich konzentrieren. Wenn Vogel mit anderen Pferden auf Turnieren unterwegs ist, hat er eine neue Turnierpflegerin, die sich um die Vierbeiner kümmert. Felicia bleibt mit United daheim und kümmert sich um ihn und um das Stallmanagement. Nur bei den ganz großen Turnieren und eben wenn United Touch aka „UT“, „UTS“, „Toto“ (ein geliebtes Kind hat viele Namen) dabei ist, reist auch sie mit. „Wir haben gemerkt, weil United so sensibel ist, dass für ihn eine richtige Bezugsperson sehr viel ausmacht. Und es war natürlich auch Felicias Wunsch.“ Richard Vogel erkennt es an: Zwischen Felicia und United – der übrigens sehr wählerisch sein soll, was die Geschmacksrichtungen seiner Leckerli angeht – passt kein Blatt Papier. „Das passt wie A … auf Eimer.“ Und Felicia sagt: „Er ist ein durch und durch liebes Pferd. Er hat ein richtig gutes Herz!“


Aber auch eines, das kämpfen kann. „United ist wirklich ein Pferd, das egal in welchem Bereich einzigartig ist“, findet Richard Vogel. „Sei es in seiner Galoppade, in seinem Springvermögen und für uns, die ihn näher kennen, auch in seinem Charakter. Wir sind sicher, so ein Pferd werden wir nie wieder im Stall haben.“


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