Equines Metabolisches Syndrom (EMS) beim Pferd erkennen

Equines Metabolisches Syndrom (EMS) beim Pferd – Symptome & Diagnose

Fettpolster sind ein typisches Symptom beim Equinen Metabolischen Syndrom (EMS). Werdegang sollte nur in enger Absprache mit dem Tierarzt erfolgen. Foto: Adobe Stock (KI) Fettpolster sind ein typisches Symptom beim Equinen Metabolischen Syndrom (EMS). Werdegang sollte nur in enger Absprache mit dem Tierarzt erfolgen. Foto: Adobe Stock (KI)
Was ist das Equine Metabolische Syndrom? Symptome, Ursachen, Diagnostik und Einordnung der insulinassoziierten Hufrehe.

Das Equine Metabolische Syndrom (EMS) beschreibt eine Stoffwechselstörung des Pferdes, bei der die Regulation des Insulins gestört ist. Der Vergleich mit dem Diabetes Typ 2 beim Menschen wird zwar oft gezogen, ist jedoch nicht ganz korrekt: Während beim Menschen eine anhaltende Insulinresistenz mit erhöhten Blutzuckerwerten im Vordergrund steht, zeigen Pferde mit EMS in der Regel keine dauerhaft erhöhten Nüchternglukosewerte; entscheidend ist vielmehr eine gestörte, oft überschießende Insulinantwort auf Zucker und Stärke.


EMS betrifft vor allem übergewichtige Pferde und Ponys, die nicht selten bereits an Hufrehe erkrankt sind oder eine Hufrehe durchgemacht haben. Charakteristisch ist ein schleichender Verlauf. Der Stoffwechsel gerät über längere Zeit aus dem Gleichgewicht, ohne dass eindeutige Krankheitssymptome auftreten. Im Alltag bleibt EMS deshalb lange unerkannt, bis sich sichtbare Veränderungen zeigen oder erstmals eine Hufrehe auftritt.


Was passiert beim Equinen Metabolischen Syndrom im Pferdekörper?


Beim Equinen Metabolischen Syndrom reagiert der Stoffwechsel des Pferdes überempfindlich auf Zucker und leicht verdauliche Kohlenhydrate. Nach der Futteraufnahme – besonders nach frischem Gras, zuckerreichem Heu oder stärkereichen Kraftfuttern – schüttet die Bauchspeicheldrüse große Mengen Insulin aus.


Insulin sorgt dafür, dass Zucker aus dem Blut in die Körperzellen gelangt. Bei EMS-Pferden reagiert das hormonelle System auf Futter übersteigert: Nach der Aufnahme zucker- oder stärkereicher Rationen steigt der Insulinspiegel deutlich stärker an und bleibt länger erhöht, auch wenn der Blutzucker häufig im Normalbereich liegt. Diese anhaltende Insulindysregulation (ID) steht im Zentrum der Erkrankung und beeinflusst Fettverteilung, Energiehaushalt und Hufgesundheit direkt.


Welche Pferde sind besonders gefährdet?


Grundsätzlich kann jedes Pferd ein Equines Metabolisches Syndrom entwickeln. Im Alltag wie auch in Studien zeigt sich jedoch, dass vor allem Ponys und leichtfuttrige Pferde besonders häufig an einer Insulindysregulation leiden. Diese Gruppen sind evolutionär an karge Futterbedingungen angepasst und verwerten Energie sehr effizient. Unter heutigen Haltungsbedingungen mit energiereichen Futtermitteln und begrenzter Bewegung führt das schneller zu stark erhöhten Insulinantworten als bei stoffwechselmäßig anders gepolten Tieren.


Auch genetische Einflüsse spielen eine Rolle. Für bestimmte Rassen wie Pferde der Iberischen Gruppe (z. B. PRE), Paso-Rassen, Morgan Horse, Araber und Fjordpferde beschreibt die Literatur eine erhöhte Neigung zu ausgeprägten Insulinreaktionen. Das sind bislang Beobachtungen aus Studien und der Praxis – einen eindeutigen „EMS-Gen-Test“ gibt es nicht. Ob aus dieser Veranlagung tatsächlich eine Insulindysregulation oder ein EMS entsteht, entscheidet vor allem das Management, insbesondere Fütterung und Bewegung.


Entscheidend ist die langfristige Kombination aus hoher Energieaufnahme und geringer Bewegung. Unter diesen Bedingungen entwickeln Pferde – unabhängig vom sichtbaren Körpergewicht – deutlich häufiger eine gestörte Insulinregulation.


Typische Symptome bei EMS


Viele Pferde mit Equinem Metabolischem Syndrom sind übergewichtig und haben charakteristische Fettpolster. Besonders häufig lagert sich Fett am Mähnenkamm, an Schulter und Kruppe, am Schweifansatz, oberhalb der Augen sowie rund um Schlauch oder Euter an. Diese Polster bleiben oft bestehen, selbst wenn Halter die Futtermenge reduzieren.


Zudem erhöht eine Insulindysregulation das Risiko für insulinassoziierte Hufrehe deutlich. Bei manchen Pferden stellt sie sogar das erste auffällige Symptom dar.


Nicht alle Anzeichen lassen auf den ersten Blick eindeutig erkennen, dass ein Pferd an einer Insulindysregulation leidet. Einige Pferde wirken weniger leistungsbereit oder ungewöhnlich träge, andere zeigen einen auffallend starken Appetit.


Solche Veränderungen liefern wichtige Hinweise auf eine gestörte Insulinregulation und sollten immer Anlass für eine gezielte tierärztliche Abklärung geben


Wie wird EMS diagnostiziert?


Tierärzte stellen die Diagnose eines Equinen Metabolischen Syndroms nicht anhand eines einzelnen Wertes, sondern Schritt für Schritt. Am Anfang steht immer die klinische Beurteilung: Regionale Fettpolster – vor allem am Mähnenkamm – sowie frühere oder aktuelle Episoden einer Hufrehe gelten als wichtige Hinweise.


Anschließend erhebt der Tierarzt eine genaue Fütterungs- und Haltungsanamnese. Angaben zu Weidegang, Heuqualität, Kraftfuttereinsatz und täglicher Bewegung zeigen, ob der Stoffwechsel regelmäßig mit hohen Zuckermengen konfrontiert ist. Diese Informationen ersetzen keine Laborwerte, liefern aber einen entscheidenden Kontext für deren Bewertung.


Im nächsten Schritt prüft der Tierarzt den Insulinstoffwechsel. Dazu entnimmt er Blutproben und bestimmt Insulin- und Glukosewerte. Viele EMS-Pferde zeigen nüchtern unauffällige Insulinwerte, obwohl sie nach Kohlenhydrataufnahme stark überhöhte Insulinspiegel entwickeln. Reine Nüchternmessungen erfassen daher nicht alle Formen der Insulindysregulation.


Deshalb gilt der orale Zuckertest (Oral Sugar Test, OST) heute als wichtiger Bestandteil der Diagnostik. Das Pferd erhält dabei eine definierte Zuckerlösung, und der Tierarzt misst den Insulinspiegel nach festgelegten Zeitpunkten. So lässt sich erkennen, ob der Insulinspiegel übermäßig ansteigt oder zu langsam wieder abfällt – Veränderungen, die in Ruhewerten verborgen bleiben können.


Die Diagnose EMS ergibt sich letztlich aus dem Gesamtbild. Klinische Auffälligkeiten, Managementfaktoren und Laborbefunde müssen zusammenpassen. Isolierte Einzelbefunde erlauben keine verlässliche Einordnung.


EMS ist keine reine Gewichtsfrage


Ein normalgewichtiges Pferd kann ebenso an EMS bzw. einer Insulindysregulation erkrankt sein wie ein deutlich übergewichtiges Tier. Entscheidend ist nicht die Zahl auf der Waage, sondern die hormonelle Reaktion des Körpers auf die Futteraufnahme. Pferde mit unauffälligem Erscheinungsbild können eine ausgeprägte Insulindysregulation zeigen und damit ein relevantes Hufreherisiko tragen. Auch Pferde mit scheinbar unauffälligem Erscheinungsbild sollten bei entsprechenden Risikofaktoren untersucht werden, etwa wenn sie wiederholt Hufrehe zeigen, ohne klare Ursache müde wirken oder in früheren Blutuntersuchungen auffällige Insulinwerte hatten.


Fütterung und Management bei EMS


Bei Pferden mit EMS beeinflusst vor allem die Aufnahme von Zucker und Stärke die Insulinantwort. Ziel der Fütterung ist es, ausgeprägte Insulinspitzen nach der Futteraufnahme zu vermeiden und dauerhaft erhöhte Insulinspiegel zu reduzieren. Entscheidend ist daher der Gehalt an nicht-strukturellen Kohlenhydraten (NSC) in der Ration. Dazu zählen Zucker, Stärke und Fruktane – wobei vor allem Zucker und Stärke die Insulinreaktion unmittelbar bestimmen.


Frisches Weidegras kann bei empfindlichen Pferden zu einem deutlichen Anstieg des Insulinspiegels führen, da es neben Zucker auch relevante Fruktanmengen enthalten kann. Heu beeinflusst die Insulinreaktion vor allem über seinen Gehalt an wasserlöslichen Zuckern und gegebenenfalls Stärke. Die Auswahl des Grundfutters erfordert deshalb eine gezielte Kontrolle der Kohlenhydratgehalte und darf sich nicht allein an äußeren Qualitätsmerkmalen orientieren. Die Rationsgestaltung muss nicht nur den Körperzustand, sondern vor allem die individuelle Insulinreaktion des Pferdes berücksichtigen.


Stärke- oder zuckerreiches Kraftfutter ist für Pferde mit EMS in der Regel ungeeignet. Bereits kleine Mengen können ausreichen, um den Insulinspiegel erneut deutlich anzuheben. Mineralfutter sollten den Bedarf decken, ohne über energiereiche Trägerstoffe zusätzliche Zucker oder Stärke zu liefern.


Regelmäßige, an den Krankheits- und Trainingszustand angepasste Bewegung kann die Insulinempfindlichkeit verbessern. Eine Studie zeigte, dass bereits ein siebentägiges, moderates Trainingsprogramm von täglich etwa 45 Minuten die Fähigkeit der Muskelzellen, Zucker aus dem Blut aufzunehmen, mehr als verdoppelte. Die Pferde verwerteten Glukose danach deutlich effizienter, weil sich die Anzahl der Zucker-Transporter in der Muskulatur erhöhte.


Ist EMS heilbar?


Das Equine Metabolische Syndrom gilt nach aktuellem Kenntnisstand als chronische Stoffwechselstörung und ist nicht heilbar. Ziel der Behandlung ist es nicht, die Erkrankung zu „beseitigen“, sondern die Insulinregulation dauerhaft zu stabilisieren und das Risiko für insulinassoziierte Hufrehe deutlich zu senken.


Wird EMS frühzeitig erkannt, lässt sich der Stoffwechsel durch konsequentes Management oft gut kontrollieren. Angepasste Fütterung, regelmäßige Bewegung und ein auf das individuelle Risiko abgestimmtes Haltungsmanagement können dazu führen, dass klinische Symptome zurückgehen und betroffene Pferde langfristig stabil bleiben.


FAQs zu EMS bei Pferden


Wie viel Heu ist bei EMS sinnvoll?


Heu bleibt auch bei EMS die Basis der Fütterung. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Menge, sondern vor allem der Gehalt an wasserlöslichen Kohlenhydraten im Raufutter. Pferde mit Insulindysregulation reagieren individuell sehr unterschiedlich auf identische Heurationen. Deshalb reicht es bei EMS nicht aus, die Futtermenge pauschal zu reduzieren. Maßgeblich ist, welches Heu gefüttert wird und wie gleichmäßig das Pferd es über den Tag verteilt aufnimmt.


Nimmt ein Pferd in kurzer Zeit größere Mengen zuckerreichen Heus auf, kann der Insulinspiegel deutlich ansteigen. Auch lange Fresspausen oder stark wechselnde Heurationen können die Stoffwechsellage destabilisieren. Ziel ist eine gleichmäßige, kontrollierte Heuaufnahme mit möglichst konstantem Kohlenhydratangebot.


Welche Rolle spielen Zucker, Stärke und NSC bei EMS?


Zucker und Stärke gehören zu den sogenannten nicht-strukturellen Kohlenhydraten (NSC). Darunter fasst man jene Kohlenhydrate zusammen, die im Dünndarm rasch verfügbar sind und den Blutzucker sowie die Insulinausschüttung deutlich ansteigen lassen. Bei Pferden mit EMS reagiert der Stoffwechsel auf diese NSC besonders empfindlich. Nach der Futteraufnahme steigt der Insulinspiegel häufig stärker an und bleibt länger erhöht als bei stoffwechselgesunden Pferden. Das belegen auch kontrollierte Fütterungsstudien: Pferde entwickelten nach identischen Rationen sehr unterschiedliche Insulinantworten, abhängig vom NSC-Gehalt des Futters (Borgia L. et al. 2011, Studie). NSC wirken damit nicht nur als Energieträger, sondern als zentraler hormoneller Auslöser im EMS-Geschehen.


Welche klinischen Folgen eine solche Insulinüberreaktion haben kann, belegen experimentelle Arbeiten zur Hufrehe-Entstehung. In diesen Modellen reichte ein erhöhter Insulinspiegel aus, um eine Hufrehe auszulösen – ohne zusätzliche Entzündung oder mechanische Überlastung (de Laat M. A. et al. 2010, Studie).


Brauchen Pferde mit EMS Medikamente?


Medikamente stehen beim Equinen Metabolischen Syndrom nicht am Anfang des Managements. Sie kommen dann in Betracht, wenn sich die Insulinregulation trotz konsequent angepasster Fütterung und ausreichender Bewegung nicht stabilisieren lässt. Oder wenn die Gefahr einer Hufrehe sehr hoch ist.


Metformin wird in der Literatur als unterstützende Option beschrieben. In kontrollierten Studien konnte gezeigt werden, dass Metformin die glykämische und insulinämische Antwort auf eine orale Zuckerbelastung reduziert (Rendle D. I. et al. 2013, Equine Veterinary Journal). Gleichzeitig zeigen Studien zur Wirkstoffaufnahme, dass Metformin beim Pferd nur schlecht aus dem Verdauungstrakt aufgenommen wird. Das kann den klinischen Effekt begrenzen und individuell unterschiedlich ausfallen lassen (Hustace J. L. et al. 2009, American Journal of Veterinary Research).


Medikamente können das Management bei EMS daher nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen.


Welche Medikamente können bei EMS problematisch sein?


Glukokortikoide stehen bei Pferden mit Equinem Metabolischem Syndrom besonders im Fokus. Sie können die Insulinempfindlichkeit herabsetzen und bestehende Stoffwechselprobleme verstärken. In der Praxis ist das vor allem relevant, wenn entzündliche Begleiterkrankungen behandelt werden müssen. Leitlinien und Übersichtsarbeiten empfehlen daher, kortisonhaltige Präparate bei EMS-Pferden nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung einzusetzen und den Stoffwechsel engmaschig zu überwachen (Durham A. E. et al. 2019, Studie).


Wie sollte man ein Pferd mit EMS trainieren?


Bewegung kann die Insulinsensitivität verbessern, setzt jedoch voraus, dass das Pferd schmerzfrei läuft. Leitlinien betonen, dass Training bei EMS immer individuell angepasst werden muss. Besteht ein erhöhtes Risiko für insulinassoziierte Hufrehe (Link zum Artikel) oder lahmt das Pferd, ist es wichtiger, Schmerzen zu reduzieren und die Hufsituation zu stabilisieren. Wird das Pferd zur Bewegung gezwungen oder überfordert, ist das in dieser Phase kontraproduktiv.

Empfohlen wird ein regelmäßiger, moderater Bewegungsreiz, der den Stoffwechsel unterstützt, ohne zusätzlich Hufe und Bewegungsapparat zu belasten (Durham A. E. et al. 2019, Journal of Veterinary Internal Medicine).


Warum Stress und Schmerzen den EMS-Verlauf verschlechtern


Stress aktiviert beim Pferd die Ausschüttung von Cortisol. Anhaltende Schmerzen können diese Stressreaktion verstärken. Cortisol vermindert die Insulinempfindlichkeit der Körperzellen und begünstigt dadurch erhöhte Blutzucker- und Insulinspiegel.


Diese hormonellen Effekte können den Stoffwechsel bei EMS zusätzlich destabilisieren, insbesondere wenn Stress oder Schmerzen über längere Zeit bestehen. Im Stallalltag zeigt sich das oft subtil: Das Pferd läuft immer wieder mal fühlig, hat muskuläre Verspannungen oder ist anhaltend unruhig. Solche Anzeichen sollte man beim EMS-Management berücksichtigen, auch wenn sie nicht unmittelbar als „stoffwechseltypisch“ erscheinen (Durham A. E. et al. 2019, Journal of Veterinary Internal Medicine).


Sind Insulindysregulation beim Pferd und EMS dasselbe?


Nein, Insulindysregulation und Equines Metabolisches Syndrom sind nicht dasselbe, auch wenn sie im Alltag häufig gleichgesetzt werden. Insulindysregulation beschreibt eine klar abgrenzbare, messbare Störung der Insulinregulation. Dabei reagiert der Pferdekörper nicht mehr angemessen auf Insulin, insbesondere nach der Futteraufnahme. Diese Fehlregulation lässt sich durch Blutuntersuchungen und standardisierte Belastungstests objektiv nachweisen und stellt einen konkreten pathophysiologischen Befund dar.


Das Equine Metabolische Syndrom ist hingegen ein klinisches Syndrom, also das gleichzeitige Auftreten mehrerer charakteristischer Merkmale. EMS liegt vor, wenn eine Insulindysregulation zusammen mit typischen körperlichen und klinischen Auffälligkeiten auftritt. Dazu zählen vor allem regionale Fettpolster, häufig – aber nicht zwingend – Übergewicht sowie ein deutlich erhöhtes Risiko für insulinassoziierte Hufrehe. EMS beschreibt damit ein umfassenderes Krankheitsbild als einen einzelnen Laborbefund.


Die Insulindysregulation (ID) bildet den zentralen Kern des EMS. Sie kann jedoch auch isoliert auftreten, ohne dass ein Pferd formal als EMS-Pferd eingeordnet wird. Umgekehrt ist ein EMS ohne nachweisbare Insulindysregulation nach heutigem Wissensstand nicht sinnvoll definierbar.


WP Wehrmann Publishing