Weltcup Springen Mechelen

Gilles Thomas krönt seine unglaubliche Saison

Springen
Gilles Thomas' erst neunjährige Ausnahmestute Qalista bescherte ihrem Reiter bei ihrem Weltcup-Debüt einen Heimsieg. Foto: FEI/Dirk Caremans Gilles Thomas' erst neunjährige Ausnahmestute Qalista bescherte ihrem Reiter bei ihrem Weltcup-Debüt einen Heimsieg. Foto: FEI/Dirk Caremans
Nach Platz zwei im Vorjahr hat es nun geklappt. Gilles Thomas sicherte sich das letzte große Springen des Jahres vor heimischer Kulisse, die Weltcup-Etappe in Mechelen. Der Weg zum Sieg war allerdings ein Wechselbad der Gefühle für ihn.

Das Weltcup-Springen von Mechelen hatte es in sich. Bart Vonck und Team hatten einen technisch anspruchsvollen, aber fairen Parcours gebaut. Besonders die letzte Linie mit einer leichten Planke und danach der dreifachen Kombination vor dem Schlussoxer hatte es in sich. Doch Fehler passierten an allen Hindernissen. Die Reiter sagten später, das habe vor allem an der knapp bemessenen Zeit gelegen, die nirgendwo einen Moment zum Durchatmen ließ. So waren es am Ende nur fünf von 40 Paaren, die es ins Stechen schafften.


Hoch erfreut war der Schwede Marcus Westergren als er sich mit seinem Zangersheider Hengst Airco de L’Esprit Z als erster Starter fürs Stechen qualifizierte. Als Nummer 236 der Weltrangliste gehörte der 49-Jährige zu den Außenseitern der Prüfung, was man jedoch keiner seiner Runden ansah.


Die Konkurrenz im Stechen war groß mit Belgiens Superstar Gilles Thomas (BEL) auf Qalista DN, den beiden deutschen Shooting Stars Patrick Stühlmeyer mit Baloutaire PS, dem niederländischen Stuttgart- und La Coruña-Sieger Willem Greve auf Grandorado sowie dem Paar, das in Verona siegreich gewesen war, Daniel Deußer auf Otello de Guldenboom. In dieser Reihenfolge trat das Quintett gegen die Uhr an.


Zitterpartie für Thomas


Marcus Westergren und sein athletischer, explosiver Schimmel Airco de L’Esprit machten den Anfang. Für die beiden war dies erst das dritte Springen auf diesem Niveau. Mit einem Abwurf in 42,34 Sekunden Sekunden setzten sie den Maßstab. Der Abwurf passierte am Aussprung der zweifachen Kombination. Dieses Hindernis erwies sich als das entscheidende Element dieses Stechens.


Dass es schneller geht als bei Westergrenn und Airco de L’Esprit, zeigten gleich darauf Gilles Thomas und seine erst neunjährige Emerald-Tochter Qalista DN. In 41,30 Sekunden kamen sie ins Ziel, bezahlten die enge Wendung auf die zweifache Kombination im Stechparcours aber mit einem Abwurf. Zu weit entfernt waren sie von dem mächtigen Oxer, der den Einsprung markierte. Dass die Stute am Aussprung trotzdem fehlerfrei blieb, sagt alles über ihre Qualität. Sie gingen in Führung. Doch Thomas war trotzdem enttäuscht. Er wusste genau, da kommen noch drei Klassepaare, die nun die besseren Karten hatten.


Aber egal welche Taktik die Konkurrenz anwendete, ob auf Sicherheit wie Willem Greve oder mit einer Mischkalkulation wie Stühlmeyer und Deußer, es wollte nicht gelingen. Gilles Thomas kämpfte derweil hinter den Kulissen mit seiner Enttäuschung.


Doch ein Kollege nach dem anderen patzte. So erwischte es Patrick Stühlmeyer und Baloutaire PS an einem Steilsprung nach einer längeren Galoppstrecke auf gebogener Linie, dem vorherigen Hindernis 16. Ihre Zeit: 44,05 Sekunden, vorläufig Rang drei.


Danach versuchte Willem Greve mit seinem 14-jährigen KWPN-Hengst Grandorado TN sein Glück. Der Niederländer legte dem Eldorado vd Zeshoek-Sohn alles perfekt zurecht. Er ritt nicht die engsten Wendungen, ließ nur den bodenfressenden Galopp des Hengstes für sich arbeiten. Doch auch ihn erwischte es am Einsprung der zweifachen Kombination. Es war einfach Pech. Und es war zu spät, um noch Zeit gut zu machen. Bei 45,63 Sekunden stoppte die Uhr, am Ende Rang fünf.


Nun wurde es spannend. In Verona hatte der elfjährige Otello de Guldenboom bereits gezeigt, dass er alles kann. Eine Nullrunde würde für die beiden Weltcup-Sieg Nummer zwei bedeuten. Deußer ging die Sache zügig an, aber riskierte nicht alles. Schon vor der Zweifachen war klar, dass die beiden nicht schneller sein konnten als Thomas und Qalista. Dann kam die Zweifache – und auch bei ihm der Fehler. 44,44 Sekunden benötigten Daniel Deußer und der Sohn seines fantastischen Tobago Z, der in diesem Jahr aus dem Sport verabschiedet wurde und den Züchtern nun über das Gestüt Zangersheide zur Verfügung steht. Otello machte heute Werbung für seinen Vater. Auch wenn es diesmal „nur“ Rang vier wurde.


Umso größer war die Freude bei Gilles Thomas, als plötzlich die Gratulanten auf ihn zustürmten und ihn hochleben ließen. Er hatte gewonnen. Sein Mut zum Risiko hatte sich am Ende doch bezahlt gemacht.


Marcus Westergren feierte mit dem zweiten Platz den bislang größten Erfolg seiner Karriere. Patrick Stühlmeyer konnte sich über Rang drei freuen. Und das umso mehr angesichts dessen, dass er den 14-jährigen OS-Hengst v. Balou du Rouet-Sohn aus der Zucht seines Chefs Paul Schockemöhle erst in dieser Saison von seinem Kollegen Philip Rüping übernommen hat. Seither ist kein Turnier vergangen, bei dem die beiden keine Top Ten-Platzierung geholt hätten. Gleich ihre Premiere beim CSI3* in Lier konnten sie gewinnen und wurden Sechste im Großen Preis. Es folgten Platzierungen in Riesenbeck, Lanaken und St. Tropez sowie zuletzt Platz zwei im Großen Preis von Frankfurt.


Auf den Plätzen vier und fünf schlossen sich in dieser Reihenfolge Daniel Deußer mit Otello und Willem Greve mit Grandorado an.


Qalista DN, die Overachieverin


Mannschaftseuropameister und Einzelbronzemedaillengewinner, Gesamtsieger der Global Champions Tour und Gewinner von zwölf Vier- und Fünf-Sterne-Springen allein in diesem Jahr – der belgische Springreiter Gilles Thomas hat eine schier unglaubliche Saison hinter sich. Und am vorletzten Tag des Jahres sorgte er dank Qalista DN für einen krönenden Abschluss.


„Eine solche Saison so zu beenden, ist fantastisch“, sagte Thomas später. Bis ich wusste, dass ich gewonnen habe, war ich eigentlich noch sehr enttäuscht, weil ich weiß, dass mein Pferd so schnell ist und ich vielleicht ein etwas zu großes Risiko zu der Zweifachen eingegangen war“, ging er mit sich ins Gericht. Doch es hat ja geklappt. Und er weiß, wem er das zu verdanken hat, Qalista.


„Sie ist unglaublich. Das war die erste Weltcup-Prüfung, die sie gesprungen ist, und sie gewinnt sie. Wo auch immer wir dieses Jahr angetreten sind, für sie war es das erste Mal. Alles war neu für sie, aber sie macht alles mit Leichtigkeit. Sie hat schon viel gewonnen, und ich denke, das wird sie auch weiterhin tun.“


Das kann man wohl sagen, dass die Stute schon viel gewonnen hat. Wenn man wie Gilles Thomas einen Star wie Ermitage Kalone im Stall hat, kann es leicht passieren, dass die anderen Pferde in dessen Schatten stehen. Aber die erst neunjährige Qalista DN ist selbst ein Star. Seit 2024 hat Thomas sie unter dem Sattel. Zuvor war sie von Walter Lelie allein dreimal bei den Weltmeisterschaften der jungen Springpferde vorgestellt worden. Mit Thomas war sie schon als Achtjährige in Youngster-Prüfungen hoch erfolgreich. Sie beendete das Jahr 2024 mit einem Sieg im Großen Preis beim CSI2* in Lier und genauso begann sie die Saison 2025 auch.


Was auch immer Gilles Thomas sich dann für die erste Saison der Stute auf Fünf-Sterne-Niveau erhofft hat, Qalista dürfte es übertroffen haben. Einen Gutteil der Punkte, die dem Belgier den Gesamtsieg in der Global Champions Tour beschert haben, hatte Qalista für ihn zusammengesprungen. Bei ihrer GCT Premiere in Monte Carlo wurde sie Vierte. Es folgten ein dritter Platz in Valkenswaard, ein Sieg in New York und ein zweiter Platz in Rom. In Maastricht gewann sie den Großen Preis. In Genf trug sie Thomas auf Rang vier im Top Ten-Springen. Und nun holte sie ihren ersten Weltcup-Sieg vor heimischer Kulisse in Mechelen.


Alle Ergebnisse finden Sie hier.


Ähnliche Beiträge

Greve und Grandorado gewinnen in Göteborg
Greve und Grandorado gewinnen in Göteborg Zum Artikel
Hinners Zweite im arabischen Weltcup-Springen
Hinners Zweite im arabischen Weltcup-Springen Zum Artikel
Vogel ist schneller, aber Ward gewinnt in Wellington
Vogel ist schneller, aber Ward gewinnt in Wellington Zum Artikel
WP Wehrmann Publishing