Portrait Sadie Smith

Sadie Smith – von einer, die die Schule schmiss, um ihren Traum zu leben

Feature 28.04.2026
Sadie Smith und Swanmore Dantina – ein Paar, das sich bei den Horses & Dreams ins Rampenlicht geritten hat. Foto: Sportfotos-lafrentz.de Sadie Smith und Swanmore Dantina – ein Paar, das sich bei den Horses & Dreams ins Rampenlicht geritten hat. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Wer ist eigentlich Sadie Smith? Viele stellten sich diese Frage in Hagen. Sie und ihre Stute Swanmore Dantina fielen auf. Und zwar positiv. Wir haben die 36-Jährige gesprochen und eine bodenständige Frau kennengelernt, die mit viel Mut und noch mehr Entschlossenheit ihre Ziele verfolgt.

Sadie Smith wuchs in Southampton auf. Ihre Eltern hatten mit Pferden nichts am Hut und sie eigentlich auch nicht, bis sie mit acht Jahren bei einer Freundin zum Kindergeburtstag eingeladen war, wo Ponyreiten auf dem Programm stand. Ein Gamechanger in Sadies Leben. Seit diesem Tag drehte sich bei ihr alles um Pferde. Ihre Eltern erlaubten ihr, Unterrichtsstunden in der örtlichen Reitschule zu nehmen. Um sich mehr Reitstunden zu verdienen, half sie im Stall aus. Ein eigenes Pferd blieb jedoch ein unerfüllbarer Traum. Die Lösung: eine Reitbeteiligung an einer Stute, mit der Sadie zunächst vor allem gesprungen ist. Da das Vermögen der Stute jedoch begrenzt war, versuchte sie, die Stute dressurmäßig zu verbessern, suchte sich eine Trainerin und fand Kay Waterman.


Kay Waterman arbeitete mit Norbert van Laak. Als sie wieder einmal nach Deutschland reiste, um Unterricht zu nehmen, durfte Sadie sie begleiten. Es war das EM-Jahr 2005, für die Dressurreiter auf Hof Kasselmann in Hagen. Da sie schon einmal in Deutschland waren, wollten Waterman und ihre Schülerin sich das Spektakel unbedingt anschauen. Das war der zweite Wendepunkt im Leben der Sadie Smith, damals 15 Jahre jung. „Hier sah ich Carl (Hester, damals mit Escapado, Anm. d. Red.) zum ersten Mal reiten und dachte: ,Oh mein Gott, das ist genau das, was ich machen will!‘“


Pferde als Beruf


Sadie fasste einen Plan, und den setzte sie unverzüglich in die Tat um. „Ich hatte eigentlich ziemlich gute Noten, aber ich habe das College gehasst! Ich wollte nichts anderes, als mit Pferden zusammen zu sein.“ Also schmiss sie die Schule.


Zunächst arbeitete sie für ihre Trainerin Kay Waterman. Dann wechselte sie zu dem irischen Grand Prix-Reiter Roland Tong und dessen Partner Ben St. John-James auf deren Gestüt mit Namen Swanmore Stud. Fünf wichtige Jahre hat sie für sie gearbeitet, hat junge Pferde angeritten, sie auf Turnieren vorgestellt und sich rasch einen Namen gemacht. Mehrfach war sie nationale Meisterin (im Sinne von Siegerin beim Bundeschampionat) mit ihren damals noch nicht 20 Jahren.


Eines der Pferde, das sie damals anritt, war eine Stute mit Namen Charatana v. Charatan W-Donnerhall, gezogen von Christian Heinrich in Deutschland und dann nach Großbritannien verkauft. Diese Charatana sollte später ein Fohlen bekommen, ein Stutfohlen v. Dante Weltino mit Namen Swanmore Dantina. Doch dazu später.


Lehrjahre bei Hester


Nach fünf Jahren im Swanmore Stud wurde es Zeit für etwas Neues. Sadie begann, freiberuflich zu arbeiten und ritt unter anderem für die Züchterin Sarah Tyler-Evans, die wiederum Pferde bei Carl Hester in Beritt hatte. So kam der Kontakt zu Sadies großem Idol zustande, der im Grunde „Schuld“ war an ihrer Entscheidung, die Schule zu verlassen, um Dressurreiterin zu werden. Sadie nahm Unterricht bei Hester und sowohl der britische Meister als auch seine damals beste Schülerin Charlotte Dujardin waren angetan von Sadies Talent. Als eine Stelle in Hesters Betrieb frei wurde, ergriff Sadie die Chance.


„Es war fantastisch, für Carl zu arbeiten. Ich habe unheimlich viele Möglichkeiten bekommen“, sagt Sadie. Sie ritt Imhotep als Youngster ebenso wie Gio und Alive and Kicking, heute alles internationale Grand Prix-Pferde, die für Millionensummen von Charlotte Dujardin an andere Reiter gingen. Aber sie erhielt auch die Chance, auf den Olympiasiegern Valegro und Uthopia zu lernen. Kurz, sie erntete zwar nicht die Lorbeeren für ihre Arbeit mit Imhotep & Co., aber sie sammelte Erfahrungen, von denen sie bis heute profitiert.


Während dieser Zeit bildete Sadie Smith auch ihr eigenes, jung erworbenes Pferd aus, einen Dimaggio-Sohn namens Keystone Dynamite. Mit ihm ritt sie ihre ersten Grand Prix-Prüfungen. Der Dunkelfuchs war sozusagen ihr Meisterstück. Gerade als die beiden bereit gewesen wären, international durchzustarten, legte COVID die Welt auf Eis. „Ich konnte zu keinem Turnier reisen. Am Ende habe ich ihn verkauft. Denn ich hatte damals diese andere Stute, Dia, die nach ihm kam.“


Dantina – Traumpferd gefunden! Oder?


Während Sadie Smith sich bei Hester ihre Sporen verdiente, brachte ihr ehemaliges Berittpferd Charatana bei ihren früheren Arbeitgebern Roland Tong und Ben St. John-James ein Stutfohlen zur Welt, das Swanmore Dantina getauft wurde. Die Dante Weltino-Tochter mit Spitznamen Dia sollte verkauft werden. Sadie, in Erinnerung an die Mutter der Stute, fragte, ob sie sie sich einmal anschauen könnte. Das Anschauen endete mit dem Kauf der jungen Stute „für nicht viel Geld“.


Doch als Dia schlussendlich bei ihr ankam, kam Sadie ins Grübeln. „Sie hatte nicht viel Winkel im Hinterbein und sah eher aus wie ein Showpferd. Außerdem war sie ziemlich fett.“ Dia sei zwar brav gewesen, aber aufgrund ihres Bauchumfangs reichten die Beine der nicht gerade hoch aufgeschossenen Sadie nur bis zur Hälfte des Pferderumpfs. Das habe die Stute so irritiert, dass Sadie das Reiten erst einmal einer Freundin überließ.


Nicht nur deshalb, auch weil Sadie vermutete, Dia sei wahrscheinlich nicht gut genug für den Sport, wollte sie sie wieder verkaufen. Problem: Dia zog sich ein Überbein zu, mit dem sie nicht durch den Vetcheck kam. Statt Boxenwechsel war also erstmal Boxenruhe angesagt.


Wenn Fortuna nachhilft


Als die Stute wieder in Arbeit genommen werden durfte, stellte Sadie fest, dass sie ein anderes Pferd unter dem Sattel hatte. „Sie zeigte sich wirklich toll und als ich mit Carls Pferden zu einem Jungpferdeturnier gefahren bin, habe ich sie mitgenommen. Sie hat es super gemacht!“ Prompt meldeten sich die ersten Interessenten, die ihr viel Geld für die Stute boten. Sadie sah sich mit einem Dilemma konfrontiert. „Ich wollte sie eigentlich nicht abgeben, aber ich dachte, es sei vernünftiger.“ Letztlich siegte der Kopf über das Bauchgefühl. Sadie verkaufte die damals fünfjährige Stute an eine Dame, die ganz vernarrt in sie zu sein schien. Doch die Liaison währte nicht lange. Nach nur wenigen Tagen brachte die Käuferin Dantina zu Sadie Smith zurück. „Ich weiß nicht einmal mehr, warum eigentlich“, versucht diese sich an die Situation zu erinnern. „Ich glaube, sie kam einfach nicht mit ihr zurecht. Aber Dia ist unfassbar lieb in allem. Es war eine sehr merkwürdige Situation. Aber wie auch immer, auf jeden Fall ist sie zurückgekommen und seither hat sie sich unglaublich entwickelt.“ Nie wieder habe sie einen Verkauf in Erwägung gezogen, „weil ich sie einfach liebe“.


Von null auf Grand Prix


Ein Jahr nach dem Doch-nicht-Verkauf gewann Dia mit Sadie im Sattel die Britischen Meisterschaften für die Sechsjährigen. Siebenjährig waren sie Fünfte bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde. „Und dann hat sie in UK praktisch alles gewonnen“, so Sadie. 2024 wurde die Stute nationale Intermédiaire II-Championesse. 2025 ging sie ihre erste Grand Prix-Saison, verhalf ihrer Reiterin in Rotterdam zu deren erstem Nationenpreiseinsatz, machte sie zur Britischen Meisterin auf Grand Prix-Ebene und durfte in London zum ersten Mal in der Weltcup-Tour starten. Sie wurden Sechste im Grand Prix und in der Kür. „Sie hat alle meine Erwartungen bei weitem übertroffen“, sagt Sadie. „Aber es war ein langer Weg.“


Europäisches Intermezzo


Ein langer Weg, der die beiden zwischenzeitlich auch aufs europäische Festland führte. 2021 arbeitete Sadie auf Vermittlung von Carl Hester im Stall von Anne und Gertjan van Olst, wo ja schon die Weltmeisterin Lottie Fry durch Hester nach dem frühen Tod ihrer Mutter ein Zuhause gefunden hat. Doch 2021 spürte die Welt noch die Nachwehen der Corona-Pandemie. Auch Sadie. Zwar bekam sie Toppferde zu reiten, aber sie hatte Heimweh. Das wurde so schlimm, dass sie ihre Koffer packte und nach England zurückkehrte.


Hier musste sie quasi von vorne anfangen, aber auch das hat sie geschafft. Inzwischen ist sie selbstständig im Stall von Sarah Tyler-Evans und reitet Pferde für verschiedene Besitzer, unter anderem für Peter Belshaw, den früheren Besitzer von Jessica von Bredow-Werndls Kismet. Die Konstante, die immer an Sadies Seite war, ist Swanmore Dantina, mit der Sadie nun in Hagen nach der Kür einen Publikumspreis für die harmonischste Vorstellung entgegennehmen durfte.


WM Aachen?


Hagen war ein weiterer Meilenstein für das Paar, nicht so sehr wegen des Ergebnisses (Rang drei im Grand Prix mit 71,630 Prozent und Platz fünf in der Kür mit 76,380 Prozent), sondern wegen des Potenzials, das die beiden offenbarten. Was kommt als nächstes? Ist die WM in Aachen ein Thema? Für die EM 2025 stand das Paar zumindest schon auf der Shortlist. Aber in Sachen WM will sich Sadie Smith nicht aus dem Fenster lehnen.


„Es gibt noch so viel, was ich besser machen kann, weil ich natürlich auch noch unerfahren bin. Natürlich wäre es absolut unglaublich, eine solche Chance zu bekommen. Aber wir haben viele gute britische Reiter und ich forciere nichts. Ich werde einfach die Turniere genießen und hoffentlich jedes Mal ein bisschen besser werden. Wenn ich die Chance bekäme, wäre das mega. Aber ich will da keinen Druck aufbauen.“


Dressur und Social Media


In Hagen hat Sadie Smith einen Publikumspreis für ihr schönes Reiten und ihre Partnerschaft mit ihrem Pferd bekommen. Den entscheidenden Schritt in Richtung Grand Prix ging sie im Stall von Carl Hester und damit an der Seite von Charlotte Dujardin, die in den letzten Jahren immer wieder in der Kritik stand. Wie erlebt sie das?


„Für jemanden wie mich, der gerade erst anfängt, im internationalen Sport Fuß zu fassen, kann es ziemlich einschüchternd sein, dass man ständig unter Beobachtung steht. Es ist nicht so, dass ich denke, dass das, was wir tun, falsch ist. Ich glaube, die Leute vergessen, dass es sich hier um einen sehr anspruchsvollen Sport handelt. Ich glaube, dass alle Reiter ihre Pferde wirklich lieben. Aber es ist Hochleistungssport. Es ist ja nicht so, dass die Reiter wollen, dass ihre Pferde beispielsweise das Maul öffnen. Aber es sind keine Roboter, es sind Tiere, und die reagieren und öffnen das Maul eben manchmal. Jeder versucht ja, es perfekt zu machen. Aber niemand erreicht 100 Prozent, also wird es natürlich nie perfekt sein. Es gibt so viele Möglichkeiten, seine Meinung zu äußern – nicht, dass das schlecht wäre, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es da nicht eine Art Grenze geben sollte, was die Leute posten dürfen.“


Gleichzeitig ist das Streben nach Perfektion genau das, was aus Sadies Sicht das Suchtpotenzial der Dressur ausmacht. Auf die Frage, ob sie in Anbetracht der ganzen Kritik jemals darüber nachgedacht hat, ihre Dressurstiefel an den Nagel zu hängen, sagte sie: „Manchmal. Zumindest ein bisschen. Aber ich liebe es wirklich. Ich finde, Dressur hat etwas Verführerisches, weil man sich immer verbessern kann. Ich glaube, das ist genau das, was mich antreibt: die Tatsache, dass man immer danach strebt, besser zu werden.“


Und besser werden im Reitsport heißt, mehr Harmonie zwischen Reiter und Pferd zu erreichen, wie die Ethischen Grundsätze des Pferdefreundes es in Punkt 7 festschreiben. Insbesondere in der Dressur, wo diese Harmonie in Noten bewertet wird.


Sadie Smith und Swanmore Dantina. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Sadie Smith und Swanmore Dantina. Foto: sportfotos-lafrentz.de

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