
Isabell Werth. Foto: sportfotos-lafrentz.de
„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit“, stellte der US-Astronaut Neil Armstrong fest, als er am 21. Juli 1969 als erster Erdenbürger der Geschichte den Mond betrat. 384.400 Kilometer von diesem historischen Moment entfernt erblickte am gleichen Tag ein Kind das Licht der Welt, das ebenfalls auf seine Weise Geschichte schreiben sollte. Es wurde auf den Namen Isabell getauft, Isabell Werth. Die Frau, die aus diesem Kind wurde, ist heute wahrscheinlich ähnlich bekannt wie der erste Mann auf dem Mond.
Isabell Werth wuchs zusammen mit ihrer älteren Schwester Claudia auf dem elterlichen Bauernhof auf, 22 Hektar, Tiere und vor allem: Ponys. Mit denen hatten die Schwestern Werth jede Menge Spaß, bevor es ernst wurde. Der Reitverein Graf von Schmettow Eversael, dem Werth bis heute die Treue hält, war schon damals ihr zweites Zuhause. Dreimal pro Woche ritten sie dorthin zum Reitunterricht, zweimal Dressur-, einmal Springstunde. Und am Wochenende ging es mit den Freunden vom Reitverein ins Gelände.
Aber die Schwestern ritten auch Turniere, und wie Isabell Werth heute sagt, steckte da von Anfang an eine gewisse Ernsthaftigkeit hinter. „Unsere Mutter fuhr uns zu den ersten Turnieren und unterstützte uns nach Kräften. Sie sagte: Wenn ihr nur spazieren reiten wollt, dann müssen wir den ganzen Aufwand nicht betreiben. Und wenn ihr Turniere reiten wollt, dann intensiv.“ So berichtet Isabell Werth es auf ihrer Website.
Mit einem rheinischen Halbblüter, der im gleichen Jahr zur Welt gekommen war wie sie, also 1969, ritt Werth 1982 mit 12 bzw. 13 Jahren, die ersten A- und L-Dressuren. Abendwind hieß dieser Sohn des Trakehners Abendregen aus einer Vollblutmutter. Auch ihrer Schwester Claudia verhalf dieser Braune zu einigen Turniererfahrungen. Drei Jahre später bekam Isabell Werth mit der Westfalen-Stute Larissa v. Lund II ein Pferd unter den Sattel, das auch im Parcours und im Gelände talentiert war. In Bonn Rodderberg bestritten die beiden ihre erste A-Vielseitigkeit, die sie auf Anhieb gewannen. Von da an füllte sich Werths „Berittliste“ mit Pferden unterschiedlichen Talents und unterschiedlichen Alters. Für die Schule habe sie meistens nachts gelernt, sagt sie. Geschadet hat es nicht. Im Gegenteil, es war wohl eine gute Vorbereitung auf ihr Jurastudium, das sie später erfolgreich abgeschlossen hat. Karriere gemacht hat Werth aber nicht im Gerichtssaal, sondern im Dressurviereck. Dass das so gekommen ist, hat sie ganz maßgeblich einem Mann zu verdanken: Dr. Uwe Schulten-Baumer, dem „Doktor“.
Die Familien Werth und Schulten-Baumer wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Der Stahlmanager Dr. Uwe Schulten-Baumer, einst selbst erfolgreich in allen Sätteln, hatte als Ausbilder einen großen Namen. Er hatte seinen gleichnamigen Sohn, die Tochter Alexa, aber auch eine Margit Otto-Crépin und eine Pia Laus in den großen Sport begleitet. Mitte der 1980er-Jahre kam Nicole Uphoff hinzu, die mit ihrem Rembrandt ein hoch talentiertes, aber diffiziles Talent unter dem Sattel hatte. Isabell Werth kannte Schulten-Baume unter anderem, weil sie mit seiner jüngster Tochter befreundet war. Bei einer Silvesterfeier 1986 sprach er Isabell Werth an, ob sie einspringen und ein paar seiner Pferde reiten könnte, weil die Bereiterin erkrankt war. Sie konnte und sie blieb. Der Beginn einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte.
Bis einschließlich 1987 war Isabell Werth auf dem Turnier noch keinen fliegenden Wechsel geritten. Die Klasse M übersprang sie, stieg 1988, also dem Jahr, in dem Nicole Uphoff mit Rembrandt Doppelgold bei den Olympischen Spielen in Seoul holte, direkt in Klasse S ein. Dafür hatte Werth einen perfekten vierbeinigen Lehrmeister: Madras, mit Uwe Schulten-Baumer Junior Medaillengewinner für Deutschland bei diversen Championaten. Ihm verdankt Werth ihre ersten Starts und damit auch gleich Siege und Platzierungen in Klasse S und noch im selben Jahr auch in Grand Prix-Prüfungen. Wobei Madras hier Unterstützung durch den ebenfalls hannoversch gezogenen Windhuk-Sohn Weingart hatte. Ihren ersten Grand Prix bestritten sie im April 1988. Im September 1988 holten sie Mannschaftsgold und Einzelsilber bei den Europameisterschaften der Jungen Reiter. Nicht einmal ein ganzes Jahr später verhalf Weingart Isabell Werth zur ersten von 13 EM-Mannschaftsgoldmedaillen.
Zuhause reifte derweil ein Talent heran, das die Dressurwelt in den kommenden Jahren beherrschen sollte: Gigolo FRH. Der Hannoveraner Graditz-Sohn begleitete Werth 1992 zu ihren ersten Olympischen Spielen in Barcelona, wo sie Mannschaftsgold und Einzelsilber holten. Er machte sie 1996 und 2000 weitere Male zur Olympiasiegerin. Ein Jahr später endete die Partnerschaft mit Dr. Uwe Schulten-Baumer. Isabell Werth verließ seinen Stall mitsamt einer ganzen Reihe Pferde, die Dieter und Madeleine Winter-Schulze für sie erwarben und zog auf die Anlage des Ehepaars in die Wedemark. Es war die Zeit, in der Isabell Werth auch in ihrem Beruf als Anwältin Fuß zu fassen begann, ehe sie sich schließlich ganz auf ihre sportliche Karriere konzentrierte. Etwas, was ihr auch das Ehepaar Winter-Schulze ermöglicht hat. Bis heute ist Madeleine Winter-Schulze Werths wichtigste Unterstützerin, aber vor allem Freundin, quasi Familienmitglied.
Inzwischen hat Isabell Werth acht olympische Goldmedaillen im Schrank. Und dieser Schrank steht dort, wo Werth einst herkam: auf dem elterlichen Bauernhof in Rheinberg. Hier ist längst eine moderne Reitanlage entstanden, auf der Werth inzwischen wohl 30 Pferde in den internationalen Sport gebracht hat.
Werth lebt dort mit ihrer Familie, zu der bis zu seinem Tod im Oktober 2025 auch ihr Lebenspartner Wolfgang Urban gehörte, der ehemalige Chef des Warenhauses Karstadt, in dem Werth selbst von 2001 bis 2004 gearbeitet und für die Hausmarke YORN gemodelt hat. 2009 kam der gemeinsame Sohn Frederik zur Welt.
Insgesamt hat Isabell Werth rund 30 Pferde in den internationalen Sport gebracht. Neben und nach Gigolo hat sie noch mit zehn weiteren Pferden Championate bestritten (inklusive Weltcup-Finals). Allen voran sind da ihre Olympiapferde zu nennen, Satchmo, Gigolos Nachfolger, Weihegold, Bella Rose und zuletzt Wendy de Fontaine.
Bemerkenswert ist da, dass es in Werths Karriere auch 80 Prozent-Grand Prix-Pferde gab, die nie ein Championat gesehen haben, Emilio etwa. Bei Werth war er immer die Nummer 1b hinter einer Weihegold und einer Bella Rose (also zeitweise auch 1c). In jedem anderen Stall wäre er der Star gewesen.
Bis auf Weihegold und Wendy hatte keines ihrer Spitzenpferde je einen anderen Reiter. Dazu zählt auch der Hannoveraner Antony, mit dem 1999 und 2001 zum EM-Team gehörte und sechs (!) Weltcup-Finals bestritt; dann der Oldenburger Wallach Apache, der sie zum Weltcup 2004 begleitete; der geniale Satchmo, der nach einer kometenhaften Karriere als Youngster plötzlich den Dienst quittierte, bis ein Augenleiden diagnostiziert wurde, das operativ behoben wurde, um dem Sao Paulo-Sohn den Weg in die Weltspitze zu ebnen, die er über Jahre prägte; der hünenhafte Hannoveraner Fuchs Warum nicht, in dem wohl kaum jemand außer Werth als Youngster einen Medaillengewinner in spe vermutet hätte (der aber WM-Bronze mit dem Team 2010 holte und 2007 Weltcup-Sieger in Las Vegas wurde); El Santo, der so viel Talent mitbrachte, aber sich mit den Piaffen sehr schwer tat, Don Johnson der bocken konnte wie ein Hase; die treue Oldenburger Stute Weihegold, die Werth neben Mannschaftsgold und Einzelsilber bei Olympischen Spielen zu drei Weltcup-Titeln sowie vier EM-Goldmedaillen trug; die wunderbare Bella Rose, Werths erklärtes Lieblingspferd, das 2014 der neue unschlagbare Star zu werden versprach, dann für Jahre verletzungsbedingt ausfiel, nur um 2018 wie Phönix aus der Asche wieder auf der Bildfläche zu erscheinen und Weltmeisterin zu werden; dann DSP Quantaz, den Werth als meinungsstarken Macho beschreibt; und zuletzt die lackschwarze Wendy de Fontaine, die Werth von Andreas Helgstrand übernahm (siehe unten).
Anfang 2026 wird Werths Stall neue Pferde aufnehmen. Helgstrand Deutschland verlegt seinen Sitz aus Syke in Niedersachsen auf Werths Anlage in Rheinberg. Die deutsche Olympiasiegerin und den umstrittenen dänischen Dressurreiter und Pferdehändler verbindet seit langem eine geschäftliche Beziehung. Werth hat mehrere Pferde in seinem Stall erworben, auch für Schüler von ihr, wie z. B. D’avie von Lisa Müller oder Burg-Pokal Siegerin Tzarina für Victoria Max-Theurer. Sie selbst sicherte sich damals den Sezuan-Sohn Joshua, in den sie große Hoffnungen setzt. Und als Andreas Helgstrand gesperrt wurde, weil ein dänischer Fernsehsender verdeckt gefilmte Videoaufnahmen veröffentlicht hat, die tierquälerische Trainingsmethoden in seinem Stall zeigen, übernahm sie die von Helgstrand bis Grand Prix ausgebildete Stute Wendy de Fontaine, mit der sie bei den Olympischen Spielen in Paris Mannschaftsgold und Einzelsilber holte sowie 2025 Mannschaftseuropameisterin wurde und dazu zwei Bronzemedaillen in der Einzelwertung gewann.
In ihrer Laufbahn war Isabell zweimal in Medikationsfälle verwickelt. Das erste Mal war 2009, als ihr Pferd Whisper beim Pfingstturnier in Wiesbaden positiv auf die verbotene Substanz Fluphenazine getestet wurde, ein Medikament aus der Humanmedizin, das bei der Behandlung von Schizophrenie eingesetzt wird. Im Pferdesport gilt es als Doping. Werth erklärte, das Medikament sei bei Whisper ausprobiert worden, weil er am Shivering Syndrom leide und man testen wollte, ob er auf die Substanz anspricht. Sie entschuldigte sich damals und erkannte die sechsmonatige Sperre an.
Das zweite Pferd aus Werths Stall, das positiv getestet wurde, war der rheinische Wallach El Santo, „Ernie“. Bei den Rheinischen Meisterschaften Ende Juni 2012 wurde bei ihm die verbotene Substanz Cimetidin gefunden, das für die Behandlung von Magenproblemen eingesetzt wird. Anders als Fluphenazine ist Cimetidin jedoch international nicht grundsätzlich verboten für die Behandlung von Pferden. Es darf nur nicht bei Pferden im Wettkampf genutzt werden. In Deutschland hingegen ist das Medikament für Pferde nicht zugelassen.
Werth bestritt, dass El Santo dieses Medikament jemals erhalten habe. Sie stieß Untersuchungen an und ließ Gutachten erstellen, um herauszufinden, wie das Medikament in den Organismus des Wallachs gekommen sein könnte. Schließlich hieß es, die Erklärung sei ein Stromausfall. Dadurch sei die Wasserpumpe kurzzeitig ausgefallen. Es sei ein Unterdruck im Tränkesystem des Stalls entstanden, durch den Wasser aus der Tränke von El Santos Boxennachbar Warum nicht in die Tränke von El Santo laufen konnte. Warum nicht, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Rente war, jedoch wegen einer gravierenden Verletzung Boxenruhe hatte, habe das Medikament bekommen, um die Magenschleimhaut gegen die aggressive Wirkung der notwendigen Schmerzmittel zu schützen, mit denen der Wallach wegen seiner Verletzung behandelt wurde.
Tatsächlich hat das Große Schiedsgericht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) das Verfahren gegen Werth in dieser Angelegenheit knapp zwei Jahre nach der positiven Kontrolle eingestellt.